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«Schwingt euch auf die Räder, um das Leben zu verändern»

Nicht bloss auf den Gepäckträger klemmen - lesen! Marc Augés velosophisches Büchlein «Lob des Fahrrads». | © 2016 Dominik Thali

Jüngst weilte ich in Biel, um mein Fahrrad dem Rahmenbauer meines Vertrauens zwecks jährlicher Wartung zu überantworten. Auf seiner Theke lag die Werbung eines dortigen Vereins auf, der, so seine Statuten, «bezweckt, den Bau des Autobahn A5 Westastes […] zu verhindern und die Grundlage für eine zukunftsgerichtete Stadtentwicklung zu schaffen». Der Verein heisst «Westast: so nicht!» und wehrt sich dagegen, mit neuen offenen Autobahnanschlüssen den Bieler Stadtraum zu zerstören. Über zwei Milliarden Franken wollen Bund und Kantone dafür ausgeben.

Ich kehrte heim, schrieb mich als Mitglied ein und nahm das Büchlein «Lob des Fahrrads» zur Hand. Es hatte Monate auf meiner Beige zweirädrigen Allerleis gelegen und müsste, fand ich, endlich an dieser Stelle erwähnt und zumindest den Bieler Planern ans Herz gelegt werden.  Die Eloge des französischen Anthropologen Marc Augé, 1935 in Poitiers geboren, datiert von 2008 und erschien 2016 auf Deutsch. Das kluge Rezensieren der 104 Seiten überlasse ich Literatur-, Sozial- und anderen Wissenschaftlern. Es geht hier ums Pedalieren in der Praxis und darum, was ebendies mit menschenfreundlicher Stadtplanung gemein hat. Behufs dessen lassen wir Monsieur Augé hier selbst zu Wort kommen, indem wir ihm hier eine kleine Zitatenlese widmen, wobei Augés Eloge in einer Zukunftsvorstellung («Utopie») endet. Die aus diesem Teil übernommenen Sätze sind hier mit einem * gekennzeichnet.

Ich radle, also bin ich

  • «Wenn man den Einwohner […] Fahrräder zur Verfügung stellt, zwingt man sie, einander zu sehen und zu begegnen, die Strassen in soziale Räume zu verwandeln, den städtischen Lebensraum neu zu gestalten und die Stadt zu träumen.»
  • «Der erste Tritt in die Pedale ist der Beginn einer neuen Autonomie, er ist ein schöner Ausreissversuch, die spürbare Freiheit […]»
  • «Wir haben die Stadt aus den Augen verloren und wir verlieren uns selbst aus den Augen. Vielleicht kann das Fahrrad tatsächlich eine bestimmende Rolle spielen, wenn es darum geht, den Menschen zu helfen, sich ihrer selbst und der Orte, an denen sie leben, wieder bewusst zu werden, indem es zumindest für die Radler die Bewegung umkehrt, die die Städte aus sich selbst hinauskatapultiert. Wir brauchen das Fahrrad, um uns wieder auf die Orte, an denen wir leben, zu zentrieren.»
  • *«…die jungen Leute entdecken wieder Landschaften ganz ohne Hilfe des Fernsehens.»
  • *«Man atmet besser. Man riecht wieder den Duft der Kastanienbäume im Frühling und den der gerösteten Kastanien im Herbst und ebenso die vielfältigen Düfte, die man, ohne es zu bemerken, vergessen hatte.»
  • *«Es scheint, als hätte der Polytheismus der Radler den Monotheismus des Erdöls zu Fall gebracht.»
  • *«Kein Zweifel, durch dne Gebrauch des Fahrrads erfüllen die Menschen sich etwas vom Wunsch nach Beweglichkeit, Leichtigkeit […]»
  • *«[…] hat das Radfahren gerade das Verdienst, unser Bewusstsein für den Raum und auch für die Zeit zu schärfen.»
  • *«…darf man den Schluss ziehen, dass die Erfahrung des Radfahrens einen fundamentalen Existenzbeweis darstellt, der alle, die sich ihr überlassen, in ihrem Identitätsgefühl bestärkt: Ich radle, also bin ich.»
  • *«Die Rückkehr zur Utopie wäre gleichbedeutend mit einer Rückkehr zur Realität. Schwingt euch auf die Räder, um das Leben zu verändern! Das Radfahren ist ein Humanismus.»

Zu Handen noch der zaudernden Verkehrsplaner motorisierten Politiker: «Radfahren verlernt man bekanntlich ebenso wenig wie Schwimmen.» (S. 32)

Marc Augé: Lob des Fahrrads. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Mit zwölf Zeichnungen von Philip Waechter. Verlag C. H. Beck, München 2016. 104 S., Fr. 21.90, ISBN 978 3 406 69028 0

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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