Kategorie: Velosophie

Der radelnde Schalterbeamte oder: Velofahrers Glücksmomente

Dieser Tage am Bahnschalter in Luzern; ich will den Nachtzug für unsere Velotour in Südschweden im kommenden Sommer buchen. Ob das schon möglich sei, ergeht die Frage an den Schalterbeamten; gewiss doch, lautet die Antwort, 180 Tage vorher, wir reisen am 16. Juni, das passt. Ich bitte also um zweimal Berlin–Rostock, mit Veloplätzen – und muss mir bescheiden lassen, dorthin gäbs keine Veloplätze; aus Gründen, die ich bereits wieder vergessen habe, zumal die Auskunft innert Sekunden unsere Reisepläne zunichte zu machen schien.

Im Folgenden entpuppte sich mein freundliches Gegenüber aber als überaus hilfsbereit und velophil, will heissen: zugserfahren bezüglich Zweirad, weshalb sich alsbald ein nettes Gespräch entspann über das Unterwegs-sein aus eigener Kraft, in dem auch das gemeinsame Bedauern über das geschrumpfte Nachtzug-Angebot für Velocipedisten und zum Ausdruck kam. Ich berichte von unserer Schweden-Tour 2016; der radelnde Schalterbeamte bemerkt, heuer (inzwischen schreiben wir ja 2019) blieben ihm leider nur zehn Tage für eine Tour, Dänemark peile er wohl an, die Schären behalte er sich für ein späteres Jahr aber vor, fasse er überhaupt schon länger ins Auge.

«Ach, das waren Sie?»

Darauf vergehen fünf Minuten, in denen die Schlange hinter mir nicht kürzer wird, für uns aber zwei Plätze im Nachtzug nach Hamburg reserviert werden, ebenso zwei für die Velos sowie die Fortsetzung nach Rostock, was die Reise, oh Wunder, schliesslich bloss um ein Stündchen verlängert.

Ich verabschiede mich sodann mit dem Angebot, ihm den Link zu unserem Schweden-Reisebericht zu schicken; ich hätte damals im «velojournal» darüber geschrieben. Worauf der nette Herr mich fragend anblickt,  «Ach, das waren Sie?», meint und anfügt, den Beitrag habe er durchaus gelesen.

Ich lache zurück und danke. Die schönsten Begegnungen kommen oft unerwartet.

Velogondler, Velogeniesser, Velofräser, Velofahrer

Ich bin velophil. Und online derzeit aber velowenig. Die 1000 Kilometer «Bike to work» die vergangenen zwei Monate pedalten sich nebenher, ans Schreiben übers Velo war nebenher freilich nicht zu denken. Ans Lesen hingegen immer wieder, und diesbezüglich sind mir vier Beiträge untergekommen, die für die Unterschiedlichkeit stehen, mit welcher die Velofahrerei betrieben werden kann: Stoff für eine Zitatenlese und eine Erörterung unter Gleichgesinnten über Un-, Sinn und Wahnsinn im Sattel.

Der Reihe nach:

1. Fünf Polstersitze statt ein Sattel

«Warum verspüren wir eigentlich so wenig Verantwortung während unseres Handelns?», fragt der Wiener Journalist und Mediendesigner Reinhold Seitl in einer Kolumne im österreichischen Fahrradmagazin «Drahtesel»? Dass der Mensch ein vernunftgesteuertes Wesen sei, hält er für «eine grenzwertige Idee». Was für ihn in Bezug auf die Mobilität heisst: «Statt dessen führen weltweit hunderte Millionen Humanoide jeder für sich eine fünfsitzige Polstergarnitur spazieren, obwohl sie immer nur auf ein- und demselben Platz sitzen. Und das mithilfe einer Maschine, die zwanzig Mal schwerer ist als der sitzende Nacktaffe selbst.» Und, also ob dies nicht schon klar genug wäre: «Diese Maschine, die Geschwindigkeit und Reichweite des Menschen verhundertfacht, ‹atmet› ihm auch jede Menge Atemluft weg, heizt das Klima auf und vergiftet die Umgebung. Jährlich tötet diese Maschine – wie die WHO feststell – mehr als eine Million seiner Art und hinterlässt ein Vielfaches davon an Dauerinvaliden.»

