Kategorie: Alltag

  • «Wohin mein Auge reicht, nur Velos»

    «Wohin mein Auge reicht, nur Velos»

    Am 23. Mai eröffnet die Stadt Luzern die sanierte und weitgehend autobefreite Vorfahrt. Mehr Platz, neue Grünflächen sowie weniger Verkehr laden zum Verweilen ein.

    Am 25. Juni titelt die «Luzerner Zeitung» dazu: Velos, wohin man schaut. Stadtrat Marco Baumann (FDP) weist in dem Beitrag darauf hin, dass die Stimmenden vor vier Jahren die damals geplante unterirdische Velostation mit 1200 Plätzen abgelehnt hätten. «Aktuell fehlen uns deshalb Alternativen für die Veloparkierung auf der Bahnhofstrasse.»

    Am 3. Juli empört sich Leserbriefschreiberin M.H. aus Z.: «Wohin mein Auge reicht, […] nur Velos. Welche Enttäuschung! Meiner Meinung nach hätte man demzufolge alles beim Alten belassen können. Apropos, die parkierten Autos haben mich eh nie gestört. Und dank dieser Super-Flaniermeile sind nun auch noch einige Parkplätze draufgegangen.»

    Am 7. Juli kontert Leserbriefschreiber H.A. aus S.: Er habe jahrzehntelang die Eroberung der Stadt durch das Auto miterlebt. «Nun haben die Einwohner von Luzern begonnen, ihre Stadt den eigenen Bedürfnissen und Wünschen anzupassen. Sie wollen mehr Sicherheit, Ruhe und Wohnlichkeit. Statt von parkierten Autos sollen die Quartierstrasse von Bäumen und Verweilplätzen gesäumt werden. […] Klar, dass dazu der Autoverkehr mehrheitlich auf Durchgangsachsen beschränkt werden muss.»

    Am 25. Juli hält Elena Wiss, Co-Präsident von Pro Velo Luzern, in einem Leserbrief fest, dass es in der Stadt so viele Velos gebe, sei eine positive Entwicklung. Die Diskussion sollte sich nicht darum drehen, wie viel Raum die Velos einnähmen, sondern wie viel sie sparten. «Würden all die Fahrten mir Autos erfolgen, wären nicht nur die Abstellflächen grösser, sondern auch die Strassen breiter und der Stau länger.»

    Am 3. August stellt Leserbriefschreiberin R.B. aus L. fest, der «ästhetische Gehalt von Autoparkplätzen» werde selten thematisiert. Und: Dass so viele Leute Velo führen, nütze schliesslich auch den Autofahrenden.

    Am 26. August beklagt sich Leserbriefschreiberin C.R. aus L., die Bahnhofstrasse scheien hauptsächlich auf die Bedürfnisse der Velofahrenden ausgerichtet worden zu sein. Leserbriefschreiber P.K. aus L. pflichtet ihr in der gleichen Ausgabe bei: Die Stadt habe der Bevölkerung «noch ein unterirdisches Gratis-Parkhaus für die Veloszene verordnen wollen. Der Teil der Bevölkerung, der nie etwas bezahlen muss. Wir wollen eine Fussgängerzone, die den Verkehr – inklusive Velofahrer – verbannt!»

    Am 5. September erinnert T.L., ehemaliger Luzerner Grossstadtrat (SVP) die Politik an ihre Verantwortung. «Jeder wusste, dass es so kommen würde. Wer den Veloverkehr fördert, muss auch die nötige Infrastruktur bereitstellen.» Jetzt die Bevölkerung zu mehr Rücksicht aufzurufen, sei zu bequem.

    Für Leserbriefschreiber C.H. aus L. ist die umgebaut Bahnhofstrasse «ein weiteres Symbol einer einseitigen Velopolitik», wie er am 9. September schreibt. C.S. aus L. geht «eine Frage nicht aus dem Kopf: Warum leben die Grünen eigentlich in der Stadt?»

