Kategorie: Bücher

Ein Jahr im Sattel, heute im Gedenken an Herrn Drais

Ein bisschen, find‘ ich, ist es schade und auch widersprüchlich, dass dieses Buch Karl Friedrich Drais,  den Erfinder der Laufmaschine, Vorläuferin des Fahrrads, an seinem Todestag würdigt, dem (heutigen) 10. Dezember, und nicht am Geburtstag, dem 29. April. War der Verblichene doch mit seiner Konstruktion recht eigentlich der Vorfahrer des späteren Fahrrads, des schönsten und genialsten aller Fortbewegungsmittel, was in diesem Jahr zu feiern war und auch gefeiert wurde, denn am 12. Juni 1817, vor 200 Jahren also, hatte Karl Drais (1785-1851) mit seiner Laufmaschine in Mannheim die erste Probefahrt unternommen. Über die velocipedistische Entwicklung, die danach einsetzte, gibt es inzwischen Bibliotheken und Museen; ohne die Drais’sche Wegmarke von 1817 wäre aber womöglich dieses Buch nicht entstanden. Dabei möchten wir ebendieses herzlich als Weihnachtsgabe empfehlen.

Dieses Buch, das sind «365 Geschichten aus der Welt des Radsports», die der Radsportjournalist Giles Belbin unter dem Titel «Ein Jahr im Sattel» zusammengetragen hat; ein Band, den ich erst jetzt entdeckt habe, wiewohl er schon 2016 erschien, ein Jahr nach der englische Originalausgabe. Der Abgesang darin auf Meister Drais statt eines Lobgesangs auf dessen Geburt verkommt angesichts des auf 352 Seiten gesammelten «faszinierendes Gemenges aus packenden sportlichen Momenten, langen und begeisternden Aufholjagden und einer grossen Zahl an Helden, Idolen und Legenden» (Verlagswerbung) allerdings zu einer vernachlässigbaren Stillosigkeit.

Nützes und unnützes Wissen

Was der Radsportler von besagtem Gemenge wissen muss, ist eine Frage des Charakters. Der Trainingsfleissige wird sich jeden Tag vorm Frühstück die Tagesnotiz verinnerlichen und so auf der Passfahrt mit Kollege Kuno am 21. Juni mit der Beiläufigkeit bluffen können, an diesem Tag, 1974, habe Eddy Merckx die Tour de Suisse gewonnen. Der Gelegenheitspedalierer wiederum wird «Ein Jahr im Sattel» dann und wann zur Hand nehmen, darin blättern und sich wundern, welche Fülle unnützen Wissens auch der Radsport produziert. So hat Roger de Vlaeminck, unter anderem, an einem meiner Geburtstage, am 8. März 1972, Mailand-Turin gewonnen, selbiges Ereignis hat freilich in meinem Leben keinerlei Spuren hinterlassen. (In Klammern: Wichtiger ist mir, dass Marie-Theres Nadig den 8. März mit mir teilt, aber diese Person, neun Jahre älter als ich,  kennt von der Jungmannschaft niemand mehr; und ohnehin, ich schweife ab.)

Der Fahrfaule schliesslich ordnet das «Jahr im Sattel» ins Bücherregal ein und lässt es dabei bewenden. Immerhin, beziehungsweise hoffentlich aber, wird er es von Zeit zu Zeit hervornehmen, sein Gewicht und das feste Papier in den Händen gerne spüren und sich an der gepflegten Aufmachung freuen. Dazu tragen insbesondere die ausdrucksstarken Zeichnungen von Daniel Seex bei.

Bücher mit langweilenden Kilometerschilderungen habe ich schon verschenkt. «Ein Jahr im Sattel» ist einer der Bände, die meine weitere Lebenstour mitmachen und begleiten werden.

Giles Belbin, «Ein Jahr im Sattel; 365 Geschichten aus der Welt des Radsports», mit 115 farbigen Illustrationen von Daniel Seex, übersetzt von Klaus Bartelt, 352 Seiten, gebunden, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016, ISBN-13 978-3-7725-2821-7, ca. Fr. 28.-. Original-Titel: A Year in the Saddle, Aurum Press, London

