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Das Velo in Funktion zur Stadt: das Beispiel Baden

131101_veloausstellung_badenWas hat das Velo mit der Entwicklung einer Stadt zu tun? Welche Rolle spielt es darin? Und welche Geschichten gibt es dazu zu erzählen? Das historische Museum Baden sucht in seiner aktuellen Sonderausstellung Antworten auf diese Fragen. «Velo – Kultobjekt auf zwei Rädern» heisst die kleine, unbedingt sehenswerte Schau.
«Das Velo. Alle besitzen eines– viele auch mehrere. Für die Einen ist es ein Sportgerät, für die Anderen ein reines Fortbewegungsmittel, für die Dritten ein Kultobjekt. Wozu es auch immer benutzt wird: Fast immer gibt es Geschichten zwischen Besitzer/-in und Gerät.» Dieser Ansatz ist spannend, weil am Beispiel der Stadt Baden eindrücklich aufgezeigt werden kann, welche Rolle das Velo a) für einen Wirtschaftsstandort spielen kann, b) nicht mehr spielt und aber c) wieder spielen könnte. Zwar ist dies nicht der Drehpunkt der Ausstellung, mit Blick auf eine menschenverträgliche Mobilität jedoch der bemerkenswerteste.

Zu tausenden mit dem Velo zur Arbeit
Baden ist Standort der Firma ABB, die 1891 als BBC – Brown Boveri & Cie. – gegründet worden war. In der Ausstellung ist das Hochrad von Sidney Brown zu sehen, des Bruders von BBC-Mitgründer Charles Brown. In Baden seien die beiden bekannt gewesen für ihre Ausfahrten auf dem Hochrad, erfährt man. Und liest: Baden als grösste Industriestadt zeige den Siegeszug des Velos als Verkehrsmittels beispielhaft. Dazu wird ein einmaliges Filmdokument gezeigt (siehe unten, aufs Bild klicken). Es stammt aus den 50er-Jahren und zeigt, wie die BBC-Arbeiter damals zu tausenden mit dem Velo zur Arbeit fuhren. Zu sehen ist in der Folge auch, wie ihnen mit dem Aufkommen des Autos buchstäblich die Wege abgeschnitten wurden, wie die Stadt später mit viel Beton und Asphalt den zunehmenden Verkehr in den Griff zu bekommen versuchte, bis hin zur völligen Unterordnung des Langsamverkehrs unter den motorisierten. Bezeichnend schliesslich für den Stellenwert des Verkehrsmittels Velo ist, dass die Mühe, die es heute kostet, diesem wieder Raum zu verschaffen, sozusagen nur in einer Randspalte erwähnt wird. Lieber sprechen die Ausstellungsgestalter vom «Comeback» des Velos «als Freizeit- und Lifestyle-Objekt». Das ist, um es mal so zu sagen, eher schade. Gewiss doch: Das Velo darf sehr wohl Kultobjekt sein; besser noch aber sollten wir ihm (wieder) zu dem ihm zukommenden Rang auf dem Markt der Mobilitätsmöglichkeiten verhelfen.

Velosongs und -schlager
Nichtsdestotrotz: Die Ausstellung im historischen Museum Baden verdient viel Publikum, zumal es neben dem Gesichtspunkt Verkehrspolitik noch manch andere gibt. Da erzählen ein langjähriger Briefträger von seinen Erlebnissen auf der täglichen Touren mit dem Postvelo und ein angefressener Militär-Velofahrer von der Kameradschaft der Radfahrertruppen – in Originalaufnahmen. Ferdy Küblers Rennvelo passt zu den Filmausschnitten aus den sieben Jahren, an denen Baden schon Tour-de-Suisse-Etappenort war. Schliesslich schildern acht Velofahrerinnen und Velofahrer, mit welchem Rad sie am liebsten und wohin unterwegs sind. Welches Rad zu welcher Person gehört, muss der Besucher selbst herausfinden. Originell sodann ist die Sammlung von Songs und Schlagern, in denen das Velo eine Rolle spielt. Wer mag, nimmt sich dafür ein paar Minuten Zeit, setzt sich auf den Hometrainer und stülpt sich den Kopfhörer über. Im Rhythmus mitreten darf man, muss aber nicht.

Zu guter Letzt: Den Besuch einer Ausstellung solchen Inhalts er-fährt man sich natürlich aus eigener Kraft. Mir hat er an einem spätherbstlichen Hochnebeltag eine schöne Bummelfahrt aus dem See- via Reusstal an die Limmat beschert, 50 Kilometer fast auf den Punkt.

Velo – Kultobjekt auf zwei Rädern, Ausstellung im historischen Museum Baden, bis 9. Februar 2014, Dienstag bis Freitag 13–17 Uhr, Samstag und Sonntag  10–17 Uhr, Montag geschlossen, www.museum.baden.ch
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Standbild aus dem Film «Betriebsschluss bei der BBC» in Baden, abrufbar auf der Website www.zeitraumaargau.ch. Klicke auf das Standbild, um ihn abzuspielen; die Szene mit den vielen Velofahrern beginnt kurz vor der Mitte.

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...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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