Als ich eines heissen Tages, letzthin also, am Bodensee unterwegs war und im alten Frauenbad in Frasnacht, kurz nach Arbon, Rast machte, gesellten sich fünf Rentner zu mir, denn das Plätzchen war schattig. Es war halb zwölf, der eine kramte alsbald eine Flasche Whisky hervor, verteilte fünf Becher und schenkte ein. Dreissig Grad war’s, durstiges Wetter also. Ich lehnte dankend ab, doch wir kamen ins muntere Plaudern, und ich freute mich über eine Begegnung, wie sie einem das Pedalieren immer mal wieder beschert. Ein Stündchen später gönnte ich mir einen Saft. Man kann seinen Durst mit unterschiedlichen Flüssigkeiten löschen.
Tags zuvor, auf der ersten Etappe zwischen Walensee und Bregenz, hatte ich die Hitze unterschätzt. Ich dachte, Sommertouren gewöhnt zu sein. Doch in Erinnerung hatte ich Etappen bei 27, 28 Grad. Bei solchen genügt der Schweiss, der sich, vorab beim Anhalten, bildet, um im Fahrtwind angenehm zu kühlen. Bei 35 Grad jedoch wähnt man sich in einem Backofen. Umluft. Denn der Rheindamm spendet erstens keinerlei Schatten und es wehte zweitens an jenem Nachmittag stets ein laues Lüftchen. Flussaufwärts leider. Ich stand (oder sass) kurz vor dem Kollaps, als in Widnau endlich ein Wirtshaus am Weg lag. Ich setzte mich daselbst in den Schatten, orderte, siehe oben, einen Saft sowie einen Coupe Dänemark, womit ich meinen Flüssigkeits- und Zuckerhaushalt für die noch bevorstehenden 25 Kilometer ausgleichen konnte.

Die kleine Sommertour dauerte übrigens drei Tage. Ich dankte im Vorbeifahren für jedem schattenspendenden Baum und wünschte Hausbesitzern und Baubehörden fürderhin Verständnis dafür, was ihnen und Mutter Erde hülfe, mit dergestalter Hitze fertig zu werden.
Keine Autos mehr in den Innenstädten
Vielleicht lesen selbige das Interview, das die Zeitungen von CH-Media heute mit Eleni Myrivili veröffentlicht haben, der Hitzbeauftragten Griechenlands und der Vereinten Nationen. Zwei Zitate daraus:
«Es ist frappant, wie viel stärker sich europäische Städte im Vergleich mit dem Umland aufheizen. Deshalb ist es für sie unerlässlich, die Gebäude durch bessere Belüftung oder Wärmedämmung zu sanieren. Gleichzeitig muss die städtische Begrünung erweitert werden. Es braucht zusätzliche Beschattung und Wasserelemente im öffentlichen Raum, um ganze Stadtviertel kühler zu halten. Im urbanen Raum setzt sich dieses Bewusstsein vermehrt durch. Das Problem ist aber, dass alles viel zu langsam geschieht.»
Und weiter:
«Schliesslich werden bis heute öffentliche Plätze oder Fussgängerzonen ohne ausreichende Beschattung errichtet. Wer soll sich bei 40 Grad dort aufhalten? Und wer wird unter diesen Bedingungen zu Fuss durch die Strassen gehen?»
Frage der Journalistin: Da wählt man dann das klimatisierte Auto.
«Genau, was dazu führt, dass wiederum mehr Strassen und Parkplätze benötigt werden, was fatal ist. Damit Zentren langfristig bewohnbar bleiben, müssen Autos aus den dicht gebauten Innenstädten verdrängt werden. Dadurch lässt sich mehr Platz für Bäume, schattige Aufenthaltsbereiche und wasserdurchlässige Oberflächen schaffen. Solange aber im urbanen Raum weiterhin grosse Flächen asphaltiert und versiegelt sind, heizen die Städte immer weiter auf. Wollen wir künftig nicht in künstlich klimatisierten Mini-Dubais leben, braucht es ein Umdenken. Ich hoffe sehr, dass dieser Sommer ein Weckruf ist.»
Will heissen: Ist Mutter Erde mal unterwegs, geht sie Fuss, fährt Velo oder wählt ein öffentliches Verkehrsmittel. Je eher und mehr Menschen sie mit Liebe behandelt, desto eher vermag sie zu heilen.
Kleine Massnahme, grosse Wirkung
Einen Schritt in diese Richtung gemacht hat Ende Juli die Stadt Luzern. Sie hat dann das «Gleis Null» eröffnet, die neue, sichere Veloverbindung zwischen der Neustadt und der Zentralstrasse zum Bahnhof, die den bisherigen, gefährlichen Weg über den Bundesplatz ersetzt. «Ein weiteres wichtiges Puzzleteil im Velonetz», wird Sibylle Lehmann, Co-Leiterin Mobilität der Stadt Luzern, in einer Medienmitteilung zitiert.

