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Die beste Kamera für die Velotour. Und deine Rolle

Fotografierst du unterwegs? Wenn ja, womit? Und wann? Sodann: Was machst du mit den Bildern? Canon Schweiz hat mir für unsere Sommertour in Österreich und Italien die Kompaktkamera PowerShot G7 X Mark II zur Verfügung gestellt – Anlass, über das Fotografieren auf Tour zu sinnieren. Vorweg: Es braucht dazu unterwegs wenig. Aber danach noch einiges. Und: Die G7 war uns ein passender Begleiter.

Was meine Erfahrung zeigt − hinsichtlich Technik

  • Die beste Kamera ist diejenige, die man dabei hat. Manchen genügt das Smartphone. Ich fotografiere damit nicht gerne, es fühlt sich nach zu wenig an in der Hand. Eine Spiegelreflex mochte ich anderseits noch nie im Tourengepäck: zu schwer, zu unhandlich. Eine Hand muss manchmal genügen. Eine kleine kompakte Kamera wie die G7 Mark II erfüllt meine Bedürfnisse bestens.
  • Und auch diejenige all der Alltagsfotografinnen und -fotografen, die wir auf Tour fast alle sind. Denn: Wir nehmen doch unsere Bilder zumeist im Automatikmodus auf. Zeit oder Blende manuell einstellen? Ach wo, machen wir selten, weil wirs zu wenig im Griff haben und keine Weile, wenn wirs bräuchten. Der Automat richtet fast alles, und das immer besser.
  • Doch für den Fall, wenn doch: Ich würde keine Kamera mitnehmen, bei der ich Zeit und Blende nicht auch händisch einstellen, die Belichtung einfach korrigieren kann. Und zwar handlich über Rädchen und Blendenring, nicht mit mühseligem Getippe auf einem kleinen Bildschirm. Was die G7 betrifft: Erfüllt.
  • Testberichte auf Plattformen wie digitalkamera.de sind verlässlich. Sie richten sich jedoch an fotografisch Anspruchsvolle und Profis. Will heissen: Es wird auf hohem Niveau bemäkelt. Wenn es hier etwa zur Canon PowerShot G7 X Mark II heisst, die Bildqualität sei «etwas enttäuschend», ist dies zu relativieren. Für meinen Blog und mein Album reicht sie längstens. Und: Mit 4K muss ich nicht filmen können. Full HD genügt.
  • Ich nehme meine Bilder im RAW- und JPG-Modus auf. RAW lässt mir die grösstmögliche Freiheit bei der Nachbearbeitung am Computer. Dazu später mehr.
  • Was mir ansonsten hinsichtlich Technik wichtig ist und ich an der G7 kennen- und schätzen gelernt habe: der berührungsempfindliche Bildschirm (hat meine Lumix von 2013 noch nicht und dient zum Beispiel als Auslöser bei Selfies), die Serienbilder-Funktion (vereinfacht Aufnahmen auf dem Velo und von seinem fahrenden Gegenüber ungemein, schafft die G7 auch im RAW-Modus bei perfekter Schärfe-Nachführung), die WiFi-Funktion, mit der ich Bilder in Windeseile von der Kamera kabellos aufs Smartphone übertragen kann – wenn ich will, in vollerAuflösung. Dazu brauchts kein WLAN. Die Bilder liegen anschliessend im ordentlichen Fotoordner des Smartphones und lassen sich von hier für Social Media verwenden oder – aus meiner Sicht der grösste Gewinn – in einem Cloudspeicher  sichern. Das macht man irgendwo, wo’s Netzzugang gibt.
  • Überdies: Viel viel wichtiger als all die netten Automatik- und Szene-Funktionen (Fischauge- oder Feuerwerk-Modus zum Beispiel), die man eh nie braucht, sind eine hohe Lichtstärke (1,8 bei der G7) , eine hohe Auflösung, was einen grossen Sensor bedingt (bei der G7 ist es ein 1-Zöller) und eine gute Makro-Funktion (für die Blümchen unterwegs).
  • Ein ausklappbarer Bildschirm ist natürlich auch nicht ohne. Ein solcher erlaubt es, ganz am Boden, über Kopfhöhe oder versteckt aus der Hand Aufnahmen zu machen.

Und jetzt zu mir und dir– von der Kamera mal abgesehen

  • Die beste Kamera ist jene, die du gerade im Gepäck hast. Hab ich schon oben geschrieben. Ist aber das Wichtigste.
  • Die Kamera, die ich dabei habe, muss auch griffbereit sein. Ich hab‘ meine immer in einem wasserdichten Täschchen um die Schultern gehängt. Daraus kann ich sie selbst während des Fahrens klauben. Alternative: Kamera in der Lenkertasche versorgen.
  • Ein kleines Stativ ist immer dabei. Uns und mich selbst während des Fahrens fotografieren? Geht nicht ohne. Ich finde das Gorillapod superpraktisch. Klammert sich überall fest und wiegt wenig.
  • Fotografiere viel. Aber knipse nicht wahllos drauflos. Wir halten immer mal wieder an. Fahren zurück. Setzen einander in Szene. Aus der Hocke, von einem Wiesenbord, über eine Mauer. Das braucht mitunter Zeit. Aber lohnt sich.
  • Zuhause wird die Bilderfülle ausgedünnt. Ich will lieber von einer Tour 100 Bilder, die ich immer mal wieder anschaue, als 500, die im digitalen Nirwana endlagern.
  • Zur Nachbearbeitung setze ich auf die Software Lightroom von Adobe. Dazu verbringe ich Stunden vor dem Computer. Das lohnt sich aber. Ich habe keine Profiansprüche. Die Überei kommt mir aber zunehmend zupass. Der meist wolkenlose Himmel, das grelle Sonnenlicht und die Hitze führten diesen Sommer zu besonders scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten, welche die G7 ebenso wenig ausgleichen konnte wie das eine Profikamera geschafft hätte. Mit Lightroom konnte ich aber aus vermeintlich misslungenen Bildern ansprechende Ergebnisse filtern, wie diese kleine Auswahl zeigt.
  • Zum Thema digitales Nirwana noch dies: Was nützen mir die schönsten Bilder, wenn ich sie bloss auf meiner Festplatte ruhen? Ich lege die meinen jeweils eine Weile auf dem Tablet ab, das ich oft dabei habe. Damit kann ich sie rumzeigen. Wichtiger aber noch: Jeweils Anfang Jahr baue ich sie in unser Jahres-Familienalbum ein, unsere bebilderte Jahreschronik. Darin investiere ich viel: Zeit für die Gestaltung der Seiten im Graik-Programm Indesign und seit zwei Jahren auch finanziell in die Hochglanz-Klasse, was das gedruckte Endergebnis betrifft. Es lohnt sich. Die Fotoalben sind diejenigen Bücher in unserem Haushalt, die am meisten hervorgeholt und rumgereicht werden. Ohnehin: Lieber ein Album aus schlechten Bildern als eine Menge gute, die nie jemand anguckt, weil dazu halt nur vorm Computer geht.

