Kategorie: Unterwegs

Wie man auf dem Velo Erinnerungen sammelt

Damals, mit den Kindern der Aare entlang, der Donau, an der Nordsee, durchs Inntal und entlang der mecklenburgischen Seen; zu zweit später durch Dänemark, bei den Ostfriesen und auf der holländischen Insel Vlieland, auf dem Fünf-Flüsse-Radweg in Bayern, im Burgund, an Schwedens Südküste und diesen Sommer im französischen Jura: Viele Wochen mittlerweile, die wir auf und mit dem Velo verbracht haben, und von jeder, fast jeder, weiss ich, welchen Tag wir welche Strecke pedaliert, was wir dabei besonderes erlebt und wo genächtigt haben.

Wenig unternehmen, viel erleben

Warum mir all dies bleibt? Es ist eine Frage der Geschwindigkeit: Im Sattel erfahren wir Land und Leben kleinräumig und gemächlich. Unsere Sinne werden nicht überfordert, sondern vielmehr zu aufmerksamen Reisebegleitern: Ich rieche das sonnengedörrte Heu, ich erspähe die Brombeeren in der Hecke am Wegrand, und der farbenprächtige Schmetterling, der sich auf dieser Blume sonnt, entgeht meinem Auge nicht. Wir halten nicht dort an, wo wir parkieren können, sondern es uns gefällt, und lassen uns dabei immer mal wieder in Plaudereien und Gespräche verwickeln.

Wir erleben viel, weil wir wenig unternehmen. Wir sammeln unauslöschliche Erinnerungen, die wir gerade zur Sommerszeit, wenn wir wiederum unterwegs sind, gerne hervorkramen, aber auch am Familientisch immer wieder zu erzählen geben.

Eine Lourdesgrotte am Wegrand – willkommener Schattenspender. © 2017 Dominik Thali

Fliegen wäre zu einfach

Der Inder Pikay fuhr 1977 der Liebe wegen mit dem Velo von Indien nach Schweden, worüber Per Andersson ein Buch geschrieben hat, das diesen Sommer eine meiner Ferienlektüren war. Darin lese ich: Pikay «hat seinen Schlafsack und sein Fahrrad. Es wird schon gut gehen. […] Ausserdem möchte er, dass die Reise hart wird. Die Erschöpfung auf dem Fahrradsattel, die Müdigkeit, die ihn jeden Nachmittag heimsucht, und die Freude darüber, in der Abenddämmerung etwas Essen und Wasser und ein Flechtbett zu haben, auf dem er seine schmerzenden Beine ausstrecken kann, lenken ihn ab und halten Zweifel und Heimweh fern. Den ganzen Weg zu fliegen würde nicht nur zu viel kosten, viel mehr, als er überhaupt hat, sondern es wäre auch zu einfach. So reisen die reichen Leute, aber nicht er, nicht ein richtiger Reisender. Bisher hat er die Widerstände überwunden. Er denkt an Alexander den Grossen, der mit dem Schwert in der Hand den gleichen Weg gegangen ist, wenn auch in die andere Richtung.»

Daran wären wir mit dem Auto vorbeigefahren. © 2017 Dominik Thali

Jurastrassen sind selten flach

Nun, wir haben weder Pikays Wagemut noch Alexanders Grösse, können aber zwischen solchen Zeilen lesen. In den vergangenen zwei Wochen haben wir diesbezüglich unsere Sammlung an Erinnerungen erweitert. Wir waren diesmal fest stationiert, in der Franche-Comté, im französischen Jura in der grossen Doubs-Schleife. Hier hat Peter Wyssling auf dem Hof Kamo ein zauberhaftes Refugium geschaffen, auf dem eines der selbstgebauten Häuschen für eine Weile unser Daheim war. Die Velos waren hier vonnöten, um die fünf Kilometer ins Dorf zurückzulegen und das – siehe oben – passende Verkehrsmittel, um die nähere Umgebung zu erfahren. Was einerseits schweisstreibend war, denn die Strassen im Jura sind selten flach, aber auch überaus abwechslungsreich, wenn wir auf verschlungenen Wegen die grünen Täler des Dessoubre, der Loue oder des Cusancin erkundeten – kaum je von einem Auto überholt.

