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«Dieses gute Gefühl» auf dem Velo und ein Buch darüber

«Das man mit dem Velo gerade in der Stadt oft viel schneller, günstiger und gesünder unterwegs ist, ist vielen einfach nicht bewusst»: Autorin Juliane Schumacher in Berlin. | © 2017 pd

Velofahren in der Grossstadt heisst: Kampf gegen den Verkehr, rücksichtslose Autofahrer und trödelnde Fussgänger auf dem Veloweg. Doch deshalb aufs Velofahren verzichten? Bestimmt nicht. Juliane Schumacher, täglich in Berlin unterwegs, hat ein Buch darüber geschrieben, wie es ist, sich auf zwei Rädern fortzubewegen, und dennoch im Alltag immer wieder vor Hindernissen zu stehen. Der Velofahrer hat mit ihr gesprochen.

Juliane Schumacher wurde 1987 in Berlin geboren. Während des Modedesign-Studiums entdeckte sie die Liebe zum Radfahren wieder. Das Thema ihrer Masterarbeit: «Radelmädchen – urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad». Auf ihrem Blog radelmaedchen.de schreibt sie nicht nur über Fahrradbekleidung, sondern auch über die Erlebnisse einer Grossstadtradlerin. Sie arbeitet u.a. als freie Texterin und Merchandiserin.

Du schreibst darüber, wie man auf dem Rad in der Stadt überlebt. Das unterstellt: Radeln in der Stadt ist offenbar lebensgefährlich.
Juliane Schumacher: Wenn ich an die traurige Rekordzahl von 17 im Stadtverkehr getöteten Fahrradfahrern im Jahr 2016 in Berlin denke, dann ist die Aussage leider zu oft richtig.

Dich macht das Radfahren in Berlin aber offenbar glücklich.
Radfahren macht eben glücklich, auch in der Stadt. Mit dieser Einstellung stehe ich nicht allein da, wie man an der steigenden Anzahl Radfahrer zum Beispiel in Berlin auch deutlich sehen kann. Ich sehe den Buchtitel in Anbetracht der vielen unangenehmen Situationen, in die man in der Stadt auf dem Rad geraten kann, schon als passend. Andererseits versuche ich mich auch nicht immer allzu ernst zu nehmen und so betrachte ich einige Erlebnisse oder Themenpunkte im Buch auch gern mal mit einem Augenzwinkern.
Ansonsten: Der Buchtitel ist einer Buchreihe des Verlags zu verschiedenen Themen geschuldet, die alle den Obertitel «How to survive» tragen. In der Hinsicht stand der Titel auch für mein Buch zum Thema Radfahren von Anfang an fest.

Wie überlebst Du denn als Radfahrerin in Berlin?
Ich versuche mit all meinen Sinnen unterwegs zu sein und möglichst aufmerksam und rücksichtsvoll zu fahren, um auch in brenzligen Situationen schnellstmöglich reagieren zu können oder diese zu vermeiden.

Bist Du, anderseits, auch schon unter die Räder gekommen?
Toi, toi, toi, ich konnte dem bisher entgehen. Auch wenn es mal eine Situation gab, in der ich mich schon fast unter einem viel zu eng überholenden Sattelschlepper sah. Zum Glück waren dann aber noch ein paar Zentimeter Platz.

Ich lebe (eher) auf dem Land, die Stadt (Luzern), in die ich zur Arbeit fahre, ist dreimal kleiner als der kleinste Berliner Bezirk. Für wen hast Du geschrieben?
Die Zielgruppe sind im Prinzip schon radaffine Menschen in der Stadt. Auf dem Land herrscht eine andere Stimmung und oft auch ein anderes Tempo, als in der Grossstadt.
Dennoch: Auch oder besonders dort gibt es oft Probleme, dass man als Radfahrer zum Beispiel nicht ernst genommen wird oder auf sich aufmerksam machen muss – Themen, die in meinem Buch angesprochen werden. Ausserdem: Wer sich fürs Radfahren interessiert und regelmässig fährt, liest eventuell auch gern über andere Erfahrungen, entdeckt sich vielleicht wieder und schmunzelt auch mal gern über die beschriebenen Geschichten. Wer Unterhaltung und Erfahrungsberichte aus dem Leben einer Radfahrerin sucht, findet bei «How to survive als Radfahrer» genauso Lesefutter wie jemand, der etwas unsicherer auf dem Rad unterwegs ist. Da ist es egal, ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt.

Der Streit um Quadratmeter und Rechte dürfte bei uns freilich nicht viel anders sein als in Berlin. In Luzern lassen sich beispielsweise Leserbriefseiten damit füllen, ob man den Seeufer-Quai für Velos teilweise frei geben soll oder nicht. Weshalb ist das Velo ein derart verpolitisiertes Verkehrsmittel?
Ich denke, Radfahren ist etwas sehr Emotionales. Bei vielen Menschen löst Radfahren eine Emotion aus und bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit oder einfach Spass an der Bewegung. Wenn mich etwas emotional anspricht, bin ich empfindlicher, da es schnell persönlich wird und ich mich zum Beispiel angegriffen fühlen kann.
Dabei sind Radfahrer ausserdem auch Teil des Verkehrs und möchten entsprechend ernst genommen werden. Wenn wenn man sieht, wie ihreAnzahl steigt, ist es defintiv nachvollziehbar, dass es infrastrukturelle Anpassungen geben muss.

