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Auf der Rikscha aus dem Heimalltag

Auf der Rikscha sitzen die Gäste vorn. So haben sie die beste Übersicht und werden unterwegs als Erste angesprochen. (Bild: Radeln ohne Alter)

Velofahren ist keine Frage des Alters. Kann Mann und Frau nicht mehr selbst in die Pedale treten, lässt er oder sie sich eben kutschieren. Über diese Idee – «Radeln ohne Alter» habe ich hier berichtet. Jetzt ist im «Velojournal» mein Beitrag dazu zu lesen. Oder hier (wobei: Ein «Velojournal»-Abo ist für den Freund und die Freundin der vernünftigen Fortbewegung natürlich Pflicht.)

Velofahren bringt frische Luft ins Leben. «Radeln ohne Alter» will mit dieser Überzeugung Bewegung in den Alltag von Alters- und Pflegeheimen bringen. Die Idee aus Dänemark kommt jetzt in die Schweiz – zuerst nach Schaffhausen und ins Bündnerland.

Ein Stündchen im weitläufigen Wald hinter dem Heim? Ein Ausflug an den Rheinfall? Geht nicht mit dem Rollator. Aber mit einer Rikscha: Die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims La Résidence im Schaffhauser Quartier Herblingen können sich damit schon bald da- oder dorthin kutschieren lassen, wenn ihnen der Sinn nach Abwechslung steht. Zu zweit werden sie vorne auf der roten Bank Platz nehmen, unterwegs mit dem Piloten ein wenig plaudern, auf der Strasse ein bekanntes Gesicht treffen oder einen Kaffee dort trinken, wo man früher beim Einkaufen jeweils auf einen Schwatz einkehrte.

«An der frischen Luft sein. Den Wind um die Ohren spüren»: Heimleiter Rainer Krause, selber begeisterter Velofahrer, ist die Vorfreude auf den Tag anzuhören, an dem die bestellte Rikscha das erste Mal vorfährt. An der Kilbi Ende September stellen das «Résidence» und die reformierte Kirchgemeinde, die das Projekt mitträgt, «Radeln ohne Alter» vor. Sozialdiakonin Beatrice Zingg ist sich gewiss, dass die Idee ankommt. Die Rikscha-Fahrten brächten neue Lebensqualität in den Heimalltag. «Sie holen die Menschen aus dem Haus. Es kommt zu Begegnungen und Gesprächen, Beziehungen entstehen.» Auf die Räder kommt «Radeln ohne Alter dann im Frühling 2016.

«Radeln ohne Alter» bringt unterschiedlichste Menschen und Generationen zusammen.

Krause und die Kirche stellen die Organisation gemeinsam auf die Beine. Unterstützt werden sie dabei von Anina Flury. Die 27-jährige Marketing- und Kommunikationsfachfrau aus dem Engadin ist daran, «Radeln ohne Alter» in die Schweiz zu bringen. Bei ihr liefen die Drähte heiss, nachdem die «NZZ am Sonntag» im März über die Idee aus Dänemark berichtet hatte. Flury selbst war darauf gestossen, nachdem sie im Sommer 2014 nach dem Studium nach Kopenhagen gezogen war. Dort entdeckte sie, «wie das Velo eine Stadt lebenswert macht», verschaffte sich einen Job bei Copenhagenize-Gründer Mikael Colville-Andersen und lernte «Radeln ohne Alter»-Initiant Ole Kassow (siehe Kasten) kennen. Flury war von der Idee begeistert: «Das Velo bedeutet Mobilität und damit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben», erklärt sie. Und «Radeln ohne Alter» bringe unterschiedlichste Menschen und Generationen zusammen.

In Zürich, wohin Flury im Mai der Liebe wegen wieder gezogen war, machte sie sich als erstes an die grösste Hürde, die Typenprüfung der Rikscha. Die dreirädrigen Velos werden in Kopenhagen hergestellt, sind mit einem Hilfsmotor bis 25 km/h ausgerüstet und dürfen mit der Töffliprüfung gefahren werden.

Für «Radeln ohne Alter» wurde ein gemeinnütziger Trägerverein gegründet, der insbesondere die beteiligten Alters- und Pflegeheime sowie die Piloten vernetzen soll. Sie träume von dem Tag, sagt Flury, «an dem auch ich hier in der Schweiz Senioren und Seniorinnen aus unterschiedlichen Alters- bzw. Pflegeheimen zusammenzubringen und ihnen bei einer mehrtägigen Tour wieder einmal Ferien ermöglichen kann.» Dieses Jahr habe so in Dänemark eine Fahrt von Rønde nach Arendal in Norwegen stattgefunden.