Wie hältst du es mit dem Fotografieren unterwegs? Und was machst du danach mit den Bildern?

Aus meinen Familien-Jahresalben, in denen jeweils auch die Velotouren Eingang finden: werden, weil auf Papier, immer wieder hervorgeholt und sind schöne Erinnerungen. | © 2018 Dominik Thali

Die virtuelle Zuckerschnecke und andere Velogeschichten

Nach Tagen und Wochen im Sattel – was bleibt davon haften? Welche Bilder sehen wir vor uns, Jahre später noch, welche Stimmen haben wir noch in den Ohren?

Ein Blick zurück. Im Sommer 2000 fuhren wir mit unseren drei Kindern, damals 10, 9 und 7, von Meiringen nach Bern. Wovon sie heute noch erzählen: Vom «Schlafen im Stroh» in Zimmerwald, wo der Älteste Traktor fahren durfte und von der Bäuerin uns grosszügig mit Bratwürsten für dem Grillabend versorgte. Zwei Jahre später an der Donau: Da war jene junge Frau, die auf Inline-Skates unseren Weg  kreuzte, uns anhielt und mich anging, ihr wenige Kilometer entferntes Auto zu holen; sie sei am Ende ihrer Kräfte. Ich tat, wie gebeten, kehrte heil wieder, aber die Kinder von damals fürchten noch heute einen Entführ- und Beraubungsversuch. An 2004 an der Nordsee schliesslich erinnert im Album jenes Bild aus der «Brunsbütteler Rundschau», das Liebmütterchen in Grossaufnahme zeigt, in den Augen der Kinder peinlicherweise mitschunkelnd an einem Seemannsliederfestival tags zuvor. Die Fotografin der Zeitung hatte im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt.

Will heissen:

Orte und Landschaften, durch die wir pedaliert sind, verblassen mit den Jahren, die Begegnungen und Erlebnisse hingegen bleiben. Stichworte im Notizbüchlein, das ich jeweils mit mir führe, genügen, um sie wieder lebendig werden zu lassen. Zu Geschichten, die wir uns am Familientisch wieder und wieder erzählen.

Dieses Jahr, längst nur noch zu zweit, waren wir auf dem Alpe-Adria-Radweg von Salzburg nach Grado sowie im Südtirol unterwegs. Was es dabei zu sehen gibt, weiss das Internet. Ausführungen dazu sparen wir uns deshalb. Wer und was hingegen uns auf den 700 Kilometern begegnet und widerfahren ist, sind neue von diesen Geschichten. Einzigartig wohl, aber jeder kann solche erleben, wenn er nur unterwegs die Ohren spitzt und sich auf Plaudereien einlässt.

Also:

Auf dem Pass Lueg, am ersten Tag, treffen wir beim Pausieren Jörg und seinen Sohn Henri. Die beiden stammen aus Hannover, haben schon 800 Kilometer in den Beinen und nennen die Insel Kreta als ihr Ziel. Zwei Monate nehmen sie sich Zeit. Henri, ein 21-Jähriger mit Down-Synodrom, steckt uns mit seiner Lebensfreude und Direktheit an und überrascht uns mit seinem Wissen; Jörg, ein freischaffender Berater, beeindruckt mit seinem Mut, eine solche Reise zu unternehmen, und seiner Gelassenheit. Auf dem Zeltplatz in Pfarrwerfen am Abend begegnen wir uns wieder, danach verlieren wir uns aus den Augen, um uns zwei Tage später in Spittal wieder zu treffen – mit grossem Hallo.

Jörg und sein Sohn Henri auf dem Zeltplatz in Spittal; unterwefs auf grosser Tour von Hannover nach Kreta. | © 2018 Dominik Thali

Auf dem gleichen Zeltplatz schenkt uns ein junger Niederländer einen Dusch-Jeton. Er müsse nach Hause und brauche ihn nicht mehr. Das kurze Gespräch ergibt: der Mann stammt aus Arnheim und kennt die Hochschule gut, an der unsere jüngere Tochter ein Jahr weilte.

In Bad Gastein bestellen wir des Abends Brot fürs Frühstück anderntags. Auf der Liste, auf der man sich einzutragen hat, zeichnen wir ein Smiley hinter die gewünschte Anzahl Brötchen. Folge: Auf der Tüte, in der unsere Lieferung steckt, antwortet der Bäcker (oder wer auch immer) mit einem ebensolchen Lachgesicht neben unserem Namen. Herzliche Grüsse an dieser Stelle in die Backstube!

Fröhliche Grüsse aus der Backstube. | © 2018 Dominik Thali

Beim Veloverlad in den Zug durch die Tauernschleuse nach Mallnitz treffen wir Günther und Ida ein erstes Mal. Sie verblüfft, wiewohl ebenfalls aus den Niederlanden stammend, mit ihrem Schweizer Dialekt, den sie sich während ihres Germanistik-Studiums in Bern und Zürich angeeignet hat, er, Deutscher, entpuppt sich als Meteorologe. Die beiden leben seit 16 Jahren Linköping in Schweden und wollen mindestens noch bis Triest pedalen. Wir treffen uns noch in Spittal und Villach, bis sich, welch ein Zufall, am Ende unsere Wege buchstäblich kreuzen: Auf dem Damm nach Grado, das wir verlassen und sie anpeilen. Aus dem gemeinsamen Nachtessen wird leider nichts, das holen wir aber womöglich nächstes Jahr in ihrer Wahlheimat nach.