Dave Walkers Velocartoons jetzt auch auf Deutsch

An nasskalttrüben Tagen wie diesen, an denen der wasserscheue Velofahrer lieber in seiner Werkstatt werkelt denn sich in den Sattel schwingt, ist es angebracht, die die Liste möglicher Weihnachtsgaben zu eröffnen, die sich der Zweiradfreund selber anlegt oder seinen schenkwilligen Nächsten zukommen lässt. Darauf gehört nun nämlich folgendes Büchlein notiert: «Die Radfahrer-Cartoons. Eine illustrierte Anleitung für das Leben auf zwei schmalen Rädern» von Dave Walker. Über den englischen Fahrrad-Cartoonisten habe ich an dieser Stelle bereits berichtet. Jetzt ist eine Sammlung seiner Zeichnungen auf Deutsch erschienen. Übersetzt und herausgegeben hat sie Verleger Rainer Sprehe vom Covadonga-Verlag in Bielefeld D. Zwecks näherer Erläuterung geben wir nachfolgend die (gekürzte) Presseinformation wieder, deren Empfehlung im Schlusssatz nur unterstrichen werden kann: «Das macht diese Cartoon-Sammlung zur idealen Lektüre für jeden, der mit Freude Rad fährt.» Also:

Sollte man sein Rad im Wohnzimmer aufbewahren? Wie oft darf man die Radklamotten tragen, bevor sie in die Wäsche müssen? Wo ist ein guter Ort, um den neuen Laufradsatz vor dem Partner zu verbergen? Warum rasieren sich Rennradfahrer wirklich die Beine? Wie wird man zum Mamil? Dave Walker beantwortet all diese Fragen (und noch viele mehr) in «Die Radfahrer-Cartoons», einer liebevollen Annäherung an die wundersame Welt der Fahrräder und ihrer Besitzer. Mit feinem Humor und der Erfahrung aus Jahrzehnten im Sattel von Rennrädern, Mountain- und Citybikes entlarvt der britische Zeichner  die geheimen Gedanken und teils absurden Marotten der Spezies Radfahrer. Seine Cartoons sind genau beobachtete kleine Sittengemälde eines Mikrokosmos, der offenbar viel, viel komischer ist, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag – sei es im Fahrradfachgeschäft, beim sonntagmorgendlichen Trainingstreff oder im Peloton der Profis.

Dave Walker gilt als der Radsport- und Fahrrad-Cartoonist. Etliche Arbeiten des Illustrators aus Leigh-on-Sea geniessen längst international Kultstatus unter begeisterten Radfahrern. Mit seinen pointiert gezeichneten und getexteten Schaubildern liefert Dave Walker eine augenzwinkernde Anleitung für das pralle Leben auf zwei schmalen Reifen, die alle Aspekte der pedalgetriebenen Fortbewegung abdeckt: von der Tour de France bis zum Pendeln zur Arbeit, vom Periodensystem der Radfahrer-Typen bis zur Pyramide der typischen Radfahrer-Verpflegung, von den Erkennungszeichen von Radsportlern ausser Dienst bis zur Rettung aus den Fängen widerspenstiger Trägerhosen, vom Zusammenleben mit fanatischen Rennradliebhabern bis hin zu den Tücken der Radwegbenutzungspflicht. Das macht diese Cartoon-Sammlung zur idealen Lektüre für jeden, der mit Freude Rad fährt.

Dave Walker: «Die Radfahrer-Cartoons. Eine illustrierte Anleitung für das Leben auf zwei schmalen Reifen», Covadonga Verlag, 2017, ISBN 978-3-95726-026-0,
144 Seiten im Format 20 cm x 20 cm, ca. Fr. 14.-/blue_box]

Längst fährt auch die Nonne Velo

200 Jahre Fahrrad – von der Kanzel aus betrachtet: 1817 baute der badische Forstlehrer Karl Drais mit dem Laufrad die Urform des heutigen Velos. Ein Blick zurück im Jubiläumsjahr zeigt: die Kirche mochte sich erst nicht in den Sattel schwingen.

Die Quellenlage sei zwar mager, räumt der deutsche Technikhistoriker Hans-Erhard Lessing ein. Das kurze Kapitel «Die Kirche und das Rad» in seiner neuen «Kulturgeschichte des Fahrrads» ist allerdings amüsanter Stoff. «Diabolische Werkzeuge des Dämons der Finsternis» seien «diese blasenrädrigen Fahrräder», zitiert Lessing darin einen Prediger im amerikanischen Baltimore im Jahre 1896. Und erklärt: «Das Fahrrad war der erste Schlag gegen die hehrste Einrichtung der Religionen, den sonntäglichen Kirchgang.»
Will heissen: «Radfahrer schwänzten die Messe.» So drückt es der Historiker Benedikt Meyer aus, der 2008 in seiner Lizentiatsarbeit die «Geschichte des Fahrradfahrens in der Schweiz» untersucht hat. Die Kirche habe ohnehin «ein eher verknorztes Verhältnis zum Körper», und Velofahren sei «nicht zuletzt ganz einfach eine körperliche Lust», sagt Meyer.
Der Widerstand brach freilich ein, je mehr Amerikaner sich ein Fahrrad kauften. Lessing erwähnt einen Pastor, der im Untergeschoss seiner Kirche den Radfahrern kleine Reparaturen erlaubte. Mit einem Hintergedanken jedoch: Die Leute sollten zur Kirche radeln, wo sogar jemand nach ihren Rädern sehe.