Dass – wie in Schaffhausen – Begeisterung dafür die beste Voraussetzung ist, zeigt das Beispiel Graubünden. Hier soll es «Radeln ohne Alter»-Projekte gleich in vier Gemeinden geben: Arosa, Chur, Poschiavo und Schiers-Jenaz. Dahinter steht einerseits das lokale Energieunternehmen Repower, das die Rikschas finanziert, anderseits das kantonale Gesundheitsamt. Marianne Lüthi, Programmleiterin Gesundheitsförderung und Prävention im Alter, ging es gleich wie dem Schaffhauser Pfarrer, als sie im März von «Radeln ohne Alter» las: «Das müssen wir haben», sagte ich mir. Lüthi findet, vor allem die unterschiedlichen Zielgruppen machten «Radeln ohne Alter» spannend. «Die Rikschafahrten sind gut fürs Wohlbefinden der Senioren und den Piloten verschaffen sie Bewegung.» Die Zusammenarbeit mit Pro Velo, Veloclubs und Fachhändlern sowie anderen Organisationen vernetze zudem das Projekt in den Gemeinden.

Dies ist ganz im Sinne von «Radeln ohne Alter»-Gründer Ole Kassow. Was ihn am meisten erstaunt habe, erklärt er auf der Website des Projekts, sei, «wie einfach man mit einem Fahrradausflug einen tiefgreifenden, positiven Effekt auf die Lebensqualität von Menschen haben kann. Nicht nur für die älteren Leute, die aus ihrer sozialen Isolation ausbrechen können. Auch für die Freiwillige, die Freude verspüren, anderen – aber auch sich selbst – etwas Gutes tun zu können.»

«Eine Idee, die der Schweiz gut tut»

«Radeln ohne Alter» ist eine Idee aus dem Land ohne Grenzen fürs Velo: Dänemark. Freiwillige laden Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen dazu ein, die Umgebung, in der sie ihr Leben lang gelebt haben, von einer Rikscha aus wieder zu entdecken. Generationen kommen dabei ins Gespräch, erzählen einander ihre Geschichte(n) und bauen Brücken zueinander. «So entsteht Gemeinschaft in einer Gesellschaft, die von Vereinzelung geprägt ist», sagt Anina Flury, welche die Idee nun in die Schweiz bringt. «Radeln ohne Alter tut der Schweiz gut», ist sie überzeugt. «Weil es unserer Schrebergartenkultur entgegenwirkt.»

Velofahren soll keine Altersfrage sein

Die Geschichte hinter «Radeln ohne Alter» beginnt damit, dass Ole Kassow auf seinem Arbeitsweg in Kopenhagen einen alten Mann bemerkt, der jeden Morgen auf einer Bank sitzt. Er kommt mit dem 97-jährigen Thorkild ins Gespräch und erfährt, dass dieser früher viel Velo fuhr. Doch irgendwann musste er es aufgeben: die Beine wollen nicht mehr, der dichte Verkehr macht Angst – das Alter eben.

Das bringt Kassow auf eine Idee. Im August 2013 fährt er mit einer gemieteten Rikscha vor einem Altersheim vor und ist Augenblicke später mit einer betagten Dame unterwegs, die sich wünscht, zur Hafen-Promenade gefahren zu werden, wo sie früher, wie alle Kopenhagener, am Sonntag mit ihrem Velo unterwegs gewesen sei, um ein bisschen zu bummeln. Damit ist «Radeln ohne Alter» geboren. Er habe viele Geschichten von älteren Menschen gehört, die schweren Herzens das Velofahren hätten aufgeben müssten, erzählt Ole Kassow. «Es waren Geschichten über die Sehnsucht nach Freude, Freiheit und persönlicher Mobilität.»

Die Idee, diese Menschen zurück aufs Velo zu bringen, schlägt ein: Die Stadt Kopenhagen finanziert fünf Rikschas, die Medien berichten, die Freiwilligen melden sich. Heute stehen in über 50 dänischen Gemeinden 2000 Pilotinnen und Piloten mit mehr als 300 Rikschas im Einsatz. «Radeln ohne Alter» gibt es auch in rund 30 Städten ausserhalb von Dänemark – selbst in Asien, Nord- und Südamerika, Neuseeland und Australien.

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Sie bringt «Radeln ohne Alter» in die Schweiz: Anina Flury auf einer Rikscha, wie sie für das Projekt eingesetzt wird. (Bild: zvg)

Sie bringt «Radeln ohne Alter» in die Schweiz: Anina Flury auf einer Rikscha, wie sie für das Projekt eingesetzt wird. (Bild: zvg)

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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