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Weil man beim Velofahren spürt, dass man das Leben liebt

Gibt es einen Grund, gerne Velo zu fahren? Was für eine Frage! Es gibt mindestens 111 gute Gründe, dies zu tun. So viele jedenfalls zählt Christoph Brumme in seinem Buch auf, das er auch so betitelt: «111 Gründe, das Radfahren zu lieben». Eine Liebeserklärung ans Velo, die, so der Untertitel, «vom Rausch der Geschwindigkeit» handelt, «dem Geheimnis der Langsamkeit» nachspürt und dabei vom Wissen ausgeht, «dass das Glück zwei Räder hat». Brummes Sammlung ist für velophile Zeitgenossen eine erbauliche Lektüre, die man sich auch gut portioniert zu Gemüte führen kann und bei der man sich keineswegs an die Reihenfolge halten muss. Eine Empfehlung also.

Christoph Brumme, 1962 geboren und seit 1985 als freier Schriftsteller lebend, hat seine Liste anhand seiner jährlichen Reisen von Berlin an die Wolga und zurück erstellt. Was ihm dabei widerfahren ist, bestärkt ihn in der Überzeugung, dass das Velo dasjenige Verkehrsmittel ist, das der Mensch nicht bloss des Vorwärtskommens wegen wählen kann, sondern auf dem er zudem in einer Geschwindigkeit reist, in der er ausserdem «gut denken» kann. Denn, so liest man an einer Stelle: «Im Auto oder Zug hört man das Wichtigste nicht. Man hört den Fahrtwind, ganz grob Hagel und Regen, Motoren- und Bremsgeräusche, das Quietschen der Reifen. Doch das wirklich Interessante verpasst man.»

Radfahren senkt den Blutdruck

Es ist ein kurzweiliges Reisen mit dem pedalierenden Herrn Brumme neben sich im Sattel, es gibt immer wieder Grund zum Lachen und aber auch Nachdenken. Wer diesen Blog liest, der/die dürfte freilich kaum mehr von dieser Form des Unterwegs-Seins überzeugt werden müssen, weshalb ich mich nachfolgend darauf beschränke, die schönsten und treffendsten Sätze zu sammeln, die man sich von Radfahrer Brumme gerne merkt und ins eigene Fahrtenbüchlein überträgt. Als da wären:

