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Wir storchbeinigen Velofahrer haben immer Hochwasser

Beinkleider für radfahrende Störche sind kaum erhältlich. Drum steht dieser hier auch nacktbeinig im Wasser. | © flickr.com/kbregulla

Wir Storchbeinigen jammern naturgegeben auf hohem Niveau. Aber dass die Beinkleider-Branche, was sportliche Betätigungen betrifft, unsereins ins Hochwasser stellt, lässt sich nun mal nicht leugnen. Ich bin der lebende Beweis dafür. Mit einsfünfundneunzig Körper- und einem Meter weniger Schrittlänge kann man mir diesbezügliche Kompetenz nicht absprechen.

Vor drei Jahren, auf der Suche nach einer wind- und, ein bisschen, wasserabweisenden Hose für die mittelkalten Tage, begnügte ich mich nach einigen Erkundigungen mit einem Paar zwar stofflich  tauglichen, längenmässig aber nur knöchelhoch befriedigenden der Marke Gore. Das Modell tut bis dato seinen Dienst, und für warme Knöchel gibts schliesslich auch Socken. Dachte ich mir damals.

Tut uns leid

Dieser Tage nun – es sollten am Ende Wochen werden – wollte ich mich bei der weiteren Ergänzung meiner sportlichen Garderobe nicht so schnell geschlagen geben. Gesucht war nun eine Softshell-Hose, welche meine mit zunehmendem Alter haarlos(er) werdenden Beine zu Beginn und gegen Ende der Velosaison warm halten sollten. Der beabsichtigte Kauf artete am Ende zu einer umfangreichen Recherche mit einigem Mailverkehr aus.

Erste Etappe: In der Umkleidekabine bei Velo plus. Fehlanzeige. Tut uns leid, haben wir nicht und können wir nicht beschaffen. Dito bei Transa.

Zweite Etappe: Der Velofahrer mailt der Firma Vaude, in der Annahme, bei dem anerkannten Sportartikler seien bestimmt einige ebensolcher Bohnenstangen am Werk wie meine Person. Im CC: Velo plus. Antwort: Fehlanzeige Nummero 2. Es antwortet, stellvertretend, das «Uvex Team Schweiz», das «gerne wie folgt Stellung» nimmt: «Einzelne Spezialanfertigungen für Endkonsumenten sind nicht möglich und wären rein aus Kostengründen gar nicht tragbar. Gerne werden wir aber Ihren Input betreffend Hosenlängen an das Entwicklungsteam in Deutschland weiterleiten. Es ist uns ein Anliegen, direkte Inputs von Vaude Kunden mit einfliessen zu lassen.» Im Übrigen hoffe man auf mein Verständnis.

Dritte Etappe: Nach ein paar Runden im Sattel, die mit halbgefrorenen Beinen enden, ist die Enttäuschung verdaut und ich wende mich schriftlich an die Firmen Gore und Gonso. Erstere lässt mich postwendend und kurz angebunden abblitzen. Die zweite macht erst Hoffnung: Dort hat man tatsächlich Überlängen im Angebot. Bei näherer Betrachtung zerschlägt sich diese jedoch schnell: Was im deutschen Albstadt überlang gefertigt wird, passt nur Menschen, die auch Überumfang haben. Also zum Beispiel Gewichthebern oder Sumoringern, von denen man weiss, dass sie sich zum Ausgleich häufig aufs Rad setzen.

Ich bringe der Firma Gonso mein Erstaunen und Missfallen über diese Marketingstrategie zum Ausdruck, worauf man mir verspricht, sich nochmals der Angelegenheit anzunehmen. Sie habe sich jetzt mit der Schnittabteilung eingehend mit meinen Massangaben befasst, teilt mir Frau Fleiner von der Abteilung PR & Marketing anderntags mit, jedoch könne Gonso mir keine passende Grösse aus ihrem Hause anbieten. «Es scheitert jeweils an der Innenbeinlänge, bei der jeweils ca. 5 cm fehlen», schreibt man mir. Ich beschliesse, eine IV-Rente zu beantragen.

