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Mit dem Velo das eigene Leben erfahren

Mehr als zwei Räder brauchts nicht, um glücklich zu sein. Vier Räder reichen für zwei. | © 2017 Dominik Thali

Neulich an einem Abend las ich das Büchlein «Das Glück hat zwei Räder» zu Ende und darin im Kapitel «Mit allen Sinnen unterwegs», wie vor allem die morgendliche Fahrt zur Arbeit dieselben wecke. Neben den Sinneseindrücken, die zu erwarten seien, gebe es zudem die Überraschungen.

Am anderen Morgen trat ich in die Pedale, und mir widerfuhren nacheinander vier davon. Auf halber Strecke gewahrte ich eine Schwar Gänse über mir, tief zogen die Vögel in perfekter V-Form über der Strasse. Am Waldrand beim nächsten Bauernhof ästen drei Rehe. Zwei Kilometer weiter kreuzte ein Biker meinen Weg, lange balancierte er auf dem Hinterrad. Wenig später querte ich das Armeeflugplatz-Gelände, durch das der Radweg führt, das Tor war offen gestanden, aber auf halber Strecke begann auf der anderen Seite das Signal zu blinken und das dortige Tor sich zu schliessen, offenbar hatte mich die Kamera übersehen, weshalb ich also zu einem Spurt ansetzte und mit knapper Not die immer schmaler werdende Lücke zwischen Tor und Pfahl gerade noch zu passieren vermochte. Eine Viertelstunde danach langte ich im Büro an.

Die innere Ökobilanz

18 Kilometer. So lang ist mein Arbeitsweg von Hochdorf nach Luzern, das sind hin und zurück 36 und übers Jahr um die 3000 Kilometer auf dem Velo. In der dunklen Jahreszeit nehme ich den Zug, wie auch an Tagen mit Verpflichtungen auswärts oder bis spätabends. Doch um Zahlen geht es den beiden Pedalpoeten nicht, von denen dies schmale Buch stammt. Denn die Zahlen erzählten «nichts von der Freude an der Bewegung und dem Spüren des eigenen Körpers», schreiben Claudia Nietsch-Ochs und Robert Ochs. Sie sprechen von ihrer «inneren Ökobilanz», die ihre eigentliche Motivation sei, aufs Velo zu steigen.

Eigene Er-Fahr-ungen machen

Claudia Nietsch-Ochs ist Theologin und arbeitet in einem Exerzitienhaus der Diözese Augsburg, Robert Ochs leitet die Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung der Diözese. Die beiden leben mit ihren Söhnen in Mering bei Augsburg und fahren täglich mit dem Velo ins Büro. In «Das Glück hat zwei Räder» beschreiben sie ihre Beobachtungen auf dem Weg und am Wegesrand, ihre Begegnungen mit Menschen und Tieren, ihre Erlebnisse bei Wind und Wetter durch die Jahreszeiten  – auch mit sich selbst. Mit Fragen und Bemerkungen am Schluss jedes der kurzen Kapitel übertragen sie so manche Erfahrung vom Velosattel auf das sonstige Leben. Claudia und Robert möchten mit den Miniaturen, als die sie ihre Texte bezeichnen, anregen, offen für die Zeichen «im und hinter dem Radfahren zu werden». Sie seien ein Angebot, «eigene Erfahrungen im ‹Radeln› aufzudecken und als bedeutsam für ein tieferes Verstehen des eigenen Lebens zu erkennen». «Innere Wirklichkeit« zu erschliessen, mit dem Velo «das eigene Leben zu erfahren» – darum geht (fährt…) es den beiden.

«Es denkt in mir»

Das kann so nur (be-)schreiben, der selbst solche Velo-Er-fahr-ungen macht. Das Kapitel «Hin- und zurückfahren» drückt treffend aus, was ich selbst mal für mal auf dem Velo erlebe. Vom «inneren Prozess» des Abstand-Gewinnens und Sich-Annähernds ist da die Rede, von Gedanken und Arbeiten, die zurückgelassen werden oder aber vor-bedacht werden, von Ideen, die einem, pedalierend, unverhofft zufallen. «Kein zielgerichtetes, systematisch geordnetes Denken findet im Fahren statt. Es denkt in mir, spontan, ins Bewusstsein einbrechend.»

Das heisst, am Morgen: «Und dann komme ich an und bin da.» Am Abend: «Ereignisse des Tages wandeln sich – im wahrsten Sinn des Wortes – in Erfahrungen.»

Und manchmal, stellen die beiden fest, «passiert auf den Hin- und Rückfahren in mir auch nichts. Nur Stille, nur entspannende Leere.»

Das tut gut.

Claudia Nietsch-Ochs / Robert Ochs: Das Glück hat zwei Räder – Das Leben mit dem Rad erfahren. Patmos-Verlag, Ostfildern 2017, 90 Seiten, ISBN: 978-3-8436-0892-3, ca. Fr. 14.-

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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