Ida, Günter und der Autor auf dem Damm, der zur Halbinsel Grado führt. © 2018 Dominik Thali

Auf der alten Bahntrassee unterhalb von Pontebba kommen wir mit einer Gruppe Gümmeler (siehe Beitragsbild oben) ins Gespräch, die eine Runde über die Selle Nevea dreht, den Neveasattel. Ihr Guide Marco ist Gastgeber des Valbruna-Inn in einem Seitental weiter oben, des einzigen Fünf-Herzen-Hotels weltweit, wie er betont. Er lädt uns zu einer Flasche Wein ein, wenn wir bei ihm vorbeikämen. Den Abzweiger mit dem herrlichen Blick auf die Julischen Alpen hatten wir gestern bemerkt. Und lernen, einmal mehr: Manchmal sollte man vom Weg abweichen, um ans Ziel zu kommen.

In Muggio Udinese im unteren Val Canale fragen wir  den freundlichen Herrn, der den Radtouristen dort angesichts der undurchsichtigen Wegführung die Richtung weist («Ein Service unserer Gemeinde») nach einem Zugang zum Wasser. Ma sì!, lautet die Antwort, und wir werden um drei Kurven 200 Meter weiter zu einem Wasserfall mit zwei kleinen Becken geschickt, wo man baden kann. Wir schieben die Velos durchs Geröll und sind platt: Ein– che bello! – Badeplatz wie aus dem Ferienkatalog, 20 Meter unter einer Autobahnbrücke. Wir lernen daraus: Mitunter ist es von Vorteil, untendurch zu müssen.

Der Badeplatz unter der Autobahnbrücke, ein Geheimtipp für den Alpe-Adria-Radweg. | © 2018 Dominik Thali

Ausgangs Spittal bremse ich brüsk: Ein Handy liegt mitten auf dem Radweg. In Funktion, geladen, aber leider gesperrt. Was tun? Wir werweissen und retten das Samsung schliesslich vor dem Überfahren-werden in meinen Hosensack. Eine Viertelstunde später klingelt es darin. Doch das Annehmen des Gesprächs misslingt. Einige Kilometer weiter schreibt die Angetraute «Handy gefunden» auf den Asphalt und meine eigene Nummer hinzu. Was aber nichts bringt. Am Nachmittag klingelt es erneut, diesmal klappts mit dem Abnehmen. Eine Jasmin meldet sich, die den Handy-Eigentümer gesucht hat, von mir überrascht wird und von da weg vermittelt. Wir vereinbaren, dass ich das Samsung am Abend auf dem Camping in Villach hinterlege. Wenig später trifft eine WhatsApp-Nachricht vom Absender «Zuckerschnecke» ein: «Wie lang tuast denn hoit Abend?», will die Unbekannte wissen. Das wissen wir leider nicht. Und rätseln anderntags, als eine SMS von Jasmin eintrifft, die sich «herzlichst» dafür bedankt, «dass Sie mein Handy in sicherer Obhut hinterlegt» haben. Mein Handy? Wer ist diese Jasmin? Wer die süsse Schnecke? Wissen die beiden voneinander? Und gibt es gar keinen Handybesitzer? Da bereits in Italien unterwegs, stellen wir die Ermittlungen jedoch ein.

In Udine – kleiner Werbeeinschub   – ist das Bed-and-Breakfast Trecuori von Fiametta eine unbedingte Empfehlung. Hinter einer unscheinbaren Fassade verbirgt sich eine Herzlichkeit in Gestaltung und Betreuung sondergleichen. Und das zehn Fussminuten vom Zentrum entfernt.

In Spittal hatte ich die lange Wäscheleine von zwei Familien fotografiert, die mit ziemlich viel Sack und Pack unterwegs war. Fünf Tage später in Palmanova, fährt die fröhliche Truppe uns buchstäblich vors Mittagessen, als wir dort schattensuchend rasten. Wir kennen uns doch, entfährt es uns wie ihnen, woraus wir uns zusammensetzen und ins Plaudern kommen. Unsere Gegenüber stammen aus Lyon und dem Elsass; der redseligere der beiden Väter wickelt tatsächlich einen Prosecco aus einem Badetuch und lädt uns zum Mitrinken ein. Den noch erstaunlich kühlem Apéro verkosten wir direkt aus der Flasche. Eine halbe Stunde später revanchieren wir uns mit einer Runde Gelato, wodurch auch die vier Kinder Nutzen aus der Begegnung ziehen.

Prosecco: das ideale Erfrischungsgetränk auf einer 35-Grad-Velotour, hier genossen in Palmanova bei Udine, Italien. | © 2018 Dominik Thali

Bereits auf dem Heimweg, campieren neben uns in Santa Maria im Münstertal Markus und Rebekka aus dem Aargau mit ihren vier Kindern. Das fröhliche Hin-und-Her, das sich schnell ergibt, gipfelt am anderen Morgen in einem beiderseits guten Tausch: zwei bequeme Campingstühle von ihnen gegen einen halben Zopf von uns. Sie haben am Vorabend die Brotbestellung verpasst, wir, wie immer, nichts zum Sitzen dabei.

Unsere Campingstühle auf Zeit auf dem Zeltplatz n Santa Maria: schön bequem. | © 2018 Dominik Thali

Schliesslich, grande Finale, am frühen Sonntag Morgen auf dem Ofenpass: Die zwei Wandersmänner, die wir bitten, uns zu fotografieren, erweisen sich als fröhliche Bündner; wir wünschen uns gegenseitig einen guten Tag, worauf sie bergwärts steigen und wir tal- und heimwärts sausen.

In vielerei Hinsicht bereichert.

Finale und Höhepunkt der Tour: auf dem Ofenpass. | © 2018 Dominik Thali

Nach Venedig auf zwei Rädern: das Veloabenteuer der Schule Eschenbach

Jugendliche fahren nicht mehr Velo? Mag sein. Sie tuns aber doch, wenn sie Vorbilder erleben, motiviert werden, das Abenteuer lockt und ihnen Verantwortung dafür übertragen wird. Im luzernischen Eschenbach unternahm Sekundarlehrer Daniel Blättler (35) mit 20 Oberstufen-Jugendlichen eine Tour nach Venedig – 560 Kilometer in sieben Tagen. Wie es dazu kam und was er dabei erfahren hat, schildert er in diesem Gastbeitrag.

