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Mit dem Bambus-Velo im Orient auf Achse

Die letzten Vorbereitungen werden getroffen: Andreas Juchli (links) drei Tage vor seiner Tour. Der Velomechaniker Armin Lussi aus Grosswangen baut mit Juchlis Bambusrahmen ein tourentaugliches Rad. | © 2016 Manuel Küng, Willisauer Bote

Einst radelte Andreas Juchli von seinem Heimatort Wauwil nach Istanbul. Getrieben vom Reiz der Fremde, setzt er diese Reise nun fort. Ein am 22. April im «Willisauer Bote» erschienener Beitrag, den der Velofahrer mit freundlicher Genehmigung von Autor Manuel Küng veröffentlicht.

10’000 Kilometer Asphalt, Dutzende Begegnungen, neun Länder, fünf Monate, ein Ziel. All dies liegt vor dem Wauwiler Andreas Juchli. Der Traum des 27-Jährigen ist es, von Istanbul bis nach China zu radeln. Wie kommt es dazu? Werfen wir einen Blick zurück.

Ein Feuer der Abenteuerlust
Andreas Juchli will ein Abenteuer erleben und sieht kullernde Tränen auf den Wangen seiner Mutter. Diese bringt es nicht übers Herz, ihn auf die Stras-sen der weiten Welt zu entlassen. Er spürt eine bleierne Schwere im Bauch. Der Wauwiler lässt jene Dinge hinter sich, die erst dann geschätzt werden, wenn sie abhanden kommen. Ein warmes Bett, ein Dach über dem Kopf, ein soziales Umfeld. Andreas Juchli packt seine sieben Sachen, schwingt seinen Hintern auf das Fahrrad und beginnt zu strampeln.

So war es damals, 2009, als der heute 27-Jährige mit abgeschlossener Matura und Rekrutenschule in der Tasche der Schweiz den Rücken kehrt. Begleitet von einem Freund aus der RS, befährt er europäische Strassen, den Fokus gen Osten gerichtet. Neben einer grossen Neugier sei er mit bedrückender Ratlosigkeit losgefahren, erinnert sich Juchli. «Alle Kilometer mit ihren Gefahren lagen noch vor mir.» Nach sechs Wochen Fahrt rattert er über die Strassen des Orients – Istanbul ist erreicht. Ausgelaugt, abgekämpft, erschöpft. Doch Mut und Anstrengung haben sich gelohnt. Juchli wusste schon damals: Eines Tages würde der Trip eine Fortsetzung finden.

Tatsächlich: Sieben Jahre später zehrt er noch immer von den Erlebnissen der Reise. «Einmal entfacht, ist das Feuer der Abenteuerlust nicht mehr zu ersticken», sagt er. So setzt Juchli seit wenigen Tagen jene Tour fort, die 2009 ihre Anfänge genommen hat. Auf der Suche nach neuen Abenteuern ist er diesmal alleine unterwegs. «Das Alleinsein ist die grösste Chance und Challenge zugleich.» Andreas Juchli stellt sich der Herausforderung. Höhenmetern, Heimweh und Hitze zum Trotz.

Eine Reise mit Pioniergeist
Der «Willisauer Bote»trifft Andreas Juchli drei Tage im Vorfeld des Unternehmens «Türkei – China». Der Wauwiler bearbeitet die To-do-Liste. Entscheidende Punkte: Neben funktionaler Kleidung und den nötigen Visa auch ein Fahrrad, auf dessen Technik er sich verlassen kann. Nach seinen konkreten Vorstellungen wurde der Rahmen des Drahtesels in Ghana produziert und bemalt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fahrradrahmen besteht das Unikat nicht etwa aus Aluminium oder Stahl. Der 27-Jährige hat sich für einen Rahmen aus Bambus entschieden. Neben einer ausgefallenen Optik birgt der Rohstoff in seiner Nachhaltigkeit einen weiteren Vorteil. Doch das Material hat sich noch nicht auf dem Markt etabliert. Bisher habe noch niemand eine Tausende von Kilometern lange Tour mit einem Rahmen aus Bambus geschafft. «Ich will weltweit der Erste sein», sagt Juchli verschmitzt.

Das Bambusgestänge aus dem fernen Ghana motzt er gut schweizerisch mit viel Technik auf. Der Grosswanger Velomechaniker Armin Lussi hilft ihm dabei. Inmitten von Schraubstöcken, Schmieröl und Schutzblechen schraubt und hantiert er in seiner Werkstatt am Gefährt herum. Der Lenker wird montiert, der Sattel aufgesetzt, die Räder angeschraubt: «Velodoktor» Lussi ist beeindruckt von Juchlis aussergewöhnlichen Reiseplänen. Gern hilft er ihm, diese zu verwirklichen. «Es ist grossartig, ein Teil dieses Pionierprojekts zu sein», sagt der Grosswanger.

