Kategorie: Velosophie

«Rad und raus», weil das Abenteuer zwei Räder hat

Gunnar Fehlau und Danny McAskill haben Bücher über ihre Leidenschaft auf zwei Rädern geschrieben. Stoff, den sich Kinder als Gutenachtgeschichten wünschen und Eltern zwangslesen müssten. In der Hoffnung auf Nebenwirkungen.

Gunnar Fehlau sitzt mit drei Worten im Sattel: «Rad und raus». Danny McAskill ist draussen geboren und tritt auf Pedalen ins Leben. Mit vier bringt ihm sein Daddy ein schwarz-Rotes Raleigh vom Sperrmüll. «Endlich war ich mobil, und ich konnte nicht genug davon kriegen», erinnert sich McAskill. Und schiebt nach: «Auf zwei Rädern würde ich schnell zur örtlichen Landplage.»

Fehlau und McAskill verbindet die Leidenschaft fürs Zweirad. Ersterer, 1973 geboren, stammt aus Dortmund und ist «mit dem Sattel quasi organisch verbunden», wie es über ihn heisst. Fehlau betreibt untere (vielem) anderem den «Pressedienst Fahrrad» und bloggt unter overnighter.de. Der Zweite, zwölf Jahre jünger, wurde auf der schottischen Insel Skye gross und fasziniert mit seinen ebenso waghalsigen wie perfekt inszenierten Stunts auf zwei Rädern Millionen auf YouTube.

Die Bücher, die von Gunnar Fehlau und Danny McAskill jetzt erschienen sind, haben auf den ersten Blick nur das Velo gemeinsam. Fehlau lädt unter dem Titel «Rad und raus» zum «Aufbruch in neue Freiheiten» ein. Er erklärt, was es «Alles für Microadventure und Bikepacking» (Untertitel) braucht und ermuntert, dem Abenteuer nicht hinterher zu jetten, sondern es vor der eigenen Haustür zu finden: «Einfach rauf aufs Rad und raus in die Natur!» McAskill anderseits schildert in «Biken am Limit», wie er es vom schottischen Lausbub («Als Kind war ich kaum im Zaum zu halten») zum YouTube-Millionär wider Willen gebracht hat.

«Rad und raus» und «Biken am Limit» verbindet beim Nacheinander-Lesen freilich viel. Denn Fehlaus Fibel ist nicht bloss Bedienungsanleitung  und McAskills Berichten nicht nur Biografie. Beides natürlich in erster Linie schon und auch so gedacht. Doch ebenso spannend sind die zwei Bücher zwischen den Zeilen zu lesen – in einer Zeit, in der Fliegen billiger ist als das Billig-Rad aus dem Fachmarkt, Helikopter-Eltern Messer und Feuerstahl nur noch im Smartphone-Game ihrer Sprösslinge dulden und Liegenschafts-Verwaltungen mit der Kündigung drohen, sollte der Junge ein weiteres Mal die Rutschbahn als Sprungschanze für sein BMX missbrauchen. Von all den Jugendlichen, die sich (vermeintliche) Flausen austreiben lassen und in ihr berufliches Unglück drängen lassen müssen, ganz zu schweigen.

«Rad und raus» und «Biken am Limit» sind das geeignete Gegengift gegen solcherlei Fehlentwicklungen. Kinder sollten sich vorm Einschlafen daraus vorlesen lassen, Jugendliche  Papas (teures) Bike zwecks Nachahmung entführen und – vor allem – Väter, Mütter und andere Erziehungsberechtige sich selbst der Lektüre annehmen. Ausreden, sich in den Sattel zu schwingen und etwas in der Natur zu erleben, gibt es keine. Denn erstens, so Gunnar Fehlau, werde «die Ausrüstung für den Mikroabenteuer-Einstieg […] hoffnungslos überschätzt. Mach es wie zu Teenie-Zeiten: Pack ein, was du hast.» Es reiche auch ein Einsteiger-Rad aus dem Versandhandel. Was die Kinder betrifft, rät Fehlau: «Schnapp dir den Nachwuchs, solange du noch eine Autoritätsperson bist. Er wird es lieben und Erfahrungen fürs Leben sammeln. Und du übrigens auch, denn du entdeckst ganz neue Seiten an den Kids und dir.» Gibt es Eltern, die das nicht wollen? Nee. Einmal «Rad und raus» ist mit Sicherheit wirkungsvoller und preisgünstiger als jeder Erziehungsratgeber und -Kurs.

