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Das Velo verbindet Völker

131214_das_land_der_zweiten_chance«Besitzen der Sport und das Fahrrad die Macht, Leben zu verändern», fragt Rainer Sprehe. Der Verleger von «Covadonga – Der Verlag für Radsportliteratur», schiebt statt einer Antwort ein Buch übern Tisch, das Geschichte(n) zu seiner Frage erzählt. «Das Land der zweiten Chance» heisst es und schildert, so der Untertitel, «die erstaunliche Geschichte des ruandischen Radsportteams». Autor ist der britische Zeitungs- und Magazinreporter Tim Lewis. Das Besondere an seiner Story: Es geht darin nicht nur um den Radsport, sondern ebenso um das Land Ruanda selbst und seine Geschichte, um Afrika, wo das Velo kaum Sportgerät ist, sondern Mittel zum Transport und (Über-)Leben überhaupt.

Worum es geht, fasst die Medienmitteilung so zusammen:

Ruanda 1994. Ein Völkermord von unvorstellbarer Brutalität bricht sich Bahn. Binnen weniger Monate werden fast eine Million Menschen umgebracht. Buchstäblich abgeschlachtet. Die Welt ist schockiert, eine Nation zerstört. Knapp zwei Jahrzehnte später wird das kleine zentralafrikanische Land weiterhin von seiner düsteren Vergangenheit verfolgt, während es sich mit großen Hoffnungen und egalitären Idealen am Neuaufbau und an einer Rückkehr zur Normalität versucht. Das ist der Hintergrund, vor dem ein ruandisches Radsportteam sich aufmacht, um in der Welt des Sports Anerkennung zu finden. Schaffen es die jungen Männer in ihren bunten Trikots, eine Nation zu inspirieren, die mehr als jede andere nach Helden dürstet und nach einer neuen Identität? Gelingt es ihnen vielleicht sogar auf lange Sicht, im Radsport jene Revolution zu wiederholen, mit der die Kenianer die Leichtathletik auf den Mittel- und Langstrecken auf den Kopf gestellt haben?

In «Das Land der zweiten Chance» erzählt Tim Lewis erstmals die ganze, ebenso motivierende wie niederschmetternde Geschichte dieser erstaunlichen Mannschaft. Ein Tatsachenbericht, der sich streckenweise wie ein Roman liest. Da ist Adrien Niyonshuti, ein Kind jener tragischen Zeit, das seinen Traum von Olympischen Spielen leben darf. Da ist der einstige Tour-de-France-Star Jock Boyer, ein Mann, der grosse Schuld auf sich geladen hat und hofft, als Coach des Teams einen Neuanfang im Leben finden zu können. Da ist Mountainbike-Erfinder Tom Ritchey, ein Macher mit Geld und Ideen, der sich in Afrika von einer persönlichen Krise erholen will. Und da ist Paul Kagame, Ruandas Präsident, der vielen als Heilsbringer und Vorbild für den gesamten Kontinent gilt, anderen hingegen eher als gefährlicher Tyrann, dessen Lobby bröckelt.

«Das Land der zweiten Chance» ist eine wahre, höchst in spirierende Geschichte über Existenzkampf und Hoffnung, über die Macht des Sports und das lebensbejahende Versprechen von Versöhnung und Erlösung.

Ende Zitat.

Europäische und afrikanische Methoden

Lewis beschränkt sich in seiner Reportage indes nicht nur auf das Team Ruanda, sondern blickt auch auf andere afrikanische Länder wie Südafrika, Kenia oder Eritrea. Damit stellt er auch Trainingsmethoden einander gegenüber, was letztendlich ins Grundsätzliche führt: Betreibt der Westen mit seiner Radsportförderung in Afrika dort einmal mehr «Entwicklungshilfe» in eigener Sache oder lässt er dem Kontinent Raum, im Radsport selbst grosszuwerden? Der Vergleich von Lewis zwischen dem Team Ruanda, das der Amerikaner Jock Boyer nach knüppelharten Tour-de-France-Methoden zu stählen sucht, und den Kenia Riders, die der Australier Rob Higley nach afrikanischer Philosophie trainiert, lässt über die angepasste Methode sinnieren. Tim Lewis sagt über Higley: «Afrikaner waren nach Robs Überzeugung nicht die besten Langstreckenläufer der Welt geworden, weil sie etablierte Methoden kopiert hatten, sondern indem sie ihre eigenen Methoden modifizierten. (…) ‹Es geht nicht darum, Geld zu machen oder Medaillen zu gewinnen, sondern darum, das meiste aus einem Individuum herauszuholen›, erklärte Higley. ‹Ich bin aber anmassend genug, um überzeugt zu sein, dass die Medaillen und vielleicht sogar die Tour de France früher oder später von alleine kommen, wenn ich alles richtig mache.›»

Adrien Niyonshuti, der ruandische Protagonist in Lewis‘ Reportage, nahm 2012 an den Olympischen Spielen in London teil und beendete eines der Bike-Rennen auf Platz 39. Zuvor hatte ihn unter anderem der Schweizer Ex-Profi Thomas Frischknecht in St.Moritz dafür fit getrimmt. Die 5. Tour of Rwanda, die vom vergangenen 17. bis 24. November dauerte, beendete Niyonshuti auf Rang 9.

Tim Lewis, «Das Land derzweiten Chance. Die erstaunliche Geschichte des ruandischen Radsportteams», Covadonga Verlag, 2013, ISBN 978-3-936973-87-7, Broschur; 304 Seiten im Format 21 cm x 14,8 cm; achtseitige Fotostrecke, ca. Fr. 20.00. Auch als E-Book erhältlich (ISBN 978-3-936973-90-7)

Auch verfilmt

Unabhängig von «Das Land der zweiten Chance» ist im August dieses Jahres in den USA ein Film über den Aufstieg des ruandischen Radsportteams in die Kinos gekommen. Der achtzigminütige Dokumenation «Rising from Ashes» (Aus der Asche aufsteigend) produziert und erzählt von Forest Withaker, folgt den Spuren von Jock Boyer und seinem Team. Ob und, wenn ja, wann, der Film auch bei uns zu sehen sein wird, ist offen.

Artikelbild: https://www.flickr.com/photos/mjrka/

Trailer von «Rising from Ashes»:

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wie wahr, wie wahr. Sport verbindet schon immer die Völker – mehr denn Politik es je tun könnte!!!

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