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Philosophieren übers Velosophieren

Bücher über das Velofahren und seine Vorzüge haben Konjunktur. | © 2015 Dominik Thali

Die Philosophie des Radfahrens»: Der kleine Band klemmt schon Wochen unterm Federbügel meines Gepäckträgers. Vielleicht drum, weil ich so lange darüber nachgedacht habe. Und immer noch nicht weiss, wie ich es damit halten soll. Beziehungsweise: Ich halte es in Sachen velobezogene Philosophie wie Professor Robert Haraldsson: «Vor vier Jahren hörte ich auf, über das Radfahren zu diskutieren, und kaufte mir ein Fahrrad.» Wobei Herr Haraldsson selbst ein Philosoph ist, aber dass er diese Wissenschaft in der isländischen Hauptstadt Reykjavik pflegt, die man gewiss nicht mit Kopenhagen oder Amsterdam vergleichen möchte, aber den Hörsaal Morgen für Morgen per Rad anfährt, das macht den Professor zu meinem Bruder im Geiste, zumal er fünf Seiten weiter notiert: «Morgens Rad zu fahren hilft mir oft, meine Gedanken zu ordnen und zu vereinfachen; Kleinzeug und belanglose Sorgen verlieren sich irgendwo am Wegesrand.»

Robert Haraldsson «Philosophische Lektionen vom Radfahren in der Stadt und auf dem Land» ist einer von 15 Beiträgen in dem «Buch für alle, die es glücklich macht, sich tagtäglich auf den Sattel zu setzen», wie der Mairisch-Verlag schreibt, der den 2010 in den USA erschienenen Band auf Deutsch herausgebracht hat.

Raum für den Fluss der Gedanken

Nun, was unsereins am Radfahren glücklich macht, ist vorab ebendiese Tätigkeit. Dass die Gedanken dabei sich ordnen und neue fruchtbar werden, wie dies Professor Haraldsson erlebt, steigert das Glücksgefühl noch. Es ist also nicht das Lesen über das Glück auf zwei Rädern, sondern das Tun, das Velosophieren, nicht das Philosophieren. Aber es gibt dazu selbstredend unterschiedliche Halt- und Meinungen, und die Nachhaltigkeit einer jeden bemisst sich letzten Endes an den im Alltag pedalierten Kilometern. Denn: «Ich weiss immer mehr über das Radfahren, als ich ausdrücken kann», sagt Peter Hopsicker, Assistenzprofessor für Bewegungswissenschaft an der Pennsylvania State University in Altoona in einem anderen Beitrag. Und: «Radfahren mag keine Philosophen hervorbringen, aber es schafft für Philosophen den Raum, um zu denken und zu wachsen», meint Heather Reid, Vorsitzende des Instituts für Philosophie in Sioux City in Iowa.

Konsequent und tugendreich

Wer also das Radfahren also gerne durch Hirnwindungen treibt und in Gedanken zerlegt, vertieft sich gerne in dieses Buch. Womöglich muss er eben einen Gang zurückschalten, wenn er einen Gelehrten wie den dänischen Philosophen und Soziologen Steen Nepper Larsen trifft, der in seinem Alltag versucht, so der Nachsatz unter seinem Beitrag, «kritische Theorie und Phänomenologie neu zu kombinieren». Oder auf seine akademischen Kolleginnen Catherine Womack und Papa Suyemoto aus Boston, die ihren Beitrag mit dem Titel «Rad fahren wie ein Mädchen» mit dem Hinweis einleiten, in der westlichen Philosophie gebe es drei Hauptzugänge zur Ethik, den Konsequentialimus, die Deontologie und die Tugendethik.

Solche Begegnungen mögen philosophisch spannend sein, meine velosophische Konsequenz und Tugend ist es indes, hier vorzufahren und mir am Ziel die Sache übersetzen zu lassen. Lebte ich in Boston, wie Womack und Suyemoto, gehörte ich dort dem «Radfahrerverband für einfache Leute» an, den die beiden gelehrten Radlerinnen in ihrer Abhandlung erwähnen.

«Und ganz ehrlich: Schreiend einen steilen Berg runterzufahren macht einfach nur Spass.»

In verkehrspolitischer Hinsicht hält sich das Buch fast ganz zurück. Das ist bedauerlich, denn im motorengeplagten unseres Alltags ist das Velo die vielversprechendste Aus-Fahrt. Dazu findet sich auf den rund 200 Seiten nur ein Absatz. Holger Dambeck, Wissenschaftsjournalist beim deutschen «Spiegel», pflichtet dem dänischen Architekten Jan Gehl bei, der den Grad von Lebensqualität auch an das Mass knüpft, in dem sich Menschen zu Fuss oder auf dem Velo bewegen. «Und wenn es öffentlichen Raum gibt, der nur ihnen vorbehalten ist. Der Stresslevel sinkt, die Leute bewegen sich, sie beobachten einander, plaudern, flirten. Das klingt banal, aber es ist genau das, was uns Menschen bewegt.» Dazu passend, gibts von Von Michael Austin, Philosophie-Dozent der Eastern Kentucky University, diesen herrlichen Satz: «Und ganz ehrlich: Schreiend einen steilen Berg runterzufahren macht einfach nur Spass.»

Erfüllung fürs Leben

Diese Erfahrung müssten betonierte Verkehrspolitiker erst einmal machen. Sie würden sich danach womöglich für eine Weile dem isländischen Herrn Professor anschliessen. Und würden, im besten Fall, danach mit Michael Austin halten, der seine Freude am Pedalieren so zusammenfasst: «Für mich ist das Radfahren etwas, das meinem Leben Erfüllung bringt. Aber am Ende ist für mich die vielleicht wertvollste Lehre, dass das Radfahren zwar nicht notwendig ist, um ein erfülltes und bedeutungsvolles Leben zu leben, aber dass es zu einem solchen Leben auf vielfältige Weise beitragen kann.»

Jesus Ilundain Arraguza, Michael W. Austin, Peter Reichenbach (Hg.), «Die Philosophie des Radfahrens», aus dem Englischen von Roberta Schneider, Blanke Stolz u.a., Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung, Bairisch-Verlag, 208 Seiten, ca. Fr. 20.-, ISBN 978-3-938539-26-2

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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