Ein Philanthrop auf Rädern
Neben dem Pioniergeist besitzt Andreas Juchli einen weiteren Treibstoff, der ihm auf der Reise den nötigen Antrieb verschafft. So ist das Fahrrad nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Träger einer Botschaft: In den Sprachen jener Völker, auf die er trifft, ist es mit dem Wort «Frieden» beschriftet. Neben Arabisch und Russisch ziert der Schriftzug etwa auch in Mandarin das Bambusholz. «Die Medien berichten über fremde Kulturen meist einseitig – besonders wenn es sich um muslimische Länder handelt», sagt Juchli. So entstehe in unserem Bewusstsein «eine eindimensionale Sichtweise». Der Wauwiler will auf der Reise «den Horizont erweitern» und «aus den Vorurteilen ein vielschichtiges Verständnis für andere Kulturen formen». Er hofft dort Frieden zu finden, wo von Armut, Gewalt oder gar Terror berichtet wird.

Ein Hirte mit Herz
Wie «Lichtblitze der Menschlichkeit» die finanzielle und politische Trostlosigkeit in den Schatten stellen können, erlebte Juchli 2009 in einem verarmten Teil Kroatiens: Nach einem langen Tag auf dem Fahrrad und vielen Kilometern in den Beinen, suchen Andreas Juchli und sein Begleiter in einer abgelegenen Gegend nach einem Rastplatz für die Nacht. Müde und ausgelaugt richten sie ihre Zelte auf einer Weide auf. Plötzlich ist das aggressive Bellen von Hunden zu vernehmen. Doch droht nicht etwa Gefahr; im Gegenteil. Die Hunde werden von einem Hirten begleitet. Dieser fragt in gebrochenem Deutsch: «Warum schläft ihr auf dem Feld? Das Feld ist für die Hasen!» Der Hirte, einst Gastarbeiter im deutschen Ruhrgebiet, lässt die beiden bei sich zu Hause gastieren. Zusammen trinken sie kroatisches Bier, lachen und tauschen sich aus. «Es sind solche Momente, die dich für die Strapazen der Reise mehr als entlohnen.»

Ein Restrisiko bleibt
Strapazen, die nur die erfahrensten Radfahrer aushalten? Nur jene, die täglich bergauf, bergab radeln und sich monatelang vorbereiten? «Keineswegs», antwortet Juchli bestimmt. «Jede und jeder kann einen Long-Dis-tance-Trip machen.» Während der Reise verbessere sich die Ausdauer kontinuierlich und nach einiger Zeit sei das tägliche Strampeln keine Her-ausforderung mehr. «Das Wichtigste ist, dass du losfährst», sagt Juchli. «Der Arsch schmerzt anfangs sowieso.» Der Draufgänger lacht. Selbst die Terrorgefahr in der nahöstlichen Region schreckt ihn nicht ab: «Die mathematische Wahrscheinlichkeit, bei einem Bombenanschlag zu sterben, ist enorm gering – auch nach den jüngsten Tragödien», sagt er pragmatisch. Vielmehr seien es die unzureichenden Sicherheitsstandards im Strassenverkehr, die ihm Stirnrunzeln bereiten. Doch «der Kontakt mit fremden Menschen», «die wunderschönen Landschaften Asiens» und «die riesige Freiheit»: Sie glätten Juchlis Sorgenfalten und zaubern ihm jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht.

 Türkei – Georgien – Armenien – Iran – Turkmenistan – Usbekistan – Tadschikistan – Kirgistan – China: dies ist Andreas Juchlis Route. Er rechnet mit einer Reisedauer von fünf Monaten – durchschnittlich hat er täglich über 65 Kilometer zu radeln. Doch die Anstrengung wird entlohnt: «Es ist unglaublich, welche Vielfalt mich erwartet», sagt der Wauwiler im Vorfeld der Reise. Er weiss gar nicht, worauf er sich dabei am meisten freuen soll: Die mächtigen Gebirge des Kaukasus, die orientalischen Basare im Iran oder die unberührten Landschaften Tadschikistans. Letzteres wird, auf einer Fläche viermal so gross wie die Schweiz, von lediglich 20 000 Menschen bewohnt, während Juchli seine Tour in der 14-Millionen-Metropole Istanbul beginnt. Eine Reise der Gegensätze.

Die Reise online mitverfolgen: Wer mit Andreas Juchli digital mit auf Tour gehen will, hat folgende Möglichkeiten:

  • Snapchat: @bamboorider
  • Twitter: @bamboo_rider
  • Facebook: @thebamboorider
  • Blog: www.thebamboorider.com. Darauf schreibt Andreas Juchli auch über frühere Reisen.

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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