Verwunschenes Strässchen im Tal des Flüsschens Cusancin. © 2017 Dominik Thali

«Radfahren ist konkret»

«Radfahren ist konkret und unproblematisch», schreibt Bert Wagendorp in seinem Roman «Ventoux», der zweiten (empfehlenswerten) Ferienlektüre: «Ein Fahrrad, eine Strasse, ein Mensch: Einfacher geht es nicht. Beim Radfahren ist erst einmal nur die äusserste Schicht des Geistes gefordert, Introspektion ist nicht unbedingt notwendig. Manchmal befördert die Erschöpfung Bilder an die Oberfläche, von denen man nicht mehr gewusst hatte, dass man sie in sich herumträgt, die man aber immer noch als Halluzinationen abtun kann.»

Ganz so erschöpft waren wir des Abends freilich nicht, doch das mit den Bildern, das stimmt schon: Fahrend wird mitunter lebendig, woran man sich nicht mehr zu erinnern glaubte. Wir weben den Stoff fortwährend neu. Das Velo ist unser Perpetuum mobile.

P.S.: Dritte Ferienlektüre war Carlos Ruiz Zafóns «Labyrinth der Lichter» der vierte Band aus der Barcelona-Reihe des spanischen Autors. Darin lässt Zafón auf Seite 620 die Romanfigur Fermín feststellen: «Auferstehen ist ein wenig wie Radfahren oder einem jungen Mädchen den Büstenhalter mit einer Hand öffnen. Man muss nur den Dreh raushaben.»

Ruhe, Weite, kein Verkehr… | © 2017 Annemarie Thali
In Ornans, dem Hauptort des Loue-Tals. | © 2017 Dominik Thali
An der Loue vor Lods. | © 2017 Dominik Thali
Geordnetes Durcheinander auf dem Hof Kamo. | © 2017 Dominik Thali
Die Loue kurz nach ihrer Quelle. Hier kommt man nur zu Fuss hin. | © 2017 Dominik Thali
Im Tal des Cusancin. | © 2017 Dominik Thali
Die Aussicht nach Norden von unserem Häuschen aus. | © 2017 Dominik Thali

Die Veloblogger auf gemeinsamer Tour. Digital

Was tun schreibende Velofahrer am liebsten? Velofahren und darüber schreiben. «The wriders club» fasst dieses Tun mit einem Wortspiel (*) zusammen, thewridersclub.cc heisst das neue gemeinsame Tourenziel der Veloschreiberinnen und -schreiber. Der Schreibvelofahrerinnen und -fahrer. velofahrer.ch ist seit kurzem ebenfalls auf dieser Plattform vertreten.

Die Initiative von Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad und der Messe Eurobike, ist an dieser Stelle einen Linktipp wert. Vorab der Community wegen, die so entsteht und unsereins zu (noch) mehr (frohen) Stunden vorm Bildschirm verlockt. Denn schon über 70 Bloggerinnen und Blogger haben auf thewridersclub.cc eintragen lassen und bilden so eine immense veloschreiberische Vielfalt ab. Was sich da alles tummelt, liefert Stoff genug, den Velohorizont  zu erweitern und die Feedliste zu verlängern. «Die Idee ist, der Bike-Blogosphäre einen Hub zu geben, denn bisher stehen die einzelnen Blogs recht isoliert da», schreiben die Macher über ihre Plattform. Ihre Ziele lauten:

  • BloggerInnen versammeln und auffindbar machen
  • Blogs mehr Reichweite bringen
  • Durch einen gemeinsamen Kodex die Zusammenarbeit mit der Bike-Branche für jeden einzelnen BloggerIn vereinfachen
  • An der Eurobike und anderen Bike-Events spannende Aktionen (nur) für BloggerInnen ins Leben rufen
  • Austausch zwischen Leserschaft, Blogosphäre, Medien und Branche verbessern

Gunnar Fehlau sagt: «Unsere Mission ist, das Fahrrad in die Öffentlichkeit zu bringen. Neben Journalisten sind immer öfter BloggerInnen daran beteiligt. Sie sollten den gleichen Rückenwind
erhalten wie Journalisten.» An der nächsten Eurobike (30. August–2. September 2017) ist deshalb ein grosser Blogger-Anlass angesagt. Wir bleiben dran. Und werden dabei sein.

(*) Zusammengesetzt aus den englischen Wörtern «write» für Schreiben und «ride» für Ausfahrt, Tour.

 

 

Mögen Sie es beim Velowandern gerne gemütlich?