  1. Das Radfahren ist einer gesündesten und schönsten Tätigkeiten, die man ausüben kann.
  2. Für mein Fahrrad muss ich keine Steuern zahlen, mit denen Kriege zur Eroberung von Ölquellen finanziert werden. Ich bin nicht laut, ich störe keinen, ich kann niemanden totfahren, keiner hat Angst vor mir. Ich bin Lichtjahre entfernt von ungewollten Pflichten. Auf dem Rad erfahre ich das Glück, indem ich lerne, dass ich nichts brauche, um glücklich zu sein.
  3. Längeres, auch extremes Radfahren über mehrere Wochen hinweg ist gesund, denn es senkt den Blutdruck und den Cholesterinspiegel. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker nach den Nebenwirkungen langen Autofahrens!
  4. Während Radfahrer Zeit zum Träumen haben, wird man im Auto transzendente Erfahrungen allenfalls in den Sekunden vor einem Unfall machen.
  5. Was kann der Autofahrer an einem modernen Auto reparieren? Er ist von der Ehrlichkeit der Monteure abhängig, von den Vorschriften der Autokonzerne beziehungsweise des Gesetzgebers. Die Elektronik des Autos versteht er sowieso nicht. Und das Zusammenspiel von Elektronik und Mechanik auch nicht. Will der Fahrer etwas an seinem Auto ändern, so bleiben ihm nur wenige Möglichkeiten. Selbst eine neue Farbe muss er sich schriftlich bestätigen lassen.
  6. Versteht man, weshalb ich für Autofahrer nur ein müdes Lächeln übrig habe? Wen wunderts, dass die Kinder im Auto nerven und sich streiten? Klar, sie wollen sich bewegen, die Welt entdecken, dass können sie in den Blechschüsseln nicht.
  7. Regelmässiges Radfahren stärkt das Selbstvertrauen in einem Masse, das sich ein träger Mensch kaum vorstellen kann.
  8. Das Fahrradfahren ist eine Metapher für das Leben. Ein Zurück gibt es nicht, es gibt nur den nächsten Berg. Nachdem man diesen aber überwunden hat, gleicht der nächste Anstieg einem Witz, den man nur pointiert erzählen muss.
  9. Das Radfahren ist eine körperliche Aktivität, die auch Kontemplation, also Beschaulichkeit ermöglicht. Autofahren ist dementsprechend eine körperliche Inaktivität, deren Ausübung andauernde Aufmerksamkeit verlangt. (…) Die intensivste Form des Radfahrens ist dann erreicht, wenn man gar nichts mehr denkt. (…) Beim Radfahren kann man nicht nur physisch über der Erde schweben. Man kann sich stundenlang auf eine Sache konzentrieren, ohne dabei zu denken. Ich radle, also bin ich.
  10. Weil der Autofahrer funktionieren muss, wird er auch so schnell aggressiv. Man hat ihm das Gefühl von Freiheit versprochen beim Kauf seiner Kiste, doch täglich von Neuem wird er daran erinnert, dass er sich an Dutzende Regeln halten muss, schliesslich sind die Strassen nicht beliebig breit. (…) Zwar gibt es auch rücksichtslose Radfahrer, die Fussgänger erschrecken und auf Gehwegen viel zu schnell fahren, aber an und für sich ist das Fahrrad ein Gefährt, das zu Friedfertigkeit anregt und diese vermittelt.
  11. Der Radfahrer sollte mit einer Portion Fatalismus ausgestattet sein, will er am öffentlichen Strassenverkehr teilnehmen. So vernüftig er auch fährt, ist er vor allem von der Vernunft der Autofahrer abhängig.
  12. Was wird man in 100 oder 200 Jahren über die gegenwärtigen Autogesellschaften denken? Ich fürchte und hoffe: nur Schlimmes. Gipfel menschlicher Dummheit, Paradebeispiel eines gigantischen Selbstbetrugs, Zeugnis von Dünkelhaftigkeit und Arroganz, so die Stichworte, die sich meiner Überzeugung nach durchsetzen werden.
  13. Über das Auto wird man in 10’000 Jahren lächeln wie wir heute über den Faustkeil. Doch das Fahrrad wird bestimmt auch dann noch zu den schönsten Erfindungen der Menschheit gezählt werden, neben dem Buchdruck und der Antibabypille. Es ist das vernünftigste und schönste aller Fahrzeuge, die Menschen erfunden haben.
  14. Das Fahrrad symbolisiert die Mässigung, den Verzicht, die Entschleunigung, das Auto eine potenzielle Kraft und Geschwindigkeit.
  15. Ein anderer willkommener Grund für das Radfahren: Man spart viel Geld. Ein (gebrauchtes) Fahrrad bekommt man fast umsonst. Reparaturen, Versicherungen, Ersatzteile sind nicht allzu teuer, falls man keine hohen Ansprüche hat. Man muss keine Parkgebühren bezahlen, keine Garage mieten, man kann leichter als beim Auto einschätzen, ob eine Reparatur nötig ist. Auch die Strafen für Verletzungen von Verkehrsregeln sind relativ moderat.
  16. Im Gegensatz zum Fahrrad kostet ein Auto auch dann Geld, wenn es nicht benutzt wird. Die fixen Kosten wie Steuern und Gebühren für Abgasuntersuchungen müssen unabhängig von den gefahrenen Kilometern bezahlt werden.
  17. Vom Radfahren bekommt man einen gesunden Appetit.
  18. Selbst unaufhörlicher Sex ist nicht so schön wie unaufhörliches Radfahren, abgesehen davon, dass Ersteres nicht möglich ist.
  19. Die Räusche, die beim langen Radfahren auftreten, sind etwas gesünder als die durch LSD erzeugten. Beiden gemeinsam ist aber, dass der Berauschte sich nicht nur glücklich fühlt, sondern dass sich auch seine Wahrnehmung verändert.
  20. Beim Radfahren spüre ich, dass ich das Leben liebe.
Christoph Brumme, «111 Gründe, das Radfahren zu lieben», Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2014, 227 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-86265-360-7, ca. Fr. 12.-

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...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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