2. Mit Sonnenkraft bis nach China

Den Emmentaler Daniel Jenni mit seinem Solarvelo trafen wir jüngst auf Durchreise in meinem Wohnort Hochdorf, wo seine Freundin lebt. Der 30-Jährige, Sohn des Schweizer Solarpioniers und Miterfinders der Tour de Sol-Miterfinders Erwin Jenni, ist derzeit auf der Selbstversorger-Tour «The Sun Trip 2018» unterwegs, die über rund 12’000 Kilometer von Lyon nach Guangzhou in China führt. Sein. Ziel der 40 Teilnehmenden ist es, nur mit Muskel- und Sonnenkraft an die chinesische Küste zu gelangen – und das in 100 Tagen. Jenni fährt auf einem umgebauten Speedped, das er mit einem Solardach versehen hat. Um Tempo Teufel geht es ihm nicht. Gegenüber der Lokalzeitung «Seetaler Bote» sagte er: «Es ist vor allem Abenteuerlust, die mich antreibt. Unter den Teilnehmern hat es auch ambitionierte Sportler, welche die Strecke möglichst schnell zurücklegen wollen. Zu denen gehöre ich nicht – ich will die Reise geniessen und mir auch Sachen anschauen.» Und weiter: «Idealismus ist auch dabei. Ich will zeigen, was mit -Solarkraft möglich ist.» Daniel Jennis Trip kann auf www.thesuntrip.com live mitverfolgt werden.

Mit Sonnen- und Pedalkraft unterwegs: Daniel Jenni bei seinem Zwischenhalt in Hochdorf. | © 2018 Annemarie Thali

3. Wo jede Minute zählt

100 Tage für 12’000 Kilometer? Dem Österreicher Extrem-Radler Michael Strasser wär‘ das entschieden zu gemütlich. Sein Ziel ist es, vom nördlichsten Punkt der USA bis ganz in den Süden Amerikas nach Patagonien zu pedalieren – 23’000 Kilometer am Stück. Strassers Ziel ist es, den Rekord des Briten Dean Stott zu brechen, der dafür 99 Tage brauchte. Strasser hatte es schon 2016 eilig, als er es in 34 Tagen von Kairo an die Südspitze Afrikas schaffte – 11’000 Kilometer. Der Mann ist ein Tempogetriebener: «Während  ‹Ice2Ice› werden mich zwei Tour-Autos – ein Camper und ein Pkw – begleiten. Das grössere Team bedeutet auch, dass wir die Abläufe besser planen müssen: Duschen, WC-Pausen, An- und Umziehen, Schlafen, Aufwachen und natürlich die Ernährung müssen optimal abgestimmt sein. Keine Minute darf verloren gehen», erklärt er im «Drahtesel».

Auf seiner Website schreibt Sponsor Red Bull über Strasser, dieser fahre «auf zwei Rädern durch die Welt, um der Monotonie zu entkommen». Welche Monotonie er wohl meint? Und welche Vielfalt er – im Gegenzug – er erlebt, auf zwei Rädern durch die Welt fräsend? Der gute Mann hat in Physik offensichtlich nicht aufgepasst in der Schule. Denn: Je schneller er durch die Lande fräst, desto monotoner, einförmiger, zieht doch die Landschaft an ihm vorüber.

Mir erginge es jedenfalls umgekehrt. Ansonsten: Der Bericht über Strasser Projekt «Ice2Ice» liegt der Kolumne des oben erwähnten Reinhold Seitl – Stichwort Vernunft – auf derselben Doppelseite des «Drahtesels» genau gegenüber.

