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Die Schweiz kein Veloland? Faule Ausrede!

«Früher war ich, wie viele andere, oft der Meinung, dass das niederländische System zu weit weg von unseren Verhältnissen und zu sehr von einer anderen Philosophie geprägt sei», sagt Urs Walter, Velobeauftragter der Stadt Zürich und Präsident der Velokonferenz Schweiz. In deren neuem Bulletin zerpflückt Walter die Vorurteile, die man hierzulande in Fachkreisen und Politik gerne pflegt, nach Strich und Faden.

Der Velofahrer gibt den Beitrag von Urs Walter an dieser Stelle ungekürzt wieder und empfiehlt das Bulletin der Velokonferenz – es ist öffentlich – ansonsten zur geneigten Lektüre. Alle bisherigen Ausgaben können hier heruntergeladen werden und in die Mailingliste eintragen können sich alle Interessierten.

Dass die Holländer viel Velo fahren, ist hinlänglich bekannt. Zwischen 1950 und 1975 wurde es aber, wie in der Schweiz, vom Autoverkehr weitgehend verdrängt. Darauf wies Aletta Koster, Direktorin der Dutch Cycling Embassy, an der Velokonferenz-Fachtagung «Gouda statt Emmentaler» vom 10. September 2014 in Luzern hin. Seither wird das Velo aber massiv gefördert. Der Beitrag von Urs Walter bezieht sich – wie überhaupt das ganze aktuelle Velokonferenz-Bulletin – auf diese Tagung.

In Holland geht das – aber nicht bei uns

Von Urs Walter, Präsident Velokonferenz Schweiz

Wenn Schweizer Fachleute und Politiker mit den Beispielen aus der Niederlande konfrontiert werden, dann sind die Reaktionen meist sehr ähnlich: «Das sind tatsächlich sehr schöne Lösungen, aber dort sind ganz andere Voraussetzungen.»; «Das würden wir gerne machen, aber das geht nicht, weil…». Im Folgenden möchten wir auf die wichtigsten Argumente und «Killerphrasen» eingehen, die im Zusammenhang mit niederländischer Veloinfrastruktur immer wieder ins Feld geführt werden.

«In Holland haben sie viel mehr Platz als bei uns.»

Die Niederlande sind flächenmässig gleich gross wie die Schweiz, haben aber doppelt so viele Einwohnerinnen und Einwohner. Mit 488 Einwohnern pro km2 ist sie das am dichtesten bevölkerte Land der EU. 20 % der Landesfläche ist Wasser. 40 % der Bevölkerung leben in der sogenannten Randstadt, dem Ballungsraum mit den Grossstädten Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag mit einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte von fast 800 Personen pro km2.

Rund die Hälfte der Schweizer Landesfläche gehört zu den Alpen. In den typischen Mittellandkantonen Aargau und Zürich liegt die Bevölkerungsdichte bei 600 bis 800 Personen pro km2.

Die räumlichen Verhältnisse in den holländischen und schweizerischen Ballungsgebieten sind also sehr ähnlich. Während in der Schweiz die Topographie eine zusätzliche Herausforderung
darstellt, sind die niederländischen Planer durch das Wasser gefordert, das auch Tiefbauarbeiten sehr aufwändig und teuer macht. Die Stadtstrukturen sind sicher unterschiedlich, aber die historischen Zentren der niederländischen sind ähnlich eng wie die der Schweizer Städte. Wenn das Velo in den Niederlanden mehr Raum hat, dann meist deswegen, weil dieser Raum in den letzten Jahrzehnten konsequent geschaffen wurde.

«Holland ist völlig flach, deshalb ist Velofahren viel einfacher.»

Und weil die Niederlande so flach sind, bläst der Wind umso häufiger und stärker. Gemäss Fachliteratur ist der Einfluss von Wind vergleichbar mit dem Einfluss von Steigungen – nur ist der Wind unberechenbarer und kann zudem auf der Hin- und der Rückfahrt auftreten. Wer einmal über einen Deich pedalend gegen starken Gegenwind ankämpfen musste, weiss, wie anstrengend Velofahren sein kann.

