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Inselhüpfen auf Schwedisch

Für Einzelgänger und Sturmfeste: Leuchtturm-Inselchen bei Göteborg. | © 2016 Dominik Thali

Wie wenn hier Riesen in der Eiszeit Murmeln gespielt hätten: Schwedens Westküste ist nördlich von Göteborg eine bucklige Insel-Landschaft. Wer sie auf dem Velo erfährt und zu Fuss erwandert, erlebt spannende Begegnungen.

Diesen Reisebericht habe ich für das Velojournal Nr. 1/2017 verfasst. Das Magazin, für Velofahrer und andere Verkehrsvernünftige, kann hier abonniert werden.

Herr Elch begrüsst uns am zweiten Tag. Fast hätten wir ihn übersehen, so still steht er am Waldrand und beäugt, was da vorüberbraust: die wenigen Autos auf der Schnellstrasse und wir auf dem breiten Veloweg, auf dem uns der Wind zügig landeinwärts bläst. Nach einer Viertelstunde trollt sich das erhabene Tier ins Dickicht, und wir freuen uns, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Der Rentner im goldenen Volvo allerdings, der wenig später neben uns bremst und beim Himbeerpflücken anspricht, hält diesbezüglich lieber Distanz. Elche seien «not good for cars». Sagts, fährt die Scheibe hoch und weiter. Kein Grund zur Sorge für uns: Kein Elch knutscht Velofahrer.

Bootshäfen, gross wie Fussballfelder
Wir queren die Insel Tjörn, vorgestern waren wir in Göteborg losgefahren, um Schwedens ausgefranste Westküste Richtung Norden zu erkunden. Hunderte von Schäreninseln, Fähren und Brücken, die sie verbinden, Naturschutzgebiete und Strässchen nach nirgendwo: Die knapp 200 Kilometer zwischen Göteborg und Strömstad nahe der norwegischen Grenze sind ein kurzweiliges Tourengebiet, das sich zudem gut mit dem öffentlichen Verkehr erreichen lässt. Hinzu kommt: Schwedens Bahnen nehmen grundsätzlich keine Velos mit, die Linie Strömstad–Göteborg (www.vasttrafik.se) ist jedoch eine der wenigen Ausnahmen.

Rund um einen Meeresarm zwischen Hunnebostrand und Fjällbacka. | © 2016 Dominik Thali

 

Aus den 200 Kilometern Luftlinie machen wir leicht 500; kreuz und quer pedalen wir durch ein Gebiet, in dem auch die Schweden gerne Ferien machen. Das wird in den zahlreichen niedlichen Küstenstädtchen augenscheinlich, wo die Bootshäfen mehrere Fussballfelder gross sind und auf den Parkplätzen teure Schlitten stehen. Das «grosse Potenzial» hingegen, das Maria Gundvaldsson von Södra Bohuslän Tourismus im Velotourismus sieht, scheint noch nicht mehr als diese Vorstellung zu sein. Wir kreuzen auf der Tour kaum zwei Handvoll Gleichgesinnte. «Es braucht eben Zeit», meint Gunvaldsson. Lisbeth Borgesand, Präsidentin der örtlichen Velolobby in Göteborg, sagt es direkter: «Velorouten stehen nicht auf der politischen Agenda.» Und auf die Frage, weshalb der Nordseeküsten-Radweg, dem wir folgen, so gut wie gar nicht ausgeschildert sei, antwortet sie: «Weil niemand die Verantwortung dafür übernehmen will.» Dass die schwedischen Bahnen in der Regel keine Velos mitnehmen, sei überdies «ein grosses Problem», weil dies die Reisemöglichkeiten stark einschränke. Auswärtige könnten über die Ausnahmen kaum Bescheid wissen.

