Kategorie: Aufgefallen

Velogondler, Velogeniesser, Velofräser, Velofahrer

Ich bin velophil. Und online derzeit aber velowenig. Die 1000 Kilometer «Bike to work» die vergangenen zwei Monate pedalten sich nebenher, ans Schreiben übers Velo war nebenher freilich nicht zu denken. Ans Lesen hingegen immer wieder, und diesbezüglich sind mir vier Beiträge untergekommen, die für die Unterschiedlichkeit stehen, mit welcher die Velofahrerei betrieben werden kann: Stoff für eine Zitatenlese und eine Erörterung unter Gleichgesinnten über Un-, Sinn und Wahnsinn im Sattel.

Der Reihe nach:

1. Fünf Polstersitze statt ein Sattel

«Warum verspüren wir eigentlich so wenig Verantwortung während unseres Handelns?», fragt der Wiener Journalist und Mediendesigner Reinhold Seitl in einer Kolumne im österreichischen Fahrradmagazin «Drahtesel»? Dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen sei, hält er für «eine grenzwertige Idee». Was für ihn in Bezug auf die Mobilität heisst: «Statt dessen führen weltweit hunderte Millionen Humanoide jeder für sich eine fünfsitzige Polstergarnitur spazieren, obwohl sie immer nur auf ein- und demselben Platz sitzen. Und das mithilfe einer Maschine, die zwanzig Mal schwerer ist als der sitzende Nacktaffe selbst.» Und, also ob dies nicht schon klar genug wäre: «Diese Maschine, die Geschwindigkeit und Reichweite des Menschen verhundertfacht, ‹atmet› ihm auch jede Menge Atemluft weg, heizt das Klima auf und vergiftet die Umgebung. Jährlich tötet diese Maschine – wie die WHO feststell – mehr als eine Million seiner Art und hinterlässt ein Vielfaches davon an Dauerinvaliden.»

2. Mit Sonnenkraft bis nach China

Den Emmentaler Daniel Jenni mit seinem Solarvelo trafen wir jüngst auf Durchreise in meinem Wohnort Hochdorf, wo seine Freundin lebt. Der 30-Jährige, Sohn des Schweizer Solarpioniers und Miterfinders der Tour de Sol-Miterfinders Erwin Jenni, ist derzeit auf der Selbstversorger-Tour «The Sun Trip 2018» unterwegs, die über rund 12’000 Kilometer von Lyon nach Guangzhou in China führt. Sein. Ziel der 40 Teilnehmenden ist es, nur mit Muskel- und Sonnenkraft an die chinesische Küste zu gelangen – und das in 100 Tagen. Jenni fährt auf einem umgebauten Speedped, das er mit einem Solardach versehen hat. Um Tempo Teufel geht es ihm nicht. Gegenüber der Lokalzeitung «Seetaler Bote» sagte er: «Es ist vor allem Abenteuerlust, die mich antreibt. Unter den Teilnehmern hat es auch ambitionierte Sportler, welche die Strecke möglichst schnell zurücklegen wollen. Zu denen gehöre ich nicht – ich will die Reise geniessen und mir auch Sachen anschauen.» Und weiter: «Idealismus ist auch dabei. Ich will zeigen, was mit -Solarkraft möglich ist.» Daniel Jennis Trip kann auf www.thesuntrip.com live mitverfolgt werden.

Mit Sonnen- und Pedalkraft unterwegs: Daniel Jenni bei seinem Zwischenhalt in Hochdorf. | © 2018 Annemarie Thali