Nicht in ein Schema gepresst worden
Danny MacAskills Mum und Dad wiederum muss das Vertrauen in ihren draufgängerischen Jungen angeboren gewesen sein oder aber sie lernten mit seinem Aufwachsen ihre Lektion. Dass sie ihn, zudem Legastheniker, nicht angepasst therapierten, war Dannys Glück – und könnte das Glück manchen Kindes sein, das seine Eltern in ein Schema pressen wollen. «Es ist nicht so», erzählt MacAskill, «dass mein Konzentrationsmangel mich zum Trial-Biker gemacht hat – meine Schulbildung ist ziemlich ähnlich der vieler anderer Fahrer. Aber einige Experten bringen meine Legasthenie mit meinen unablässigen Ideen in Verbindung, die ich beim Tagträumen habe.»

Glücklich der Junge, der seine Phantasie solcherart ausleben kann. «Ich tat nur, was ich für richtig hielt und ging immer davon aus, das alles gut ausgehen würde», sagt Danny.Und: «Jedenfalls lasse ich mich nicht aufhalten, wenn ich ein Ziel erreichen will.» Die umsorgte Freiheit, die er als Bub und Jugendlicher erleben durfte, sind die Grundlage für diese Feststellung. Seine einzigen Grenzen seien jene seiner Fantasie und seines Selbstvertrauens. «Solange beide intakt sind, steht mir die Welt offen.»

Gunnar Fehlau und Danny MacAskill verstünden sich gut. «Rad und raus» mit den beiden: das müsste die zähesten Stubenhocker begeistern.

«Inspired Bicycles»: Das Video, mit dem Danny MacAskill 2009 schlagartig bekannt wurde:

Danny McAskill, «Biken am Limit – Auf den Dächern und Gipfeln der Welt». Piper-Verlag, München 2017, 304 Seiten, ISBN 978-3-89029-478-0, ca. Fr. 18.–
Aus der Beschreibung: Nervenkitzel, wilde Sprünge und Millionen YouTube-Fans – das Leben des Bike-Profis Danny MacAskill ist eines der Extreme. Seine Stunts und Filme sind ebenso Kult wie hohe Kunst und führen ihn an die malerischsten, ausgesetztesten und auch fantasievollsten Orte der Welt: auf die Dächer von Gran Canaria, Schottlands dramatische Berggipfel oder in ein überlebensgroßes Kinderzimmer. Nun erzählt er erstmals seine Geschichte. Von der Jugend auf der idyllischen Insel Skye und dem Weg vom einfachen Fahrradmechaniker zum Star der Bike-Szene, nachdem ihn ein Internetvideo über Nacht berühmt gemacht hatte. Er nimmt uns mit ans Filmset, wo Schritt für Schritt die genialen Stunts entstehen. Und zeigt dabei auf, was es heißt, immer wieder die eigenen Grenzen zu verschieben – nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf.
Gunnar Fehlau, «Rad und Raus – Alles für Microadventure und Bikepacking», Verlag Delius Klasing, Bielefeld 2017, 160 Seiten, ISBN 978-3-667-10929-3, ca. Fr. 18.–
Aus der Beschreibung: Man braucht nicht viel für eine Kurzreise mit dem Fahrrad inklusive Übernachtung. Was man benötigt, lässt sich leicht am Rad unterbringen – und schon kann das „Feierabenteuer“ beginnen. Eine Radtour, ein Lagerfeuer, eine Übernachtung unterm Himmelszelt. Das Erlebnis beginnt direkt vor der eigenen Haustür. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Warum ewig eine lange Radreise planen, die eh nie Realität wird? Raus aus dem Büro, rauf aufs Rad und für die Nacht oder ein Wochenende in die Natur – Gunnar Fehlau zeigt in diesem Buch, wie das geht und richtig Spass macht: Alles Wissenswerte zum richtigen Material und zur richtigen Ausrüstung; Survival-Know-how und Wissenswertes zu Übernachtungen in der Natur; Tipps zur Tour-Planung. Der Guide für deutsche Bike-Packer und Feierabenteurer! Mit einem Vorwort von Wigald Boning.