    Am 12. September schliesslich nervt sich Leserbriefschreiberin J.A. aus L. über «das Gemecker». Sie hoffe, all jene, die sich jetzt über die dort parkierten Velos aufregten, damals der unterirdischen Velostation zugestimmt hätten. «Dann hätten wir das Problem jetzt nämlich nicht.»

    Die Velo- und andere Rüpel

    Am 25. Juni titelt die «Luzerner Zeitung»: «Velorüpel in Städten immer dreister». Bürgerliche Bürgerliche Politiker forderten, die Polizei solle aktiv werden gegen Velolenker, die jede Verkehrsregel missachten.

    Am 8. Juli lädt Cyrill Wiget (Grüne), Velounternehmer und ehemaliger Stadtpräsident von Kriens in einem Leserbrief die Kritiker (es sind ausschliesslich Männer) ein, mit ihm eine Velorundfahrt zu unternehmen: «Sie würden erschrecken: Auf unseren schwer erkämpften Radwegen versperren uns Autos und Lastwagen die Durchfahrt. Das ist verboten. Und selbst wenn wir die Durchfahrt kriegen, wird vor uns mit laufenden Motoren im Stau gestanden. Es wird uns Dreck ins Gesicht geblasen. Giftige Luft, die wir zum Atmen brauchen, da wir mit Muskeln unterwegs sind. Auch das Laufenlassen von Motoren im Stand verstösst gegen das Strassenverkehrsgesetz. Oder noch schlimmer: Mit Alkohol am Steuer (2 Promille gemäss Gerichtsentscheid) hat mich jemand als Jugendlicher über den Haufen gefahren. Ich kämpfe bis heute mit gesundheitlichen Spätfolgen. Auch Alkohol, Kiffen, Natel: Alles verboten am Steuer – und es wird dennoch gemacht.»

    Am 6. August antwortet Leserbriefschreiber U.W. aus A. auf eine am 30. Juli erschienene Zuschrift, in der «Undisziplinierte Velofahrende» beklagt werden. «Die grosse Anzahl Velos in der Stadt ist ein gutes Zeichen für die Umwelt, die Gesundheit. Das Auto ist in der Innenstadt fehl am Platz. Ein durchschnittlicher Personenwagen beansprucht um die zehn Quadratmeter für die Beförderung von vorwiegend einer Person. Das moderne Auto verwöhnt uns mit zig Assistenzen, Klima und toller Soundanlage. Logischerweise wird damit auch gerne gefahren. Und weil das viele tun, gibt es Stau. Die Autofahrenden behindern sich gegenseitig.»

    Das Auto heizt die Städte auf

    Am 8. August spricht die «Luzerner Zeitung» in einem Interview mit der UNO-Hitzebeauftragten Eleni Myrivili darüber, was es braucht, damit Städte auch in viel heisseren Sommern bewohnbar blieben. Myrivili sagt zum Umstand, dass viele Menschen der Hitze wegen das klimatisierte Auto als Transportmittel wählten:

    «Genau, was dazu führt, dass wiederum mehr Strassen und Parkplätze benötigt werden, was fatal ist. Damit Zentren langfristig bewohnbar bleiben, müssen Autos aus den dicht gebauten Innenstädten verdrängt werden. Dadurch lässt sich mehr Platz für Bäume, schattige Aufenthaltsbereiche und wasserdurchlässige Oberflächen schaffen. Solange aber im urbanen Raum weiterhin grosse Flächen asphaltiert und versiegelt sind, heizen die Städte immer weiter auf.»

    Am 24. August weist Cyrill Zosso, Co-Präsident von Pro Velo Luzern, auf den «enormen Platzbedarf» des motorisierten Individualverkehrs» hin. «Dieser wird als gegeben verstanden, während selbst kleine Flächenverschiebungen zugunsten von Velo oder öV als Verlust dargestellt werden.»