Als begeisterter Radtourenfahrer versuchte ich schon früh in meiner Lehrerlaufbahn, das Velofahren in den Schulalltag einzubeziehen. Ob der Besuch der Badi in Baldegg oder der Berufsbildungsmesse Zebi in Luzern, solche kurzen Distanzen mit dem Velo zurückzulegen schien mir immer wieder sinnvoll – zumal ich meinen Arbeitsweg von Emmen nach Eschenbach meist auch mit dem Velo zurücklege. Auf grosse Begeisterung stiess das bei den Schülerinnen und Schülern aber jeweils nicht. Sie taten das Velofahren eher als Schikane ab mit dem Verweis auf die Parallelklassen, die mit dem Zug anreisen durften.

Die Tour über den Gotthard nach Tenero 2013

Als Klassenlehrer einer 1. Sekundar im Schuljahr 2012/13 wagte ich mich dann an mein erstes zweitägiges Veloprojekt, eine Velotour über den Gotthardpass. Ich setzte auf die Karte Freiwilligkeit und plante, mit den motivierten Schülerinnen und Schülern bereits am Sonntag die Reise ins Tenerolager zu starten, so dass wir am Montagabend dort sein sollten. Als sich anstelle der erwarteten 4 bis 6 Jugendlichen 20 meldeten, hatte ich zwar grosse Freude, der Aufwand für die Organisation wurde aber beträchtlich grösser. Ich entschied mich, die Tour akribisch zu planen, ganz im Wissen, dass ich eine grosse Verantwortung trage und bestmögliche Voraussetzungen schaffen wollte, dass die Tour zu einem sicheren und unvergesslichen Erlebnis wird.

Beim Tourstart am Samstag, 26. Mai 2018, in Inwil. | alle Bilder zur Verfügung gestellt

Es folgten zahlreiche Absprachen mit der Stufengruppe und der Schulleitung. Zweifel lagen im Raum, ob die Tour nicht zu lange und zu gefährlich sei und ob die Schule überhaupt solche Aktivitäten anbieten solle. Schliesslich erhielt ich die Unterstützung, und überraschend schnell war ein Leiterteam gefunden, das mich auf der Tour unterstützen wollte. Jemand stellte sogar sein Wohnmobil als Begleitfahrzeug zur Verfügung.

Auch wenn es ziemlich viel Aufwand bedeutete – Routenplanung, Rekognoszierung, Kommunikation mit allen Beteiligten, Vorbereitungstrainings, Velokontrolle usw. – machte es mir Spass und die Gruppe entwickelte bereits im Vorfeld eine gute Dynamik. Sie liess sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als das Wetter bis kurz vor der Tour unsicher war. Als mir eine Mutter kurz vor der Abfahrt unter vier Augen mit dem Anwalt drohte, sollte ihrem Kind etwas zustossen, verwies ich auf meine akribische Planung und Erfahrung als Tourenfahrer und Sekundarlehrer.

Im Anstieg zum Flüelapass.

Die erste Gotthardvelotour wurde schliesslich zu einem Top-Erlebnis für alle Beteiligten. Auch wenn es am ersten Tag nieselte, erlebten wir zwei tolle Tage ohne grössere Zwischenfälle. Die Planung ging fast ausnahmslos auf. Als die Schülerinnen und Schüler dann in Tenero nicht, wie von einigen befürchtet, vier Tage lang k.o. waren, wusste ich, dass es eine Fortsetzung geben würde. Bereits hier erkannten einige, dass man in zwei, drei weiteren Tagen mit dem Velo bereits am Meer wäre…

Die Velotour in den Europapark 2014

Dass es mit der Klassenstufe 2012/15 noch nicht dazu kam, hatte mehrere Gründe: Einerseits war ich selber nach der Tour psychisch ziemlich k.o. und traute mir noch nicht zu, ein grösseres Projekt auf die Beine zu stellen. Andererseits wusste ich, dass die Schulpflege bei Reisen ins Ausland zurückhaltend und dass Meer doch einige 100 Kilometer von der Schweiz entfernt ist. Also ging es in Folge darum, mehr Erfahrungen zu sammeln, wofür sich eine zweitägige Tour in den Europapark anlässlich der WM-Projekttage 2014 eignete.

Mit einem Lehrerkollegen erhielt ich diesmal tatkräftige Unterstützung aus dem Team. So konnte ich mich voll auf die Routenplanung und Rekognoszierung konzentrieren. Während ich die Strecke über den Gotthard schon mehr oder weniger gekannt hatte und es nicht viele Möglichkeiten gab, war der Europapark eine grössere Knacknuss. Durch welches Mittellandtal fahren wir? Welchen Juraübergang nutzen wir? Wie durchqueren wir Basel? Wo übernachten wir? Fahren wir alles entlang des Rheins?
Anlässlich meiner Rekognoszierung im Februar 2014 konnte ich die meisten Fragen klären und definierte eine sinnvolle Route: Beinwil–Wynatal–Aarau–Geissflue, Übernachtung im YMCA-Hostel in Basel, wobei man hier selber kochen musste. In Deutschland sollten sich Flusspassagen mit Überlandpassagen abwechseln, in Rust die Übernachtung im Camp-Resort stattfinden, worauf an Tag 3 der Besuch des Parks anstehen sollte.

Eine Gruppe auf dem Flüelapass, dem ersten Übergang auf der Tour.

Das Leitungsteam erhielt weiteren Zuwachs, auch durch eine PH-Studentin, die mir weitere Teile der Organisation im Rahmen ihres Leistungsnachweises abnehmen konnte. Als anspruchsvoll erwies sich die Auswahl der Schülerinnen und Schüler: Denn auf die 26 Plätze meldeten sich knapp 40 Personen, die wir in Folge nach verschiedenen Kriterien annehmen konnten oder ablehnen mussten. Obwohl die Strecke etwas weniger streng war als über den Gotthard, es waren doch 200 Kilometer sowie ein Pass von 450 Höhenmetern an zwei Tagen zurückzulegen. Dass sich so viele Jugendliche für die Tour motivieren konnten, zeugte doch von einem langsamen Gesinnungswandel.

Dieser war auch an anderen Orten feststellbar, zum Beispiel bei der Herbstwanderung: Während sich 2009 gerade einmal 20 Schülerinnen und Schüler der Sekundar für die strengere Variante (Hergiswil–Pilatus) entschieden hatten, wagten dies 2014 rund 100. Zum Religionshalbtag nach Kappel am Albis reiste im November eine Gruppe mit dem Velo an, und die zweitägige Wanderung/Exkursion mit Übernachtung im Triftgebiet lobten die Jugendlichen in ungewohnten Tönen. Ausdauerleistungen wurden wieder cool. Immer mehr waren es auch durchschnittliche Schülerinnen und Schüler, die sich mehr zutrauten und so letztlich vom Sport profitieren konnten.