Das Velo als Durstlöscher und Kühlmittel

Der Genussfaktor des Fahrrads ist an sich schon hoch. Er lässt sich freilich noch steigern. Indem Kulinaria damit hergestellt und zur Verinnerlichung gebracht werden. Am zweiten Urban Bike Festival dieses Wochenende waren diesbezüglich drei Angebote zu verkosten. Du kannst sie auch an Deinen Anlass holen.

Über Charles‘ fahrbare Cafébar, das britische Edelding namens Velopresso, habe ich hier schon berichtet. Als Café Cycliste (hier zu liken) war Charles schon zum zweiten Mal am Urban Bike Festival zugegen. Charles ist nicht nur passionierter Velocipedist, er vereint Fahrradkultur aufs trefflichste mit höchster Kaffeekultur. Den Herrn und seine Fahr-Bar kann man mieten. Es lohnt sich. Ist ein Erlebnis. Und höchster Kaffeegenuss. Die Bohnen werden mit Pedalkraft frisch gemahlen, der Kaffee wird mit einer gasbetriebenen Handhebel-Espressomaschine zubereitet. Der Milchschaum dito.

Kaffee vom Fass

Sören von Barrel Cold Brew zapft an: Kaffee, nicht Bier. | © 2017 Dominik Thali

Erstmals am Urban Bike Festival anzutreffen war das Team von Barrel Cold Brew Coffee mit seinem Trike: Frisch gezapfter Kaffee auf drei Rädern, eisgekühlt. Angesichts der drei warmen Festivaltage eine kühle Premiere. Cold Brew sieht aus wie ein Ale, wenn es aus dem Zapfhahn schäumt. Das Geheimnis dahinter: Während 16 Stunden in kaltem Wasser werden die süsslichen Aromen des Kaffees herausgeholt. Dann wird das Cold Brew ins Fass gefiltert und mit Stickstoff (Nitro) versetzt. Dies verleiht dem Getränk seine cremige Textur – ganz ohne Milch oder Zucker. Serviert wird der kraftspendende Drink auf Eis.

A propos Eis: Davon hatten die Jungs von der Haltbarmacherei kübelweise dabei. Ihr muskelbetriebenes Gefährt lieferte am Urban Bike Festival sozusagen das Dessert. Dazu geben die Haltbarmacher Eiswürfel in eine Art Schredder (Chinaware, aber robust), versetzen das wässrige Ergebnis mit einem ihrer handgemachten Sirupe – et voilà, fertig ist das Wassereis. Cool. Nicht nur für Kids.

Wasser-Fruchteis, frisch vom Rad: die Haltbarmacherei lieferts vor Ort. | © 2017 Dominik Thali
Charles und sein fahrbares Café Cycliste: schon fürs Auge ein Hingucker. | © 2016 urbanbikefestival..ch
Ein Sixpack passt unter jedes Oberrohr. So edel transportieren es aber nicht alle. Gesehen bei Drehmoment Bikes. | © 2017 Dominik Thali

Dynamit explodiert den Velofahrer in den Tag

Zwei Monate «bike to work» sind am 30. Juni zu Ende gegangen. Mit dem Velo go schaffe galt natürlich vorher schon und gilt fürderhin, aber der Termin ist Gelegenheit, von der einen und anderen Begegnung darauf zu berichten. Zumal sich diese gerade eben häufen.

Erstens: Am letzten «bike to work»-Tag ereilte mich das Plattfuss-auf dem-Heimweg-Schicksal in meinen rund 20 diesbezüglichen Erfahrungsjahren zum zweiten Mal. Erst. «Shit happens», kommentierte mein Bruder auf meinen diesbezüglichen Facebook-Post umgehend. Was mich betrifft: Ich nahm die verbleibenden sechs Kilometer nach Hause frohgelaunt unter die Füsse, genoss den warmen Regen, gewahrte auf einer Wiese, an der ich ansonsten ja vorbeipresche, behornte Kühe (gibt’s also noch!) und wusste, ich würde am heimischen Herd warm empfangen. Am Vorabend, auf der späten Heimfahrt mit einem Freund, meinte derselbe, es sei Lebensqualität, mit dem Velo zur Arbeit fahren zu dürfen. Ich hatte ihm beigepflichtet.

