Suche
Suche Menü

Der «Tagi» und das Velo: «best of» der aktuellen Debatte

Der Velobotschafter von Kopenhagen, Mikael Colville-Andersen: «Heute ist Zürich Lichtjahre im Hintertreffen.» (Bild: TA-online, Dominique Meienberg)

Der «Tages-Anzeiger» (TA) ist in den vergangen Tage tüchtig. in die Pedale getreten. Er lud den Velobotschafter von Kopenhagen zu einer Rundfahrt durch Zürich ein – mit dem provozierten und zu erwartenden Ergebnis: Mikael Colville-Andersen beurteilt Zürichs Velofreundlichkeit vernichtend. Sein Fazit: Die Stadt sei «Lichtjahre im Hintertreffen». Der Bericht löste – was ebenfalls zu erwarten war – eine Flut von Kommentaren aus, welche wiederum die Fronten zwischen den Fraktionen – der motorisierten und der pedalenden – bestätigen.

Tags darauf liess der TA den Velobeauftragten der Stadt, Urs Walter, zu Wort kommen, sodann fasste die Redaktion zusammen, welche Strecken in der Stadt und dem Kanton aus Sicht der Leserinnen und Leser «einen alltäglichen Horror darstellen». Schliesslich durfte Anselm Schwyn vom Amt für Verkehr erklären, wie der Kanton das Velofahren fördern will.

Das war viel Lesestoff, und die Lektüre wie früher schon zu diesem Thema gleichermassen erhellend wie erheiternd. Der Velofahrer hat für seine Leserschaft, die lieber Velo fährt als Zeitung liest, nachfolgend ein «Best of» zusammengestellt.

Mikael Colville-Andersen, Velobotschafter von Kopenhagen

  • Kein abgetrenntes Velotrassee, keine Veloampeln, stellt er missbilligend fest. «Das ist Stückwerk. Es scheint hier keine umfassende Radstrategie zu geben.»
  • Ich (Anmerkung: der Journalist) verteidige Zürich. Es fehle der Platz, die Stadt sei eng, man müsse auf wenig Raum Trams, Fussgänger, Autos und Velos zusammenquetschen. Velowege zu bauen, brauche Zeit. «Blödsinn. Die Frage ist, ob die Politiker Visionen haben.» Amsterdam sei genauso eng, Dublin, Sevilla und Barcelona ebenso – trotzdem gehe es dort schneller vorwärts als in Zürich. Dann zitiert er Bertrand Delanoë, den Bürgermeister von Paris: «Fakt ist, dass Automobile in den grossen Städten unserer Zeit keinen Platz mehr haben.» Paris sei früher für Velofahrer ein Albtraum gewesen, aber Delanoë habe das Steuer herumgerissen. «Heute ist Zürich Lichtjahre im Hintertreffen.»
  • «In Kopenhagen haben wir den Winter ausgeschaltet. Der Räumdienst befreit immer zuerst die Radwege vom Schnee.»
  • Wer in Städten moderne Verkehrsachsen plane, müsse (…) Autos, den ÖV, Fussgänger und Velofahrer als gleichberechtigte Partner verstehen. «Aber hier dominiert das Auto. Und das Tram.»
  • Selbst die gelben Veloweg-Piktogramme kritisiert er. Gelb sei eine klassische Warnfarbe. In Kopenhagen sind die Velohinweise blau-weiss.
  • 36’000 Verkehrstote gebe es in Europa jedes Jahr, die meisten wegen Autounfällen. In Kopenhagen pendle jeder Dritte mit dem Velo zur Arbeit und erspare so dem dänischen Staat Gesundheitskosten von 235 Millionen Euro. «Zürich ist eine wunderbare Stadt mit grossartigem ÖV-System.» Aber das böten inzwischen viele Städte. Moderne Metropolen würden heute danach beurteilt, wie lebensfreundlich sie seien. In Zürich habe er vor allem Männer zwischen 20 und 40 auf dem Rad gesehen. «Warum so wenige Frauen und ältere Leute? Ganz einfach – sie haben Angst.» Darum seien abgetrennte Velotrassees so wichtig: um den Leuten Sicherheit zu vermitteln.