Via Gotthard zum Freifach Sport 2017/2018

Nachdem ich im August 2015 wieder mit einer 1. Sek gestartet war, merkte ich sogleich, dass hier eine andere «Generation» am Start war und dass sich viele Schülerinnen und Schüler schon darauf freuten, wie ihre älteren Geschwister oder Vereinskollegen an Velotouren teilzunehmen. Bei der ersten Herbstwanderung auf die Rigi organisierte ich mit zwei Lehrerkollegen neben den Varianten leicht (laufen ab Klösterli) und mittel (laufen ab Küssnacht) eine Variante mit Veloanfahrt, die gut ankam.
Auch mit meiner Klasse legte ich zahlreiche Wege mit dem Velo zurück, doch ich musste immer wieder feststellen, dass auf Freiwilligkeit basierende Veloprojekte viel dankbarer waren als solche, an denen alle teilnehmen mussten. Unter anderem waren in den Folgejahren auch die Sporttag-Velotour ins Alpamare, die Pilatus-Herbswanderung mit Bikeanfahrt sehr beliebt – auch auf den anderen Stufen.

Eine Gruppe auf dem Ofenpass, nach dem Flüela dem zweiten Höhepunkt der Tour.

Die Gotthardvelotour organisierte ich diesmal erst zum Start des zweiten Sekundarjahres. Auf das Leiterteam war erneut Verlass, und die 20 angemeldeten Schülerinnen und Schüler machten ihre Sache wiederum super. Und so startete das Projekt «Freifach Sport 2017/18» mit dessen Krönung, einer wöchigen Velotour ans Meer.
Um uns möglichst gut verkaufen zu können, investierte ich zunächst etwas Zeit in ein Velotourvideo der Gotthardtour, das hier einsehbar ist. Die Schulleitung klärte die Voraussetzungen für das Freifach beim Kanton ab, der Teamkollege und ich sprachen bei der Bildungskommission vor – schliesslich sollten Lektionen für die wöchentlichen Trainings gesprochen werden. Am Schluss erhielten wir das Vertrauen und damit grünes Licht.

Bei der Anmeldung für das Freifach im Januar 2017 wussten weder die Jugendlichen noch wir Lehrpersonen, worauf wir uns genau einlassen würden. Erst nach und nach definierten wir die Inhalte. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern wurde Venedig als Ziel einer möglichen Abschlusstour festgelegt, und wir planten unter anderem wöchentliche Ausdauertrainings.

Die Vorbereitung der Velotour nach Venedig | Herbst 2017 bis Frühling 2018

Zwar kannte ich den Weg bis Bozen in etwa von meiner Kroatienvelotour, doch ich erkannte bald, dass ich mir zehn Tage Zeit reservieren musste, um die Tour zu planen. Der Weg bis Pfäffikon war von der Alpamaretour im Juni 2017 bereits klar, im Anschluss bot die nationale Veloroute Nr. 3 einen guten Anhaltspunkt. Von Landquart bis Glurns war eigentlich alles klar – hier machte mir nur der stark befahrene Wolfgangpass etwas Bauchweh. Im Anschluss sah ich den Etsch-Radweg bis Trient vor, von dort sollte es via Sugantal und Bassano quer durch die Poebene nach Venedig gehen.

Freude über die eigene Leistung: auf dem Etschradweg.

So startete ich zu Beginn der Herbstferien zusammen mit einem Kollegen zur Rekognoszierung. Neben der Strecke sollten gefährliche Stellen, WCs, Zufahrten fürs Wohnmobil, Unterkünfte und die Verpflegung erkundet werden. So hiess auch mal zwei Kilometer zurückfahren, wenn mir etwas zu gefährlich erschien oder ein Halt nicht passte. Wir kamen gut voran, schossen viele Fotos, führten Gespräche mit Restaurants und Jugendherbergen und konnten die sechs Tage auf dem Velo auch geniessen, da die Etappen mit knapp 100 Kilometer nicht allzu lang waren.

Die grössten Knacknüsse:

  • Durch die Poebene von Bassano nach Venedig führt zwar eine ziemlich direkte Hauptstrasse mit meist vorhandenem Veloweg. Da dieser aber viele Schikanen und gefährliche Abzweigungen aufweist, entschied ich mich für eine weniger gefährliche Variante fast ausschliesslich auf Nebenstrassen.
  • Der Weg von Trento hinauf ins Sugantal. Ein Velofahrer, der sich aufs Navi verliess machte beim Aufstieg 1,5 Stunden Umweg.
  • Eine preiswerte Gruppenunterkunft im Sarganserland zu finden. Nach vielen vergebenen Anrufen bei Privaten bot mir die Gemeinde Landquart eine Truppenunterkunft an.
  • Die grösste Herausforderung war es, einen sinnvollen und preiswerten Aufenthalt in Venedig zu planen. Dies bei horrend teuren Unterkünften und Verkehrsmitteln, Vaporetti, die keine Velos transportieren und einer Stadt, die nicht für Velos gemacht ist. Zudem wollten wir ans Meer und brauchten eine Unterkunft, die gut mit dem Wohnmobil erreichbar ist. Die Lösung: Fahrt bis Fährhafen Tronchetto, Einstellen der Velos, Überfahrt mit der Fähre nach Lido, Camping San Niccolo, Baden im Meer und Übernachtung. Am Folgetag alles Gepäck verladen, Fahrt nach Venedig und Besichtigung der Stadt, zurück nach Tronchetto, Abholen Velos, Verlad in den Car, Rückfahrt. (Definitive Routenplanung: https://www.komoot.de/user/524956548691/tours)

Soweit die Planung, die das stetig anwachsende Leiterteam zufriedenstellte. Parallel fanden die wöchentlichen Trainings statt und bereits im November hielt eine Siebnergruppe mit Schülerbeteiligung die erste Sponsoringsitzung ab. Zwei Schülerinnen entwarfen ein Tourlogo, das fortan unsere Dokumente und Videos für die Sponsoren schmückte. (Promotionsvideo für die Sponsoren: hier). Für den Zeitungsbericht fand ich zwei geeignete Jugendliche, die immer mit grosser Begeisterung hinter dem Projekt standen.

Entlang der Etsch nach Trento.