3. Wo jede Minute zählt

100 Tage für 12’000 Kilometer? Dem Österreicher Extrem-Radler Michael Strasser wär‘ das entschieden zu gemütlich. Sein Ziel ist es, vom nördlichsten Punkt der USA bis ganz in den Süden Amerikas nach Patagonien zu pedalieren – 23’000 Kilometer am Stück. Strassers Ziel ist es, den Rekord des Briten Dean Stott zu brechen, der dafür 99 Tage brauchte. Strasser hatte es schon 2016 eilig, als er es in 34 Tagen von Kairo an die Südspitze Afrikas schaffte – 11’000 Kilometer. Der Mann ist ein Tempogetriebener: «Während  ‹Ice2Ice› werden mich zwei Tour-Autos – ein Camper und ein Pkw – begleiten. Das grössere Team bedeutet auch, dass wir die Abläufe besser planen müssen: Duschen, WC-Pausen, An- und Umziehen, Schlafen, Aufwachen und natürlich die Ernährung müssen optimal abgestimmt sein. Keine Minute darf verloren gehen», erklärt er im «Drahtesel».

Auf seiner Website schreibt Sponsor Red Bull über Strasser, dieser fahre «auf zwei Rädern durch die Welt, um der Monotonie zu entkommen». Welche Monotonie er wohl meint? Und welche Vielfalt er – im Gegenzug – er erlebt, auf zwei Rädern durch die Welt fräsend? Der gute Mann hat in Physik offensichtlich nicht aufgepasst in der Schule. Denn: Je schneller er durch die Lande fräst, desto monotoner, einförmiger, zieht doch die Landschaft an ihm vorüber.

Mir erginge es jedenfalls umgekehrt. Ansonsten: Der Bericht über Strasser Projekt «Ice2Ice» liegt der Kolumne des oben erwähnten Reinhold Seitl – Stichwort Vernunft – auf derselben Doppelseite des «Drahtesels» genau gegenüber.

4. Das Fahrrad – am Stau vorbei an die frische Luft

Mit Strasser nichts gemein ausser das Fortbewegungsmittel selbst hat auch der Journalist und Fotograf Hannes Leitlein aus Berlin. Der stellvertretende Redaktionsleiter der Beilage «Christ und Welt» der «Zeit» in Hamburg bekennt sich in der Nr. 26/2018 als betender Radfahrer. Als radfahrender Beter. Als beides. Seinen Text «Radfahren ist mein Gebet» könnte man sich, kleingefaltet, als Argumentarium dafür in den Geldbeutel stecken, weshalb man (vgl. Punkt 1) im Verkehr lieber auf einem Sattel sitzt statt auf einem von fünf Polstersesseln. Zitat:

«Denn kein Sportwagen der Welt kann dieses Gefühl ersetzen, das sich beim Radfahren einstellt, wenn das Rad richtig eingestellt ist: diese vollkommene Symbiose zwischen Gefährt und Fahrer, die direkte Übersetzung von Muskelkraft in Geschwindigkeit, das Cabriogefühl nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper, diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, die nur durch einen Herzschrittmacher getoppt wird. Das Fahrrad bringt mich ohne Tanken überallhin, vor allem aber bringt es mich im Alltag am Stau vorbei und an die frische Luft.»

Nachsatz: Gerne (sehr gerne) Velo zu fahren heisst nicht, Autos nicht zu mögen. Wer Gegenspielerei hinter Leitleins Ode und deren Zitierung hier vermutet, treibt ebendiese bloss an. «Es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst gern Auto fahre», schreibt Leitlein. Aber mehr als eine Tonne Material, um 100 Kilo in Bewegung zu versetzen, sind grundsätzlich nicht vernunftgesteuertes Tun. Bliebe es bei den Ausnahmen, die dazu berechtigen, löste dies jeglichen Verkehrstau.

 

 

 

 

 

 

Welche Auffassung entspricht der euren?

Ich bleibe auch hinterher ein Anhänger

Zwei Monate nun schon fährt mir dieses Ding hinterher, wenn ich samstags (und die Angetraute wochentags) Vorräte aufstockend oder Zeugs ausführend unterwegs bin: unser neuer Anhänger, der «hinterher» aus München. An dieser Stelle die versprochene Zwischenbilanz. Die in zwei Worten lautet: Daumen hoch!