4. Das Fahrrad – am Stau vorbei an die frische Luft

Mit Strasser nichts gemein ausser das Fortbewegungsmittel selbst hat auch der Journalist und Fotograf Hannes Leitlein aus Berlin. Der stellvertretende Redaktionsleiter der Beilage «Christ und Welt» der «Zeit» in Hamburg bekennt sich in der Nr. 26/2018 als betender Radfahrer. Als radfahrender Beter. Als beides. Seinen Text «Radfahren ist mein Gebet» könnte man sich, kleingefaltet, als Argumentarium dafür in den Geldbeutel stecken, weshalb man (vgl. Punkt 1) im Verkehr lieber auf einem Sattel sitzt statt auf einem von fünf Polstersesseln. Zitat:

«Denn kein Sportwagen der Welt kann dieses Gefühl ersetzen, das sich beim Radfahren einstellt, wenn das Rad richtig eingestellt ist: diese vollkommene Symbiose zwischen Gefährt und Fahrer, die direkte Übersetzung von Muskelkraft in Geschwindigkeit, das Cabriogefühl nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper, diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, die nur durch einen Herzschrittmacher getoppt wird. Das Fahrrad bringt mich ohne Tanken überallhin, vor allem aber bringt es mich im Alltag am Stau vorbei und an die frische Luft.»

Nachsatz: Gerne (sehr gerne) Velo zu fahren heisst nicht, Autos nicht zu mögen. Wer Gegenspielerei hinter Leitleins Ode und deren Zitierung hier vermutet, treibt ebendiese bloss an. «Es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst gern Auto fahre», schreibt Leitlein. Aber mehr als eine Tonne Material, um 100 Kilo in Bewegung zu versetzen, sind grundsätzlich nicht vernunftgesteuertes Tun. Bliebe es bei den Ausnahmen, die dazu berechtigen, löste dies jeglichen Verkehrstau.

 

 

 

 

 

 

Welche Auffassung entspricht der euren?

Der Sammelband für markenbewusste Velocipedisten

Atlantis, Aurora und Avanti, Geier, Germanenrad und «Glück auf», Zaunkönig, Zenith und Zwingburg: Das sind neun Marken von neun deutschen Fahrrädern, und die Liste liesse sich hier beliebig verlängern. Auf über 8000. Zusammengetragen – genauer: die Steuerkopfschilder davon – hat diese Frank Papperitz, in einen Wälzer, 700 Seiten und 1,4 Kilo, gebunden Verlegerin Maxi Kutschera. Sammelleidenschaft und Velophilie. Das «Handbuch deutscher Fahrradmarken, 1817–1965» liegt nun schon eine Weile auf meiner Ablage, für ein paar Zeilen dazu ist nun just heute der passende Tag: Mitte April hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) den 3. Juni zum weltweiten Tag des Velos erklärt.

Steuerkopfschilder? Das erinnert an Kinderzeiten und Velobörsen. Meine Lebens- und Velo-Gefährtin nannte seinerzeit ein «Egloff» ihr eigen; den Dreigänger hatte sie beim Händler zwei Strassen nebenan nach langem Sparen erworben. Die Plakette mit der Markenbezeichnung vorne unterm Lenker machte das Rad unverwechselbar. An Börsen tauchen bis dato immer mal wieder Velos mit diesen farbig bedruckten oder emaillierten Metallschildern auf, die oft auf den Dorfmechaniker hinweisen, der das Velo seinerzeit zusammengebaut hatte. Heute veredeln Rahmenbauer ihre Massrahmen mit kopiergefrästen oder gelaserten Schildern aus Aluminium oder Messing.

