Indische Grossstadt verbannt das Velo von wichtigen Strassen

Velos brauchen weniger Platz als Autos
Velos brauchen weniger Platz als Autos: Mit dieser offensichtlichen Gegenüberstellung protestieren Velo- und Rikschafahrer gegen das Verbot. (Bildquelle: www.switchon.org.in/India/cycling)

Die Meldung ging zwar schon vergangenen Herbst durch die Medien, aber ich hab sie erst jetzt im «Zeitpunkt» entdeckt, kann die Sache kaum glauben und liefere den Stoff deshalb mit Verspätung: Die indische Grossstadt Kalkutta verbietet Fahrräder auf ihren wichtigen Strassen. Nun, wie zuverlässig die Information ist, weiss ich nicht, und welche Bedeutung die gesperrten Strassenzüge im Vergleich zum gesamten Verkehrsnetz Kalkuttas haben, ebenso wenig. Gleichwohl: Verkehrsberuhigung geht anders. Ist aber dort womöglich ebenso wenig gefragt wie verbreitet in Städten hierzulande.

Die Nachricht, die offenbar der Evangelische Pressedienst am 30. September 2013 verbreitet hat, im Wortlaut:

Schluss mit umweltfreundlichen Fahrrädern, Handkarren und Rikschas: Die ostindische Stadt Kalkutta hat Velos von 174 wichtigen Straßen verbannt. Das Verbot löst heftige Proteste und Demonstrationen aus.

Während viele Grossstädte weltweit das Radfahren fördern, verbannt die ostindische Metropole Kalkutta Velos von 174 wichtigen Strassen. Das kürzlich überraschend erlassene Verbot, das auch für Handkarren und Fahrrad-Rikschas gilt, löst heftige Proteste und Demonstrationen in der Fünf-Millionen-Stadt aus, wie der britische Sender BBC am Montag berichtete. Die Stadt begründete das Verbot mit dem zunehmenden und stockenden Verkehr. Es gebe nicht genug Platz für alle Fahrzeuge.

«Die neuen Regeln sind verrückt», sagte dagegen der Aktivist Gautam Shroff in Kalkutta. Die Verschmutzung nehme jeden Tag zu, und trotzdem würden saubere Fahrzeuge bestraft. Wenn Radfahrer ein Ärgernis seien, so gelte das erst Recht für Fussgänger, Autos und Mopeds. Warum nicht auch sie von den Strassen verbannen? Die Polizei begann bereits, Radfahrer zu verwarnen und Bussgelder zu verhängen. Sie drohen auch damit, Fahrräder zu konfiszieren.

Unterdessen bemüht sich die 7,7-Millionen-Metropole Hyderabad im südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh, die Fahrradhauptstadt Indiens zu werden, wie Gouverneur E.S.L. Narasimhan erklärte. In einem High-Tech-Vorort eröffnete er nach Angaben der Tageszeitung «The Hindu» eine Leihstation mit 300 Fahrrädern. Narasimhan appellierte an die Unternehmen, ihre Beschäftigten zu ermuntern, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen.

Ende Zitat.

Das Verkehrsmittel der Armen

Ob sichs in Kalkutta mittlerweile flüssiger Auto fährt, darüber gibt es keine Berichte. Anzunehmen ist dies nicht, denn Velos sind wohl nicht das Problem, wenn irgendwo der Verkehr nicht rollt, schliesslich brauchen sie viel weniger Platz als Autos. «Spiegel online» zitiert den oben erwähnten Aktivisten Gautam Shroff mit diesem Satz: «Jede andere Stadt auf der Welt baut die Infrastruktur für Fahrradfahrer aus, Kalkutta ist wohl die einzige, die sie verringert.» Und weiter: «Fahrräder sind die Transportmittel der Armen, deswegen haben sie nicht den Stellenwert, den sie haben sollten», sagt Aktivistin Kothari. Die meisten Menschen in Kalkutta benutzen nach Ministeriumsangaben öffentliche Verkehrsmittel oder laufen. Und während elf Prozent der Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, sind es nur acht Prozent mit dem Auto. Trotzdem sei die Politik absolut auf Autos ausgerichtet, sagt Kothari. «Wenn die Mittelschicht Fahrrad fahren würde, dann gäbe es dieses Verbot nicht.»

Letzterer Satz darf 1:1 auf die Schweizer Politik übertragen werden: Würden mehr Behördenmitglieder, mehr Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit dem Velo fahren, wärs ein friedlicheres Miteinander auf unseren Strassen.

Wer die Rad- und Rikschafahrenden in Kalkutta unterstützen will, unterschreibt die Petition auf change.org. Wer der Initiative direkt helfen will, schaut auf ihrer Website vorbei. (Nachtrag: Nicht mehr aktuell)

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