Kurz fällt sie aus, weil der «hinterher» im Alltag alle Anforderungen erfüllt, die ich an einen Anhänger habe. Und ich deshalb auch hinterher ein Anhänger desselben bleibe. Auf der offenen Plattform lässt sich alles laden, was im Alltag halt so transportiert werden muss. Eine Transportbox, wie ich sie anfänglich für notwendig hielt, brauchts nicht zwingend, denn mit den beiden Bändern lässt sich von der Bierharasse bis zum Wochenend-Einkauf alles leicht festzurrend. Auch, was über den Rand ragt. Zwei solcher Bänder gehören zur Grundausstattung; für weitere sind rund um die Wanne genügend Aussparungen vorhanden. Einfache «Schletzgummis» tuns aber auch. Die eingelegte Gummimatte (optional) dämpft jedwelches Scheppern. Überhaupt: Der «hinterher» folgt mir so leise und ruhig, dass ich sein Gewicht kaum wahrnehme.

Der kleine Aufpreis lohnt sich auch für die durchgehende Achse. Sie macht den «hinterher» zum Schwertransporter, wie das Bild unten beweist. Ich bin zwar nicht mit so vielen Harassen gefahren, Schieben mit Sicherung der Last durch einen «hinterher»-Gänger wäre freilich kein Problem.

Schliesslich: Die Möglichkeit, die Deichsel per Knopfdruck umzustecken und den «hinterher» damit zum Handwagen zu machen, schafft ungeahnte Möglichkeiten im Alltag: Koffertransport zum Bahnhof? Materialfuhre per Bahn und Bus zum Arbeitsplatz? Geht alles. Und mehr.

Mit anderen Worten: Wir sind ein ideales Gespann geworden. Jetzt wünsch‘ ich mir bloss noch ein paar Weggefährtinnen und -gefährten in meiner Gemeinde, damit ich, siehe oben, auf diesen samstäglichen Fuhren nicht an diesen automobilen Kolonnen vorbeizwängen muss…

Gewagter, aber möglicher Flüssigkeitstransport. | © 2018 Dominik Thali
Samstags-Einkauf. Gut festgezurrt. | © 2018 Dominik Thali
Auf Entsorgungstour. Die Autöler stehen im Stau, wir fahren vor und schnappen uns einen freien Parkplatz. | © 2018 Dominik Thali

Der Sammelband für markenbewusste Velocipedisten

Atlantis, Aurora und Avanti, Geier, Germanenrad und «Glück auf», Zaunkönig, Zenith und Zwingburg: Das sind neun Marken von neun deutschen Fahrrädern, und die Liste liesse sich hier beliebig verlängern. Auf über 8000. Zusammengetragen – genauer: die Steuerkopfschilder davon – hat diese Frank Papperitz, in einen Wälzer, 700 Seiten und 1,4 Kilo, gebunden Verlegerin Maxi Kutschera. Sammelleidenschaft und Velophilie. Das «Handbuch deutscher Fahrradmarken, 1817–1965» liegt nun schon eine Weile auf meiner Ablage, für ein paar Zeilen dazu ist nun just heute der passende Tag: Mitte April hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) den 3. Juni zum weltweiten Tag des Velos erklärt.

Steuerkopfschilder? Das erinnert an Kinderzeiten und Velobörsen. Meine Lebens- und Velo-Gefährtin nannte seinerzeit ein «Egloff» ihr eigen; den Dreigänger hatte sie beim Händler zwei Strassen nebenan nach langem Sparen erworben. Die Plakette mit der Markenbezeichnung vorne unterm Lenker machte das Rad unverwechselbar. An Börsen tauchen bis dato immer mal wieder Velos mit diesen farbig bedruckten oder emaillierten Metallschildern auf, die oft auf den Dorfmechaniker hinweisen, der das Velo seinerzeit zusammengebaut hatte. Heute veredeln Rahmenbauer ihre Massrahmen mit kopiergefrästen oder gelaserten Schildern aus Aluminium oder Messing.

