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«Rad und raus», weil das Abenteuer zwei Räder hat

Allein dieses Bild lockt zur Nachahmung: Gunnar Fehlau (links) mit einem Kollegen bei einem seiner Overnighter, einem Draussen-Schlafen-Kurzabenteuer. | © 2017 Dominik Thali (unter Verwendung von Fehlaus Buch und einer eigenen Landkarte)

Gunnar Fehlau und Danny McAskill haben Bücher über ihre Leidenschaft auf zwei Rädern geschrieben. Stoff, den sich Kinder als Gutenachtgeschichten wünschen und Eltern zwangslesen müssten. In der Hoffnung auf Nebenwirkungen.

Gunnar Fehlau sitzt mit drei Worten im Sattel: «Rad und raus». Danny McAskill ist draussen geboren und tritt auf Pedalen ins Leben. Mit vier bringt ihm sein Daddy ein schwarz-Rotes Raleigh vom Sperrmüll. «Endlich war ich mobil, und ich konnte nicht genug davon kriegen», erinnert sich McAskill. Und schiebt nach: «Auf zwei Rädern würde ich schnell zur örtlichen Landplage.»

Fehlau und McAskill verbindet die Leidenschaft fürs Zweirad. Ersterer, 1973 geboren, stammt aus Dortmund und ist «mit dem Sattel quasi organisch verbunden», wie es über ihn heisst. Fehlau betreibt untere (vielem) anderem den «Pressedienst Fahrrad» und bloggt unter overnighter.de. Der Zweite, zwölf Jahre jünger, wurde auf der schottischen Insel Skye gross und fasziniert mit seinen ebenso waghalsigen wie perfekt inszenierten Stunts auf zwei Rädern Millionen auf YouTube.

Die Bücher, die von Gunnar Fehlau und Danny McAskill jetzt erschienen sind, haben auf den ersten Blick nur das Velo gemeinsam. Fehlau lädt unter dem Titel «Rad und raus» zum «Aufbruch in neue Freiheiten» ein. Er erklärt, was es «Alles für Microadventure und Bikepacking» (Untertitel) braucht und ermuntert, dem Abenteuer nicht hinterher zu jetten, sondern es vor der eigenen Haustür zu finden: «Einfach rauf aufs Rad und raus in die Natur!» McAskill anderseits schildert in «Biken am Limit», wie er es vom schottischen Lausbub («Als Kind war ich kaum im Zaum zu halten») zum YouTube-Millionär wider Willen gebracht hat.

«Rad und raus» und «Biken am Limit» verbindet beim Nacheinander-Lesen freilich viel. Denn Fehlaus Fibel ist nicht bloss Bedienungsanleitung  und McAskills Berichten nicht nur Biografie. Beides natürlich in erster Linie schon und auch so gedacht. Doch ebenso spannend sind die zwei Bücher zwischen den Zeilen zu lesen – in einer Zeit, in der Fliegen billiger ist als das Billig-Rad aus dem Fachmarkt, Helikopter-Eltern Messer und Feuerstahl nur noch im Smartphone-Game ihrer Sprösslinge dulden und Liegenschafts-Verwaltungen mit der Kündigung drohen, sollte der Junge ein weiteres Mal die Rutschbahn als Sprungschanze für sein BMX missbrauchen. Von all den Jugendlichen, die sich (vermeintliche) Flausen austreiben lassen und in ihr berufliches Unglück drängen lassen müssen, ganz zu schweigen.

«Rad und raus» und «Biken am Limit» sind das geeignete Gegengift gegen solcherlei Fehlentwicklungen. Kinder sollten sich vorm Einschlafen daraus vorlesen lassen, Jugendliche  Papas (teures) Bike zwecks Nachahmung entführen und – vor allem – Väter, Mütter und andere Erziehungsberechtige sich selbst der Lektüre annehmen. Ausreden, sich in den Sattel zu schwingen und etwas in der Natur zu erleben, gibt es keine. Denn erstens, so Gunnar Fehlau, werde «die Ausrüstung für den Mikroabenteuer-Einstieg […] hoffnungslos überschätzt. Mach es wie zu Teenie-Zeiten: Pack ein, was du hast.» Es reiche auch ein Einsteiger-Rad aus dem Versandhandel. Was die Kinder betrifft, rät Fehlau: «Schnapp dir den Nachwuchs, solange du noch eine Autoritätsperson bist. Er wird es lieben und Erfahrungen fürs Leben sammeln. Und du übrigens auch, denn du entdeckst ganz neue Seiten an den Kids und dir.» Gibt es Eltern, die das nicht wollen? Nee. Einmal «Rad und raus» ist mit Sicherheit wirkungsvoller und preisgünstiger als jeder Erziehungsratgeber und -Kurs.