Urs Walter, Velobeauftragter der Stadt Zürich

  • Verglichen mit Velostädten wie Kopenhagen kann Zürich nicht mithalten, das ist klar.
  • In Zürich sind vor allem fitte Männer im Alter zwischen 25 und 45 als Velofahrer im Stadtverkehr anzutreffen. Das hat teilweise mit den Markierungen zu tun, andererseits auch mit der engen Infrastruktur. Unsichere Velofahrer oder Familien mit Kindern werden dadurch abgeschreckt. Das ist aber etwas, woran wir arbeiten.
  • Wir sind seit über einem Jahr daran, die Markierungen zu ergänzen und so die Velorouten sichtbarer zu machen. Beim Neumühlenquai, zum Beispiel, muss ich aber zugeben, dass die Situation selbst für geübte Velofahrer seltsam ist. Es ist aber schlicht ein Platzproblem: Schon dass wir den Fuss- und den Radweg dort nicht trennen können, liegt allein am fehlenden Platz.
  • Ich will nicht abstreiten, dass es in Zürich einzelne Orte gibt, bei denen die Prioritäten nicht beim Veloverkehr liegen. Die Rämistrasse zum Beispiel: So weh es mir im Herzen auch tut, dort gibt es einfach keinen Platz. Für einen Velostreifen müsste man entweder die Autos verbannen oder sie über die Tramschienen fahren lassen. Das hätte aber Verspätungen beim ÖV zur Folge.
  • ÖV, Fussgänger und Velo haben einen hohen Stellenwert und in der Regel auch Priorität. Das Auto hat aber ebenso eine wichtige Funktion. Auf wichtigen Verkehrsachsen müssen wir den motorisierten Verkehr im Fluss halten, schon alleine deshalb, damit Trams und Busse nicht im Stau stecken bleiben. Bei allen Prioritäten muss man einfach sehen, dass die Strassenräume begrenzt sind. Es ist in Zürich aber sicher noch viel mehr möglich.

Wie der Kanton das Velo fördert: Anselm Schwyn vom Amt für Verkehr

  • Grundsätzlich setzt der Kanton (…) zehn Millionen Franken jährlich für den Ausbau der Radwege ein.
  • Gute Velowege sind wichtig. Wenn das Velo aber auf kürzeren Strecken eine Alternative zum Auto darstellen soll, dann braucht es auch gut geschützte Parkplätze zu Hause, bei Bahnhöfen oder bei Einkaufszentren. Dazu müssen Sie mit Hausbesitzern, den SBB, den Gemeinden und anderen Akteuren zusammenarbeiten. In diesem Jahr haben wir uns darauf konzentriert. An eine Velotagung, die wir zum Thema gemacht haben, kamen Vertreter von 80 Zürcher Gemeinden.
  • Im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten hat ein Umdenken in Richtung Velo stattgefunden. Wir schauen heute jeden Verkehrsknotenpunkt auch danach an, wie man den Veloverkehr optimieren kann.
  • Bei den Trottoirs haben wir wieder verschiedene Interessen, die aufeinandertreffen. Einerseits die Velofahrer, die eine möglichst abgeflachte Kante wollen. Andererseits Blinde, die eine spürbare Kante brauchen, um sich orientieren zu können. Hier müssen wir stets Kompromisse finden.

«Best of» aus den Kommentaren

Als Velofahrer sage ich: In Zürich kann man super velofahren. Jeder Rappen, der zusätzlich in Velowege investiert wird, ist zu viel! Es ist genug. Zürichs Strassen sind velosicher.