«Dem Höchsten näher»
Hierzulande – und damit meint Lessing Deutschland – scheine es «in den vom damaligen Kulturkampf geschwächten Kirchen» diese «amerikanische Heftigkeit» nicht gegeben zu haben. Er beruft sich dabei auf den Schriftsteller Eduard Bertz (1835–1931), der in seiner «Philosophie des Fahrrads» (1900) gegen «kirchliche Herrschsucht» anschrieb: «Wenn ein Radfahrer in der Feiertagsstille mit leuchtenden Augen an einem schönen Aussichtspunkte Halt macht und aufatmet in freudiger Naturandacht, so ist der dem Höchsten vielleicht näher als die Gemeinde auf der Kanzel.»

Es gab zudem, gerade auf dem Land, gute Gründe für die Kirche, sich in den Sattel zu schwingen. Benedikt Meyer weiss von einem Bündner Pfarrer, dem die Vorgesetzten das Velofahren verboten, weil es sich nicht schicke für einen Priester. «Das illustriert einen Konflikt. Einerseits war man gegen das Velo, andererseits waren nach den reichen Adeligen die Pfarrer die nächsten, die sich ein Rad leisten konnten und vor allem einen grossen Nutzen davon hatten. Sie gelangten so bei der Seelsorge schneller von Hof zu Hof und kreuz und quer durch ihre Pfarreien.»

Vergang’ne Zeiten. Der Aufschrei der Kirchen gegen das Fahrrad – der sich übrigens eine Generation später beim Auto wiederholte – verklang spätestens, als Filmpfarrer Don Camillo vor rund 60 Jahren seinen ewigen Widersacher Peppone auf dem Velo links überholte. Inzwischen gibt es Velowegkirchen, Velowallfahrten und Velosegnungen – das Velo gehört heute, je nach Saison, zum spirituellen Grundangebot.

Demütig, bescheiden
Meyer vermutet, dass die Kirche ihre Liebe zum Velo vor allem entdeckte, nachdem dieses vom Auto überholt worden war. «Die Nonne auf dem Fahrrad ist heute in Filmen ein gerne gewähltes Motiv. Warum? Weil das Velo ein demütiges, bescheidenes Gefährt ist. Man muss strampeln, muss sich abmühen, und ob man ankommt oder verhagelt wird, liegt nicht allein in der eigenen Hand.»
Ausserdem ist die Kirche inzwischen mit der Umweltbewegung verbunden – in der Schweiz offiziell seit 1986 über den Verein «oeku –Kirche und Umwelt». Benedikt Meyer: «‹Zurück zur Natur› kann auch als ‹Zurück zur Schöpfung› gelesen werden, und dazu ist das Fahrrad ja ideal.»

Quellenverweise

  • Hans-Erhard Lessing: Das Fahrrad, eine Kulturgeschichte. Verlag Klett-Cotta, 2017, ISBN: 978-3-608-91342-2
  • Benedikt Meyer: Vorwärts rückwärts, zur Geschichte des Fahrradfahrens in der Schweiz. Verlag Traugott Bautz, 2014, ISBN 978-3-88309-880-7
Die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben: der Buttisholzer Pfarrer Edi Birrer im Mai 2010 an einer Velosegnung. | © 2010 pd

«Dieses gute Gefühl» auf dem Velo und ein Buch darüber

Velofahren in der Grossstadt heisst: Kampf gegen den Verkehr, rücksichtslose Autofahrer und trödelnde Fussgänger auf dem Veloweg. Doch deshalb aufs Velofahren verzichten? Bestimmt nicht. Juliane Schumacher, täglich in Berlin unterwegs, hat ein Buch darüber geschrieben, wie es ist, sich auf zwei Rädern fortzubewegen, und dennoch im Alltag immer wieder vor Hindernissen zu stehen. Der Velofahrer hat mit ihr gesprochen.

Juliane Schumacher wurde 1987 in Berlin geboren. Während des Modedesign-Studiums entdeckte sie die Liebe zum Radfahren wieder. Das Thema ihrer Masterarbeit: «Radelmädchen – urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad». Auf ihrem Blog radelmaedchen.de schreibt sie nicht nur über Fahrradbekleidung, sondern auch über die Erlebnisse einer Grossstadtradlerin. Sie arbeitet u.a. als freie Texterin und Merchandiserin.