Nicht in ein Schema gepresst worden
Danny MacAskills Mum und Dad wiederum muss das Vertrauen in ihren draufgängerischen Jungen angeboren gewesen sein oder aber sie lernten mit seinem Aufwachsen ihre Lektion. Dass sie ihn, zudem Legastheniker, nicht angepasst therapierten, war Dannys Glück – und könnte das Glück manchen Kindes sein, das seine Eltern in ein Schema pressen wollen. «Es ist nicht so», erzählt MacAskill, «dass mein Konzentrationsmangel mich zum Trial-Biker gemacht hat – meine Schulbildung ist ziemlich ähnlich der vieler anderer Fahrer. Aber einige Experten bringen meine Legasthenie mit meinen unablässigen Ideen in Verbindung, die ich beim Tagträumen habe.»

Glücklich der Junge, der seine Phantasie solcherart ausleben kann. «Ich tat nur, was ich für richtig hielt und ging immer davon aus, das alles gut ausgehen würde», sagt Danny.Und: «Jedenfalls lasse ich mich nicht aufhalten, wenn ich ein Ziel erreichen will.» Die umsorgte Freiheit, die er als Bub und Jugendlicher erleben durfte, sind die Grundlage für diese Feststellung. Seine einzigen Grenzen seien jene seiner Fantasie und seines Selbstvertrauens. «Solange beide intakt sind, steht mir die Welt offen.»

Gunnar Fehlau und Danny MacAskill verstünden sich gut. «Rad und raus» mit den beiden: das müsste die zähesten Stubenhocker begeistern.

«Inspired Bicycles»: Das Video, mit dem Danny MacAskill 2009 schlagartig bekannt wurde:

Danny McAskill, «Biken am Limit – Auf den Dächern und Gipfeln der Welt». Piper-Verlag, München 2017, 304 Seiten, ISBN 978-3-89029-478-0, ca. Fr. 18.–
Aus der Beschreibung: Nervenkitzel, wilde Sprünge und Millionen YouTube-Fans – das Leben des Bike-Profis Danny MacAskill ist eines der Extreme. Seine Stunts und Filme sind ebenso Kult wie hohe Kunst und führen ihn an die malerischsten, ausgesetztesten und auch fantasievollsten Orte der Welt: auf die Dächer von Gran Canaria, Schottlands dramatische Berggipfel oder in ein überlebensgroßes Kinderzimmer. Nun erzählt er erstmals seine Geschichte. Von der Jugend auf der idyllischen Insel Skye und dem Weg vom einfachen Fahrradmechaniker zum Star der Bike-Szene, nachdem ihn ein Internetvideo über Nacht berühmt gemacht hatte. Er nimmt uns mit ans Filmset, wo Schritt für Schritt die genialen Stunts entstehen. Und zeigt dabei auf, was es heißt, immer wieder die eigenen Grenzen zu verschieben – nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf.
Gunnar Fehlau, «Rad und Raus – Alles für Microadventure und Bikepacking», Verlag Delius Klasing, Bielefeld 2017, 160 Seiten, ISBN 978-3-667-10929-3, ca. Fr. 18.–
Aus der Beschreibung: Man braucht nicht viel für eine Kurzreise mit dem Fahrrad inklusive Übernachtung. Was man benötigt, lässt sich leicht am Rad unterbringen – und schon kann das „Feierabenteuer“ beginnen. Eine Radtour, ein Lagerfeuer, eine Übernachtung unterm Himmelszelt. Das Erlebnis beginnt direkt vor der eigenen Haustür. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Warum ewig eine lange Radreise planen, die eh nie Realität wird? Raus aus dem Büro, rauf aufs Rad und für die Nacht oder ein Wochenende in die Natur – Gunnar Fehlau zeigt in diesem Buch, wie das geht und richtig Spass macht: Alles Wissenswerte zum richtigen Material und zur richtigen Ausrüstung; Survival-Know-how und Wissenswertes zu Übernachtungen in der Natur; Tipps zur Tour-Planung. Der Guide für deutsche Bike-Packer und Feierabenteurer! Mit einem Vorwort von Wigald Boning.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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