Und was hat dies mit der Psyche des Autofahrers zu tun?
Wie für viele Menschen das Rad der Inbegriff von Freiheit ist, bedeutet für intensive Nutzer des Autos eben auch dieses Unabhängigkeit und oft auch Schnelligkeit. Manche fühlen sich dann vielleicht in ihrer Freiheit eingeschränklt, wenn sie sich zum Beispiel zurücknehmen müssen, weil vor ihnen ein Radfahrer fährt. Da macht ihnen jemand den Platz auf der Strasse streitig und könnte ihnen Raum wegnehmen.

Wer soll Dein Buch lesen? Tun das nicht vorab Leute, die eh schon Velo fahren, statt jener, die es sollten: Politikerinnen und Politiker, Verkehrsplaner, Städteplanerinnen?
Ich schreibe über Erfahrungen aus meinem Radfahreralltag in der Stadt und gebe dabei hin und wieder ein paar Tipps oder Hinweise, wie man den Stadtverkehr, das Wetter oder Alltäglichkeiten mit dem Fahrrad meistern kann. Von daher können langjährige Radfahrer das Buch lesen und sich durch meine Erlebnisse beispielsweise einfach unterhalten fühlen. Aber genauso können Menschen darin stöbern, die sich etwas unsicher fühlen, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind. Diese finden vielleicht ein paar Tipps, wie sie in der Stadt zurecht kommen können. Es ist an sich sehr persönlich geschrieben, weil viele Geschichten darin zu finden sind, die ich wirklich selbst erlebt habe.
Es wäre begrüssenswert, wenn auch Menschen mit Entscheidungsgewalt das Buch lesen würden, weil dort gebündelt thematisiert ist, was im Strassenverkehr alles schief läuft. Das kann Denkanstösse geben und zwar aus Sicht aller Verkehrsteilnehmer. Warum verhalten sich die einzelnen Parteien so oder so und was könnte man unternehmen, um es für alles angenehmer und sicherer zu machen?

Ich fahre so oft wie möglich mit dem Velo zur Arbeit, das sind gut 18 km von der Haus- zur Bürotür. Oft ernte ich staunende Blicke, wenn ich davon erzähle. Woran liegt das?
Viele Menschen, die nicht viel oder regelmässig Radfahren, sehen das Fahrrad nicht als vollwertiges Fortbewegungs- und Verkehrsmittel. Für einige ist es eben immer noch nur ein Freizeitgegenstand. Das man damit aber gerade in der Stadt oft viel schneller, günstiger und gesünder unterwegs ist, ist vielen einfach nicht bewusst. Dazu kommt wieder dieses gute Gefühl, durch die Bewegung und die andere Wahrnehmung der Umwelt. Man ist direkter dabei und nimmt alles intensiver war. Wenn man das aber nie ausprobiert oder so sehr in seinen Gewohnheiten steckt, zum Beispiel mit dem Auto zu fahren, kann man das schwer nachvollziehen. Viele Verhaltensmuster in der Fortbewegung sind einfach aus der Gewohnheit heraus entstanden.

Wie motivierst Du Dich, am Morgen auch bei nassem Wetter in den Sattel zu steigen?
Das hängt ganz oft mit der Strecke zusammen, die ich zurücklegen muss, und damit, wo ich hin muss. Wenn ich nur einen kurzen Weg habe und weiss, da komme ich mit dem Rad am unkompliziertesten hin, dann nehme ich auch immer das Fahrrad. Eine Regenjacke kann wahre Wunder wirken.
Ich checke dann auch den Wetterbericht für den Tag. Wenn mein geplanter Weg zu weit ist, nehme ich das Fahrrad gern mit in die Bahn und hoffe auf Wetterbesserung auf dem Heimweg. Wenn ich nach Hause fahre, fällt es mir auch leichter, mal nass zu werden. Schliesslich kann ich mich dann einfach umziehen und duschen, sobald ich angekommen bin. Starkregen muss aber dann doch nicht sein.

Fährst Du auch Auto? In der Stadt? Wenn ja, wie nimmst Du dann die Radfahrer wahr?
Nein, ich fahre kein Auto. Als Beifahrer nutze ich es mittlerweile auch sehr selten, nur wenn es nicht anders geht, wie zum Beispiel bei einem großen Umzug. Egal, wie ich mich in der Stadt fortbewege, ob selbst auf dem Rad oder zu Fuss, ich achte natürlich auch auf andere Radfahrer. Während die meisten recht gemächlich unterwegs sind und auch auf ihre Umwelt achten, gibt es dennoch leider einen gewissen Anteil Menschen, die einfach fahren, wie sie wollen. Das macht mich wütend, weil es leider auch das rüpelhafte Image eines Radfahrers unterstützt, das sie oft bei Autofahrern haben. Was ich auch nicht nachvollziehen kann, sind die Leute, die ohne Licht fahren. Ich habe öfter schon gerade so ausweichen können. Das ist unnötig gefährlich und gefährdend. Man sieht die einfach nicht.
Dennoch freue ich mich, wenn ich realisiere, dass es immer mehr Menschen auf dem Rad gibt. Das ist toll zu sehen. Wir sind viele! Nur leider haben einige Entscheider in der Politik und Verkehrsplanung noch nicht verstanden, dass es für alle mehr Lebensqualität bedeuten würde und deutlich sicherer wäre, wenn die Infrastruktur dementsprechend angepasst werden würde.

Juliane Schumacher, «How to survive als Radfahrer – Wie man auf dem Fahrrad in der Stadt überlebt», Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2017, Taschenbuch, 264 Seiten, ISBN 978-3-86265-640, zirka 12 Franken

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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