Du schreibst darüber, wie man auf dem Rad in der Stadt überlebt. Das unterstellt: Radeln in der Stadt ist offenbar lebensgefährlich.
Juliane Schumacher: Wenn ich an die traurige Rekordzahl von 17 im Stadtverkehr getöteten Fahrradfahrern im Jahr 2016 in Berlin denke, dann ist die Aussage leider zu oft richtig.

Dich macht das Radfahren in Berlin aber offenbar glücklich.
Radfahren macht eben glücklich, auch in der Stadt. Mit dieser Einstellung stehe ich nicht allein da, wie man an der steigenden Anzahl Radfahrer zum Beispiel in Berlin auch deutlich sehen kann. Ich sehe den Buchtitel in Anbetracht der vielen unangenehmen Situationen, in die man in der Stadt auf dem Rad geraten kann, schon als passend. Andererseits versuche ich mich auch nicht immer allzu ernst zu nehmen und so betrachte ich einige Erlebnisse oder Themenpunkte im Buch auch gern mal mit einem Augenzwinkern.
Ansonsten: Der Buchtitel ist einer Buchreihe des Verlags zu verschiedenen Themen geschuldet, die alle den Obertitel «How to survive» tragen. In der Hinsicht stand der Titel auch für mein Buch zum Thema Radfahren von Anfang an fest.

Wie überlebst Du denn als Radfahrerin in Berlin?
Ich versuche mit all meinen Sinnen unterwegs zu sein und möglichst aufmerksam und rücksichtsvoll zu fahren, um auch in brenzligen Situationen schnellstmöglich reagieren zu können oder diese zu vermeiden.

Bist Du, anderseits, auch schon unter die Räder gekommen?
Toi, toi, toi, ich konnte dem bisher entgehen. Auch wenn es mal eine Situation gab, in der ich mich schon fast unter einem viel zu eng überholenden Sattelschlepper sah. Zum Glück waren dann aber noch ein paar Zentimeter Platz.

Ich lebe (eher) auf dem Land, die Stadt (Luzern), in die ich zur Arbeit fahre, ist dreimal kleiner als der kleinste Berliner Bezirk. Für wen hast Du geschrieben?
Die Zielgruppe sind im Prinzip schon radaffine Menschen in der Stadt. Auf dem Land herrscht eine andere Stimmung und oft auch ein anderes Tempo, als in der Grossstadt.
Dennoch: Auch oder besonders dort gibt es oft Probleme, dass man als Radfahrer zum Beispiel nicht ernst genommen wird oder auf sich aufmerksam machen muss – Themen, die in meinem Buch angesprochen werden. Ausserdem: Wer sich fürs Radfahren interessiert und regelmässig fährt, liest eventuell auch gern über andere Erfahrungen, entdeckt sich vielleicht wieder und schmunzelt auch mal gern über die beschriebenen Geschichten. Wer Unterhaltung und Erfahrungsberichte aus dem Leben einer Radfahrerin sucht, findet bei «How to survive als Radfahrer» genauso Lesefutter wie jemand, der etwas unsicherer auf dem Rad unterwegs ist. Da ist es egal, ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt.

Der Streit um Quadratmeter und Rechte dürfte bei uns freilich nicht viel anders sein als in Berlin. In Luzern lassen sich beispielsweise Leserbriefseiten damit füllen, ob man den Seeufer-Quai für Velos teilweise frei geben soll oder nicht. Weshalb ist das Velo ein derart verpolitisiertes Verkehrsmittel?
Ich denke, Radfahren ist etwas sehr Emotionales. Bei vielen Menschen löst Radfahren eine Emotion aus und bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit oder einfach Spass an der Bewegung. Wenn mich etwas emotional anspricht, bin ich empfindlicher, da es schnell persönlich wird und ich mich zum Beispiel angegriffen fühlen kann.
Dabei sind Radfahrer ausserdem auch Teil des Verkehrs und möchten entsprechend ernst genommen werden. Wenn wenn man sieht, wie ihreAnzahl steigt, ist es defintiv nachvollziehbar, dass es infrastrukturelle Anpassungen geben muss.

Und was hat dies mit der Psyche des Autofahrers zu tun?
Wie für viele Menschen das Rad der Inbegriff von Freiheit ist, bedeutet für intensive Nutzer des Autos eben auch dieses Unabhängigkeit und oft auch Schnelligkeit. Manche fühlen sich dann vielleicht in ihrer Freiheit eingeschränklt, wenn sie sich zum Beispiel zurücknehmen müssen, weil vor ihnen ein Radfahrer fährt. Da macht ihnen jemand den Platz auf der Strasse streitig und könnte ihnen Raum wegnehmen.