Herrlich, diese Sonne und der Fahrtwind im Gesicht! Wie schön ist es, mit dem Velo durch malerische Landschaften zu fahren, historische Städtchen zu erkunden und es sich an einem lauschigen Platz bei Speis und Trank gut gehen zu lassen. Unsere Veloferien und Velotouren sind so konzipiert, dass sie von jedem – egal ob Geniesser oder sportlicher Velofahrer – ohne Probleme bewältigt werden können.

Hinweis: Dieser Beitrag besteht aus Textbausteinen, welche mir die Firma Twerenbold Reisen AG in Baden als Beilage der «NZZ am Sonntag» vom 22. Januar 2017 unaufgefordert zur Verfügung gestellt hat. Die Ausschreibung der hier geschilderten Tour findet sich darin nicht, was aber nicht heisst, dass dieselbe nicht fahrbar wäre. Vielleicht nimmt sich das Twerenbold-Team der Herausforderung an.

1. Tag: Unsere erste Veloetappe starten wir in Paris. Anschliessend durchqueren wir mit dem Velo die Camargue. Ab Oderberg fahren wir mit dem Velo auf dem Oder-Neisse-Radweg durch das Untere Odertal bis nach Gartz. Dies ermöglicht uns, das Aktiv-Pensum individuell einzuteilen.

2. Tag: Mögen Sie es beim Velowandern gerne gemütlich? Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer kurzen individuellen Besichtigung des Klosters treten wir in die Pedale und fahren durch die sanfte Hügellandschaft der Wachau. Am Nachmittag durchqueren wir mit dem Velo die Provence. Von dort fahren wir mit dem Velo auf dem grossartigem Voie Verte (stillgelegte Eisenbahntrassee) durch das schöne Burgund.

3. Tag: Erlebnisreich sind die Tage unterwegs per Velo! Heute lernen wir mit dem Velo die liebliche Donaulandschaft kennen. Unsere Velostrecke führt uns durch das liebliche Vallée de la Risle und durch den Forêt Brotonne zurück nach Caudebec-en-Caux.

4. Tag: Die heutige Veloetappe führt uns ab Lisors durch eine typisch normannische, leicht hügelige Landschaft und jahrhundertealten Buchenwald nach Lyons-la-Forêt. Rollen Sie mitten durch malerische Landschaften und begegnen Sie faszinierenden Menschen und ihren Geschichten. Wir schwingen uns direkt beim Schiff zum ersten Mal in den Sattel.

5. Tag: Die heutige Velotour führt uns auf dem Ostseeküstenradweg entlang einer der schönsten Küstenregionen Europas. Unsere Fahrt geht weiter nach Gasny, wo wir auf dem berühmten Voie Verte, einem stillgelegten Eisenbahntrassee, nach Gisors radeln.

6. Tag: Etwas Training und Angewöhnung erhöhen das Vergnügen. Heute entdecken wir mit dem Velo die Halbinsel Darss-Zingst. Die hier noch frei fliessende Donau ist die Lebensader des Nationalparks, welchen wir heute mit dem Velo durchqueren.

7. Tag: Start unserer Veloetappe über herrliche Felder und Wiesen nach La Garde Adhèmar, das hoch auf einem Felsen über dem Rhône-tal thront. Auf Radwegen und verkehrsarmen Strassen gelangen wir zu einer Auswahl der schönsten Sehenswürdigkeiten.

8. Tag: Kennen Sie das Veloparadies vom Pusterstal schon? Von hier aus starten wir unsere Velotour und gelangen schon bald zum Pont du Gard.

9. Tag: Etappenstart der heutigen Velotour ist die historische Stadt Wertheim. Danach Rückfahrt in die Schweiz. Auf die eindrückliche Reise, Ihre persönliche Leistung und Ihr Strahlen im Gesicht stossen wir bei der Zieleinfahrt an.

P.S.: Bitte überprüfen Sie rechtzeitig Ihren Versicherungsschutz mit Ihrer Krankenkasse sowie Ihrer Versicherungsgesellschaft. Wir empfehlen einen Regenschutz sowie – zur Steigerung des Wohlbefindens – eine Velohose mit gepolsterten Einlagen und Velo-Handschuhe. Eine Brille schützt zudem vor Insekten.

