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Velofahrer Schawinski hat ein zu gutes Image

Darf man sich vier Tage nach Erscheinen einer Kolumne noch über dieselbe in einem Blog auslassen – wo doch ein digitales Medium sich durch seine Aktualität auszeichnen sollte? Man darf, wenn der Inhalt ebendieser Kolumne vier Tage Zeit erfordert, um darüber zu rätseln.

Medienunternehmer Roger Schawinski stellt in seiner Kolumne in der «SonntagsZeitung» vom 24. Juli fest, das Velo habe «ein zu positives Image». Der Velofahrer entgegnet nach der Lektüre dieser Kolumne: Zumindest als Velofahrer hat Herr Schawinski ein zu positives Image.

Damit die geneigte Leserschaft selbst urteilen kann: Hier gehts zu besagter Kolumne, und nachfolgend ist sie, weil der Link wahrscheinlich bald nicht mehr funktioniert, im Wortlaut zu lesen:

Das Velo hat ein zu positives Image
Die Sache ist geklärt: Velos sind gut, Autos sind böse. Das umweltfreundliche, liebliche Fahrrad schlägt das Benzin schluckende, lärmende Strassenmonster imagemässig um Längen. Es muss gelobt, gehätschelt und gefördert werden, während jeder Autofahrer auf jedem seiner gefahrenen Kilometer mit abgrundtief schlechtem Gewissen am Steuer sitzen soll.

Doch es gibt einen anderen, völlig unbeachteten Aspekt. Während Autos mit ABS, Sicherheitsgurten, Knautschzonen und Airbags immer sicherer geworden sind, ist beim Velo eine entgegengesetzte Entwicklung festzustellen. So werden vor allem die modernen, schnittigen Mountainbikes mit enorm effizienten Scheibenbremsen ausgerüstet. Bei Vollbremsungen, die vor allem bei unmittelbar auftretenden Hindernissen reflexartig betätigt werden, bringen sie das Velo innert Sekundenbruchteilen zum absoluten Stillstand. Dies hat aber unweigerlich zur Folge, dass der auf dem Velo sitzende, völlig ungeschützte Velofahrer mit grosser Wucht über den Lenker hinweg in die Landschaft geschleudert wird. Verletzungen unterschiedlicher Schwere sind so nicht zu vermeiden.

Seit ich selbst einen solchen Unfall erlebt habe, über den auch in der Presse berichtet wurde, werden mir solche und ähnliche Horrorstorys haufenweise zugetragen. Die Zahl der Velounfälle ist offenbar gross, obwohl dies von keiner offiziellen Statistik reflektiert wird. Denn nur selten werden solche Vorfälle – im Gegensatz zu Autounfällen – polizeilich erfasst. Und so wird das makellose Veloimage nicht durch die vielen schmerzhaften und folgenreichen körperlichen Beschädigungen beschädigt.

Mit der Helmpflicht – einer sinnvollen Massnahme – kann man die Risiken zwar etwas vermindern. Aber geschützt wird nur ein einziger, allerdings zentraler Körperteil. Alle anderen sind den gewaltigen Kräften der Schwerkraft weiterhin schutzlos ausgesetzt, die bei jeder Vollbremsung oder jedem heftigen Sturz auftreten.

Deshalb wäre es ehrlicher, die echten Gefahren des Velos nicht länger zu übersehen, denn nur so würde die Realität verfälschende Heiligsprechung einer rationalen Beurteilung Platz machen. Fazit: Das Velo hat ein zu gutes Image. Das Auto ein zu schlechtes. Es ist Zeit, diesen Missstand zu korrigieren.

Publiziert am 24.07.2011

Der Velofahrer kratzt sich nach diesen Zeilen am Kopf. Was will uns der gute Mann bloss sagen? Wir mutmassen:

  • Velos haben heutzutage zu starke Bremsen.
  • Bei unmittelbar auftretenden Hindernissen keinesfalls bremsen. Sondern: Augen zu, Helm auf und durch.
  • Die echten Gefahren des Velofahrens bestehen im Vorhandensein des Velos selbst.

Mmh?

Ableitungen, Roger Schawinski zwecks Abhandlung in einer nächsten Kolumne in den Briefkasten gelegt:

  • Autos haben zu viele PS. Der Velofahrer zitiert: «Deshalb wäre es ehrlicher, die echten Gefahren des Autos (Achtung, kleine Änderung gegenüber dem Original) nicht länger zu übersehen.»
  • «Wenn Roger Schawinski mal einen faulen Apfel erwischen sollte, wird er in der SOZ schreiben, Früchte hätten ein viel zu gutes Image.» (Danke @brunnercaffi für diesen Twitterbeitrag)
  • Velofahren ist grundsätzlich ungefährlich. Gefährlich wird es jedoch, wenn Velofahrende in einem nicht dem Velo Rücksicht nehmendes Umfeld velofahren müssen. Was halt leider auch auf dasjenige des Herrn Schawinski zutrifft.
  • Für automobile Zeitgenossen wirft die öffentliche Hand Jahr für Jahr Milliarden auf. Für Einrichtungen, die der nachhaltigeren Fortbewegungsart Velofahren zugute kommen, einen Bruchteil davon. Herr Schawinski könnte sich dafür stark machen, dass für Velofahrende Verkehrswege dergestalt angelegt werden, dass sie ihre starken Bremsen wirklich nur noch «bei unmittelbar auftretenden Hindernissen» benötigen. Die mittelbaren überwiegen leider noch.
  • Zu wünschen ist ferner, Roger Schawinski möge sich weiterhin in den Sattel schwingen und möglichst viele Zeitgenossinnen und -genossen mit seinem guten Beispiel zur Nachahmung bewegen. Jedes Vierrad weniger schafft Platz für mindestens zwei Zweiräder. Und hält die unbändige Kraft zeitgemässer Velobremsem im Zaum.

Was Roger Schawinskis Velounfall betrifft, der ihn offensichtlich zu dieser Kolumne angeregt hat: Hier gibts dazu was zu lesen.

Weitere Auslegungen der erwähnten Kolumne werden an dieser Stelle gerne entgegengenommen und publiziert.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Na ja richtig bremsen will gelernt sein. Und wo man leider den Veloweg mit Passanten und sogar Hunden teilen muss (Entflechten bitte!), kann man halt nur langsam vorbeifahren, dann fliegt man bei einer Vollbremsung auch nicht gleich über den Lenker.

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