Wer durch Sammler Papperitz‘ Buch blättert, runzelt womöglich erst einmal die Stirn. In dem Nachschlagewerk finden sich über 8000 Graphiken von Steuerkopfschildern deutscher Fahrradmarken. Und gleich viele Marken deutscher Fahrradhersteller, Händler und Grosshändler von 1817 bis etwa 1980 werden genannt. Papperitz listet sogar auf, welche Marken aus welchen Städten und Dörfern kamen: Othello aus Angern bei Magdeburg, Möbius aus Beutzenburg oder Hermedes aus Hannover. Da erstarrt unsereins in Ehrfurcht. Wobei mich solche Sammelleidenschaft nicht mehr erstaunt, seit ich unlängst jemanden kennengelernt habe, der sogar Stromhäuschen – Transformatorenstationen – zusammenträgt. Sachen gibts! Aber Freude macht vieles. Und oft ist damit viel unschätzbare historische Aufarbeitung und Konservierung verbunden.

Im ersten Teil erzählt Frank Papperitz seine «Sammelstory», fasst die Geschichte des Steuerkopfschilds zusammen und beschreibt deren Herstellung. Am Schluss gibt er Tipps für jene, die es ihm gleichtun wollen. Für abenteuerlustige Bike-Packer mag sein Werk damit nicht die bevorzugte Lektüre sein. Geschichtsbewusste Velocipedisten hingegen geben ihm einen Ehrenplatz im Bücherregal und lassen es an einem fröhlichen Abend beim Fachsimpeln unter Seinesgleichen kreisen. Allerlei lustige Wissensspiele dazu und Scrabbeleien dürfen dazu noch erfunden werden.

Frank Papperitz: «Handbuch deutscher Fahrradmarken», Maxime Verlag, 2016; 720 Seiten; Softcover, Fadenbindung; 8055 Grafiken, ca. 60 Franken,ISBN 978-3-906887-00-5

Wie hinterher ein Anhänger mein neues Velo vollständig macht

Mein Velo ist auch ein Lastenrad. Erstens. Und zweitens: Der sprachhandwerklich etwas klobige Titel dieses Beitrags ist dem Anhänger geschuldet, der selbiges dazu macht. Drei Jahre nach der Jungfernfahrt kann ich mit meinem «47 Grad Nord» endlich (wieder) auf zwei Rädern als Bierfuhrmann unterwegs sein, Brennholztransporteur oder Alteisenentsorger. Hinterher hats hinterher möglich gemacht.

Hinterher heissen die Hänger, die aus der Münchner Werkstatt von Peter Hornung stammen, einem der wohl kreativsten Köpfe im zweiradgetriebenen Transportwesen. Über meine/unsere Erfahrungen werde ich an dieser Stelle noch einige Male berichten. Für heute und fürs erste: Wir sind begeistert. Der neue Hinterher Hmax hat unseren 26-jährigen Leggero abgelöst, den wir damals als Kinderanhänger kauften und der uns etwa 20 Jahre, abgespeckt, als Kofferraum für unsere Velos diente. Über Stock und Stein, was das Holperding längst zu unserem akustischen Markenzeichen gemacht hat. Will heissen: Man hört uns anrollen und nimmt Notiz davon, letzteres wohl aber auch deshalb, weil das gemeine Volk gewöhnlich Familientransporte vierrädrig bewältigt.

Neuerdings rollen wir nun aber flüsterleise an. Der Hinterher-Trailer ist trotz seiner gut 10 Kilogramm Leergewicht ein kaum spürbarer Auch-dabei. Die Wanne aus 4 mm dickem, gefrästen Aluminium nimmt auf und hält aus, was ich immer ihr überantworte. Die Gummimatte dämpft Geräusche, und mit den zwei langen, an vielen Stellen einrastbaren Riemen lässt sich jede Ladung befestigen. In Klammern: Den alten Hänger hab‘ ich lediglich fürs Bild auf den Hinterher gezurrt, er hielt aber aber absolut fest.