    «Viel Aufwand für wenige»

    Am 30. Juli eröffnet die Stadt Luzern das «Gleis null», eine 300 Meter lange Veloverbindung vom Bundesplatz zur Zentralstrasse.
    Am 11. August kritisiert Leserbriefschreiber B.J. aus L. die dafür ausgegebenen 8.6 Millionen Franken. Nur ein kleiner Teil der Stadtbewohnerinnen und -bewohner profitiere davon. Da sei «viel Aufwand für wenige» betrieben worden.

    Am 18. August doppelt O.T. aus H. nach. Es gebe «wahrhaftig noch gefährlichere Stellen» als die nun umfahrene. T. erinnert an die Zeit seiner Jugend in den 50er- und 60er-Jahren, als Hunderte Velofahrende jeden Morgen nach Emmenbrücke zur Arbeit gefahren seien. «Niemand trug Helm. Im Vergleich zu damals kann der Velofahrer sich heute wie im Paradies fühlen.»

    Am 13. September wird eine Studie publik, gemäss der Velofahren in der Schweiz doppelt so gefährlich sei wie in den Niederlanden. Gemessen an den gefahrenen Kilometern sei die Unfallrate hierzulande zweimal so hoch.

    Wie viele Räder hat Mobilität?

    Am 26. September, und damit kommen wir zum Ende, legt die «Luzerner Zeitung» ihrer Wochenend-Ausgabe eine Verlagsbeilage mit dem Thema «Mobilität heute und morgen» bei. Auf der Titelseite sind fünf Autos aus einem Audi-Werk zu sehen. Ich kommentiere auf Facebook: Könnte es sein, dass «Mobilität heute und morgen» auch mit weniger als vier Rädern auskommt? Als Abonnent (und nicht nur) fühle ich mich einmal mehr aussen vor. Aber ich bin ja auch nicht ein Inserent, dem man dienen müsste.

  • Velostau: Autofahrer pochen auf getrennten Fahrstrassen

    Velostau: Autofahrer pochen auf getrennten Fahrstrassen

    Rum den Baldeggersee herrschte zwischen 10 und 17 Uhr ungewöhnlich dichter Veloverkehr. Zwischen Hochdorf und Altwis waren in dieser Zeit tausende Einzelpersonen, Familien und Gruppen auf zwei Rädern unterwegs, dies trotz spätsommerlicher Hitze.

    «Pro Auto» übt nach diesem Ereignis nicht zum ersten Mal Kritik an der «ungenügenden Verteilung des Strassenraums zugunsten der Velos» und der damit eingehenden mangelnden Sicherheit, wie es in einer Medienmitteilung der Lobbyorganisation heisst. «Pro Auto» erinnert darin an das nationale Autostrassengesetz (ASG), das seit dem 1. Januar 2023 gelte. Das ASG verpflichtet die Kantone, bis 2042 durchgehende und sichere Autostrassennetze zu planen und zu bauen. Auch der Bund muss auf seinen Strassen den Autoverkehr verstärkt berücksichtigen. «Pro Auto» und seine über 40 Regionalverbände setzen sich dafür ein, dass Bund und Kantone diese Aufgaben in der nötigen Qualität und fristgerecht erfüllen.

    Ironie off. Das Bild entstand am Slow up Seetal vom 16. August 2026, der autofreien Rundfahrt um den Baldeggersee. Hätte der Veloverkehr in der behördlichen Mobilitätsplanung den gleichen Stellenwert wie der motorisierte, könnten solche Bilder ungefährer Alltag sein.

  • Astra will über Staus das Velo fördern – Bürgerliche ziehen mit

    Astra will über Staus das Velo fördern – Bürgerliche ziehen mit

    Der «Tages-Anzeiger» hat diese Woche den ersten Schritt des Aktionsplans des Bundes vorzeitig publik gemacht: Ab 2026 soll die Geschwindigkeit auf Schweizer Nationalstrassen zu gewissen Zeiten drastisch gedrosselt werden – auf 80 Kilometer pro Stunde. Das Bundesamt für Strassen (Astra) erklärte gegenüber velofahrer.ch, schärfere Bestimmungen seien «nur noch eine Frage der Zeit». Stiegen die Autobahn-Staustunden gleichwohl – was bei Strassenausbauten für gewöhnlich der Fall sei –, werde das Tempo erst auf 60 und dann sogar bis zu 40 Stundenkilometer gesenkt, sagte eine Astra-Sprecherin. Man müsse manche Autofahrende offensichtlich zwingen, ihr Mobilitätsverhalten zu überdenken. Auf kurzen Strecken sei das Velo – das E-Bike erst recht – meist das sinnvollere Verkehrsmittel als das Auto.