Wer durch Sammler Papperitz‘ Buch blättert, runzelt womöglich erst einmal die Stirn. In dem Nachschlagewerk finden sich über 8000 Graphiken von Steuerkopfschildern deutscher Fahrradmarken. Und gleich viele Marken deutscher Fahrradhersteller, Händler und Grosshändler von 1817 bis etwa 1980 werden genannt. Papperitz listet sogar auf, welche Marken aus welchen Städten und Dörfern kamen: Othello aus Angern bei Magdeburg, Möbius aus Beutzenburg oder Hermedes aus Hannover. Da erstarrt unsereins in Ehrfurcht. Wobei mich solche Sammelleidenschaft nicht mehr erstaunt, seit ich unlängst jemanden kennengelernt habe, der sogar Stromhäuschen – Transformatorenstationen – zusammenträgt. Sachen gibts! Aber Freude macht vieles. Und oft ist damit viel unschätzbare historische Aufarbeitung und Konservierung verbunden.

Im ersten Teil erzählt Frank Papperitz seine «Sammelstory», fasst die Geschichte des Steuerkopfschilds zusammen und beschreibt deren Herstellung. Am Schluss gibt er Tipps für jene, die es ihm gleichtun wollen. Für abenteuerlustige Bike-Packer mag sein Werk damit nicht die bevorzugte Lektüre sein. Geschichtsbewusste Velocipedisten hingegen geben ihm einen Ehrenplatz im Bücherregal und lassen es an einem fröhlichen Abend beim Fachsimpeln unter Seinesgleichen kreisen. Allerlei lustige Wissensspiele dazu und Scrabbeleien dürfen dazu noch erfunden werden.

Frank Papperitz: «Handbuch deutscher Fahrradmarken», Maxime Verlag, 2016; 720 Seiten; Softcover, Fadenbindung; 8055 Grafiken, ca. 60 Franken,ISBN 978-3-906887-00-5

Wie hinterher ein Anhänger mein neues Velo vollständig macht

Mein Velo ist auch ein Lastenrad. Erstens. Und zweitens: Der sprachhandwerklich etwas klobige Titel dieses Beitrags ist dem Anhänger geschuldet, der selbiges dazu macht. Drei Jahre nach der Jungfernfahrt kann ich mit meinem «47 Grad Nord» endlich (wieder) auf zwei Rädern als Bierfuhrmann unterwegs sein, Brennholztransporteur oder Alteisenentsorger. Hinterher hats hinterher möglich gemacht.

Hinterher heissen die Hänger, die aus der Münchner Werkstatt von Peter Hornung stammen, einem der wohl kreativsten Köpfe im zweiradgetriebenen Transportwesen. Über meine/unsere Erfahrungen werde ich an dieser Stelle noch einige Male berichten. Für heute und fürs erste: Wir sind begeistert. Der neue Hinterher Hmax hat unseren 26-jährigen Leggero abgelöst, den wir damals als Kinderanhänger kauften und der uns etwa 20 Jahre, abgespeckt, als Kofferraum für unsere Velos diente. Über Stock und Stein, was das Holperding längst zu unserem akustischen Markenzeichen gemacht hat. Will heissen: Man hört uns anrollen und nimmt Notiz davon, letzteres wohl aber auch deshalb, weil das gemeine Volk gewöhnlich Familientransporte vierrädrig bewältigt.

Neuerdings rollen wir nun aber flüsterleise an. Der Hinterher-Trailer ist trotz seiner gut 10 Kilogramm Leergewicht ein kaum spürbarer Auch-dabei. Die Wanne aus 4 mm dickem, gefrästen Aluminium nimmt auf und hält aus, was ich immer ihr überantworte. Die Gummimatte dämpft Geräusche, und mit den zwei langen, an vielen Stellen einrastbaren Riemen lässt sich jede Ladung befestigen. In Klammern: Den alten Hänger hab‘ ich lediglich fürs Bild auf den Hinterher gezurrt, er hielt aber aber absolut fest.

