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256 Seiten reichen nicht, die Welt zu umradeln

Durch oder um die Welt zu radeln ist das eine. Darüber zu schreiben etwas anderes. Will heissen: Nicht aus jeder tollen Reise wird auch ein tolles Buch. Diese Erfahrung hat der Velofahrer des öftern schon und neulich wieder gemacht. In «Slow Motion» schreibt Jens Hübner, wie er, so der Untertitel seines Buches, «in 730 Tagen um die Welt mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock» pedaliert ist, 2007/08 war das und gewiss eine ungemein spannende Reise. Davon müsste Hübner uns erzählen. Geschichten. Witze, Abenteuer. Und Bilder zeigen. Jene, die man nicht in jedem Fahrrad-Heft sieht. Wir wären, ganz bestimmt, gefesselt.

Doch sich durch die 256 Seiten zu lesen, die jüngst bei Delius Klasing über Jens Hübners Reise erschienen sind, langweilt eher. Dabei hat Hübner aus genau dem Grund das Velo als Transportmittel gewählt, der dieses zum besten aller macht: «Es reizte mich enorm, mich mittels eigener Körperkraft auf eine ruhige, respektvolle, ja beinahe bescheidene Art Fremdem zu nähern. Auch war ich überzeugt davon, dass es kaum möglich sei, authentischere Reiseerlebnisse zu erhalten als mit dem Fortbewegungsmittle Fahrrad.» Das Besondere an Hübners Weltumrundung: Er führte Skizzenbuch und Pinsel mit sich, um Gesehenes zeichnerisch festzuhalten. Er nimmt sich viel Zeit, seine Eindrücke auf diese Weise zu verdichten. Er fotografiert entschleunigt. Sozusagen. Im Buch zeugen zahlreiche Abbildungen von seiner Kunst.

Be- statt entschleunigt

Spannend. Spannend auch die zahlreichen Begegnungen, mitunter gefährlichen Momente auf den 25’000 Kilometern, die er-fahrenen Gegensätze, die man, zumal als velophil veranlagter Mensch, zwischen den knappen Zeilen miterleben kann, Augenblicke wenigstens, ehe es schon wieder aufzubrechen gilt in die nächste Wüste, ins nächste Buschdorf, von der Grossstadt ins Gebirge, in die Wildnis und wieder zurück. Nach 50 Seiten sind wir bereits von Deutschland in den Sudan gerast. Das passt so gar nicht zum Buchtitel «Slow Motion», da wird so gar nicht entschleunigt, sondern das Gegenteil vermittelt.

Ein bisschen schade ist dies alles, denn Jens Hübner hat und hätte, siehe oben, sooo viel zu erzählen, würde er nur nicht alles erwähnen wollen; wie er, zum Beispiel, in den Peru die zwei jungen Männer verdutzt stehen liess, die ihn seiner (nicht vorhandenen) «Dollares» berauben wollten, wie er sich in Osttimor als Kunst-Dozent verdingte oder, immer wieder, wie er mit all dem Getier umging, das nächtens um sein Zelt streifte und unsereins einen gehörigen Schrecken einjagte.

Sich anstecken lassen vom Virus Velo

Wie gesagt: Diese Kritik soll keine an Hübners Reise sein; mitnichten, man darf ihn vielmehr dafür beneiden, ein solches Abenteuer erlebt (und durchgestanden) zu haben. Bloss: Das Buch darüber lesen muss man nicht. Gescheiter ist es, sich selbst auf den Weg zu machen. Es muss ja nicht gleich eine zweijährige Erdumrundung sein. Das Velo statt das Auto für den Weg zur Arbeit zu nehmen und sich dafür einen kleinen, aber bestimmt noch nie befahrenen Umweg zu suchen, genügt vollends. Die Wahrscheinlichkeit, Unbekanntes zu entdecken und dabei vom Virus angesteckt zu werden, der Jens Hübner schliesselich durch 42 Länder in fünf Kontinenten geführt hat, ist sehr gross.

Übrigens: Hübner war Anfang 40, als er aufbrach, hatte Design und Kunst studiert und eine Designagentur geführt. Heute vermittelt er seine unterwegs entwickelten oder verfeinerten Maltechniken in Kursen und Workshops. Zudem bietet er Reisen an, mit dem Ziel, neue Perspektiven auf die Welt zu entdecken und sie gestalterisch umzusetzen.

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Jens Hübner, «Slow Motion. In 730 Tagen um die Welt mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock», Moby Dick, ISBN 978-3-7688-5340-8, 256 Seiten, zahlreiche Fotos und Zeichnungen, Format 13 x 21,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag, CHF 28.90.

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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