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Zweistöckige Autobahnen: Ja. Aber bitte mit Veloweg dazwischen

Schlagzeilen verursachen immerhin keinen Stau. Höchstens im Denken.

Was unsereins über die Medien verkehrspolitisch entgegenfährt, auf zwei und vier Rädern, mit und ohne Motor, reiss‘ ich gern heraus, legs aufs Beiglein, mache mir meine Gedanken dazu und lasse dieselben reifen. Manches wird nach geraumer Zeit entsorgt, anderes darf auf die Ablage. Dort wird es, irgendwann, neu entdeckt und neu gelesen. Gelegentlich lässt sich dann feststellen: Die Einsicht wächst. Öfter allerdings: Die Resistenz dagegen auch.

Am 14. April, zum Beispiel, hat der VCS Luzern eine Studie vorgelegt, die das Umsteigepotenzial auf den öffentlichen Verkehr als erheblich bezeichnet und fordert, letzteren stark auszubauen und die Parkplätze teurer zu machen. So werde es attraktiver, mit Bahn und Bus zu fahren statt mit dem Auto. Der Wirtschaftsverband der Stadt Luzern bezieht dagegen sogleich Position: Eine Zwangsumlagerung könne er nicht unterstützen. Jeder Verkehr seit wirtschaftlich notwendig. Bloss jener auf dem Velo nicht, ist man geneigt anzufügen. Und denkt sich: Die Betonfraktion wird sich so lange gegen freiwilliges Umlagern wehren, bis es ohne Zwang nicht mehr geht.

Am 24.April schlägt der Aargauer Fuhrunternehmer und SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner via «20 Minuten» vor, mit zweistöckigen Autobahnen das Stau-Problem zu lösen.  Der Velofahrer findet: Tolle Idee. Aber nur, wenns zwischen beiden Stockwerken Platz für richtungsgetrennte Velowege hat. Wenn schon, denn schon.

Am 4. Mai stellen Stadt und Kanton Luzern ein Gesamtverkehrskonzept für die Agglomeration vor. Sie wollen mit mehr Ampeln den Verkehr dosieren und den Busverkehr bevorzugen. Sechs Tage später moniert der Präsident der Jungfreisinnigen in einem Leserbrief, dies seien «Ideen aus der Mottenkiste». Er schlägt allerdings auch vor, es müsste erhoben werden, «wieso viele Automobilisten weiterhin durch die Stadt fahren, beziehungsweise was deren Ankunfts- und Abfahrtsort ist». Das findet auch der Velofahrer. Und befürchtet aber, der freisinnige Jungspund würde die Antworten aus dieser Erhebung bestimmt zerzausen, weil sie nämlich unbequem sein würden. Viele Automobilisten fahren motorisiert in die Stadt, weil sie mit dem öffentlichen Verkehr zu langsam sind und weil es keine sicheren Veloverbindungen gibt.

Vielleicht könnte da der neue Mann in der Luzerner Regierung, SVP-Vertreter Paul Winiker, Abhilfe schaffen. Dieser lässt sich zwei Tage nach seiner Wahl  auf dem Velo in «20 Minuten» zeigen und mit der Forderung zitieren, Velowege müssten komfortabel und sicher sein. Velowege gehörten bei einer «gescheiten Gesamtverkehrspolitik» dazu. Finden wir auch. Warten aber mal ab, in welcher Priorität Herr Winiker das meint.

Wiederum in «20 Minuten», am 20. Mai,  äussert sich Andreas Brunschwiler, Sprecher des Komitees «Stadttunnel Zug – nein danke» gegen das 890-Millionen-Projekt, über das die Zuger am 14. Juni abstimmen. Man müsse aufhören, den motorisierten Innenverkehr in der Innenstadt zu favorisieren. «Das macht europaweit keine Stadt mehr.» Doch. Wir schon. Aber Zug ist ja auch keine Stadt.