    Pannenstreifen für schnelle E-Bikes öffnen

    Ab 2026 gilt laut Astra deshalb nicht nur die 80-60-40-Kilometer-Regel. Sondern zusätzlich: Stockt der motorisierte Verkehr vollends, wird der Pannenstreifen für E-Bikes bis 45 km/h freigeben, die dann schneller vorwärtskommen als Autos-, Liefer- und Lastwagen. Weiter würden Autobahn-Ausfahrten in den Agglomerationen zu den Stosszeiten für den «unnötigen Privatverkehr» gesperrt, wie es beim Astra heisst. «Wer einmal im Stau steckt, soll nicht so leicht wieder daraus kommen», begründete die Sprecherin diese Massnahme gegenüber velofahrer.ch. Das solle «einen Lerneffekt bewirken».

    Als «unnötigen Privatverkehr» bezeichnete die Sprecherin Fahrten von Personen, die für Wege von zwölf oder weniger Kilometer – egal ob für die Arbeit oder in der Freizeit – das Auto nähmen und zugleich an gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossenen Orten wohnten. Von der Ausfahrten-Sperre ausgenommen würden behinderte Menschen sowie der gewerbliche Verkehr. Letzteres sei für die Wirtschaft «essenziell». Das Astra will mit dieser Bevorzugung deren Verbände auf seine Seite ziehen, allen voran Gewerbeverband und Economie Suisse.

    Wie aber soll das Kilometer-Kriterium kontrolliert werden? Dies sei «technisch heute kein Probleme mehr», erklärt das Astra weiter. Die Fahrdistanz werde wie bei der elektronischen Autobahnvignette, die 2024 eingeführt wird, mittels Stichproben kontrolliert. In einem nächsten Schritt sei Kameraüberwachung denkbar. Entsprechende Systeme bewährten sich in Ländern mit Autobahn-Maut bereits.

    SVP erinnert an Eigenverantwortung

    Die beiden grossen bürgerlichen Parteien SVP und FDP begrüssen die Pläne des Astra. Die Volkspartei setzt sich in ihrem Parteiprogramm 2023 bis 2027 für «eine lebenswerte Umwelt für heute und morgen» ein. Die Temposenkung auf Autobahnen entspricht der Parteiforderung nach Eigenveranwortung. Eine intakte Umwelt bringe Lebensqualität und Wohlbefinden, schreibt die SVP. Und weiter: «Daher ist es im ureigensten Interesse eines jeden, der Umwelt und damit auch unserem Umfeld Sorge zu tragen. Dies gelingt am besten, indem man eigenverantwortlich handelt und die Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung praxisnah umsetzt.» Das Astra-Programm «Mit dem Velo aus dem Stau» zu unterstützen, sei vor diesem Hintergrund nur folgerichtig, erklärte ein SVP-Sprecher die Haltung seiner Partei.

    An die Generationen nach uns denken: Wahlwerbung der FDP Kanton Luzern.

    Die Freisinnigen haken hier ein und mahnen an, den Lebensraum für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. «Ich wähle FDP, weil ich nicht auf Kosten unserer Kinder leben will», heisst es beispielsweise in einem Wahlinserat der Partei.

    P.S. 1: Dem Autobahn-Ausbauwahn des Bundesparlaments vermag der Velofahrer nur mit Ironie zu begegnen. Er überzeichnet und überspitzt gerne ein bisschen.