Nachdem der Einsatz der Schülerinnen und Schüler beim Lauf- und Kraftausdauertraining im ersten Semester noch zu wünschen übrigliess, kehrte im Winter auf den Langlaufskiern, beim Schwimmen und ab März auf dem Velo die Motivation richtig zurück (Video dazu). Vor Ostern entschieden sich 13 Schüler und 7 Schülerinnen definitiv für die Teilnahme. Zum Leiterteam gesellten sich unter anderem der Oberstufen-Schulleiter und eine Journalistin Denise Bucher, die für die Tour einen Blog einrichtete.

Die Velotour nach Venedig: 26. Mai–2. Juni 2018

Am Morgen des 26. Mai ging es los. Was wir an den folgenden sieben Tagen erlebten, ist hier auf dem Blog detailliert beschrieben.

Eine Zusammenfassung formulierte ein Lehrerkollege so:

Ja, alle haben es geschafft! Die Schülerinnen und Schüler lieferten eine eindrückliche Antwort auf diese leisen Zweifel. Am Donnerstagnachmittag, 31. Mai, traf die ganze Schar müde, aber überglücklich auf dem Tronchetto, dem Hafen von Venedig, ein. Es fiel ihnen nicht schwer, sich vom Velo zu trennen. 4500 Höhenmeter und 560 Kilometer: Diese eindrücklichen Zahlen lassen erahnen, was dies von den Jugendlichen abverlangte. Schon der erste Tag bis Landquart mit 120 km war nicht ohne. Dann aber folgten die happigen Herausforderungen: Am zweiten Tag hinauf auf den Flüelapass (2383 Meter), anfänglich bei stechender Sonne und zum Schluss bei Regen und Kälte. Der dritte Tag entpuppte sich als «Königsetappe»: Zuerst die rassige Abfahrt von der Flüela, dann hoch zum Ofenpass (2149 Meter) und weiter zum Etappenort Meran. Von jetzt an gings im landschaftlich reizvollen Südtirol etwas gemütlicher zu und her, aber die vielen Stunden im Sattel machten sich an einer gewissen Körperstelle schmerzhaft bemerkbar. Nach den weiteren Etappenzielen Trento (Trient) und Bassano del Grappa verdrängte das nahende Venedig die Müdigkeit etwas. Eine strahlende Sonne beflügelte alle auf den letzten Kilometern bis zum Hafen von Venedig. Der siebte Tag war dann dem Sightseeing gewidmet. Die Rückreise durften die glücklichen Radlerinnen und Radler im Car, chauffiert von Velomech, Dani Waldispühl, über die Nacht auf Samstag entspannt geniessen.

Meine eigene Zusammenfassung:

Ich bin happy, dass sich der Mut und der Aufwand gelohnt haben und die Schülerinnen und Schüler am Ende der sieben Tage glücklich und stolz nach Hause zurückkehren durften. Ich bin dankbar, dass sich keine schlimmen Unfälle ereignet haben, das Wetter sich meist positiv zeigte und ich auf ein engagiertes Leiterteam zählen konnte, das sich super ergänzt hat. Danke allen Beteiligten für das Vertrauen.

Rückblick auf die Velotour

Nach der Tour stellte ich einen Videorückblick zusammen und schloss die Buchhaltung (knapp 100 Positionen) ab. Am Abend des Rückblicks beschenkte uns die Elternschaft mit T-Shirts sowie einem Nachtessen für die Leiterinnen und Leiter. Die Schülerinnen und Schüler erhielten ihre persönliche Urkunde mit einer Muschel vom Lido, und mit dem Film konnten sich alle nochmals in die sieben tollen Tage zurückversetzten.

Ich bin sehr zufrieden, wie viel geklappt hat. Die Routenplanung ging fast zu 100 Prozent auf, die Unterkünfte waren gut ausgewählt, wir reagierten bei Umleitungen und Schlechtwetter richtig und mit dem Sponsoring konnten wir rund 40 Prozent der Auslagen von 15’000 Franken decken. Die Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern war ausgezeichnet, sie gaben gemeinsam Gas, um das grosse Ziel zu erreichen. Auch wenn die Nachtruhe am dritten Abend nicht klappte, dürften wir doch auf mehrheitlich zuverlässige und folgsame Teenager zurückblicken, die mir positiv in Erinnerung bleiben werden.

Die nächste Projektwoche im Auge

Während mein Lehrerkollege den Spielteil des Freifachs Sport auch im nächsten Jahrgang anbieten wird, hatte ich im Dezember 2017 entschieden, zuerst das Projekt ganz durchzuführen, bevor ich mich für eine Neuauflage verpflichte. Jetzt, nach der erfolgreichen Tour, hat der Kollege die Initiative ergriffen und bei der Schulleitung einen Antrag für eine Projektwoche deponiert, über den das Team in rund einem Monat abstimmen wird. Ebenfalls freut es mich, dass im Herbst voraussichtlich das erste Mal ein anderer Lehrer die Gotthardvelotour auf seiner Stufe durchführen wird.

Ich bin dankbar zu sehen, dass die Ideen inzwischen durch viele andere Lehrpersonen im Team getragen werden und sich im Ausdauerbereich viel mehr Schülerinnen und Schüler als früher etwas zutrauen. Dass die Erfahrungen nachhaltig sind, zeigt sich immer wieder, wenn ehemalige Schülerinnen und Schüler an die Schule zurückkehren und von den Reisen über den Gotthard, in den Europapark oder zum Triftgletscher schwärmen.

Ich hoffe, wir bleiben auf unseren Touren weiterhin von Unfällen verschont, so dass auch die nächsten Schülergenerationen in Eschenbach diese tollen Erfahrungen machen können.

Velogondler, Velogeniesser, Velofräser, Velofahrer

Ich bin velophil. Und online derzeit aber velowenig. Die 1000 Kilometer «Bike to work» die vergangenen zwei Monate pedalten sich nebenher, ans Schreiben übers Velo war nebenher freilich nicht zu denken. Ans Lesen hingegen immer wieder, und diesbezüglich sind mir vier Beiträge untergekommen, die für die Unterschiedlichkeit stehen, mit welcher die Velofahrerei betrieben werden kann: Stoff für eine Zitatenlese und eine Erörterung unter Gleichgesinnten über Un-, Sinn und Wahnsinn im Sattel.