Wissen teilen, Menschen begeistern

Mit welchem Bewusstsein für Alltagstauglichkeit und Langlebigkeit, mit wie viel Liebe zum Detail Peter und sein Team die Hinterher-Hänger fertigen, beweisen die Details. Die Deichsel lässt sich, um 90 Grad gedreht, in die Mitte der vorderen Wand einschieben, wodurch der Hinterher zu einem praktischen Handwagen wird. Für lange Menschen wie mich gibts Deichseln in Überlänge. Oder: Die klappbare Hilfsstütze vorne links verhindert, dass die Ladung kippt. Sodann: Der Eingang der Führung, in welcher die Deichsel eingerastet wird, besteht aus gefrästem Aluminium, nicht Kunststoff. Wer noch mehr aus seinem Hinterher machen will, findet bei Peter zahlreiches Zubehör; vom Campingtisch-Bausatz bis zur Klappschaufel für eine Sackkarren-Funktion. Zudem: Kundinnen und Kunden machen mit dem Hinterher die verrücktesten Dinge, wie diese Bildergalerie beweist. Peter lässt sich von ihnen auch immer wieder inspirieren. Überhaupt: Bei Hinterher ist nichts geheim: Peter Hornung ermuntert zum Nachbauen und Selbermachen. Weil geteiltes Wissen auch geteilte Freude ist und sich vermehrt. Veloanhänger gehören auf die Strasse, nicht in Kataloge und Schaufenster. So viel Begeisterung wirft Wellen und war schon mehrfach preiswürdig. Jüngst gabs für einen Anhänger, mit dem Paletten gehoben und transportiert werden können, den «Bundespreis für hervorragende innovatorische Leistungen».

Einschlägige Links:

Wir sammeln weiter Erfahrungen und gehen in die Details. Fortsetzung folgt.

 

Die «Herzschlaufe Seetal» geht ans Herz

Wir pedalierten schon durch den Peloponnes (Hochzeitsfahrt), schlängelten uns durch die Mecklenburger Seen (inzwischen zu fünft), erkundeten bayrische Biergärten, schwedische Inseln und jurassische Höhen. Jedoch: Wir könnens auch in der Nähe und dies (zum wiederholten Male) nur empfehlen. Anlass dazu gibt die Herzschlaufe Seetal, die wir, Frau Gemahlin und meine Person, am Freitag und Samstag unter die Räder genommen haben. 110 km von Haustür zu Haustür, eine aussichtsreiche Wunderfahrt durchs Frühlingsblühen.

Die Herzschlaufe Seetal, soeben ins dritte Jahr gestartet, ist ein Abstecher der Herzroute, der in zwei  Tagesetappen abseits vom Verkehr in weiten Bögen von Eschenbach nach Lenzburg und zurück führt. Gedacht ist sie als  Route für Elektromotörler – wir haben sie als beingetriebene Velofahrer gewissermassen missbraucht und finden aber die 2100 Höhenmeter im Anstieg kein Problem: Man hat und nimmt sich halt die Zeit und stösst das Velociped bergauf, wenn die Kraft in den Beinen nicht mehr ausreicht. Punkt.

Die Belohnung der vermeintlichen Mühsal ist unerhört gross. Der Tag begann mit einer kleinen Einkehr in der schönsten aller Besenbeizen, dem Nussbaumbeizli von Familie Kurmann auf dem Horben, es ging sodann, übern Lindenberg, durch blühende Hochstammkulturen und über den Lindenberg mit Ausblick auf den Baldegger- und Hallwilersee sowie auf das Alpenpanorama, viel auf nicht geteerten und auf Waldstrassen, durch unbekannte Tälchen und an schönen Bauerngärten vorbei; es folgte ein friedlicher Abend auf Schloss Lenzburg mit gastfreundlicher Aufnahme im Bed-and-Breakfast bei Dani Schranz mitten im Städtchen, sodann ein ebenso wundervoller zweiter Tag, auf dem Westast, auf dem man in die grünen Täler und Anhöhen des Aargaus und der Region Beromünster-Sempachersee eintaucht. Eine Strecke für Heimatverliebte und solche, die sich diesbezüglich anstecken lassen wollen.

