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Die «Reise nach innen» führt von Paris nach Brest und zurück

«Wie eine Meditation»: Claus Czycholl unterwegs bei Paris-Brest-Paris im August 2015. | © 2015 curlypictures.com

615 Kilometer von Paris nach Brest, 615 von Brest nach Paris, macht 1230, die innert höchstens 90 Stunden zurückzulegen sind. «In Ironman ist im Vergleich dazu ein Kindergeburtstag», sagt Michael Kopmann, als er nach 69 Stunden ans Ziel gelangt. Der 36-jährige Atomphysiker kann vergleichen: Er hat drei Ironman-Triathlons hinter sich, als er im August 2015 zum ersten Mal am Langstrecken-Rennen Paris-Brest-Paris startet. «Das Ding hat wirklich meine Grenzen verschoben», stellt er fest. «Die Belastbarkeit ist um einiges nach aussen gerutscht.»

Das Gemeinschaftserlebnis macht es aus
Der Hamburger Filmemacher Michael Reis-Müller hat den legendären Radmarathon im vergangenen Jahr mit der Kamera begleitet. «Brevet» heisst der Streifen, der darüber entstanden ist, «Die Prüfung», für die Reis-Müller die Ausdauerfahrt auf 80 Minuten verdichtet hat. Was den Film sehenswert macht: Er ist keine Sportübertragung, sondern ein Gefüge von Momentaufnahmen, die als Ganzes eine Ahnung davon geben, was solchen sportlichen Gigantismus ausmacht: das Gemeinschaftserlebnis.

Freundschaften schliessen
Am berührendsten verkörpert dieses der 72-jährige Claus Czycholl, eine der drei Figuren, denen sich der Filmer ans Hinterrad heftet. 2015 fährt er zum siebten Mal mit. «Was hier schon Freundschaften entstanden sind in all den Jahren», sinniert Claus. «Besser als Politik» sei das, «da kann man auch gar nichts gewinnen. Nur eben Freundschaften schliessen.» In der Nacht zuvor hat er gefroren, selbst in der Turnhalle, in der er sich eine Mütze Schlaf gönnte, «da hat sich eine russische Frau bei mir angekuschelt», erzählt er, «der war auch so kalt.» Claus lacht, am Tag lacht auch die Sonne wieder, und später lacht Claus mit der vermeintlichen Russin, die er am Ziel wieder trifft und sich als Italienerin herausstellt. Claus hat «von der Einstellung her» ein einfaches Prinzip: «Ich geb‘ einfach nicht auf. Ich will nach Paris, und das muss man sich programmieren wie ein Mantra.»

Für Claus Czycholl ist Paris-Brest-Paris Meditation, «eine Reise nach innen», wie er am Ziel sagt. Bei der nächsten Austragung, in vier Jahren, wird er 76 sein. Ob er es dann noch schafft, weiss er nicht, doch sollten die Beine mucken, wird er sicher als Helfer dabei sein. Für andere zum grossen Erlebnis beitragen. Er habe hier «so viel menschliche Wärme und Zuwendung» erlebt», erzählt er, es mache ihn «glükcklich, dass anderen Menschen auch so denken.»

Sich finden, sich anspornen, sich helfen
Solche Sätze und Szenen können einen ins Grübeln bringen, schaut man sich diesen Film an; da kommen 6000 Menschen aus über 50 Nationen zusammen, die sich an einem Sonntagmorgen mit einem gemeinsamen Ziel aufmachen, das sie nach spätestens drei durchfahrenen Nächten erreichen wollen. Sie finden sich und spornen einander an, wie die 37-jährige Sina Witte, die dritte Protagonistin neben Michael und Claus, die unversehens mit zwei Italienern auf Kumpane ihrer Stärkeklasse trifft und mit diesen das Rennen fortsetzt. Sie pausieren bei jenem französischen Paar, das Café und Crèpes gegen das Versprechen abgibt, eine Ansichtskarte zu schreiben, was natürlich die meisten einhalten, wovon die vollgepinnten Tafeln an der Hausmauer zeugen, oder sie können aufeinander zählen wie jene zwei Randonneure auf dem Tandem, die aufgeben müssen, ihr Gefährt aber dem Kollegen mitgeben können, der es solo zurück nach Paris fährt.

Man grübelt also und sinniert, weshalb es die Menschen nicht auch vor und nach diesen 90 Stunden fertig bringen, die Momente des Lebens auszukosten und ihre Gegenüber daran teilhaben zu lassen. Auf der vergeblichen Suche nach einer Antwort schwingt man sich am besten in den Sattel. Und fragt am Ziel der nächsten Etappe die nächste Zufallsbekanntschaft.

«Brevet» ist ein Film über eine Sportveranstaltung, aber kein Sportfilm. Was an Organisatotion hinter dem Radmarathon Paris-Brest-Paris steckt, wird bloss angedeutet, nicht ausgeführt; ich erfahre nicht, wie die harten Kerle und Frauen die Route finden, wie sie es vermeiden, im Sekundenschlaf über die nächste Bordsteinkante zu stürzen, oder wie sich überhaupt genug Helferinnen und Helfer für so ein Riesending finden.

«Es ist einfach wunderbar»
Doch all dies weiss auch das Internet. Michael Reis-Müllers musste nicht keine Veranstalter und Clubpräsidenten zu Wort kommen lassen, denn die Akteure, das sind die Pedalierer. Wie jener Engländer fortgeschrittenen Alters, der noch vor Brest umkehren muss. Was seiner guten Laune aber keinen Abbruch tut. Sein Rad, erklärt er, sei so alt wie er, nämlich 79, er habe es aus der Schrottmulde gefischt und lediglich die Lager ölen müssen. Drei Gänge genügten ihm, und überhaupt, er treffe hier so viele Leute, «es ist einfach wunderbar».

Das Leben. In der Tat.

Alle vier Jahre kommen Radsportler aus aller Welt nach Frankreich zum legendären Radmarathon Paris-Brest-Paris. In maximal 90 Stunden müssen sie die 1230 Kilometer lange Strecke bewältigen. Ein aufreibender Kampf gegen Steigungen, Kälte und Müdigkeit. Brevet ist der Film über diesen Kampf.
Bezug: Kauf bei Curlypictures in Hamburg, Ausleihe oder Stream über Vimeo.

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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