Wir müssen und sollten endlich verstehen, dass unsere Städte einen organisch gewachsenen mittelalterlichen Grundriss aufweisen. Viele für unsere Begriffe «breite» Strassen waren einst Stadtmauern und -gräben. Dass der gesamte heutige Verkehr darunter leidet, ist klar und nicht zu ändern.

Lustig, wie die Velofahrer und grün-angehauchten Umweltromantiker immer sagen: «Es braucht keine Autos in der City» oder «Autos weg aus der City». Das sind fromme Wünsche. Die allermeisten Menschen möchten den motorisierten Individualverkehr. Das auto ist das genialste Fortbewegungsmittel. den es ist bequem, schnell, hat Platz und schützt einen vor Regen/Kälte. Ein Velo ist ein Sportgerät, basta!

Die Folgen des schlecht ausgebauten Velospurnetzes sind: Velofahrer die aufs Trottoir ausweichen, weniger geübte pot. Velofahrer, die gleich ganz aufs Velofahren verzichten und die übrige Verkehrsinfrastruktur belasten, Autofahrer, die nicht an Velos gewöhnt sind und am rechten Fahrbahnrand stehen, wo sie das Vorbeikommen der Velos verhindern.

Was mich am meisten nervt ist, dass alle Verkehrsteilnehmer aufgrund der zu geringen Kapazitäten sich gegenseitig zusätzlich das Leben schwer machen. Der Autofahrer schmollt, weil es ihn angurkt, im Stau zu stehen und er die Roller und Velofahrer an sich vorbeifahren sieht, der über rote Ampel fahrende Velofahrer nervt sich wegen dem Fussgänger, dieser wiederum, dass er auf Auto/Tram/Bus achten muss usw.

Gibt es in Zürich eine Strasse, an deren Rand es kein Trottoir hat? Gibt es ein Zürich eine Strasse, an deren Rand es keinen Velostreifen hat? Eben! Was würden Fussganger sagen, wenn sie am rechten Rand auf der Fahrspur gehen müssten?

Als Velofahrer bin ich sehr für besser ausgebaute Velowege. Damit dies dem Stimmvolk etwas attraktiver erscheint, müssten gewisse Velofahrer aber mal von ihrem ätzenden Sendungsbewusstsein herunterkommen und vor allem sich zumindest an die grundlegendsten Verkehrsregeln halten; alles andere ist kontraproduktiv. Wer stimmt schon gerne für überhebliche Regelverweigerer?

In Städten, die den Radfahrern sichere und direkte Routen bieten, ist ein Grossteil der Radfahrer auch im Winter auf dem Velo unterwegs. Die Infrastruktur ist matchentscheidend, nicht der Matsch auf dem Boden.

Die Velofahrer machen doch, was sie wollen. Rot und grüne Farbe kennen die gar nicht. Erlebe ich alle Tage in Wiedikon. Es wird überall durchgefahren. Es wird noch viel zu human gebüsst. Das schlimmste Übel ist das Velo.

Ich dachte immer die Stadt gehöre dem Fussgänger. Man kommt als Fussgänger überall hin! Schliesslich verbraucht ein Velofahrer 3 x soviel Platz als ein Fussgänger.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass in unserem Kanton die Wege für nicht Motorisierte im Allgemeinen und die Velowege im Speziellen von Automobilisten am Schreibtisch geplant werden, die seit Jahren nicht mehr selbst-bewegend (also echt auto-mobil und nicht mit dem Automobil) unterwegs sind.

Wer schon in Amsterdam war, der weiss, wie eine Velostadt auszusehen hat. Die kriminelle Fahrweise der Velofahrer ist zwar schon erschreckend, aber es funktioniert. An jedem Strassenrand stehen Dutzende von Velos. Wer behauptet, in Zürich sei dies nicht möglich, der will schlicht und einfach nicht, dass es möglich ist.