Ab Beromünster, beim zweiten Zobig, schlauft man sich allmählich wieder ins Seetal ein, nach einem spannenden Zickzack durch die Hildisrieder Anhöhen und letzten Halt bei Seppi Zwinggis wunderschöner Antoniuskapelle in Traselingen. Mit Gottes Segen sausen wir talwärts –  dankbar für viel erlebte (er-fahrene) Schöpfungswunderkraft.

P.S. 1: Die Herzschlaufe ist mit Elektrovelos natürlich bequemer zu meistern. Es geht aber, wie beschrieben, mit zwei gesunden Beinen, hevorragend auch, ohne eine Batterie mitzuschleppen. Ratsam ist einzig ein robustes Velo, wobei ein Bike angesichts der langen Abschnitte, die nicht geteert sind, keine schlechte Idee ist.

P.S. 2: Rund um den Napf gibts seit diesem Wochenende ebenfalls eine Herzschlaufe, die Herzschlaufe Napf.

 

 

Steht das Velo in der Verfassung, fährt es noch nicht weiter

Über die Velo-Initiative können wir nicht abstimmen. Mitte März hat sie das Initiativkomitee zurückgezogen; es unterstützt den Gegenvorschlag von Bundesrat und Parlament 1. Das ist verständlich. Und aber auch schade. Wie weit der «gutschweizerische Kompromiss», wie ihn die Initianten nennen, der Veloförderung am Ende nützt, ist fraglich.

Verständlich ist der Beschluss, weil die Velo-Initiative an der Urne wenig Chancen gehabt hätte. Die guten Argumente fürs Velo wären von der Autofraktion überfahren worden. SVP und FDP haben in den Parlamenten (Ständerat / Nationalrat) sogar den Gegenvorschlag weitgehend abgelehnt. Weiter hätte die Initiative einen Eingriff in die Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen bedeutet. Für Velowege sind die Kantone und Gemeinden zuständig. Dies gilt auch für die Fuss- und Wanderwege, denen die Initianten die Velowege gleichstellen wollen und die in Artikel 88 der Bundesverfassung bereits genannt sind. Zum Vergleich:

Der originale Initiativtext:

Art. 88 | Fuss-, Wander- und Velowege

1 Der Bund legt Grundsätze über Fuss- und Wanderwegnetze und über Netze für den Alltags- und Freizeit-Veloverkehr fest.
2 Er fördert und koordiniert Massnahmen der Kantone und Dritter zur Anlage und Erhaltung attraktiver und sicherer Netze und zur Kommunikation über diese; dabei wahrt er die Zuständigkeiten der Kantone.
3 Er nimmt bei der Erfüllung seiner Aufgaben Rücksicht auf solche Netze. Muss er dazugehörende Wege aufheben, so ersetzt er sie.

Der Gegenvorschlag von Bundesrat und Parlament:

Art. 88 | Fuss-, Wander- und Velowege

1 Der Bund legt Grundsätze über Fuss-, Wander- und Velowegnetze fest.
2 Er kann Massnahmen der Kantone und Dritter zur Anlage und Erhaltung solcher Netze sowie zur Information über diese unterstützen und koordinieren. Dabei wahrt er die Zuständigkeiten der Kantone.
3 Er nimmt bei der Erfüllung seiner Aufgaben Rücksicht auf solche Netze. Er ersetzt Wege, die er aufheben muss.

Die zwingende Verpflichtung des Bundes, die Kantone bei der Veloförderung auf die Lenkstange zu nehmen, ist also der weniger verbindlichen Kann-Formulierung gewichen. Dem gutschweizerischen Kompromiss eben.

Schade. Eine Abstimmung darüber hätte Klarheit geschaffen über den tatsächlichen Willen von Stimmvolk, Politik und Behörden, das Velo als Beitrag als Verkehrsmittel aus dem Stau zu fördern. Wir hätten die Staugläubigen in den Sattel zwingen können und danach gewusst, wer Hase ist und wer Igel. Oder Schildkröte, meinetwegen.