«Velofahren hat in Holland eine lange Tradition; die Holländer werden quasi mit dem Velo geboren.»

Das Velo hat in der Niederlande tatsächlich seit jeher eine grosse Bedeutung. Aber auch die Schweizer Städte waren in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts eigentliche Velostädte. Dort wie hier begann der Niedergang der Velokultur mit der Massenmotorisierung und in den 70er-Jahren war auch in den niederländischen Städten ein Comeback des Veloverkehrs kaum vorstellbar. Dank Protesten aus der Bevölkerung fördert die niederländische Verkehrspolitik seither konsequent und erfolgreich die umweltfreundlichen Verkehrsmittel, insbesondere das Velo. Die Niederlande waren in den letzten Jahrzehnten Pionier für fortschrittliche und kreative Lösungen in der Verkehrsplanung.

«In Holland haben sie kaum öffentlichen Verkehr in den Städten und deshalb mehr Platz für Velomassnahmen.»

Auch die Niederlande haben einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr, wenn auch nicht auf dem gleichen hohen Niveau wie die Schweiz. Insbesondere in den mittleren Städten werden die mittleren Distanzen mit dem Velo zurückgelegt, entsprechend ist das Netz des öffentlichen Verkehrs dort weniger dicht als in vergleichbaren Schweizer Städten, was die Planung einer durchgehenden Infrastruktur für das Velo vereinfacht. Ob allerdings die vergleichsweise sehr teure Feinerschliessung durch den öffentlichen Verkehr in der Schweiz aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Es gibt also durchaus Aspekte, welche die Veloverkehrsplanung in den Niederlanden einfacher machen als bei uns. Im Grossen und Ganzen kochen aber auch die Niederländer nur mit Wasser und viele Lösungen wären mit dem entsprechenden Willen auch auf die Schweiz übertragbar. Ich wünsche mir, dass in Zukunft weniger Energie darauf verwendet wird, Gründe zu suchen, weshalb die niederländischen Beispiele in der Schweiz nicht möglich sind, sondern dass vielmehr Ansätze gesucht werden, wie man diese Beispiele sinnvoll auf schweizerische
Verhältnisse adaptieren könnte.

Die «Velokonferenz Schweiz» ist gemäss ihrem Leitbild eine politisch neutrale, nationale Fachorganisation für Veloverkehrsplanung. Sie versteht sich als Forum für Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer für Fachleute des Veloverkehrs in Verwaltung, Behörden sowie in Planungs- und Ingenieurbüros. Sie pflegt Kontakte zu anderen thematisch nahe stehenden Fachorganisationen sowie Verkehrsverbänden und strebt eine projektbezogene Zusammenarbeit an.
Link zur Velokonferenz Schweiz

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war auch an dieser Fachtagung und teile die Einschätzung von Urs Walter vollauf. Es gibt dennoch entscheidende Unterschiede, wobei diese eher bei der Mentalität zu verorten sind. Die Holländer haben mit dem Velo eine pragmatische Lösung gefunden um ihre Mobilitätsprobleme zu lösen (was übrigens vielerorts, besonders in den USA und Frankreich, nachgeholt wird). Es stimmt, dass die Holländer nur mit Wasser kochen, aber kochen tun sie immerhin, während in der Schweiz dafür gejammert oder das Problem einfach negiert wird. Quo vadis Helvetia?

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    • Kann ich nur unterschreiben, Eddie. Ich zitiere dazu aus dem Online-Bericht zu der Tagung im «Velojournal»: «Geld alleine reicht indes nicht, das machte der zweite Referent als den Niederlanden, Willem Bosch klar. Der Verkehrsberater aus Zwolle zeigte auf, dass Politik, Verwaltung und letzten Endes auch die Bevölkerung die Bestrebungen zu einer nachhaltigeren Mobilität unterstützen müssen.» Will heissen: Wollen muss man müssen.

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