    P.S. 2: Das Referendum gegen den «Bundesbeschluss über den Ausbauschritt 2023 für die Nationalstrassen» darf selbstredend trotz der erfreulichen Astra-Ankündigung unterschrieben werden.

  • «Weltwoche» nimmt sich die «Auto-Ideologen» vor

    «Weltwoche» nimmt sich die «Auto-Ideologen» vor

    Im Frühsommer 1973 fanden in der Schweiz die ersten Auto-Demonstrationen statt. In ihrer aktuellen Ausgabe kritisiert die «Weltwoche», von der man glaubt, sie sei doch eher motorisiert unterwegs, unerwartet scharf die «Jubiläumsaktion» der «Auto-Lobby». Wir lesen und staunen:

    «1973 bestimmen Öl-Krise und Watergate-Affäre Wirtschaft und Politik. Jackie Stewart wird zum dritten Mal Formel-1-Weltmeister, und die britische Band Pink Floyd veröffentlicht das Jahrzehnte-Album «The Dark Side of the Moon». Und in Zürich findet die erste Auto-Demonstration statt. Rund hundert Teilnehmer machen sich für eine bessere Autoinfrastruktur sowie sichere Autofahrwege stark.

    Ein halbes Jahrhundert später ruft die Auto-Lobby unter dem Motto «Züri uf de Felge» zu einer grossen Jubiläumsaktion auf – und dies nicht nur auf den eigentlichen Jubiläumstag bezogen – sondern während 72 Stunden.

    Seit Donnerstag fahren Mitglieder der Aktionsgruppen «Pro Auto Zürich», «Auto Mänsche Züri» und «Autorution» sowie der Bürgerlichen in corpore durch die Innenstadt, bremsen den Veloverkehr aus und fordern, dass «das Autogesetz zügig umgesetzt wird – ohne Kompromisse». Gemeint sind unter anderem der Bau von Autoschnellstrassen und das Anpassen des Verkehrsplans zugunsten der Vierräder.

    Die Demonstranten gehen mit einem bemerkenswerten Selbstverständnis vor – und nehmen für sich in Anspruch, die Mehrheit der Stadtbevölkerung zu vertreten. Dass dies bei weitem nicht der Fall ist, zeigen jüngste Proteste gegen die Autoschnellstrassen im Quartier Wollishofen.

    Dort orten besorgte Eltern ein ganz anderes Problem, als es die Auto-Ideologen tun: Rasende Autofahrer sind für Kinder auf dem Schulweg die grössere Gefahr als Velos.»

    Veröffentlicht ohne Genehmigung der Redaktion. Dafür mit leichten Nuancen.

  • So geht das mit dem Vorwärtskommen in London

    So geht das mit dem Vorwärtskommen in London

    Unsere Tochter Flurina (30) lebt seit fünf Jahren in England, hat dort Osteopathie studiert und ihren Wohnort vor einigen Wochen von Maidstone nach London verlegt. Mit staatlicher Unterstützung konnte sie ein Brompton-Faltvelo beschaffen; die monatliche Rate ist tief und nach einem Jahr gehört das Ding ihr. Mobilität in der Grossstadt – so geht das. Flurina schreibt:

    «Mein kleines Brompton ist so unglaublich cool. Ich bin flexibel und unabhängig. Es ist so einfach. Bei jedem Wetter und zu jeder Zeit und jedwelchen Bedingungen kann ich mich selber fortbewegen. Ich habe mein Brompton richtig gerne und fühle mich damit so viel freier. Auch an Tagen, an denen viel los ist wie heute gibt es immer mal wieder einen Moment, in dem man mit dem Velo eine Viertelstunde oder 20 Minuten an der frischen Luft einfach im Sattel sitzt. Ich habe in meinem Leben noch nie erlebt, wie so ein Velo das Pendeln schöner machen kann. Ich fahre nur noch Velo in London, zumal auf allen Strecken, für die ich nicht die U-Bahn nehmen muss. Oranges Velo, pinke Ortlieb-Taschen, blauer Helm, grüne Jacke – Es ist einfach mega schön und super.»