Rummel und aber auch viel Ruhe
Derlei Geplänkel sollte einen freilich nicht davon abhalten, Südwestschweden mit dem Velo zu bereisen. Im Gegenteil. Bei Köttbullar (Fleischbällchen) und Apfelkuchen zeichnet uns Lisbeth in ihrem Garten in Göteborg auf der Karte ein, was sich anzufahren lohnt. Zusammenfassend: Es gibt zwar die touristischen Rummelplätze, aber sie sind nirgends zubetoniert. Und es gibt daneben noch mehr stille Natur. Auf dem Zeltplatz bei Grebbestad etwa führt das kleine Tor beim Strand gleich ins Schutzgebiet. Dort ist nurmehr Ruhe, ist Wind und Wasser, sind Felsen, die am Abend, wenn die Sonne ins Meer versinkt, von ihrer gespeicherten Wärme verschenken.

Das vornehme Marstrand war unser erstes Ziel. Am Tag danach lassen wir uns auf einem Boot nach Rönnang schippern, am Südzipfel von Tjörn. Die Frau Kapitänin hilft persönlich beim Verladen und serviert den Kaffee. An das schwedische «Hejhej» gewöhnen wir uns leicht, ebenso wie an den Wind, der uns von allen Seiten zaust und es munter mit den grossen Wolken treibt. Die Sonne spielt mit ihnen Verstecken. Verliert sie, ist es gefühlte 30 Grad heiss. Verbirgt sie sich, greifen wir zum Faserpelz.

Fähren und Brücken
Von Tjörn nach Orust, der grössten schwedischen Insel, führt die Route ein gutes Stück einer halben Autobahn entlang. Kurzen Anstiegen folgen kleine Abfahrten; die Strasse legt sich in die Felsen. Der breiten Seitenstreifen wegen lässt sich der Verkehr ertragen. Hinter uns bilden sich gleichwohl Schlangen. Wir finden: Brave Schweden, keiner drängelt vorbei. Lisbeth hingegen findet: Die Schweden fahren schnell und überholen oft knapp. – Alles eine Frage der Wahrnehmung.

Autobahn hin oder her; motorisiert hätten wir das Café auf dem alten Gutshof in Sundsby auf der Insel Mjörn nicht entdeckt: Eine andere Welt öffnet sich, wir umarmen uralte Bäume, pausieren bei Filterkaffee und Streusselkuchen, bevor es zurück in den Lärm geht. Ab der nächsten Abzweigung geht es wieder Schmalpur weiter – ruhig und zum Nebeneinander-fahren. Wir treffen ein deutsches Radlerpaar, das in der Gegenrichtung unterwegs ist. Das Sundsby Gardscafé ist unser Tipp für den Tag, sie weisen uns auf den «Kutterkonfekt»-Marzipanladen hin, an dem wir anderntags bei Fisebäckskil vorbeifahren würden.

Heja, ein guter Zvieriabstecher war das, nach einer Auf-und-ab-Etappe durch die Inselchen Malö, Flatön und Dragsmark. Kurvig steigt und fällt hier das Strässchen, Brücken und Kabelfähren verbinden die Eilande. Die schwedenroten, ockergelben oder weissen Häuschen am Wasser haben Stege, an denen Fischerboote dümpeln. Männer in Überhosen pinseln Fassaden frisch. Die reine Sommeridylle.

Einsame Buchten, bucklige Felsen
Inzwischen kommen wir auch mit dem Schwedischen ganz gut zurecht. Schriftlich wenigstens. Wo «Svensk kvalitetsglass» in «25 läckra sorter» versprochen wird, machen wir gerne einen Glacéstopp. Beim Schild «Rum» hin fragen wir nicht mehr nach einem Schnaps, sondern ob das Zimmer noch frei sei. Und wir lernen: Heisst es bei der Zeltplatz-Einfahrt «ledig», ist nicht etwa die Wirtin noch zu haben, sondern noch Platz für uns.

Wir lernen: Heisst es bei der Zeltplatz-Einfahrt «ledig», ist nicht etwa die Wirtin noch zu haben, sondern noch Platz für uns.