Inselhüpfen auf Schwedisch

Wie wenn hier Riesen in der Eiszeit Murmeln gespielt hätten: Schwedens Westküste ist nördlich von Göteborg eine bucklige Insel-Landschaft. Wer sie auf dem Velo erfährt und zu Fuss erwandert, erlebt spannende Begegnungen.

Diesen Reisebericht habe ich für das Velojournal Nr. 1/2017 verfasst. Das Magazin, für Velofahrer und andere Verkehrsvernünftige, kann hier abonniert werden.

Herr Elch begrüsst uns am zweiten Tag. Fast hätten wir ihn übersehen, so still steht er am Waldrand und beäugt, was da vorüberbraust: die wenigen Autos auf der Schnellstrasse und wir auf dem breiten Veloweg, auf dem uns der Wind zügig landeinwärts bläst. Nach einer Viertelstunde trollt sich das erhabene Tier ins Dickicht, und wir freuen uns, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Der Rentner im goldenen Volvo allerdings, der wenig später neben uns bremst und beim Himbeerpflücken anspricht, hält diesbezüglich lieber Distanz. Elche seien «not good for cars». Sagts, fährt die Scheibe hoch und weiter. Kein Grund zur Sorge für uns: Kein Elch knutscht Velofahrer.

Bootshäfen, gross wie Fussballfelder
Wir queren die Insel Tjörn, vorgestern waren wir in Göteborg losgefahren, um Schwedens ausgefranste Westküste Richtung Norden zu erkunden. Hunderte von Schäreninseln, Fähren und Brücken, die sie verbinden, Naturschutzgebiete und Strässchen nach nirgendwo: Die knapp 200 Kilometer zwischen Göteborg und Strömstad nahe der norwegischen Grenze sind ein kurzweiliges Tourengebiet, das sich zudem gut mit dem öffentlichen Verkehr erreichen lässt. Hinzu kommt: Schwedens Bahnen nehmen grundsätzlich keine Velos mit, die Linie Strömstad–Göteborg (www.vasttrafik.se) ist jedoch eine der wenigen Ausnahmen.

Rund um einen Meeresarm zwischen Hunnebostrand und Fjällbacka. | © 2016 Dominik Thali

 

Aus den 200 Kilometern Luftlinie machen wir leicht 500; kreuz und quer pedalen wir durch ein Gebiet, in dem auch die Schweden gerne Ferien machen. Das wird in den zahlreichen niedlichen Küstenstädtchen augenscheinlich, wo die Bootshäfen mehrere Fussballfelder gross sind und auf den Parkplätzen teure Schlitten stehen. Das «grosse Potenzial» hingegen, das Maria Gundvaldsson von Södra Bohuslän Tourismus im Velotourismus sieht, scheint noch nicht mehr als diese Vorstellung zu sein. Wir kreuzen auf der Tour kaum zwei Handvoll Gleichgesinnte. «Es braucht eben Zeit», meint Gunvaldsson. Lisbeth Borgesand, Präsidentin der örtlichen Velolobby in Göteborg, sagt es direkter: «Velorouten stehen nicht auf der politischen Agenda.» Und auf die Frage, weshalb der Nordseeküsten-Radweg, dem wir folgen, so gut wie gar nicht ausgeschildert sei, antwortet sie: «Weil niemand die Verantwortung dafür übernehmen will.» Dass die schwedischen Bahnen in der Regel keine Velos mitnehmen, sei überdies «ein grosses Problem», weil dies die Reisemöglichkeiten stark einschränke. Auswärtige könnten über die Ausnahmen kaum Bescheid wissen.

Rummel und aber auch viel Ruhe
Derlei Geplänkel sollte einen freilich nicht davon abhalten, Südwestschweden mit dem Velo zu bereisen. Im Gegenteil. Bei Köttbullar (Fleischbällchen) und Apfelkuchen zeichnet uns Lisbeth in ihrem Garten in Göteborg auf der Karte ein, was sich anzufahren lohnt. Zusammenfassend: Es gibt zwar die touristischen Rummelplätze, aber sie sind nirgends zubetoniert. Und es gibt daneben noch mehr stille Natur. Auf dem Zeltplatz bei Grebbestad etwa führt das kleine Tor beim Strand gleich ins Schutzgebiet. Dort ist nurmehr Ruhe, ist Wind und Wasser, sind Felsen, die am Abend, wenn die Sonne ins Meer versinkt, von ihrer gespeicherten Wärme verschenken.