Vierte Etappe: Ich wende mich an den Experten Marius Graber, Technik-Redaktor beim «Velojournal» und gern getroffener Kollege beim Fachgeschäft Velociped in Kriens. Marius empfhielt mir, mich auf www.swrve.co.uk kundig zu machen. Er selbst, auch nicht gerade zwergwüchsig, trage diese Hose und sei sehr zufrieden damit. Ob auch meine Länge lieferbar sei, wisse er allerdings nicht. Chris, der Europaimporteur in London, sei «manchmal etwas chaotisch, aber sehr hilfsbereit und verschickt auch in die Schweiz», weiss Marius. Ich schreibe postwendend ins Vereinigte Königreich, aber meine Mail vergrössert das Chaos des lieben Chris offenbar noch. Jedenfalls warte ich zur Stunde immer noch auf eine Antwort.

Fünfte Etappe: Jetzt reichts und heute habe ich Geburtstag. Zweite Runde bei Transa, ich beschliesse, das schon im Januar ins Auge gefasst Modell von Gore (Stichwort knöchelhoch) zu erwerben. Dagegen wehrt sich diesmal jedoch die Frau Gemahlin. Zu Recht: Was knapp lang genug wäre, schlottert auf Hüfthöhe. Geht gar nicht. Dafür machen wir gemeinsam eine Entdeckung: Neu am Bügel hängt ein Modell von Pearl Izumi, das bezüglich Knöchelabdeckung zwar auch nicht 100 Punkte erhält, aber beim zweiten Kriterium (Stichwort schlottern) die Vorgaben fast zur Gänze erfüllt. Zudem stimmt der Preis. Ergebnis: Kauf getätigt, Geburtstag gerettet. Bilanz seither: Bin zufrieden.

Sechste Etappe: Ich kanns nicht lassen und greife, nach der Lektüre des März-«Velojournals» mit dem Schwerpunkt «Mode auf’m Rad» erneut in die Tasten. Post bekommen von mir Duscha vom Magazin Velofashion in Bern und Hanna vom deutschen Versandhändler allthatiwant.com. Die beiden veloaffinen Jungunternehmerinnen antworten freundlich, können aber ebenfalls nicht einschlägig dienen. Duscha schreibt, man gehe bei ihrem Magazin «leider nicht sooo in die Tiefe» und Sportmode sei «auch nur am Rande das Thema». Ziel sei vor allem, mit viel Bild und wenig Text neue Zielgruppen anzusprechen resp. die Velokultur/cycle chic zu stärken. Find’ ich gut und kann ich unterstützen, und immerhin weiss ich nun von der Velofashion 2016, die in Bern am 11. September stattfindet. (Hier gibt’s mehr dazu.)
Bei allthatiwant.com äussert man ebenfalls Bedauern über meine missliche Lage, doch auf dieser Plattform gehe es um «Fahrradmode, die im Alltag funktionell ist und gleichzeitig unsere Design- und Ästhetikansprüche erfüllt». Auch das find’ ich eine legitime Haltung, denn nebst bulligen Offroadern sind optisch ungenügende Velocipedisten mein zweites Ärgernis, wenn ich durch die Stadt pedale. Hanna rät mir noch, mich an «die Jungs von milltag.com zu wenden, die «tolle Radbekleidung» machten, und merkt an, der Ehemann der Mitgründerin von allthatiwant.com habe «ungefähr ähnliche Proportionen» wie die von mir beschriebenen und fahre mit Milltag.

Zu zweit ist man immerhin schon weniger allein. Ich grüsse und fahre los. Die Sonne scheint und wärmt mir angenehm die Knöchel.

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, ja, das liebe Hochwasser. Es ist in der Tat ein Leid mit uns langbeinigen, zumal diese, also die Beine, nicht unbedingt ein Blickfang sind – im Gegensatz zu manchem Mensch aus dem Modellbereich.

    Für Regenhosen nähe ich mir immer die fehlenden Zentimeter selber ran. Da darf’s dann auch gerne etwas mehr sein. Ansonsten wächst das Arsenal an dicken Socken für die Herbst-/Wintersaison von Jahr zu Jahr.

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  2. Endlich ein Bericht von den Storchbeinigen 🙂 Ich verstehe Dich vollkommen, bin auch mit diesen Storchbeinen ausgestattet.

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  3. Geht mir genauso! Nie passen Fahrradklamotten. Aber ich habe mich mittlerweile auch ans Nähen ran gewagt und es klappt ganz gut! Liebe Grüße vom Fahrradheckträger-Experten Elias

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