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Velo zu fahren ist «immer ein Stück Urlaub»

Bücher wie dieses wären vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Doch in jüngster Zeit sind sie zahlreich in den Regalen zu finden: Fotobände mit wenig Text, die das Velo als Ausdruck angesagter Mobilitätskultur darstellen, als Objekt des Zeitgeistes und objet du désir. Denn Velos gab es lange, bevor Autos sie von der Strasse verdrängten. Jetzt erobert sich das Zweirad seinen Platz zurück. Langsam zwar, aber die Einsicht, dass Veloförderung auf die politische Agenda gehört, ist mittlerweile so weit gewachsen, dass sich ein Velobuch nicht mehr bloss dann verkauft, wenn es sich um eine Schrauberanleitung handelt. Sondern auch, wenn darin der Coolnessfaktor des Pedalierens gepriesen wird.

Wer sich weshalb aufs Velo setzt

«Cycle Love» gehört zu dieser Sorte; der Autor Simon Akstinat rückt darin 90 Fahrräder ins Bild und lässt deren Liebhaberinnen und Liebhaber zu Wort kommen. Ein schönes Bändchen in handlicher Grösse, mit dem man sich gerne Abends in Sofa setzt, um sich als Betrachter und Leser mit Gleichgesinnten zu treffen. (Aber gewiss doch: Wer vier statt bloss zwei Räder lieber sitzt, kauft sich sowas nicht und wird auch nicht beschenkt damit.) Neu ist das Rezept des Knesebeck-Verlags freilich nicht; etwa ist unter dem Titel «I love my Bike» bei Chronicle Books in den USA vor zwei Jahren ein in seiner Machart identisches Buch erschienen. In die gleiche Kategorie gehört der Band «Velo. 2nd Gear», mit dem Anfang Jahr der Berliner Gestalten-Verlag für einiges Aufsehen gesorgt hat.

Während jedoch Chronicle die meisten Biker bloss beim Namen nennt und es bei Gestalten auch um Shops, Lifestyle und das Velo als Konsumgut geht, lässt Akstinat die Fahrrad-Fahrer, die er in Berlin getroffen hat, ausgiebig zu Wort kommen.

Darin liegt auch das Besondere von «Cycle love»: Man guckt sich die Bilder an und muss sich keinen Reim auf das darauf abgebildete Rad und seinen Besitzer, seine Besitzerin machen, sondern darf lesen. Schöne Sätze wie diese, zum Beispiel von…

…Per, dänischer Botschafter in Berlin: «Wir sind stolz auf ein neues Problem, das wir in Kopenhagen haben. Wir haben Staus – Fahrrad-Staus. Aber insgesamt hat sich die Verkehrslage bei uns durch die vielen Fahrräder sehr entspannt.»

…Björn: «Am Radfahren fasziniert mich am meisten der Freiheitsgedanke. Man ist nicht an Fahrpläne oder volle U-Bahnen gebunden, sondern kann sich selbst seinen Weg und auch sein Tempo gestalten.»

…Mario: «In dünnbesiedelten Gegenden wie meiner Heimat gibt es weite Wege, und meinem Vater war es wichtig, dass ich früh unabhängig von A nach B komme. Und wie sollte das gehen ausser mit dem Fahrrad?»

…Katrin: «Ich mag es, Regionen mit dem Rad zu erkunden und den Berufsverkehr mit dem Rad zu überlisten!»

…Katharina: «Früher war ein Fahrrad nur ein Fahrrad – zum Glück bekommt man manchmal eine andere Sichtweise für die Dinge…»

…Pit: «Ich geniesse es, Morgenluft zu tanken und an den Autos im Stau vorzupedalieren. Fahrradfahren bringt einem gute Laune, Beweglichkeit, Freiheit und Fitness zugleich.»

…Stefan: «Für mich selbst hat Radfahren eine entspannende Wirkung und ich kann mich zugleich sportlich betätigen. Es gibt für mich kaum was Schöneres, als mit Freunden durch die Berliner Nacht zu fahren oder eine ausgelassene Tour am Wochenende zu unternehmen.»

…Max: «Seitdem fahre ich täglich Rad, zum einen, weil es immer ein Stück Urlaub ist, wenn man auf dem Rad sitzt, und zum anderen, weil es keine bessere Möglichkeit der Fortbewegung in Berlin gibt.»

Simon Akstinat, «Cycle Love, 90 Fahrräder und ihre Liebhaber», 20,0 x 15,0 cm, Flexicover, 144 Seiten, 114 farbige Abbildungen, Knesebeck-Verlag, München, 2013, ISBN 978-3-86873-521-5, Fr. 24.50
Max Jonas Baginski, einer der 90 in «Cycle Love» vorgestellten Velofahrerinnen und -fahrer, fährt Velo, «weil es immer ein Stück Urlaub ist, wenn man auf dem Rad sitzt».

Max Jonas Baginski, einer der 90 in «Cycle Love» vorgestellten Velofahrerinnen und -fahrer, fährt Velo, «weil es immer ein Stück Urlaub ist, wenn man auf dem Rad sitzt».

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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