Das vornehme Marstrand war unser erstes Ziel. Am Tag danach lassen wir uns auf einem Boot nach Rönnang schippern, am Südzipfel von Tjörn. Die Frau Kapitänin hilft persönlich beim Verladen und serviert den Kaffee. An das schwedische «Hejhej» gewöhnen wir uns leicht, ebenso wie an den Wind, der uns von allen Seiten zaust und es munter mit den grossen Wolken treibt. Die Sonne spielt mit ihnen Verstecken. Verliert sie, ist es gefühlte 30 Grad heiss. Verbirgt sie sich, greifen wir zum Faserpelz.

Fähren und Brücken
Von Tjörn nach Orust, der grössten schwedischen Insel, führt die Route ein gutes Stück einer halben Autobahn entlang. Kurzen Anstiegen folgen kleine Abfahrten; die Strasse legt sich in die Felsen. Der breiten Seitenstreifen wegen lässt sich der Verkehr ertragen. Hinter uns bilden sich gleichwohl Schlangen. Wir finden: Brave Schweden, keiner drängelt vorbei. Lisbeth hingegen findet: Die Schweden fahren schnell und überholen oft knapp. – Alles eine Frage der Wahrnehmung.

Autobahn hin oder her; motorisiert hätten wir das Café auf dem alten Gutshof in Sundsby auf der Insel Mjörn nicht entdeckt: Eine andere Welt öffnet sich, wir umarmen uralte Bäume, pausieren bei Filterkaffee und Streusselkuchen, bevor es zurück in den Lärm geht. Ab der nächsten Abzweigung geht es wieder Schmalpur weiter – ruhig und zum Nebeneinander-fahren. Wir treffen ein deutsches Radlerpaar, das in der Gegenrichtung unterwegs ist. Das Sundsby Gardscafé ist unser Tipp für den Tag, sie weisen uns auf den «Kutterkonfekt»-Marzipanladen hin, an dem wir anderntags bei Fisebäckskil vorbeifahren würden.

Heja, ein guter Zvieriabstecher war das, nach einer Auf-und-ab-Etappe durch die Inselchen Malö, Flatön und Dragsmark. Kurvig steigt und fällt hier das Strässchen, Brücken und Kabelfähren verbinden die Eilande. Die schwedenroten, ockergelben oder weissen Häuschen am Wasser haben Stege, an denen Fischerboote dümpeln. Männer in Überhosen pinseln Fassaden frisch. Die reine Sommeridylle.

Einsame Buchten, bucklige Felsen
Inzwischen kommen wir auch mit dem Schwedischen ganz gut zurecht. Schriftlich wenigstens. Wo «Svensk kvalitetsglass» in «25 läckra sorter» versprochen wird, machen wir gerne einen Glacéstopp. Beim Schild «Rum» hin fragen wir nicht mehr nach einem Schnaps, sondern ob das Zimmer noch frei sei. Und wir lernen: Heisst es bei der Zeltplatz-Einfahrt «ledig», ist nicht etwa die Wirtin noch zu haben, sondern noch Platz für uns.

Wir lernen: Heisst es bei der Zeltplatz-Einfahrt «ledig», ist nicht etwa die Wirtin noch zu haben, sondern noch Platz für uns.

Die kleinen Fähren sind kostenlos, für die Bootsüberfahrt von Fisebäckskil nach Lysekil sind ein paar Kronen fällig. Kurz vor Marktschluss lassen wir uns dort frischen Dorsch einpacken – heute gibts den Hauptgang nach dem (Marzipan-)Dessert. Den Fisch bezahlen wir mit der Kreditkarte, wie überhaupt fast jede Kleinigkeit in diesem Land. Die Schweden hinterlassen ihre Datenspuren unbekümmert. Wir auch. Und sehen zu, dass wir bis am Ende der Reise unser Bargeld aufbrauchen.

In Hunnebostrand verweilen wir zum zweiten Mal länger. Auch hier lockt in Velodistanz ein Naturschutzgebiet, das einen Abstecher zu Fuss lohnt. Wir machen einen Streifzug durch das «Ramsviklandet Naturreservat»: Wieder diese mal platten, mal buckligen Felsen; Becken, in denen sich Wasser rostrot sammelt, Ginster, der dem Wind trotzt, sonnenwarme Weite. Diesmal auch: Haufen mit rechteckigen Steinen, von der Natur exakt behauen. Wundervoll. Und einsam: In den Buchten von Ramsvik dürfen die edlen Yachten nicht ankern.

