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Der Veloanhänger mit dem Mut zur Lücke

Am Velo ist erst das Rad fertig erfunden, und selbiges auch nur in seiner äusseren Form. Dasselbe gilt für das, was nach dem Velo kommt: den Anhänger. Zwei Freunde aus Winterthur, Re Meili (links im Bild oben) und Lorenz Grimmer (rechts), werkeln diesbezüglich seit drei Jahren an einer Idee, die sie jetzt auf den Markt gebracht haben – den Polyroly. Ein Anhänger, so leicht wie robust und genial einfach in seinem Aufbau: Er besteht aus lauter Nichts, zusammengehalten von feinen Stahlrohren. Ein filigranes Konstrukt.

Die Stahlrohre bilden, wie bei einem Velorahmen, Dreiecke, die an den Ecken miteinander verbunden sind und sich gegenseitig stützen. Ergebnis: Ein Anhänger, wie er vielseitiger kaum sein könnte und, wenn es sein müsste, 300 Kilo trägt. Raffiniert sind die Stahlfedern, mit deren Hilfe beispielsweise eine Beleuchtung am Gestänge befestigt werden kann.

Das rollende Vieleck
Poly, griechisch, steht für «viel», ein Polygon ist ein Vieleck; das angehängte «-roly» steht für «rollen», ein Wortspiel. Die Idee zum Polyroly hatte der Industriedesigner Re Meili, 49, seinerzeit in England. Den Anhänger, den er damals haben wollte, gab es nicht, also sass er selbst hinters Reissbrett und entwarf die Gitterkonstruktion, die er aber erst Jahre später, in Winterthur, mit seinem Kollegen Lorenz Grimmer, 41, Metallbauer und Konstrukteur, umzusetzen begann. Inzwischen ist der Polyroly in drei Grössen erhältlich; ab nächstem Frühling soll es ihn auch mit tiefer Deichsel, an die Achse gekuppelt, geben.
Der Polyroly-Anhänger ist sehr leicht: bloss um die fünf Kilo wiegt er ohne Kiste; in das Gestänge passen die handelsüblichen Euronorm-Boxen. Aber auch, nach Lust und Laune, ein Korb für den Wauwau, eine Apfelharasse oder ein Kindersitz. Die 16-Zoll-Räder gibts in der Wunschfarbe. Gefertigt werden die Dinger weitgehend in Lorenz Grimmers Werkstatt in einem der ehemaligen Sulzer-Gebäude hinter den Geleisen des Bahnhofs Winterthur. Dort siehts aus wie in einer Erfinderwerkstatt.

Ein Anhänger muss cool aussehen
Das Polyroly-Gestänge besteht durchgehend aus gut fingerdicken Edelstahlrohren, die nicht nachbearbeitet sind. «Das muss reichen», sagt Lorenz Grimmer. «Schleifen und polieren bringt keinen Qualitätsgewinn, sondern kostet nur Geld und belastet die Umwelt.» Wichtiger ist den beiden Machern ohnehin, dass ihr Anhänger auch gut aussieht. «Cool», wie Re Meili sagt. Will heissen: Ein hässliches Entlein klemmt keiner an sein Rad. Denn gegen die motorisierte Unvernunft hat der Markt nur eine Chance, wenn die Alternative nicht nur praktisch ist, sondern auch schön. Eine solche will der Polyroly sein und im besten Fall lässt er die Einsicht dafür er-fahren, dass es unsinnig ist, anderthalb Tonnen Auto zu bewegen, um ein paar Kilo Einkäufe zu transportieren.

Re Meili und Lorenz Grimmer sehen das Elektrovelo als das beste Verkehrsmittel, um städtische Verkehrsknoten zu lösen.

Aber erst mit einem Anhänger werde es zu einem vollwertigen Autoersatz auf kurze Distanzen. Nun hätten einerseits die Hersteller dies noch nicht bemerkt, sagt Re Meili, und anderseits wolle, wer ein für sein edles E-Bike einen halben Monatslohn oder mehr hinblättere, dieses nicht – siehe oben –mit einem klapprigen Fahrgestell verunstalten. «Es gibt aber noch kaum schöne Anhänger für Elektrovelos», stellt Meili fest. Deren Besitzer sind deshalb eine Zielgruppe, auf die es die Polyroly-Macher besonders abgesehen haben. Doch nicht nur: Re Meili und Lorenz Grimmer träumen davon, dass dereinst Polyrolys verschiedener Grösse in den Gängen von Mehrfamilienhäusern oder Wohngemeinschaften hängen: Jeder kuppelt sich den an sein Rad, den er gerade braucht. Ein weiterer Einsatzbereich wären Mietvelo-Stationen.

Der Polyroly ist, siehe oben, weitgehend Swiss made, bloss die Räder stammen aus Fernost. Was Meili und Grimmer nicht selber bauen können, holen sie bei Partnerunternehmen ab. «Sie haben damit Einfluss auf die weitere Entwicklung der polyrolys. Uns ist diese Art der Zusammenarbeit mit Spezialisten in der Region sehr wichtig. Neues zu entwickeln ist unsere Leidenschaft und die Zusammenarbeit mit passionierten Kleinunternehmen ermöglicht es uns, diese neuen Ideen qualitativ hochwertig umzusetzen.» Alles an einem Polyroly muss robust, einfach ersetzbar und problemlos zu reparieren sein.

Vorerst direkt ab Fabrikladen
Noch ausbaufähig ist der Vertrieb Polyroly. Interessierte können den Anhänger fahrfertig im Fabrikladen kaufen. Offen ist Absatz über Handelspartner und online über einen Webshop. Wer Re und Lorenz mit ihrem Polyroly treffen will, besucht die Ausstellung Designgut vom 31. Oktober bis 2. November in Winterthur.

Galeriebilder: Dominik Thali und Re Meili

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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