Wissen teilen, Menschen begeistern

Mit welchem Bewusstsein für Alltagstauglichkeit und Langlebigkeit, mit wie viel Liebe zum Detail Peter und sein Team die Hinterher-Hänger fertigen, beweisen die Details. Die Deichsel lässt sich, um 90 Grad gedreht, in die Mitte der vorderen Wand einschieben, wodurch der Hinterher zu einem praktischen Handwagen wird. Für lange Menschen wie mich gibts Deichseln in Überlänge. Oder: Die klappbare Hilfsstütze vorne links verhindert, dass die Ladung kippt. Sodann: Der Eingang der Führung, in welcher die Deichsel eingerastet wird, besteht aus gefrästem Aluminium, nicht Kunststoff. Wer noch mehr aus seinem Hinterher machen will, findet bei Peter zahlreiches Zubehör; vom Campingtisch-Bausatz bis zur Klappschaufel für eine Sackkarren-Funktion. Zudem: Kundinnen und Kunden machen mit dem Hinterher die verrücktesten Dinge, wie diese Bildergalerie beweist. Peter lässt sich von ihnen auch immer wieder inspirieren. Überhaupt: Bei Hinterher ist nichts geheim: Peter Hornung ermuntert zum Nachbauen und Selbermachen. Weil geteiltes Wissen auch geteilte Freude ist und sich vermehrt. Veloanhänger gehören auf die Strasse, nicht in Kataloge und Schaufenster. So viel Begeisterung wirft Wellen und war schon mehrfach preiswürdig. Jüngst gabs für einen Anhänger, mit dem Paletten gehoben und transportiert werden können, den «Bundespreis für hervorragende innovatorische Leistungen».

Einschlägige Links:

Wir sammeln weiter Erfahrungen und gehen in die Details. Fortsetzung folgt.

 

Mit dem Velo-Wohnwagen durch die Ferien pedalen

Ante scriptum: Für den radfahrenden Katholiken beginnt die Säsong an Maria Lichtmess.1 Das erklärt, weshalb an dieser Stelle nach dem 30. Christmonat nicht mehr verlautbart wurde. Dass allerdings am 2. Horner  allhier immer noch keine Silbe zu lesen war, ist einzig winterlicher Schreibverdrossenheit des Schriftleiters zuzuschreiben.

Dafür gehts nun ins Frühlingsgrün und Sommerwarm zugleich. Auf vierrädrige Ferienfahrt. Zwei vorne hinter-, zwei hinten nebeneinander. Pedalgetriebene Tüftler begeistern mich seit jeher und Martin hat mir jüngst mit seinem Linktipp auf dieses Gefährt den Anstoss zu nachfolgender Übersicht gegeben. Die hier gelisteten Wohnwägelchen sind nur teilweise käuflich, in jedem Fall aber ein Ansporn, selbst Grossvaters ausrangiertes Milchwägechen campingtauglich umzugestalten. Vorsorglich sei darauf hingewiesen, auf Leichtbauweise zu achten. Doch selbst dann: Velowohnwägeln ist ein Freizeitvergnügen für die nordrheinische Tiefebene, nicht das Alpenhochland. Es sei denn, man leiste sich ein Strompferdchen als Zugmaschine, was gewiss eine gute Idee ist.

Sodann, in eigener Sache: Ein Modell mit Zweimeter-Pritsche für so lange Menschen wie mich ist mir noch nicht untergekommen.

Der Bicycle-Camper: leicht und aufgrund des niedrigen Schwerpunkts sicher zu fahren (Klick aufs Bild führt zum Video auf YouTube)

Erik Staardrups 2016 selbstgebauter Mikro-Camper: Schön und elegant.

Der Eluk-Fahrradanhänger: ein deutsches Produkt, seit 2014 lieferbar

Der Foldavan ist faltbar. Kennt man von Autoanhängern doch auch und kommt von hier.

Der Wide Path Bicycle Camper kommt aus Dänemark. Denn kan man auch mieten.