Baden, Sauna, baden
Im Badeort Fjällbacka dagegen schon. Hierhin zog sich jeweilen die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergman (1915–1982) zur Sommerfrische zurück, hier wurden 1984 Szenen des Astrid-Lindgren-Films «Ronja Räubertochter» gedreht. Uns zieht es allerdings weiter. Den Zeltplatz, den wir südlich von Grebbestad anfahren, gibt es jedoch nur auf der Karte. Was nun am späten Nachmittag? Wir besinnen uns des «Jedermannsrechts» das in Schweden gilt, unterbrechen einen schwedischen Rentner beim Rasenmähen, der sich sogleich in den Sattel schwingt und uns ein Plätzchen zeigt. Am Ende eines Landzipfels nächtigen wir unter einer Felswand und bewundern die Kinder, die hier bis Sonnenuntergang ins kalte Wasser köpfeln. Sie springen fünf Mal vom Brett, rennen ins Saunahäuschen, wärmen sich auf nehmen dann erneut Anlauf. Wir kuscheln uns lieber in den Schlafsack und lassen den Wind am Zelttuch zerren.

Badeplausch auch bei kaltem Wind: Die Jugendlichen wärmen sich zwischendurch in der Sauna auf. | © 2016 Dominik Thali

 

Naturparadies Kosterinseln
Das letzte Teilstück fahren wir über Land. Tanumshede, Lur, Skee – an abgelegenen Bauernhöfen vorbei und versteckten Ferienhäuschen, Kilometer durchs Grün und durchs Nichts, mitunter wähnt man sich in der kanadischen Wildnis. Kurz vor Strömstad biegen wir wieder in die viel befahrene Küstenstrasse ein – um diese nach wenigen Kilometer meerwärts wieder zu verlassen. Drei Brücken und Inseln weiter draussen finden wir auf Tjärno unser Lager für die letzten Tage: Ein Zeltplatz zwischen Wald und Strand, Krämerladen und frisches Brot am Morgen inbegriffen.

Neben uns campen zwei Deutsche, die mit dem Kanu zwischen den Schären kreuzen. Die Kosterinseln, die wir anderntags mit der Fähre ab Strömstad besuchen, paddeln sie aus eigener Kraft an. Der Tag wird zum velofreien Erlebnis unserer Tour. Kosterhavet, 2009 eröffnet, ist Schwedens erster Meeresnationalpark und artenreichstes Meeresareal mit über 6000 Wassertier- und Algenarten. Wir tauchen zwar nicht ab, sind aber schon von der Wanderung über die zwei (autofreien) Inseln begeistert: Der Pfad führt durch einen wahren Märchenwald, sandige Buchten laden zum Bade, über tundragleiche Weiten bläst der Wind. Wer Glück hat, erspäht einen Schweinswal, der im Kostermeer nach Hering und Makrele jagt. Auf Nordkoster hats zudem einen Zeltplatz, auf dem Velofahrer willkommen sind (Reservation empfehlenswert).

Wind, Wärme, Weite: In einem der zahlreichen Naturreservate an der Küste. | © 2016 Dominik Thali

 

Gegen und mit dem Wind
Die letzte Ausfahrt führt auf die Insel Rossö, das noch zum Koster-Nationalpark gehört. Wo die Autos draussen bleiben müssen, fahren wir mit dem Velo bis an den Strand. Hin treten wir gegen den Wind, zurück tritt er uns, das ist nur gerecht.

Anderntags rollen wir das Zelt zusammen. Wie wir in Strömstad die Velos in den Zug zurück nach Göteborg verladen, kübelt es zum ersten Mal in diesen zwei Wochen vom Himmel. Drei Stationen weiter steigt ein ganzes Pfadilager ein – pitschnass. Den Zugführer bringt auch dies nicht aus der Ruhe. Er verrechnet für unsere Velos keine Krone.

In Göteborg schalten wir eine Nacht ein und verbringen die nächste auf der Fähre zurück nach Kiel. Abermals sind wir für fünf Minuten die Könige der Strasse: In den grossen Schiffsbauch dürfen Velofahrer als erste einfahren.