Wer soll Dein Buch lesen? Tun das nicht vorab Leute, die eh schon Velo fahren, statt jener, die es sollten: Politikerinnen und Politiker, Verkehrsplaner, Städteplanerinnen?
Ich schreibe über Erfahrungen aus meinem Radfahreralltag in der Stadt und gebe dabei hin und wieder ein paar Tipps oder Hinweise, wie man den Stadtverkehr, das Wetter oder Alltäglichkeiten mit dem Fahrrad meistern kann. Von daher können langjährige Radfahrer das Buch lesen und sich durch meine Erlebnisse beispielsweise einfach unterhalten fühlen. Aber genauso können Menschen darin stöbern, die sich etwas unsicher fühlen, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind. Diese finden vielleicht ein paar Tipps, wie sie in der Stadt zurecht kommen können. Es ist an sich sehr persönlich geschrieben, weil viele Geschichten darin zu finden sind, die ich wirklich selbst erlebt habe.
Es wäre begrüssenswert, wenn auch Menschen mit Entscheidungsgewalt das Buch lesen würden, weil dort gebündelt thematisiert ist, was im Strassenverkehr alles schief läuft. Das kann Denkanstösse geben und zwar aus Sicht aller Verkehrsteilnehmer. Warum verhalten sich die einzelnen Parteien so oder so und was könnte man unternehmen, um es für alles angenehmer und sicherer zu machen?

Ich fahre so oft wie möglich mit dem Velo zur Arbeit, das sind gut 18 km von der Haus- zur Bürotür. Oft ernte ich staunende Blicke, wenn ich davon erzähle. Woran liegt das?
Viele Menschen, die nicht viel oder regelmässig Radfahren, sehen das Fahrrad nicht als vollwertiges Fortbewegungs- und Verkehrsmittel. Für einige ist es eben immer noch nur ein Freizeitgegenstand. Das man damit aber gerade in der Stadt oft viel schneller, günstiger und gesünder unterwegs ist, ist vielen einfach nicht bewusst. Dazu kommt wieder dieses gute Gefühl, durch die Bewegung und die andere Wahrnehmung der Umwelt. Man ist direkter dabei und nimmt alles intensiver war. Wenn man das aber nie ausprobiert oder so sehr in seinen Gewohnheiten steckt, zum Beispiel mit dem Auto zu fahren, kann man das schwer nachvollziehen. Viele Verhaltensmuster in der Fortbewegung sind einfach aus der Gewohnheit heraus entstanden.

Wie motivierst Du Dich, am Morgen auch bei nassem Wetter in den Sattel zu steigen?
Das hängt ganz oft mit der Strecke zusammen, die ich zurücklegen muss, und damit, wo ich hin muss. Wenn ich nur einen kurzen Weg habe und weiss, da komme ich mit dem Rad am unkompliziertesten hin, dann nehme ich auch immer das Fahrrad. Eine Regenjacke kann wahre Wunder wirken.
Ich checke dann auch den Wetterbericht für den Tag. Wenn mein geplanter Weg zu weit ist, nehme ich das Fahrrad gern mit in die Bahn und hoffe auf Wetterbesserung auf dem Heimweg. Wenn ich nach Hause fahre, fällt es mir auch leichter, mal nass zu werden. Schliesslich kann ich mich dann einfach umziehen und duschen, sobald ich angekommen bin. Starkregen muss aber dann doch nicht sein.

Fährst Du auch Auto? In der Stadt? Wenn ja, wie nimmst Du dann die Radfahrer wahr?
Nein, ich fahre kein Auto. Als Beifahrer nutze ich es mittlerweile auch sehr selten, nur wenn es nicht anders geht, wie zum Beispiel bei einem großen Umzug. Egal, wie ich mich in der Stadt fortbewege, ob selbst auf dem Rad oder zu Fuss, ich achte natürlich auch auf andere Radfahrer. Während die meisten recht gemächlich unterwegs sind und auch auf ihre Umwelt achten, gibt es dennoch leider einen gewissen Anteil Menschen, die einfach fahren, wie sie wollen. Das macht mich wütend, weil es leider auch das rüpelhafte Image eines Radfahrers unterstützt, das sie oft bei Autofahrern haben. Was ich auch nicht nachvollziehen kann, sind die Leute, die ohne Licht fahren. Ich habe öfter schon gerade so ausweichen können. Das ist unnötig gefährlich und gefährdend. Man sieht die einfach nicht.
Dennoch freue ich mich, wenn ich realisiere, dass es immer mehr Menschen auf dem Rad gibt. Das ist toll zu sehen. Wir sind viele! Nur leider haben einige Entscheider in der Politik und Verkehrsplanung noch nicht verstanden, dass es für alle mehr Lebensqualität bedeuten würde und deutlich sicherer wäre, wenn die Infrastruktur dementsprechend angepasst werden würde.