Der Reihe nach:

1. Fünf Polstersitze statt ein Sattel

«Warum verspüren wir eigentlich so wenig Verantwortung während unseres Handelns?», fragt der Wiener Journalist und Mediendesigner Reinhold Seitl in einer Kolumne im österreichischen Fahrradmagazin «Drahtesel»? Dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen sei, hält er für «eine grenzwertige Idee». Was für ihn in Bezug auf die Mobilität heisst: «Statt dessen führen weltweit hunderte Millionen Humanoide jeder für sich eine fünfsitzige Polstergarnitur spazieren, obwohl sie immer nur auf ein- und demselben Platz sitzen. Und das mithilfe einer Maschine, die zwanzig Mal schwerer ist als der sitzende Nacktaffe selbst.» Und, also ob dies nicht schon klar genug wäre: «Diese Maschine, die Geschwindigkeit und Reichweite des Menschen verhundertfacht, ‹atmet› ihm auch jede Menge Atemluft weg, heizt das Klima auf und vergiftet die Umgebung. Jährlich tötet diese Maschine – wie die WHO feststell – mehr als eine Million seiner Art und hinterlässt ein Vielfaches davon an Dauerinvaliden.»

2. Mit Sonnenkraft bis nach China

Den Emmentaler Daniel Jenni mit seinem Solarvelo trafen wir jüngst auf Durchreise in meinem Wohnort Hochdorf, wo seine Freundin lebt. Der 30-Jährige, Sohn des Schweizer Solarpioniers und Miterfinders der Tour de Sol-Miterfinders Erwin Jenni, ist derzeit auf der Selbstversorger-Tour «The Sun Trip 2018» unterwegs, die über rund 12’000 Kilometer von Lyon nach Guangzhou in China führt. Sein. Ziel der 40 Teilnehmenden ist es, nur mit Muskel- und Sonnenkraft an die chinesische Küste zu gelangen – und das in 100 Tagen. Jenni fährt auf einem umgebauten Speedped, das er mit einem Solardach versehen hat. Um Tempo Teufel geht es ihm nicht. Gegenüber der Lokalzeitung «Seetaler Bote» sagte er: «Es ist vor allem Abenteuerlust, die mich antreibt. Unter den Teilnehmern hat es auch ambitionierte Sportler, welche die Strecke möglichst schnell zurücklegen wollen. Zu denen gehöre ich nicht – ich will die Reise geniessen und mir auch Sachen anschauen.» Und weiter: «Idealismus ist auch dabei. Ich will zeigen, was mit -Solarkraft möglich ist.» Daniel Jennis Trip kann auf www.thesuntrip.com live mitverfolgt werden.

Mit Sonnen- und Pedalkraft unterwegs: Daniel Jenni bei seinem Zwischenhalt in Hochdorf. | © 2018 Annemarie Thali

3. Wo jede Minute zählt

100 Tage für 12’000 Kilometer? Dem Österreicher Extrem-Radler Michael Strasser wär‘ das entschieden zu gemütlich. Sein Ziel ist es, vom nördlichsten Punkt der USA bis ganz in den Süden Amerikas nach Patagonien zu pedalieren – 23’000 Kilometer am Stück. Strassers Ziel ist es, den Rekord des Briten Dean Stott zu brechen, der dafür 99 Tage brauchte. Strasser hatte es schon 2016 eilig, als er es in 34 Tagen von Kairo an die Südspitze Afrikas schaffte – 11’000 Kilometer. Der Mann ist ein Tempogetriebener: «Während  ‹Ice2Ice› werden mich zwei Tour-Autos – ein Camper und ein Pkw – begleiten. Das grössere Team bedeutet auch, dass wir die Abläufe besser planen müssen: Duschen, WC-Pausen, An- und Umziehen, Schlafen, Aufwachen und natürlich die Ernährung müssen optimal abgestimmt sein. Keine Minute darf verloren gehen», erklärt er im «Drahtesel».

Auf seiner Website schreibt Sponsor Red Bull über Strasser, dieser fahre «auf zwei Rädern durch die Welt, um der Monotonie zu entkommen». Welche Monotonie er wohl meint? Und welche Vielfalt er – im Gegenzug – er erlebt, auf zwei Rädern durch die Welt fräsend? Der gute Mann hat in Physik offensichtlich nicht aufgepasst in der Schule. Denn: Je schneller er durch die Lande fräst, desto monotoner, einförmiger, zieht doch die Landschaft an ihm vorüber.

Mir erginge es jedenfalls umgekehrt. Ansonsten: Der Bericht über Strasser Projekt «Ice2Ice» liegt der Kolumne des oben erwähnten Reinhold Seitl – Stichwort Vernunft – auf derselben Doppelseite des «Drahtesels» genau gegenüber.

4. Das Fahrrad – am Stau vorbei an die frische Luft

Mit Strasser nichts gemein ausser das Fortbewegungsmittel selbst hat auch der Journalist und Fotograf Hannes Leitlein aus Berlin. Der stellvertretende Redaktionsleiter der Beilage «Christ und Welt» der «Zeit» in Hamburg bekennt sich in der Nr. 26/2018 als betender Radfahrer. Als radfahrender Beter. Als beides. Seinen Text «Radfahren ist mein Gebet» könnte man sich, kleingefaltet, als Argumentarium dafür in den Geldbeutel stecken, weshalb man (vgl. Punkt 1) im Verkehr lieber auf einem Sattel sitzt statt auf einem von fünf Polstersesseln. Zitat:

«Denn kein Sportwagen der Welt kann dieses Gefühl ersetzen, das sich beim Radfahren einstellt, wenn das Rad richtig eingestellt ist: diese vollkommene Symbiose zwischen Gefährt und Fahrer, die direkte Übersetzung von Muskelkraft in Geschwindigkeit, das Cabriogefühl nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper, diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, die nur durch einen Herzschrittmacher getoppt wird. Das Fahrrad bringt mich ohne Tanken überallhin, vor allem aber bringt es mich im Alltag am Stau vorbei und an die frische Luft.»

Nachsatz: Gerne (sehr gerne) Velo zu fahren heisst nicht, Autos nicht zu mögen. Wer Gegenspielerei hinter Leitleins Ode und deren Zitierung hier vermutet, treibt ebendiese bloss an. «Es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst gern Auto fahre», schreibt Leitlein. Aber mehr als eine Tonne Material, um 100 Kilo in Bewegung zu versetzen, sind grundsätzlich nicht vernunftgesteuertes Tun. Bliebe es bei den Ausnahmen, die dazu berechtigen, löste dies jeglichen Verkehrstau.