Südschweden ist Fischerland: Zum Trocknen ausgelegte Krabbennetze. | © 2016 Dominik Thali

 

Informationen:

Auf einen Blick: Im Westen von Südschweden sind Velotouren abwechslungsreich: hunderte kleine Schäreninseln der Küste entlang, grün und bewaldet im Landesinneren, durchsetzt von abgelegenen Dörfern und Höfen. Auf schmalen Strässchen radelt sichs sicher von Ort zu Ort, dazwischen bündeln sich die Verkehrswege und sind Kilometer entlang stark befahrener Strassen in Kauf zu nehmen. Breite Randstreifen sind dort aber die Regel.
Göteborg bietet sich als Ausgangspunkt an – Richtung Süden für den «Kattgattleden» nach Helsingborg, dem ersten, 2015 eröffneten Radwanderweg Schwedens (370 km), oder Richtung Norden, etwas rauer, für den «Cykelspåret», der bis zur norwegischen Grenze führt und auf diesem Abschnitt weitgehend mit dem (nur spärlich markierten) Nordseeküsten-Radweg übereinstimmt. Die beschriebene Route folgt dieser Strecke, rund 500 km kreuz und quer bis Strömstad, von wo aus es mit dem Zug zurück nach Göteborg geht
Ideale Reisezeit: Sommer; die Tage dauern im Norden dann rund zwei Stunden länger als bei uns.
Mit ins Gepäck: An der Küste ist es kaum je windstill. Versteckt sich die Sonne hinter Wolken, kühlt es gleich ab, und am Abend fröstelt unsereins ohne «Fasi» selbst im Juli. Derweil viele Schweden aus Prinzip kurzbehost übersömmern…
Anreise: Mit dem Nachtzug von Basel nach Hamburg, weiter mit dem Regionalzug in fünf Viertelstunden nach Kiel und hier mit der jeden Abend ablegenden Fähre. Überfahrt nach Göteborg in rund 14 Stunden, Kabine muss gebucht werden. Die kurzweilige Reise dauert so anderthalb Tage.
Alternative: Die Tour liesse sich bis Oslo verlängern (ca. 150 km); von hier mit der Fähre zurück nach Kiel.
Übernachten: Zeltplätze, Jugendherbergen (in Schweden oft als «Vandrarhem» bezeichnet), Gästezimmer – breites Angebot für jedes Budget.
Karten: Die Velokarten von Cykelkartan decken ganz Südschweden im Massstab 1:90’000 ab. Für die beschriebene Route braucht es die Blätter 12, 17 und 20. In der Schweiz über den Buchhandel erhältlich oder übers Internet zum Beispiel bei Cykelfrämjandet, der Schwedischen Pro Velo.

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Schwedische Elche knutschen keine Velofahrer

An der Hauptstrasse 169 erhaschen wir ihn im Gehölz. Einen Elch. Unseren Elch. Er beobachtet uns und wir ihn. Gebannt, zwanzig Minuten geht das so im stillen Austausch, bis das erhabene Tier sich davontrollt. Und wir wieder in die Pedale treten. Es ist der zweite Tag unserer Tour durch Südschweden, der Wind bläst uns in den Rücken quer durch die Insel Tjörn. Eine halbe Stunde später, als wir am Strassenrand Himbeeren pflücken, hält ein älterer Herr neben uns und bietet Hilfe an, die wir nicht benötigen. Wir erzählen ihm von der ungewöhnlichen Begegnung. Elche? Ja, es gebe hier welche. Aber nicht viele, meint er. «Und sie sind ein Problem für die Autofahrer.»

Nun, durch die Windschutzscheibe kann man die Sache natürlich so sehen. Wer einen goldenen Volvo fährt, lässt sich nicht gerne von einem Elch knutschen. Uns auf dem Velo freuen  derlei Begegnungen hingegegen. Wir grüssen Herrn Elch aus zehn Metern Distanz, er nickt uns freundlich zu; das kluge Tier weiss zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Viel los. Und aber auch viel Ruhe

Südschweden, das wir dieses Jahr bereist haben, hält viel ungeahnte Kurzweil wie diese bereit. Zwischen Göteborg (Routenbeschreibung siehe Kasten am Ende) und Strömstad nahe der norwegischen Grenze eröffnet sich alle paar Kilometer ein neuer Blick auf irgendeinen Meeresarm und die felsige Küste, über Brücken oder mit einer Fähre gehts, hopphopp, zur nächsten Insel, ein hübscher Hafenort folgt auf den nächsten. Viel los ist hier in der Ferienzeit; es tuckert und dampft und segelt auf dem Wasser, doch leicht lässt sich, zumal auf dem Velo, dem Rummel entfliehen und die Natur in einem der zahlreichen Reservate bestaunen. Und die vielen niedlichen Cafés am Strassenrand: die entdeckt sowieso nicht, wer mit Tempo 80 unterwegs ist.