SVP/FDP bekämpfen jede noch so kleine Vorlage zu Gunsten des Veloverkehrs. Wann begreifen auch die, dass genau die Velofahrer nie einen ihrer heiligen Parkplätze beanspruchen und nie für den Stau sorgen, in dem sie stehen?

Irgendwann werden vielleicht auch die Zürcher verstehen, dass Autos vor allem in der Innenstadt nichts mit Lebensqualität zu tun haben.

Autos sind bequem, schnell, effizient, flexibel, praktisch. Aber leider brauchen sie extrem viel Platz, Ressourcen (Erdöl, Bauten, Strassen usw.) und stinken. Während das auf dem Land noch gutgehen kann, ist in der Stadt einfach kein Platz um allen ein staufreies Leben zu ermöglichen. Und der Stau macht aus den Autos langsame, ineffiziente, unpraktische Fortbewegungsmittel die ersetzt werden sollten.

Das Velo ist ein energieeffizientes, verkehrsraumsparendes Verkehrsmittel, dass auch noch fit hält – es ist öko-fit! Es sollte deshalb unbedingt auf Kosten des
motorisierten Individualverkehr konsequent gefördert werden.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass Kopenhagen nur deshalb eine Velostadt ist, weil es, zumindest in der Innenstadt, praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Wer sich nicht die Sohlen ablatschen will, wartet bis die neue Metro gebaut ist, oder fährt eben mit dem Fahrrad.

Eigentlich brauche ich gar kein Velostreifen oder -markierung usw. Als Velofahrer würden mir aufmerksame Autofahrer reichen. Die wenigstens Autofahrer sind bösartig, aber sehr viele sind gedankenlos und abgelenkt vom Handy oder was auch immer. Und das macht Verfahren in der Stadt wirklich gefährlich.

Die wenigstens Velofahrer sind bösartig aber sehr viele sind verantwortungslos und egoistisch. Als Autofahrer würden mir vorsichtigere und weniger suizidale Velofahrer reichen. Man braucht als Autofahrer immer mehr Konzentration. Man muss nämlich dauernd links und rechts schauen wenn die Ampel auf grün stellt. Das ist ein generelles Problem in Zürich.

Obwohl ich gerne den Komfort des Autos geniesse, sagt die Vernunft, dass es im Leben noch etwas anderes geben muss als im Stau zu stehen. Velo muss gefördert werden!

Wenn ihr Radfahren wollt, dann zieht doch aufs Land, da hat’s Platz in Hülle und Fülle.

Ich bin selber viel unterwegs mit dem Velo, sehe aber das Problem nicht. Uns Velofahrern geht es doch sehr gut, ich habe noch nie eine Busse kassiert und das obwohl ich fahre als gäbe es kein morgen. Man kommt mit dem Velo überall durch, praktisch keine Fahrverbote und das alles zum Nulltarif. Am See entlang fahre ich sowieso immer angepasst, dann gibt es keine Probleme mit Fussgängern.

95 % aller Velofahrer in Zürich sind nicht strassenverkehrstauglich und gehörten per sofort aus dem Verkehr gezogen! Es ist kein Menschenrecht, prüfungs- und gebührenfrei gegen alle Regeln zu verstossen!

Wir wollen nicht, dass das Velo an gewissen Stellen prioritär behandelt wird. Wir wollen, dass das Velo auf allen Strassen gleichberechtigt behandelt wird, mit genau gleich viel Platz (in Quadratmeter und inkl. Parkplätze) wie die Autos. Wo ist das Problem? Kann doch nicht sein, dass jemand mehr Platz bekommt, nur weil er/sie ein grösseres Fahrzeug hat.

Sorry lieber Tagi, aber das Thema ist mittlerweile nur noch langweilig. Die Velofahrer wollen mehr Platz, die Autofahrer kommen dann, dass die genügend Platz haben und eh alle Verkehrsregeln ignorieren, und die Fussgänger kommen dann auch noch mit ihren Problemen, dass eh alles böse ist.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.