  • Einer trage des anderen Last. Mit dem Velo

    Einer trage des anderen Last. Mit dem Velo

    In seinem Brief an die Galater fordert der Apostel Paulus selbige auf, einer solle des anderen Last tragen. Dass Paulus dabei nicht an Lastwagen und Sattelschlepper dachte, ist hinlänglich bekannt. Auch Cyrill Wiget (60): Der Gründer des Velounternehmens Velociped in Kriens ist Theologe.

    Wiget weiss indessen auch: Die Hälfte des Güterverkehrs in den Städten könnte auf zwei Rädern bewältigt werden. Lastenvelos fahren am Stau vorbei und kommen deshalb schneller an. Sie sparen Kosten, pusten keine Abgase aus und machen keinen Lärm. «Lastenvelos sind ein Beitrag an die dringend nötige Verkehrswende und für das Klima», sagt Wiget. Das Velociped hat deshalb am 2. März das erste Cargobike-Center der Zentralschweiz, wie es sich englisch nennt, eröffnet. Das zeugt von Weitsicht und Bereitschaft zur Ausdauer. Denn Lastenvelos sind keine Selbstverständlichkeit auf der Strasse. Doch das wird sich mit jeder Staustunde ändern. Christiane Arold, Leiterin des neuen Velociped-Bereichs sagt, das Velociped wolle damit «einen Beitrag für eine moderne, urbane Mobilität leisten und Firmen wie Familien beim Umsatteln zu unterstützen», wie es in einer Medienmitteilung heisst.

    In der historischen Industriehalle auf dem Bell-Areal, wo sich seit zwei Jahren die Velociped-Werkstatt befindet, stehen rund 25 Lastenvelos und Transportanhänger für Familien und Unternehmen zur Ansicht und für Testfahrten bereit. Die Vielfalt ist gross: Christiania, Cube, Bullitt, Butchers & Bicycles, Hinterher, Yoonit, Riese & Müller, Tern und UrbanArrow heissen die Marken. Mit der Eröffnung des Cargobike-Centers finde die Umnutzung der Halle in einen modernen Mobilitäs-Hub seinen Abschluss, heisst es in der Mitteilung weiter. Verkauf, Montage, Service der Lastenräder befänden sich nun unter einem Dach.

    Gesetz schränkt Entwicklung ein

    Unabhängig von der Eröffnung in Kriens erklärte einen Tag später Pro Velo in einer Medienmitteilung, auch in der Schweiz hätten Lastenvelos «ein grosses Potenzial». Die Lobbyorganisation weist auf die neue Übersicht des Europäischen Radfahrerbundes (ECF) hin, die zeige, wie stark sich die Präsenz von Lastenvelos in Städten in den letzten Jahren bereits entwickelt hat. Für Pro Velo sind Lastenvelos «einer der Schlüssel für klimaneutrale und lebenswerte Städte», da zur Lösung gleich mehrerer städtischer Probleme beitrügen.

    Gemäss Pro Velo gibt es allerdings noch drei grosse Hindernisse für die rasche Entwicklung der Lastenvelos: die gesetzlichen Einschränkungen bei den Fahrzeugen, die Breite der Veloinfrastrukturen und die fehlenden Abstellplätze.

    Die Gewichts- und Breitenbeschränkung von Lastenvelos müsse liberalisiert werden. Ebenso der Transport von Kindern auf den verschiedenen Typen von Elektrovelos. Pro Velo weist auch darauf hin, dass Radstreifen und -wege oft noch zu schmal für Lastenvelos seien. Es brauche auch Logistik-Hubs, die das Umladen von Last- und Lieferwagen auf Lastenvelos ermöglichten.

    Schliesslich seien Lastenvelos zu gross sind für Veloabstellplätze, weshalb es für diese zusätzliche Parkflächen brauche. Pro Velo schlägt deshalb dem Bund vor, Autoparkplätze generell für Lastenräder freizugeben.