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Entnervtes und sehr freundliches Verkehrspersonal

Es gibt im öffentlichen schwer verständliche SBB-Bestimmungen, entnervtes Personal und aber auch ausserordentlich kundenfreundliches. Alles davon hat der Velofahrer gestern auf der Heimreise von einer Tagestour erlebt.

Station 1, Bahnhof Solothurn: Es ist kurz vor 15 Uhr, ich schiebe mein Velo aufs Perron und halte nach dem nächsten Zug nach Aarau Ausschau. Sehr gut: 15.01 Uhr. Eine Minute vor Abfahrt ein nochmaliger Blick auf das gelbe Fahrplan-Plakat: Herrjeh, es ist ein ICN mit Reservationspflicht für Velos. Und: Eine ähnlich schnelle Alternative gibt es nicht. Der Zug fährt ein, ich stehe vor der hintersten Tür, ein Blick – alles leer. Nichts wie rein, ich habe schliesslich GA und Velopass.

Station 2, im Zug: Nach wenigen Minuten kreuzt der Zugführer auf. Ich halte ihm GA und Velopass hin. Er nickt. Gut. Und wartet. Und fragt dann: Ob ich dieses Schild nicht gesehen habe? Klar doch, habe ich. In den ICN-Neigezügen auf der Jurasüdfuss-Linie besteht im Sommerhalbjahr Reservationspflicht für Velos. Ich hätte keine Zeit mehr gehabt, entgegne ich, ich hätte ja ein gültiges Billett, bliebe nur bis Aarau, das Abteil sei leer gewesen und, selbstverständlich, wenn in Olten drei Radler mit Reservation einstiegen, würde ich den Zug selbstverständlich verlassen. Der Zugführer bleibt freundlich, es sei eben eine Frage der Gerechtigkeit, erwähnt dieses und jenes noch und meint schliesslich, er werde nun eine Meldung machen. Ich nicke, biete ihm meine Personalien an, er aber fährt fort: Eine Meldung, dass er dies, die Reservationspflicht eben, künftig nicht mehr kontrollieren werde. Sagts, sichtlich entnervt, und geht weiter. Ich bin baff. Der pflichtbewusste Mann tut mir leid und die SBB ärgern mich: Weshalb ist es nicht möglich, mit einem gültigen Velobillett ein leeres Veloabteil zu belegen, im Wissen darum, dieses freigeben zu müssen, wenn Fahrgäste mit einer Reservation zusteigen? Weshalb schaffen es die SBB nicht, jede Komposition mit einem ausreichend grossen Veloabteil auszurüsten, also etwa einen Drittel eines Wagens dafür zu reservieren? Wer mit Velo und Zug unterwegs ist, verstopft keine Strasse, verdreckt keine Luft, bewegt sich, ist ein treuer Bahnkunde und und und. Aber diesen Markt pflegen Bahn und Politik nach wie vor nur ungenügend. veloabteile sind beidenorts zuerst einmal Kostenfaktoren und bedeuten Mindereinnahmen.

Mit gesundem Menschenverstand

Station 3, Bahnhof Lenzburg: Bauarbeiten auf der Seetal-Strecke, statt der Bahn fährt ein Bus. Velomitnahme? Gibts in dieser Zeit offiziell nicht. Ich frage den Chauffeur. Kein Problem, antwortet der, solange nicht zu viele Leute einstiegen. Es ist erst 16 Uhr, der Andrang hält sich in Grenzen. Die Fahrt geht los, der nette Herr am Steuer begrüsst die Fahrgäste freundlich und kündigt jede Haltestelle an. In Beinwil am See weist er auf den dort wartenden Zug hin. Beim Abbiegen auf den Bahnhofplatz bemerkt er den Richtung Beromünster abfahrenden Bus. Ob jemand in diese Richtung wolle, fragt er flugs durchs Mikrofon. Zwei Frauen meldet sich, der Chauffeur greift zum Funkgerät, hupt zweimal laut. Der andere Bus, wiewohl schon abgefahren, hält nochmals, beidenorts öffnen sich die Türen, vielen Dank, auf Wiedersehen! Solche Kundenfreundlichkeit lob ich mir. Solch gesunder Menschenverstand beim Auslegen von Vorschriften verdient eine Auszeichnung.

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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