Juliane Schumacher, «How to survive als Radfahrer – Wie man auf dem Fahrrad in der Stadt überlebt», Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2017, Taschenbuch, 264 Seiten, ISBN 978-3-86265-640, zirka 12 Franken

«Rad und raus», weil das Abenteuer zwei Räder hat

Gunnar Fehlau und Danny McAskill haben Bücher über ihre Leidenschaft auf zwei Rädern geschrieben. Stoff, den sich Kinder als Gutenachtgeschichten wünschen und Eltern zwangslesen müssten. In der Hoffnung auf Nebenwirkungen.

Gunnar Fehlau sitzt mit drei Worten im Sattel: «Rad und raus». Danny McAskill ist draussen geboren und tritt auf Pedalen ins Leben. Mit vier bringt ihm sein Daddy ein schwarz-Rotes Raleigh vom Sperrmüll. «Endlich war ich mobil, und ich konnte nicht genug davon kriegen», erinnert sich McAskill. Und schiebt nach: «Auf zwei Rädern würde ich schnell zur örtlichen Landplage.»

Fehlau und McAskill verbindet die Leidenschaft fürs Zweirad. Ersterer, 1973 geboren, stammt aus Dortmund und ist «mit dem Sattel quasi organisch verbunden», wie es über ihn heisst. Fehlau betreibt untere (vielem) anderem den «Pressedienst Fahrrad» und bloggt unter overnighter.de. Der Zweite, zwölf Jahre jünger, wurde auf der schottischen Insel Skye gross und fasziniert mit seinen ebenso waghalsigen wie perfekt inszenierten Stunts auf zwei Rädern Millionen auf YouTube.

Die Bücher, die von Gunnar Fehlau und Danny McAskill jetzt erschienen sind, haben auf den ersten Blick nur das Velo gemeinsam. Fehlau lädt unter dem Titel «Rad und raus» zum «Aufbruch in neue Freiheiten» ein. Er erklärt, was es «Alles für Microadventure und Bikepacking» (Untertitel) braucht und ermuntert, dem Abenteuer nicht hinterher zu jetten, sondern es vor der eigenen Haustür zu finden: «Einfach rauf aufs Rad und raus in die Natur!» McAskill anderseits schildert in «Biken am Limit», wie er es vom schottischen Lausbub («Als Kind war ich kaum im Zaum zu halten») zum YouTube-Millionär wider Willen gebracht hat.

«Rad und raus» und «Biken am Limit» verbindet beim Nacheinander-Lesen freilich viel. Denn Fehlaus Fibel ist nicht bloss Bedienungsanleitung  und McAskills Berichten nicht nur Biografie. Beides natürlich in erster Linie schon und auch so gedacht. Doch ebenso spannend sind die zwei Bücher zwischen den Zeilen zu lesen – in einer Zeit, in der Fliegen billiger ist als das Billig-Rad aus dem Fachmarkt, Helikopter-Eltern Messer und Feuerstahl nur noch im Smartphone-Game ihrer Sprösslinge dulden und Liegenschafts-Verwaltungen mit der Kündigung drohen, sollte der Junge ein weiteres Mal die Rutschbahn als Sprungschanze für sein BMX missbrauchen. Von all den Jugendlichen, die sich (vermeintliche) Flausen austreiben lassen und in ihr berufliches Unglück drängen lassen müssen, ganz zu schweigen.

«Rad und raus» und «Biken am Limit» sind das geeignete Gegengift gegen solcherlei Fehlentwicklungen. Kinder sollten sich vorm Einschlafen daraus vorlesen lassen, Jugendliche  Papas (teures) Bike zwecks Nachahmung entführen und – vor allem – Väter, Mütter und andere Erziehungsberechtige sich selbst der Lektüre annehmen. Ausreden, sich in den Sattel zu schwingen und etwas in der Natur zu erleben, gibt es keine. Denn erstens, so Gunnar Fehlau, werde «die Ausrüstung für den Mikroabenteuer-Einstieg […] hoffnungslos überschätzt. Mach es wie zu Teenie-Zeiten: Pack ein, was du hast.» Es reiche auch ein Einsteiger-Rad aus dem Versandhandel. Was die Kinder betrifft, rät Fehlau: «Schnapp dir den Nachwuchs, solange du noch eine Autoritätsperson bist. Er wird es lieben und Erfahrungen fürs Leben sammeln. Und du übrigens auch, denn du entdeckst ganz neue Seiten an den Kids und dir.» Gibt es Eltern, die das nicht wollen? Nee. Einmal «Rad und raus» ist mit Sicherheit wirkungsvoller und preisgünstiger als jeder Erziehungsratgeber und -Kurs.

