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Ein Velo über 5000 Franken – dekadent?

Was darf ein wirklich gutes Velo kosten? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Im aktuellen Fahrradmagazin «Trekkingbike» findet Gerd Epperlein aus Aue im deutschen Bundesland Sachsen in einem Leserbrief, ein Fahrrad für 4446 Euro – das entspricht gut 5300 Franken – sei «doch dekadent». Dafür bekomme man auch ein geländegängiges Zweirad mit Benzinmotor. Und: Da laufe doch langsam was aus dem Ruder, oder?  Leser Epperlein bezieht sich mit seiner Bemerkung auf das Tout Terrain Silkroad Rohloff, das in der «Trekkingbike»-Ausgabe zuvor vorgestellt und das Prädikat «super» erhalten hatte.

Nun, 5300 Franken für ein Gefährt, das man selber in Bewegung bringen muss, sind tatsächlich eine Menge Geld. Was soll man aber von der Kritik halten?

  • Sie zeugt von der motorgetriebenen Durchdrungenheit einer Gesellschaft, die das Velo nach wie vor in die Arme-Leute-Ecke drängt und dieses keinesfalls als Ausweg aus dem Stau ansieht.
  • Sie zeugt vom Missverhältnis der Preise für die Mobilität bzw. unserem toten Winkel in dieser Hinsicht: Für zwei Tonnen Blech, die zumeist nur eine Person von A nach B transportieren, werfen wir ohne mit der Wimper zu zucken alle paar Jahre zehntausende von Franken auf. Dies sind uns Qualität und Prestige wert. Aber für ein gutes Velo bleibt da natürlich wenig mehr übrig.
  • Sie zeugt von unserer Vergesslichkeit in der vorerwähnten Hinsicht: Als sich mein Vater Ende der fünfziger Jahre sich einen soliden Dreigänger kaufte, kostete ihn dieser um die 400 Franken. Das entsprach damals seinem Monatslohn. Der Dreigänger tat bis weit in die siebziger Jahre seinen Dienst.
  • Sie zeugt davon, dass die Veloindustrie und -händler noch viel zu tun haben: Ein wirklich alltagstaugliches Velo ist ein Premiumprodukt, das man – ebenso wenig wie sein Auto – nicht im Warenhaus kauft,  sondern im Geschäft seines Vertrauens. An dieser Positionierung ist zu arbeiten.

Auf höherer Stufe wird ein Velo heutzutag nicht einfach gekauft, sondern erst einmal evaluiert. Daran bin ich zurzeit. Ziel ist, mit Beginn der Saison 2015 umzusatteln. In den Augen des oben erwähnten Leserbriefschreibers werde ich mich nach Bezahlung der Rechnung als dekadent bezeichnen lassen müssen. Seis drum. Es gibt Schlimmeres.

 

 

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Dominik,

    das ist ja lustig, denn ich habe heute morgen diesen Leserbrief auch gelesen und habe darüber nachgedacht. Deine Argumente sind logisch und nachvollziehbar, aber ein bisschen kann ich die Reaktion verstehen. Ein Falkenjagd, ein Koga, ein Norwid – da kommen schnell mal über 4.500 Euro zusammen. Aber natürlich haben die auch eine sehr lange Lebenszeit. So ein Rad wird dann ja mitunter viel länger gefahren, als ein Auto und somit ergibt sich ein vernünftiger Durchschnittspreis auf die Länge der Nutzung gerechnet.

    Ich bin ähnlich wie Du derzeit dabei Optionen für ein Umsatteln zu prüfen. Und obwohl ich den Markt ganz gut kenne, bin ich doch von den recht hohen Preisen manchmal überrascht. Andererseits reden wir hier dann auch über Handarbeit und auch immer noch über Fahrradteile, die nicht in hohen Stückzahlen produziert werden. Da ist der Preis angemessen aus meiner Sicht.

    Und ein ganz emotionales Argument: es ist halt schon schön, ein besonderes Rad zu fahren, ein individuelles Rad. Da lässt man sich Liebhaberei und Nutzen halt mal was kosten, auch wenn man weiß, dass es vielleicht ein 250 Euro Rad auch getan hätte 😉

    Und wenn man sich die Preise im Rennradbereich mal anschaut und sich bei Amateurradrennen die Boliden anschaut – dann sind wir mit Preisen zwischen 4.500 und 5.000 Euro noch recht „günstig“ und bekommen dafür Räder, die nicht nur auf der Straße fahren und zudem auch noch Gepäck transportieren können. 😉

    Viele Grüße,
    martin

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    • Hallo Martin, danke für deine Bemerkungen, die ich nur bestätigen kann. Was das emotionale Argument betrifft: Wenn ich mein Rad auf Mass bei einem kleinen Rahmenbauer oder zumindest bei einer in der Nähe angesiedelten, kleinen Schmiede fertigen lasse, spielt das ebenfalls eine grosse Rolle. Da setze ich auf solides Handwerk, da trage ich dazu bei, den Kreis klein zu halten, da ist die Freude darüber, einen solchen Rahmenbauer/eine solche Schmiede mitzuerhalten, ebenso viel wert wie das Rad selbst. Ich wünsche Dir allzeit gute Fahrt!

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  2. Rein objektiv betrachtet kann ich schon verstehen, dass ein Rad im Vergleich zu einem motorisierten Fahrzeug teuer erscheinen kann. Immerhin erhält man beim Motorfahrzeug in der eher preiswerten Klasse mehr Technik und Material pro EUR (oder SFR) als bei einem Fahrrad für 4500 EUR.
    Dass man da Äpfel mit Birnen vergleicht steht auf einem anderen Blatt. Und dass nicht wenige Leute wirklich absurde Beträge für Autos ausgeben sowieso. Wenn jemand mit einem Porsche/AMG/weisnichwas für mehr als 150.000 EUR rumfährt mokiert sich niemand über den Preis.

    Simon

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