Velowege sind nicht Fuss- und Wanderwege

Darauf lassen sich die Initianten nicht ein. Es trifft zwar zu, wenn sie schreiben, auch der Gegenvorschlag erfülle ihr Kernanliegen: Das Velo komme in die Verfassung. Damit sei «der Grundstein gelegt für ein durchgehendes Velowegnetz in der Schweiz, wie es heute schon für das Zufussgehen und das Wandern» bestehe.

Das stimmt mich allerdings nicht eben hoffnungsfroh. Denn erstens muss auch der Gegenvorschlag die Volksabstimmung überstehen. Gelingt dies, muss zweitens das Parlament das Ausführungsgesetz zum geänderten Verfassungsartikel beschliessen. Die Fuss- und Wanderwege, die darin heute genannt sind, und die Velowege, die neu darin aufgenommen werden sollen, sind freilich zweierlei. Für erstere finden sich in der Regel Mehrheiten, weil sie durchs Grüne verlaufen und selten Autos den Weg abschneiden oder Parkplätze kosten. Bei der Veloförderung geht’s jedoch immer mal wieder nicht ohne dies.

So selbstverständlich, wie die Kantone heute gemäss Bundesgesetz ihre Verantwortung für die Fuss- und Wanderwege wahrnehmen, dürften sie sich also nicht auch für «Velowegnetze» einsetzen wollen.

Im Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege von 1985 heisst es unter anderem, dass die Kantone…

  • … «bestehende und vorgesehene Fuss- und Wanderwegnetze in Plänen» festhalten und diese regelmässig überprüfen und nötigenfalls anpassen müssen, und dass sie…
  • …Fuss- und Wanderwege anlegen, unterhalten und kennzeichnen müssen und man diese Wege «frei und möglichst gefahrlos» begehen kann.

Ich gehe davon aus, dass bei einer Annahme des Gegenvorschlag zur Velo-Initiative dieses Gesetz angepasst wird. Doch selbst wenn so die Veloförderung zur behördlichen Pflicht würde, wäre damit noch kein Meter Veloweg zusätzlich gebaut. Wie sehr vor Ort darum gerungen werden muss, zeigt ein aktuelles Beispiel aus (meinem) Kanton Luzern. Hier hatte Kantonsrätin Monique Frey (Grüne) in einem Vorstoss den Regierungsrat gefragt, ob er bereit sei, das bestehende Radroutenkonzept mit neuen Veloachsen zu ergänzen. Das Konzept von 1994, 2009 ergänzt – es ist erst zu zwei Dritteln umgesetzt – sei «bruchstückhaft, oft unterbrochen und Mischmasch aus Velowegen und Velostreifen», das den heutigen Bedürfnissen nicht mehr genüge».

In seiner Antwort begrüsst der Regierungsrat «jedes Engagement im Interesse einer nachhaltigen Mobilität und einer Veränderung des Modalsplits zugunsten des Radverkehrs». «Im Sinn der Kontinuität und mangels personeller und finanzieller Ressourcen» stehe für ihn aber weiterhin die Umsetzung des Radroutenkonzepts im Vordergrund.

Will heissen: Wir würden zwar gerne Velo fahren wollen. Aber wir haben kein Geld dafür.

Nachtrag: Im ersten Satz füge ich zwischen «zwar» und «gerne» ein «vielleicht» ein.

1 Am 30. November 2017 hat der Ständerat den Gegenvorschlag des Bundesrats zur Veloinitiative mit 35 zu 5 Stimmen bei 2 Enthaltungen gutgeheissen. Am 16. März 2018 hat dies der Nationalrat mit 133 zu 54 Stimmen bei 5 Enthaltungen getan. Die Ergänzung der Bundesverfassung muss nun vom Volk und den Ständen angenommen werden. Das offizielle Abstimmungsdatum ist noch nicht bekannt, mögliche Termine sind der 23. September oder der 25. November 2018.