T.N.T. – I’m Dynamite

Zweitens: Am anderen Morgen, das Hinterrad frisch geschlaucht, kurz nach sieben in die Stadt einfahrend, pedalt vor mir einer auf einem alten Militärvelo, aus seinem Rucksack hämmert die Musik hart. Ich hole ihn ein, wünsche einen schönen guten Tag und meine, momoll, solcher Sound befeuere für den bevorstehenden Tag; wir lachen uns an, er findet, weshalb denn solle man nicht auch auf dem Velo Musik hören dürfen, also so richtig, nicht mit Kopfhörer; wir fahren 200 Meter nebenher und verstehen uns gut, weil er nämlich die Lautstärke nicht auf «akustische Umweltschmutzung» hochgedreht hat. Dann biegt er ab, aber er nimmt nur einen anderen Weg, denn gleich treffen wir uns vor einem Rotlicht wieder, lachen uns abermals an, ich lasse den etwa Dreissigjährigen dann aber stehen und höre AC/DC hinter mir zwischen den Häuserzeilen krachen: «T.N.T – I’m Dynamite». «The man is back in town», heissts in dem Song an einer Stelle. Und «I’m a power-load» im Refrain. Es geht mit Kraft geladen in den Tag.

Drittens: Gleichentags am Mittag fahre ich mit dem Zug nach Hause, das Velo hängt am Haken. Neben mir platziert sich ein Student mit Fagott, unterwegs zum Unterrichten zwei Dörfer weiter. Er spricht mich auf mein Velo an, wir fachsimpeln, denn er hat auch mal eins dieser Marke besessen, er erzählt von früheren und langen Touren bis ans Nordkap. Das Masterstudium lasse ihm nun leiderleider kaum mehr Zeit dafür. Ich berichte von unseren Zwei-Drei-Wochen-Fahrten, worauf er meint, so kurze Fahrten verlören halt eben an Reiz, wenn man einmal so lange unterwegs gewesen sei. Ich kontere mit einem Lachen, steige beim nächsten Halt aus und wünsche ihm, er möge seine Abenteuerlust behalten und/oder aber auch ein gleichgesinntes Gegenüber für die gemeinsame Tour finden.

Neues Leben für die alten Taschen

Viertens: Ich habe unsere zwei 1989 für die Hochzeitsreise nach Griechenlang gekauften Karrimor-Gepäcktaschen auf Ricardo ausgeschrieben. Immer noch taugliche, leichte Dinger, wenngleich nicht wasserfest. Ein Paar hat sich Adrian aus Basel gesichert; ich schicke es ihm mit dem Wunsch, unsere guten Er-Fahrungen damit möchten bei ihm eine Fortsetzung finden. Er schreibt zurück:

«Mein Vater hatte genau solche Taschen in den 80ern gekauft, die ich dann erben konnte. Leider wurde mir eine in England gestohlen… Die [Taschen] haben auch für mich einen emotionalen Wert; ausserdem finde ich sie top bezüglich Gewicht und Qualität. Mich hat das Fieber wieder gepackt, hab mir anfangs Jahr ein günstiges, aber treues Tourenrad aus den 80ern gekauft und bin seither immer wieder unterwegs: Italien, Sardinien, um die Schweiz und jetzt dann Richtung Frankreich. Die Taschen werden also gebraucht.

Gute Fahrt, Adrian!

27 Velos für ein Hallelujah

«Vier Fäuste für ein Halleluja» heisst die bekannte Westernparodie mit Bud Spencer und Terence Hill. Wir haben’s am Samstag dicker gegeben und 27 Velos dafür gebraucht. Zu dieser Zahl waren wir unterwegs von Luzern nach Einsiedeln – auf der dritten Velowallfahrt, einem Teil der Luzerner Landeswallfahrt ins Klosterdorf, die jeweils am ersten Maiwochenende stattfindet. Pedalten wir vor einem Jahr noch im Dauerregen, zeigte sich der Himmel diesmal von seiner blauen Seite und Weiterlesen