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Nach der Eurobike ist zurück im tristen Veloalltag

Mitbringsel von der Eurobike: Schöne Prospekte von schönen Velos. Mit denen aber auch Leute rumfahren sollen.

Autosalons wirken. Velomessen leider nicht. An Autosalons reisen die Besucherinnen und Besucher im Auto an und kaufen danach ein neues. Damit fahren sie auf Strassen, die ihnen der Staat baut, und so rollen sie für gewöhnlich schnell und sicher durch den Alltag. Politik und Wirtschaft schalten ihnen die Ampeln grün.

An Velomessen wie der Eurobike vergangene Woche reisen ganz viele Besucherinnen und Besucher ebenfalls im Auto an und kaufen danach aber kein neues Velo. Das Velo macht hier Geschäfte, nicht Verkehrspolitik, und das ist der Stimmungsdämpfer für unsereins. Selbstredend bin ich auch dieses Jahr in die Fülle eingetaucht, welche die weltweit wichtigste Messe der Fahrradindustrie seit über 20 Jahren bietet. Und mit der gewohnten Ernüchterung wieder abgereist. Wie das Velo dazu beitragen kann, die Verkehrsknoten in den Städten und Agglomerationen zu lösen, war an der Eurobike wiederum nur am Rand ein Thema. Bloss zwei der  Fachvorträge befassten sich mit der Verkehrsplanung. (*)

Irgendwie, scheint mir, gehen da zwei Dinge aneinander vorbei: Die Velovielfalt wird immer grösser, die Technik stetig ausgereifter − aber wie und wo der Mensch damit sicher unterwegs sein kann, scheint kein Thema zu sein. Gut, für derlei Fragen gibts jährlich die Velocity-Konferenz, wie sie Anfang Juni in Nantes stattfand. Vielleicht müsste man die beiden Veranstaltungen mal zusammenlegen. Da steckte Potenzial drin.

Ein Ungleichgewicht, das aggressiv macht

Mit dieser Feststellung tue ich den zahlreichen auch verkehrspolitisch engagierten Ausstellern womöglich Unrecht – ich bitte sie höflichst um Verzeihung. Aber das Ungleichgewicht zwischen Autopräsenz und Veloförderung ist nach wie vor gross und birgt ein grosses Aggressionspotenzial . Es bricht sich auch in mir immer mal wieder Bahn, wenn ich am Feierabend mich durch den Stadtstau schlängeln und auf dem Veloweg (!) vor ungeduldigen Autofahrern notbremsen muss. In Basel hat dieses Ungleichgewicht dieser Tage mal wieder für gehässige Leserkommentare geführt, in Zürich motivierte es im Juni die Stadt-Redaktion, eine «Velokarte der Angst» zu zeichnen. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Ich weiss keine Ausfahrt aus dem Dilemma, ausser morgen wieder selbst in den Sattel zu steigen und bei den Wahlen jeweils die richtige Liste einzulegen. Um weitere sachdienliche Hinweise wird gebeten.

(*) Der eine befasste sich mit psychologischen Aspekten der Verkehrsplanung. Studien zeigen, dass die Wahl des Verkehrsmittels wesentlich davon beeinflusst wird. Es ging um die Frage, welche Anforderungen sich daraus ergeben an die Veloinfrastruktur und Marketingmassnahmen. Der zweite Vortrag unter dem Titel «Die Rückbesinnung aufs Fahrrad» befasste sich mit der «Transformation internationaler Metropolen zu Radfahrstädten und was Deutschland daraus lernen kann».

P.S.: 2014 wurden gemäss Bundesamt für Statistik in der Schweiz 396’588 Strassenmotorfahrzeuge neu in Verkehr gesetzt (davon 304’083 Personenwagen). Im selben Jahr waren rund 5,8 Millionen motorisierte Strassenfahrzeuge immatrikuliert (ohne Motorfahrräder), davon 4,4 Millionen Autos. Deren Bestand hat seit 1980 um 95 Prozent zugenommen. Der Branchenverband Velosuisse verzeichnete 2014 total 325’000 Veloverkäufe. Das sind zwar mehr als 2013 (318’000), aber weniger als 2012 mit 348’000 und 2011 mit  351’000.

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Eine Patentlösung für mehr Fahrräder in den Großstädten und weniger Autos gibt es wahrscheinlich nicht und man kann die Leute auch nicht zwingen, in der Stadt auf das Auto zu verzichten und lieber Rad zu fahren. Man kann höchstens Anreize seitens der Stadtpolitik setzen, wobei es auch da große Unterschiede gibt und während ich zum Beispiel in Münster wie selbstverständlich lieber mit dem Rad auch in der Innenstadt unterwegs bin, würde selbst ich in Großstädten im Ruhrgebiet aufgrund der wenig vorhanden Radwege sogar lieber Auto fahren, obwohl auch das dort sehr stressig ist. Je besser die Infrastruktur für Radler in den Innenstädten vorhanden ist, desto eher wird sich auch die Anzahl der Fahrradfahrer erhöhen. Ich kann nur für Deutschland sprechen und da macht das Radeln in einigen Großstädten nicht wirklich Spaß und es muss noch eine Menge verbessert werden.

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