Die kleinen Fähren sind kostenlos, für die Bootsüberfahrt von Fisebäckskil nach Lysekil sind ein paar Kronen fällig. Kurz vor Marktschluss lassen wir uns dort frischen Dorsch einpacken – heute gibts den Hauptgang nach dem (Marzipan-)Dessert. Den Fisch bezahlen wir mit der Kreditkarte, wie überhaupt fast jede Kleinigkeit in diesem Land. Die Schweden hinterlassen ihre Datenspuren unbekümmert. Wir auch. Und sehen zu, dass wir bis am Ende der Reise unser Bargeld aufbrauchen.

In Hunnebostrand verweilen wir zum zweiten Mal länger. Auch hier lockt in Velodistanz ein Naturschutzgebiet, das einen Abstecher zu Fuss lohnt. Wir machen einen Streifzug durch das «Ramsviklandet Naturreservat»: Wieder diese mal platten, mal buckligen Felsen; Becken, in denen sich Wasser rostrot sammelt, Ginster, der dem Wind trotzt, sonnenwarme Weite. Diesmal auch: Haufen mit rechteckigen Steinen, von der Natur exakt behauen. Wundervoll. Und einsam: In den Buchten von Ramsvik dürfen die edlen Yachten nicht ankern.

Baden, Sauna, baden
Im Badeort Fjällbacka dagegen schon. Hierhin zog sich jeweilen die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergman (1915–1982) zur Sommerfrische zurück, hier wurden 1984 Szenen des Astrid-Lindgren-Films «Ronja Räubertochter» gedreht. Uns zieht es allerdings weiter. Den Zeltplatz, den wir südlich von Grebbestad anfahren, gibt es jedoch nur auf der Karte. Was nun am späten Nachmittag? Wir besinnen uns des «Jedermannsrechts» das in Schweden gilt, unterbrechen einen schwedischen Rentner beim Rasenmähen, der sich sogleich in den Sattel schwingt und uns ein Plätzchen zeigt. Am Ende eines Landzipfels nächtigen wir unter einer Felswand und bewundern die Kinder, die hier bis Sonnenuntergang ins kalte Wasser köpfeln. Sie springen fünf Mal vom Brett, rennen ins Saunahäuschen, wärmen sich auf nehmen dann erneut Anlauf. Wir kuscheln uns lieber in den Schlafsack und lassen den Wind am Zelttuch zerren.

Badeplausch auch bei kaltem Wind: Die Jugendlichen wärmen sich zwischendurch in der Sauna auf. | © 2016 Dominik Thali

 

Naturparadies Kosterinseln
Das letzte Teilstück fahren wir über Land. Tanumshede, Lur, Skee – an abgelegenen Bauernhöfen vorbei und versteckten Ferienhäuschen, Kilometer durchs Grün und durchs Nichts, mitunter wähnt man sich in der kanadischen Wildnis. Kurz vor Strömstad biegen wir wieder in die viel befahrene Küstenstrasse ein – um diese nach wenigen Kilometer meerwärts wieder zu verlassen. Drei Brücken und Inseln weiter draussen finden wir auf Tjärno unser Lager für die letzten Tage: Ein Zeltplatz zwischen Wald und Strand, Krämerladen und frisches Brot am Morgen inbegriffen.

Neben uns campen zwei Deutsche, die mit dem Kanu zwischen den Schären kreuzen. Die Kosterinseln, die wir anderntags mit der Fähre ab Strömstad besuchen, paddeln sie aus eigener Kraft an. Der Tag wird zum velofreien Erlebnis unserer Tour. Kosterhavet, 2009 eröffnet, ist Schwedens erster Meeresnationalpark und artenreichstes Meeresareal mit über 6000 Wassertier- und Algenarten. Wir tauchen zwar nicht ab, sind aber schon von der Wanderung über die zwei (autofreien) Inseln begeistert: Der Pfad führt durch einen wahren Märchenwald, sandige Buchten laden zum Bade, über tundragleiche Weiten bläst der Wind. Wer Glück hat, erspäht einen Schweinswal, der im Kostermeer nach Hering und Makrele jagt. Auf Nordkoster hats zudem einen Zeltplatz, auf dem Velofahrer willkommen sind (Reservation empfehlenswert).