Dieser Mini-Wohnwagen sei Deutschlands kleinstes Zuhause, heisst es dazu. Niedlich!

Der ebikecamper: grenzenlos unabhängig reisen, wird dafür geworben. Na, einen Versuch wärs wert.

Der «gazebo bicycle camper trailer» von Jorge: wie aus dem Ei gepellt.

Der Bicycle Camper Caravan Trailer «The Rocketeer» sieht aus wie ein Zelt von Hilleberg auf zwei Rädern.

Für dieses Wägelchen verkauft Paul Elkins die Baupläne für 150 Dollar.

Paul Elkins zum zweiten: hübsch!

Wers gerne mit Ecken und Kanten hat, entscheidet sich für dieses Modell.

The Bike Caravan,  die Abschlussarbeit 2017 von Fabio, einem Luzerner.

Skowi baut Fahrradwohnwagen aus Aluminium.

Den Bau eines Velo-Wohnwagens mitverfolgen.

Zum Schluss noch dies: Ein Monster zwar auf zwei Rädern, aber den Jungs hat die Bauerei bestimmt ordentlich Spass gemacht und eine Menge gelernt dabei haben sie gewiss.

Weitere Informationen

1 2. Februar, Darstellung des Herrn, volkstümlich auch Mariä Lichtmess genannt, vierzig Tage nach Weihnachten, die Tage dauern dann schon rund eine Stunde länger als zur Wintersonnenwende.

Wie man auf dem Velo Erinnerungen sammelt

Damals, mit den Kindern der Aare entlang, der Donau, an der Nordsee, durchs Inntal und entlang der mecklenburgischen Seen; zu zweit später durch Dänemark, bei den Ostfriesen und auf der holländischen Insel Vlieland, auf dem Fünf-Flüsse-Radweg in Bayern, im Burgund, an Schwedens Südküste und diesen Sommer im französischen Jura: Viele Wochen mittlerweile, die wir auf und mit dem Velo verbracht haben, und von jeder, fast jeder, weiss ich, welchen Tag wir welche Strecke pedaliert, was wir dabei besonderes erlebt und wo genächtigt haben.

Wenig unternehmen, viel erleben

Warum mir all dies bleibt? Es ist eine Frage der Geschwindigkeit: Im Sattel erfahren wir Land und Leben kleinräumig und gemächlich. Unsere Sinne werden nicht überfordert, sondern vielmehr zu aufmerksamen Reisebegleitern: Ich rieche das sonnengedörrte Heu, ich erspähe die Brombeeren in der Hecke am Wegrand, und der farbenprächtige Schmetterling, der sich auf dieser Blume sonnt, entgeht meinem Auge nicht. Wir halten nicht dort an, wo wir parkieren können, sondern es uns gefällt, und lassen uns dabei immer mal wieder in Plaudereien und Gespräche verwickeln.

Wir erleben viel, weil wir wenig unternehmen. Wir sammeln unauslöschliche Erinnerungen, die wir gerade zur Sommerszeit, wenn wir wiederum unterwegs sind, gerne hervorkramen, aber auch am Familientisch immer wieder zu erzählen geben.

Eine Lourdesgrotte am Wegrand – willkommener Schattenspender. © 2017 Dominik Thali

Fliegen wäre zu einfach

Der Inder Pikay fuhr 1977 der Liebe wegen mit dem Velo von Indien nach Schweden, worüber Per Andersson ein Buch geschrieben hat, das diesen Sommer eine meiner Ferienlektüren war. Darin lese ich: Pikay «hat seinen Schlafsack und sein Fahrrad. Es wird schon gut gehen. […] Ausserdem möchte er, dass die Reise hart wird. Die Erschöpfung auf dem Fahrradsattel, die Müdigkeit, die ihn jeden Nachmittag heimsucht, und die Freude darüber, in der Abenddämmerung etwas Essen und Wasser und ein Flechtbett zu haben, auf dem er seine schmerzenden Beine ausstrecken kann, lenken ihn ab und halten Zweifel und Heimweh fern. Den ganzen Weg zu fliegen würde nicht nur zu viel kosten, viel mehr, als er überhaupt hat, sondern es wäre auch zu einfach. So reisen die reichen Leute, aber nicht er, nicht ein richtiger Reisender. Bisher hat er die Widerstände überwunden. Er denkt an Alexander den Grossen, der mit dem Schwert in der Hand den gleichen Weg gegangen ist, wenn auch in die andere Richtung.»