Erstaunlich, dass uns da nicht mehr Geichgesinnte begegnen, obwohl doch unsere Tour sich in etwa mit dem Nordseeküsten-Radweg deckt. Vielleicht liegts daran, dass etliche Kilometer entlang grosser Strassen unvermeidlich sind und es wenig abgetrennte Radwege gibt. Doch die vielen ruhigen Stunden abseits entschädigen dafür. Und die schwedischen Autofahrer sind spürbar gemächlicher unterwegs als hierzulande. Sie brummen oft lange hinter uns her und setzen erst dann zum Überholen an, wenn sie wirklich freie Sicht haben.

Um fünf ists um diese Jahreszeit schon taghell und wirklich dunkel erst um elf Uhr. Die Tage sind lang, der Wind pfeift uns um die Ohren und die Sonne wärmt in diesen zwei Wochen angenehm. Sie spielt aber auch gerne Verstecken hinter den Wolken, weshalb wir den Faserpelz stets griffbereit halten. Und abends gerne noch eine weitere Schicht überziehen. Derweil die dickhäutigen Schwedinnen und Schweden gerne auch nach Sonnenuntergang noch kurzbehost und -ärmlig promenieren.

Schwimmen. Und Aufwärmen in der Sauna

Mit Baden in der Nordsee ists deshalb wenig bis nichts. Wiewohl das Wasser 20 Grad warm sei, wie uns eine Frau versichert. Wir sind eben erst aus dem Zelt gekrochen, das wir hier versteckt hinter Felsen aufgestellt hatten, sie hat sich mit Kolleginnen zum Frühschwimmen getroffen. Der Wind ist’s, der unsereins vom Mitmachen abhält. Die Frau versteht uns. Und meint aber: «Einfach rein. Dann gehts.» Am Vorabend konnten die Kinder aus dem Dorf bis Sonnenuntergang nicht genug kriegen vom Reinspringen. Die Hütte, in der sie zwischendurch verschwanden, erkannten wir später als Sauna. Aha!

Wir ziehen weiter und lassen uns treiben. Regen erleben wir nur in der Nacht, dafür aber heftig. Und am letzten Tag, als wir in Strömstad in den Zug steigt, der uns zurück nach Göteborg bringt.

Tour und Anreise: Unterwegs waren wir vom 22. Juli bis 10. August. Anreise mit dem Nachtzug von Basel nach Hamburg, , weiter mit dem Zug nach Kiel (ca. 1 1/4 Stunden) und ab hier mit der Fähre nach Göteborg (frühzeitig buchen; Kabinenzwang). Die Überfahrt beginnt in beide Richtungen um ca. 19 Uhr und dauert 14 Stunden. Ab Göteborg folgten wir mehr oder weniger der Küste bis Strömstad nahe der Grenze zu Norwegen. Die Stationen: Marstrand, Almön (Nordwesten der Insel Tjörn), Stocken (bei Ellös, Insel Orust), Lysekil, Hunnebostrand, Kämpersvik (nördlich von Fjällbacka), Längeby (nördlich von Grebbestad), Insel Tjärnö (bei Strömstad), von hier aus Besuch der Kosterinseln. Rückreise mit dem Zug ab Strömstad bis Göteborg; Velomitnahme ist in Schwedischen Zügen zwar grundsätzlich nicht erlaubt, der Betreiber Vaesttrafjk erlaubt es aber auf dieser Strecke. Ab Göteborg wieder zurück mit Fähre und Zug. – Alternative: Bis Oslo weiterfahren (150 km) und von hier mit der Fähre zurück nach Kiel oder Fähre von Strömstad nach Sandefjord nehmen, mit dem Velo weiter nach Oslo fahren (120 km) und zur Fähre nach Kiel. 
Kartenmaterial: Beim Verlag Cykelkartan gibts für ganz Südschweden ausgezeichnete Velokarten im Massstab 1:90’000. Du kannst Sie hier online bestellen; für die beschriebene Tour benötigst Du die Blätter Nr. 12, 17 und 20.