Nicht in ein Schema gepresst worden
Danny MacAskills Mum und Dad wiederum muss das Vertrauen in ihren draufgängerischen Jungen angeboren gewesen sein oder aber sie lernten mit seinem Aufwachsen ihre Lektion. Dass sie ihn, zudem Legastheniker, nicht angepasst therapierten, war Dannys Glück – und könnte das Glück manchen Kindes sein, das seine Eltern in ein Schema pressen wollen. «Es ist nicht so», erzählt MacAskill, «dass mein Konzentrationsmangel mich zum Trial-Biker gemacht hat – meine Schulbildung ist ziemlich ähnlich der vieler anderer Fahrer. Aber einige Experten bringen meine Legasthenie mit meinen unablässigen Ideen in Verbindung, die ich beim Tagträumen habe.»

Glücklich der Junge, der seine Phantasie solcherart ausleben kann. «Ich tat nur, was ich für richtig hielt und ging immer davon aus, das alles gut ausgehen würde», sagt Danny.Und: «Jedenfalls lasse ich mich nicht aufhalten, wenn ich ein Ziel erreichen will.» Die umsorgte Freiheit, die er als Bub und Jugendlicher erleben durfte, sind die Grundlage für diese Feststellung. Seine einzigen Grenzen seien jene seiner Fantasie und seines Selbstvertrauens. «Solange beide intakt sind, steht mir die Welt offen.»

Gunnar Fehlau und Danny MacAskill verstünden sich gut. «Rad und raus» mit den beiden: das müsste die zähesten Stubenhocker begeistern.

«Inspired Bicycles»: Das Video, mit dem Danny MacAskill 2009 schlagartig bekannt wurde:

Danny McAskill, «Biken am Limit – Auf den Dächern und Gipfeln der Welt». Piper-Verlag, München 2017, 304 Seiten, ISBN 978-3-89029-478-0, ca. Fr. 18.–
Aus der Beschreibung: Nervenkitzel, wilde Sprünge und Millionen YouTube-Fans – das Leben des Bike-Profis Danny MacAskill ist eines der Extreme. Seine Stunts und Filme sind ebenso Kult wie hohe Kunst und führen ihn an die malerischsten, ausgesetztesten und auch fantasievollsten Orte der Welt: auf die Dächer von Gran Canaria, Schottlands dramatische Berggipfel oder in ein überlebensgroßes Kinderzimmer. Nun erzählt er erstmals seine Geschichte. Von der Jugend auf der idyllischen Insel Skye und dem Weg vom einfachen Fahrradmechaniker zum Star der Bike-Szene, nachdem ihn ein Internetvideo über Nacht berühmt gemacht hatte. Er nimmt uns mit ans Filmset, wo Schritt für Schritt die genialen Stunts entstehen. Und zeigt dabei auf, was es heißt, immer wieder die eigenen Grenzen zu verschieben – nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf.
Gunnar Fehlau, «Rad und Raus – Alles für Microadventure und Bikepacking», Verlag Delius Klasing, Bielefeld 2017, 160 Seiten, ISBN 978-3-667-10929-3, ca. Fr. 18.–
Aus der Beschreibung: Man braucht nicht viel für eine Kurzreise mit dem Fahrrad inklusive Übernachtung. Was man benötigt, lässt sich leicht am Rad unterbringen – und schon kann das „Feierabenteuer“ beginnen. Eine Radtour, ein Lagerfeuer, eine Übernachtung unterm Himmelszelt. Das Erlebnis beginnt direkt vor der eigenen Haustür. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Warum ewig eine lange Radreise planen, die eh nie Realität wird? Raus aus dem Büro, rauf aufs Rad und für die Nacht oder ein Wochenende in die Natur – Gunnar Fehlau zeigt in diesem Buch, wie das geht und richtig Spass macht: Alles Wissenswerte zum richtigen Material und zur richtigen Ausrüstung; Survival-Know-how und Wissenswertes zu Übernachtungen in der Natur; Tipps zur Tour-Planung. Der Guide für deutsche Bike-Packer und Feierabenteurer! Mit einem Vorwort von Wigald Boning.