Daran wären wir mit dem Auto vorbeigefahren. © 2017 Dominik Thali

Jurastrassen sind selten flach

Nun, wir haben weder Pikays Wagemut noch Alexanders Grösse, können aber zwischen solchen Zeilen lesen. In den vergangenen zwei Wochen haben wir diesbezüglich unsere Sammlung an Erinnerungen erweitert. Wir waren diesmal fest stationiert, in der Franche-Comté, im französischen Jura in der grossen Doubs-Schleife. Hier hat Peter Wyssling auf dem Hof Kamo ein zauberhaftes Refugium geschaffen, auf dem eines der selbstgebauten Häuschen für eine Weile unser Daheim war. Die Velos waren hier vonnöten, um die fünf Kilometer ins Dorf zurückzulegen und das – siehe oben – passende Verkehrsmittel, um die nähere Umgebung zu erfahren. Was einerseits schweisstreibend war, denn die Strassen im Jura sind selten flach, aber auch überaus abwechslungsreich, wenn wir auf verschlungenen Wegen die grünen Täler des Dessoubre, der Loue oder des Cusancin erkundeten – kaum je von einem Auto überholt.

Verwunschenes Strässchen im Tal des Flüsschens Cusancin. © 2017 Dominik Thali

«Radfahren ist konkret»

«Radfahren ist konkret und unproblematisch», schreibt Bert Wagendorp in seinem Roman «Ventoux», der zweiten (empfehlenswerten) Ferienlektüre: «Ein Fahrrad, eine Strasse, ein Mensch: Einfacher geht es nicht. Beim Radfahren ist erst einmal nur die äusserste Schicht des Geistes gefordert, Introspektion ist nicht unbedingt notwendig. Manchmal befördert die Erschöpfung Bilder an die Oberfläche, von denen man nicht mehr gewusst hatte, dass man sie in sich herumträgt, die man aber immer noch als Halluzinationen abtun kann.»

Ganz so erschöpft waren wir des Abends freilich nicht, doch das mit den Bildern, das stimmt schon: Fahrend wird mitunter lebendig, woran man sich nicht mehr zu erinnern glaubte. Wir weben den Stoff fortwährend neu. Das Velo ist unser Perpetuum mobile.

P.S.: Dritte Ferienlektüre war Carlos Ruiz Zafóns «Labyrinth der Lichter» der vierte Band aus der Barcelona-Reihe des spanischen Autors. Darin lässt Zafón auf Seite 620 die Romanfigur Fermín feststellen: «Auferstehen ist ein wenig wie Radfahren oder einem jungen Mädchen den Büstenhalter mit einer Hand öffnen. Man muss nur den Dreh raushaben.»

Ruhe, Weite, kein Verkehr… | © 2017 Annemarie Thali
In Ornans, dem Hauptort des Loue-Tals. | © 2017 Dominik Thali
An der Loue vor Lods. | © 2017 Dominik Thali
Geordnetes Durcheinander auf dem Hof Kamo. | © 2017 Dominik Thali
Die Loue kurz nach ihrer Quelle. Hier kommt man nur zu Fuss hin. | © 2017 Dominik Thali
Im Tal des Cusancin. | © 2017 Dominik Thali
Die Aussicht nach Norden von unserem Häuschen aus. | © 2017 Dominik Thali