Wind, Wärme, Weite: In einem der zahlreichen Naturreservate an der Küste. | © 2016 Dominik Thali

 

Gegen und mit dem Wind
Die letzte Ausfahrt führt auf die Insel Rossö, das noch zum Koster-Nationalpark gehört. Wo die Autos draussen bleiben müssen, fahren wir mit dem Velo bis an den Strand. Hin treten wir gegen den Wind, zurück tritt er uns, das ist nur gerecht.

Anderntags rollen wir das Zelt zusammen. Wie wir in Strömstad die Velos in den Zug zurück nach Göteborg verladen, kübelt es zum ersten Mal in diesen zwei Wochen vom Himmel. Drei Stationen weiter steigt ein ganzes Pfadilager ein – pitschnass. Den Zugführer bringt auch dies nicht aus der Ruhe. Er verrechnet für unsere Velos keine Krone.

In Göteborg schalten wir eine Nacht ein und verbringen die nächste auf der Fähre zurück nach Kiel. Abermals sind wir für fünf Minuten die Könige der Strasse: In den grossen Schiffsbauch dürfen Velofahrer als erste einfahren.

Südschweden ist Fischerland: Zum Trocknen ausgelegte Krabbennetze. | © 2016 Dominik Thali

 

Informationen:

Auf einen Blick: Im Westen von Südschweden sind Velotouren abwechslungsreich: hunderte kleine Schäreninseln der Küste entlang, grün und bewaldet im Landesinneren, durchsetzt von abgelegenen Dörfern und Höfen. Auf schmalen Strässchen radelt sichs sicher von Ort zu Ort, dazwischen bündeln sich die Verkehrswege und sind Kilometer entlang stark befahrener Strassen in Kauf zu nehmen. Breite Randstreifen sind dort aber die Regel.
Göteborg bietet sich als Ausgangspunkt an – Richtung Süden für den «Kattgattleden» nach Helsingborg, dem ersten, 2015 eröffneten Radwanderweg Schwedens (370 km), oder Richtung Norden, etwas rauer, für den «Cykelspåret», der bis zur norwegischen Grenze führt und auf diesem Abschnitt weitgehend mit dem (nur spärlich markierten) Nordseeküsten-Radweg übereinstimmt. Die beschriebene Route folgt dieser Strecke, rund 500 km kreuz und quer bis Strömstad, von wo aus es mit dem Zug zurück nach Göteborg geht
Ideale Reisezeit: Sommer; die Tage dauern im Norden dann rund zwei Stunden länger als bei uns.
Mit ins Gepäck: An der Küste ist es kaum je windstill. Versteckt sich die Sonne hinter Wolken, kühlt es gleich ab, und am Abend fröstelt unsereins ohne «Fasi» selbst im Juli. Derweil viele Schweden aus Prinzip kurzbehost übersömmern…
Anreise: Mit dem Nachtzug von Basel nach Hamburg, weiter mit dem Regionalzug in fünf Viertelstunden nach Kiel und hier mit der jeden Abend ablegenden Fähre. Überfahrt nach Göteborg in rund 14 Stunden, Kabine muss gebucht werden. Die kurzweilige Reise dauert so anderthalb Tage.
Alternative: Die Tour liesse sich bis Oslo verlängern (ca. 150 km); von hier mit der Fähre zurück nach Kiel.
Übernachten: Zeltplätze, Jugendherbergen (in Schweden oft als «Vandrarhem» bezeichnet), Gästezimmer – breites Angebot für jedes Budget.
Karten: Die Velokarten von Cykelkartan decken ganz Südschweden im Massstab 1:90’000 ab. Für die beschriebene Route braucht es die Blätter 12, 17 und 20. In der Schweiz über den Buchhandel erhältlich oder übers Internet zum Beispiel bei Cykelfrämjandet, der Schwedischen Pro Velo.

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Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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