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Die Politik lobt das Velo. Sie möge es aber auch fahren

Die EU-Transportminister an ihrer Tagung am 7. Oktober 2015 in Luxembourg. Ob sie die Dinger selbst auch fahren, die da in der Mitte ihres Kreises stehen? (Bild: European Cyclist Federation)

20 europäische Verkehrsminister und Staatssekretär sitzen in einem Kreis um sechs Velos herum und loben dieses als klimafreundliches Transportmittel. Welch ein Bild, welche Übereinstimmung mit der verkehrspolitischen Wirklichkeit! Die sechs Stahlrösslein

reichen natürlich nie und und nimmer für alle. Der Holländer und Däne werden sich mit je einem aus dem Staub gemacht haben, bevor der Franzose und Italiener eines auch nur aufs Dach ihrer Limousinen geschnallt haben werden. Bleiben noch zwei, von denen der deutsche Minister mit keinem abfahren wird, weil er gar nicht mit im Kreis sitzt. Die werden am Ende also wohl übrig bleiben und der Aktion «Velos für Afrika» zugesprochen werden.

Das sind nun natürlich boshafte Zeilen, aber die überquellende Zuversicht, mit denen die European Cyclists Federation den ersten europäischen Fahrradgipfel vom 7. Oktober 2015 in Luxemburg ankündigte, der hier erwähnt wird, mag ich nicht teilen. Die Zusammenkunft sei «ein grosser Meilenstein, wenn nicht gar ein historischer Anlass auf dem Weg dahin, den Anteil des Veloverkehrs in Europa zu verdoppeln», hatte die ECF vor der Versammlung verkündigt. (*)

«Cycling activities» in der Pause

Der «EU Cycling Summit» dauerte genau einen halben Tag. Vom Programm, das um 13.15 begann und um 18 Uhr mit einer Medienkonferenz endete, waren eine halbe Stunde für die Einführung reserviert, anderthalb für zwei Referate und eine Stunde für die schliesslich verabschiedete «Erklärung über das Velo als klimafreundliches Transportmittel». Dazwischen gabs eine dreiviertel Stunde Pause für ein «Family photo» (sic!) und einige «Cycling activities». Dabei hätten die Ausführungen des dänischen Stadt- und Verkehrsplaners Jan Gehl und des Velobotschafters von Kopenhagen, Mikael Colville Anderson (Copenhagenize Design Company) zweifellos mehr Stoff als nur für ein paar Radumdrehungen hergegeben.

Und was steht nun in dieser Velo-Erklärung? Nichts, was wir nicht schon lange wissen. Das Velo entlaste die vom motorisierten Verkehr verstopften Städte, es sei, nach dem Zu-Fuss-Gehen das günstigste Transportmittel und führe nur zu geringen Infrastrukturkosten. «Wenn man berücksichtigt, dass in den meisten europäischen Ländern die Hälfte aller Autofahrten kürzer als fünf Kilometer sind und in den Städten mehr als die Hälfte der Autofahrten mit dem Velo zurückgelegt werden könnten, besteht ein signifikantes Potenzial dafür, den Anteil des Velos am Gesamtverkehrs zu erhöhen und so die Lebensqualität zu verbessern.»

Klar. Sind wir einverstanden.

Mit bekannten Feststellungen dieser Art geht es weiter. Das Velo sei gut für die Gesundheit und schaffe nachhaltige Arbeitsplätze.

Klar. Und aber altbekannt.

Der «Action plan», der sodann folgt, ist zum Glück mit sieben Punkten auf anderthalb Seiten so knapp und allgemein gehalten, dass die Herren Verkehrsminister dafür umso mehr Zeit haben, um das Radeln in ihren Städten eins zu eins zu er-fahren und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Fahrrad sei in die Verkehrskonzepte einzubeziehen, es brauche Programme für den Bau der notwendigen baulichen Einrichtungen und für Verhaltensänderungen. Die Massnahmen fürs Velo müssten europaweit aufeinander abgestimmt werden, so, wie dies beispielsweise die Cycling Embassy in Dänemark tue, damit die Staaten voneinander profitieren könnten. Alle Mitgliedstaaten bräuchten solche «Velobotschaften», um Initiativen fürs Velo zu sammeln, gute Ideen weiterzuverbreiten und mit der zu bildenden europöischen «Velobotschaft» (European focal point for cycling) zusammenzuarbeiten. Schliesslich müssten die Staaten sicherstellen, dass sie bei ihren Bauten für den Verkehr das Velo berücksichtigten, um das Netz von Velorouten immer dichter zu machen.

Klar. Begrüssen wir.

Und sind deshalb zuversichtlich, dass «bald» alles besser werden wird. Dies‘ kleine Wort ist schliesslich so geduldig wie es das Papier, auf das die Herren (und wenigen Damen) ihre Erklärung notiert haben.

(*) Wenn ich, um von zwei aktuellen Erfahrungen zu berichten, feststelle, dass die schwedische Staatsbahn keine Velos mitnimmt (es ging um die Ferienplanung 2016) oder dass wohl auch über 10’000 Unterschriften nicht ausreichen, um den (weiteren) Abbau der europäischen Nachtzugverbindungen zu verhindern.

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Ein bisschen Radeln in der Konferenz-Pause. Links François Bausch, Verkehrsminisiter von Luxembourg und Initiant des «EU cycling summit». (Bild: pd)

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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