Mit dem Velo das eigene Leben erfahren

Neulich an einem Abend las ich das Büchlein «Das Glück hat zwei Räder» zu Ende und darin im Kapitel «Mit allen Sinnen unterwegs», wie vor allem die morgendliche Fahrt zur Arbeit dieselben wecke. Neben den Sinneseindrücken, die zu erwarten seien, gebe es zudem die Überraschungen.

Am anderen Morgen trat ich in die Pedale, und mir widerfuhren nacheinander vier davon. Auf halber Strecke gewahrte ich eine Schwar Gänse über mir, tief zogen die Vögel in perfekter V-Form über der Strasse. Am Waldrand beim nächsten Bauernhof ästen drei Rehe. Zwei Kilometer weiter kreuzte ein Biker meinen Weg, lange balancierte er auf dem Hinterrad. Wenig später querte ich das Armeeflugplatz-Gelände, durch das der Radweg führt, das Tor war offen gestanden, aber auf halber Strecke begann auf der anderen Seite das Signal zu blinken und das dortige Tor sich zu schliessen, offenbar hatte mich die Kamera übersehen, weshalb ich also zu einem Spurt ansetzte und mit knapper Not die immer schmaler werdende Lücke zwischen Tor und Pfahl gerade noch zu passieren vermochte. Eine Viertelstunde danach langte ich im Büro an.

Die innere Ökobilanz

18 Kilometer. So lang ist mein Arbeitsweg von Hochdorf nach Luzern, das sind hin und zurück 36 und übers Jahr um die 3000 Kilometer auf dem Velo. In der dunklen Jahreszeit nehme ich den Zug, wie auch an Tagen mit Verpflichtungen auswärts oder bis spätabends. Doch um Zahlen geht es den beiden Pedalpoeten nicht, von denen dies schmale Buch stammt. Denn die Zahlen erzählten «nichts von der Freude an der Bewegung und dem Spüren des eigenen Körpers», schreiben Claudia Nietsch-Ochs und Robert Ochs. Sie sprechen von ihrer «inneren Ökobilanz», die ihre eigentliche Motivation sei, aufs Velo zu steigen.

Eigene Er-Fahr-ungen machen

Claudia Nietsch-Ochs ist Theologin und arbeitet in einem Exerzitienhaus der Diözese Augsburg, Robert Ochs leitet die Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung der Diözese. Die beiden leben mit ihren Söhnen in Mering bei Augsburg und fahren täglich mit dem Velo ins Büro. In «Das Glück hat zwei Räder» beschreiben sie ihre Beobachtungen auf dem Weg und am Wegesrand, ihre Begegnungen mit Menschen und Tieren, ihre Erlebnisse bei Wind und Wetter durch die Jahreszeiten  – auch mit sich selbst. Mit Fragen und Bemerkungen am Schluss jedes der kurzen Kapitel übertragen sie so manche Erfahrung vom Velosattel auf das sonstige Leben. Claudia und Robert möchten mit den Miniaturen, als die sie ihre Texte bezeichnen, anregen, offen für die Zeichen «im und hinter dem Radfahren zu werden». Sie seien ein Angebot, «eigene Erfahrungen im ‹Radeln› aufzudecken und als bedeutsam für ein tieferes Verstehen des eigenen Lebens zu erkennen». «Innere Wirklichkeit« zu erschliessen, mit dem Velo «das eigene Leben zu erfahren» – darum geht (fährt…) es den beiden.

«Es denkt in mir»

Das kann so nur (be-)schreiben, der selbst solche Velo-Er-fahr-ungen macht. Das Kapitel «Hin- und zurückfahren» drückt treffend aus, was ich selbst mal für mal auf dem Velo erlebe. Vom «inneren Prozess» des Abstand-Gewinnens und Sich-Annähernds ist da die Rede, von Gedanken und Arbeiten, die zurückgelassen werden oder aber vor-bedacht werden, von Ideen, die einem, pedalierend, unverhofft zufallen. «Kein zielgerichtetes, systematisch geordnetes Denken findet im Fahren statt. Es denkt in mir, spontan, ins Bewusstsein einbrechend.»

Das heisst, am Morgen: «Und dann komme ich an und bin da.» Am Abend: «Ereignisse des Tages wandeln sich – im wahrsten Sinn des Wortes – in Erfahrungen.»

Und manchmal, stellen die beiden fest, «passiert auf den Hin- und Rückfahren in mir auch nichts. Nur Stille, nur entspannende Leere.»

Das tut gut.

Claudia Nietsch-Ochs / Robert Ochs: Das Glück hat zwei Räder – Das Leben mit dem Rad erfahren. Patmos-Verlag, Ostfildern 2017, 90 Seiten, ISBN: 978-3-8436-0892-3, ca. Fr. 14.-