Dank Monarchie zu mehr Velowegen?

Mit Blick auf die Velo-Initiative, über die der Kanton Zürich ebenfalls am 14. Juni abstimmt, schildert die «NZZ am Sonntag» am 17. Mai auf einer Doppelseite, wie grosse europäische Städte den Veloverkehr fördern. In Kopenhagen, dem Vorzeigebeispiel, beträgt der Anteil des Velos am Gesamtverkehr mittlweile 35 Prozent. Hiesige Regierungsverantwortliche wenden angesichts solcher Zahlen immer als erstes ein, weshalb diese bei uns sicher nicht erreichbar wären, statt Visionen zu entwickeln, was erreicht werden müsste und könnte. Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger etwas erklärt: «Zürich ist nicht Kopenhagen und wird es nie sein. Es fehlt an königlichen Alleen aus früherer Zeit und somit am Platz.»
Ach herrjeh und also gut, Herr Leutenegger. Führen wir eben die Monarchie ein und reden in 150 Jahren wieder über das Thema. Ein Leserbriefschreiber bringt es zwei Wochen später auf den Punkt: «Wenn in einer solchen Stadt mit lückenhaft aufgemalten gelben Streifen und ohne Konzept für Velofahrer ein Politiker sagt, es sei nicht möglich, den Veloverkehr zun fördern, dann zeigt das nur eines: fehlender Wille, etwas daran zu ändern.»

In der Mai-Ausgabe von «gump», der Zeitung der Stiftung für soziale Innovation in Bern (Velos für Afrika usw.), sagt eine darin porträtierte Praktikantin, seit sie mit dem Velo zur Arbeit fahrem komme, gelange sie am Morgen geistig frischer und glücklicher ins Büro. Dieses Rezept  verschreiben wir gerne flächendeckend, alters- und parteiübergreifend. Es wirkt. Und statt zu kosten, zahlt es sich aus.

Das Radnetz in der Schweiz ist unterentwickelt.

In einem Interview mit dem «Migros-Magazin» vom 18. Mai zum Thema Städtebau sagt der niederländische, in Zürich lebende ETH-Professor Kees Christiaanse über das Radnetz in der Schweiz: «Es ist unterentwickelt. Und die Sicherheit für Radfahrer ist in der Schweiz katastrophal. Wenn ich hier auf dem Trottoir fahre, ist das normal. In den Niederlanden erhalte ich dafür sofort einen Strafzettel. Der aktuelle E-Bike-Boom rechtfertigt nun definitiv keine Ausreden mehr, in den Schweizer Städten nicht auch durchgehend Velowege zu schaffen.»

Auf dem Fahrrad-Blog der Online-Ausgabe der «Zeit» in Deutschland fügt Autorin Andrea Reidl am 21. Mai unter dem Titel «Das Ende der autogerechten Stadt» an: Radfahren werde in der Stadt der Zukunft eine wichtige Rolle im Mix der Verkehrsmittel spielen. Darin seien sich Politiker, Zukunftsforscher, Stadt- und Verkehrsplaner einig. «Über den Ausbau der Infrastruktur und dem Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr allerdings gehen die Meinungen auseinander», stellt Reidl fest. Und: «Gerade in autoaffinen Nationen wie Deutschland braucht es nicht nur einen Wandel auf der Straße, sondern auch einen Kulturwandel in den Köpfen der Menschen.»

Das trifft auch auf die Schweiz zu und kann nun allerdings dauern. Vielleicht aber nicht mehr lange. Im selben Beitrag zitiert die «Zeit» Steffen de Rudder von der Bauhaus Universität in Weimar mit folgender Aussage: «Wir befinden uns an einer Verkehrswende. Die Epoche der autogerechten Stadt neigt sich nach fast einem halben Jahrhundert dem Ende zu.»

Möchte diesen Aussage von irgendwem noch irgendwas beigefügt werden? Man benütze dazu das unten stehende Kmmentarformular.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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