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Die (öko-)logische Verkehrswende

Wer soll Vorfahrt haben? Die Politik muss sich entscheiden. (Das Bild entstand im Sommer 2014 in Nürnberg.)

Zwei Beiträge in Sachen Verkehrspolitik hat der Velofahrer vergangene Woche auf seiner Tour durch den Alltag mitgenommen. Er gibt sie hier ungefiltert und unkommentiert wieder.

VCS: Wege aus der Sackgasse finden

Eine «ökologische Verkehrswende» fordert der Verkehrsclub der Schweiz (VCS). Vor den Medien erklärte er am Freitag (4. September 2015), die Umorientierung des Verkehrswesens sei der einzige Ausweg aus der Sackgasse des Verkehrswachstums, heisst es in der Medienmitteilung. Daraus zitieren wir (gekürzt) weiter:

Der Verkehr sei einerseits nützlich und trage zur Lebensqualität und der wirtschaftlichen Entwicklung bei. Andererseits verbrauche er zu viel Energie und verursache rund 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Schweiz, stellte VCS-Präsidentin und Nationalrätin Evi Allemann fest. «Zudem steigen die Kosten des Verkehrs an, insbesondere wenn man die Infrastrukturen massiv ausbauen möchte und gleichzeitig die bestehende Infrastruktur unterhalten und modernisieren muss.» Es stelle sich die Frage, ob immer mehr Fahrwege tatsächlich einen zusätzlichen ökonomischen Nutzen bedeuten.

«Damit der Verkehr klimafreundlich und ökologisch gestaltet werden kann, muss sich die Verkehrspolitik endlich nach neuen Massstäben orientieren», forderte Evi Allemann. «Wir müssen auf neue Technologien setzen statt auf Asphalt und Beton. Neue Entwicklungen gibt es sowohl bei der Fahrzeugproduktion wie auch bei Infrastruktur und Verkehrsmanagement.» Der öffentliche Verkehr lege an Marktanteil und Akzeptanz zu, eine weitere Verlagerung von der Strasse auf die Schiene müsse folgen. So wie in der Energiepolitik in rund zehn Jahren ein Wandel erfolgte, muss aus Sicht des VCS nun dringend auch eine ökologische Verkehrswende aufgegleist werden.

Dagegen stemme sich die Auto- und Betonlobby vehement mit Volksinitiativen wie auch mit Offensiven im Parlament. (…) Angesichts von drei Volksabstimmungen im kommenden Jahr sei auch ein Rückfall in die ungebremste Automobilität der 1960er Jahre möglich. Die «Milchkuh-Initiative» peile einen Autobahnausbau zu Lasten der Bundesfinanzen an. Zuvor könne die Abstimmung über eine zweite Autobahnröhre durch den Gotthard ein falsches Signal einer Rückverlagerung von der Schiene auf die Strasse setzen. (…)

Dass es einige ökologische Ansätze gibt, zeigte VCS-Vorstandsmitglied Anne Mahrer. So sind dank VCS-Initiativen (…) in Wohnsiedlungen vielerorts in der Schweiz nachhaltige Quartiere entstanden und der Velo- und Fussverkehr verbessert worden. Der VCS (…) setze sich derzeit für die Velo-Initiative ein. Solche Ansätze gelte es auszubauen zugunsten einer Mobilität im Dienste aller Verkehrsteilnehmenden.

«Welt»: Neue Strassen bringen noch mehr Autos

Bemerkenswert ist ferner, was die «Welt» am Samstag (29. August 2015) unter dem Titel «Warum Radfahrer für jede Metropole ein Segen sind» festhält. Die deutsche Zeitung fragt, weshalb das Fahrrad in Kopenhagen so beliebt wie in keiner anderen Stadt. Im Gespräch mit der «Weltۚ» hält der Stadtplaner und Architekt Jan Gehl unter andern fest: « Stadtplaner müssen sich darüber klar sein, dass jede Strasse, die neu für Autos gebaut wird, nicht der Verkehrsentlastung dient, sondern nur noch mehr Autos in die Stadt bringt.»

Nach dem Krieg habe das Ideal der «autogerechten Stadt» mit seinen Autoschneisen weiter dazu beigetragen, dass die in Jahrhunderten gewachsenen europäischen Städte für ihre Bewohner immer unwirtlicher wurden, schreibt die «Welt» weiter. «Um das Leben in einer Stadt zu ersticken, gibt es keine effizienteres Mittel als Autos und Wolkenkratzer», sagt Gehl gegenüber der «Welt». In seinem soeben erschienenen Buch «Städte für Menschen» schildert er, wie es der Stadtverwaltung von Kopenhagen gelang, ihre neue Verkehrspolitik durchzusetzen.

Ausprobieren und Erfahrungen sammeln lassen

Deutsche Fachleute empfehlen in dem Artikel reversible Lösungen wie zum Beispiel Testphasen für die Umstellung auf autoarme oder -freie Verkehrsführungen in den Innenstädten. So könnten Geschäftsleute ihre Skepsis überwinden und würden Anwohner nicht überfordert. Sie könnten das neue Verkehrskonzept auf einer grossen Strass für ein paar Wochen ausprobieren und dann prüfen, wie sich die Umstellung auf die Wohnqualität, den Umsatz der Geschäfte und das allgemeine Wohlbefinden ausgewirkt habe.

Was in der «Welt» weiter ein Hamburger Verkehrsplaner sagt, lässt sich auch auf die Schweiz übertragen: Das Stadtgebiet werde von den Experten hauptsächlich als technischer Raum wahrgenommen, den es zu regulieren gelte. «Dabei kommt die gestalterische Ästhetik oft zu kurz». Es gehe ihm aber nicht um die Verteufelung des Autos, sondern um die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer.

Primat für den Langsamverkehr

Die «Welt» zitiert schliesslich den Architekten Christoph Ingenhoven, der eine 19-Punkte-Liste aufgestellt habe, die deutsche Städte so attraktiv wie Kopenhagen machen solle. Die «Welt» schreibt: «Neben dem Primat von Fussgängern, Radfahrern und öffentlichen Verkehrsmitteln vor dem des Autoverkehrs, wünscht er sich unter anderem ein Auto-Abstellverbot im öffentlichen Strassenraum wie in Tokio, eine Aufhebung des Ladenschlussgesetzes, massive Investitionen in die Qualität des öffentlichen Raums, in öffentliche Gebäude und Grünanlagen, ein radikales Programm zur Nachverdichtung durch Aufstockung von Häusern, um mehr Wohnraum zu schaffen, ein Verbot grossflächiger Werbung und ein Gebot, die Städte bis 2025 CO2-neutral zu machen, wie es Kopenhagens Stadtverwaltung plant.»

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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