 

 

 

 

 

 

Welche Auffassung entspricht der euren?

Ich bleibe auch hinterher ein Anhänger

Zwei Monate nun schon fährt mir dieses Ding hinterher, wenn ich samstags (und die Angetraute wochentags) Vorräte aufstockend oder Zeugs ausführend unterwegs bin: unser neuer Anhänger, der «hinterher» aus München. An dieser Stelle die versprochene Zwischenbilanz. Die in zwei Worten lautet: Daumen hoch!

Kurz fällt sie aus, weil der «hinterher» im Alltag alle Anforderungen erfüllt, die ich an einen Anhänger habe. Und ich deshalb auch hinterher ein Anhänger desselben bleibe. Auf der offenen Plattform lässt sich alles laden, was im Alltag halt so transportiert werden muss. Eine Transportbox, wie ich sie anfänglich für notwendig hielt, brauchts nicht zwingend, denn mit den beiden Bändern lässt sich von der Bierharasse bis zum Wochenend-Einkauf alles leicht festzurrend. Auch, was über den Rand ragt. Zwei solcher Bänder gehören zur Grundausstattung; für weitere sind rund um die Wanne genügend Aussparungen vorhanden. Einfache «Schletzgummis» tuns aber auch. Die eingelegte Gummimatte (optional) dämpft jedwelches Scheppern. Überhaupt: Der «hinterher» folgt mir so leise und ruhig, dass ich sein Gewicht kaum wahrnehme.

Der kleine Aufpreis lohnt sich auch für die durchgehende Achse. Sie macht den «hinterher» zum Schwertransporter, wie das Bild unten beweist. Ich bin zwar nicht mit so vielen Harassen gefahren, Schieben mit Sicherung der Last durch einen «hinterher»-Gänger wäre freilich kein Problem.

Schliesslich: Die Möglichkeit, die Deichsel per Knopfdruck umzustecken und den «hinterher» damit zum Handwagen zu machen, schafft ungeahnte Möglichkeiten im Alltag: Koffertransport zum Bahnhof? Materialfuhre per Bahn und Bus zum Arbeitsplatz? Geht alles. Und mehr.

Mit anderen Worten: Wir sind ein ideales Gespann geworden. Jetzt wünsch‘ ich mir bloss noch ein paar Weggefährtinnen und -gefährten in meiner Gemeinde, damit ich, siehe oben, auf diesen samstäglichen Fuhren nicht an diesen automobilen Kolonnen vorbeizwängen muss…

Gewagter, aber möglicher Flüssigkeitstransport. | © 2018 Dominik Thali
Samstags-Einkauf. Gut festgezurrt. | © 2018 Dominik Thali
Auf Entsorgungstour. Die Autöler stehen im Stau, wir fahren vor und schnappen uns einen freien Parkplatz. | © 2018 Dominik Thali

Der Sammelband für markenbewusste Velocipedisten

Atlantis, Aurora und Avanti, Geier, Germanenrad und «Glück auf», Zaunkönig, Zenith und Zwingburg: Das sind neun Marken von neun deutschen Fahrrädern, und die Liste liesse sich hier beliebig verlängern. Auf über 8000. Zusammengetragen – genauer: die Steuerkopfschilder davon – hat diese Frank Papperitz, in einen Wälzer, 700 Seiten und 1,4 Kilo, gebunden Verlegerin Maxi Kutschera. Sammelleidenschaft und Velophilie. Das «Handbuch deutscher Fahrradmarken, 1817–1965» liegt nun schon eine Weile auf meiner Ablage, für ein paar Zeilen dazu ist nun just heute der passende Tag: Mitte April hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) den 3. Juni zum weltweiten Tag des Velos erklärt.

Steuerkopfschilder? Das erinnert an Kinderzeiten und Velobörsen. Meine Lebens- und Velo-Gefährtin nannte seinerzeit ein «Egloff» ihr eigen; den Dreigänger hatte sie beim Händler zwei Strassen nebenan nach langem Sparen erworben. Die Plakette mit der Markenbezeichnung vorne unterm Lenker machte das Rad unverwechselbar. An Börsen tauchen bis dato immer mal wieder Velos mit diesen farbig bedruckten oder emaillierten Metallschildern auf, die oft auf den Dorfmechaniker hinweisen, der das Velo seinerzeit zusammengebaut hatte. Heute veredeln Rahmenbauer ihre Massrahmen mit kopiergefrästen oder gelaserten Schildern aus Aluminium oder Messing.

Wer durch Sammler Papperitz‘ Buch blättert, runzelt womöglich erst einmal die Stirn. In dem Nachschlagewerk finden sich über 8000 Graphiken von Steuerkopfschildern deutscher Fahrradmarken. Und gleich viele Marken deutscher Fahrradhersteller, Händler und Grosshändler von 1817 bis etwa 1980 werden genannt. Papperitz listet sogar auf, welche Marken aus welchen Städten und Dörfern kamen: Othello aus Angern bei Magdeburg, Möbius aus Beutzenburg oder Hermedes aus Hannover. Da erstarrt unsereins in Ehrfurcht. Wobei mich solche Sammelleidenschaft nicht mehr erstaunt, seit ich unlängst jemanden kennengelernt habe, der sogar Stromhäuschen – Transformatorenstationen – zusammenträgt. Sachen gibts! Aber Freude macht vieles. Und oft ist damit viel unschätzbare historische Aufarbeitung und Konservierung verbunden.

Im ersten Teil erzählt Frank Papperitz seine «Sammelstory», fasst die Geschichte des Steuerkopfschilds zusammen und beschreibt deren Herstellung. Am Schluss gibt er Tipps für jene, die es ihm gleichtun wollen. Für abenteuerlustige Bike-Packer mag sein Werk damit nicht die bevorzugte Lektüre sein. Geschichtsbewusste Velocipedisten hingegen geben ihm einen Ehrenplatz im Bücherregal und lassen es an einem fröhlichen Abend beim Fachsimpeln unter Seinesgleichen kreisen. Allerlei lustige Wissensspiele dazu und Scrabbeleien dürfen dazu noch erfunden werden.

Frank Papperitz: «Handbuch deutscher Fahrradmarken», Maxime Verlag, 2016; 720 Seiten; Softcover, Fadenbindung; 8055 Grafiken, ca. 60 Franken,ISBN 978-3-906887-00-5