Kategorie: Aufgefallen

Der radelnde Schalterbeamte oder: Velofahrers Glücksmomente

Dieser Tage am Bahnschalter in Luzern; ich will den Nachtzug für unsere Velotour in Südschweden im kommenden Sommer buchen. Ob das schon möglich sei, ergeht die Frage an den Schalterbeamten; gewiss doch, lautet die Antwort, 180 Tage vorher, wir reisen am 16. Juni, das passt. Ich bitte also um zweimal Berlin–Rostock, mit Veloplätzen – und muss mir bescheiden lassen, dorthin gäbs keine Veloplätze; aus Gründen, die ich bereits wieder vergessen habe, zumal die Auskunft innert Sekunden unsere Reisepläne zunichte zu machen schien.

Im Folgenden entpuppte sich mein freundliches Gegenüber aber als überaus hilfsbereit und velophil, will heissen: zugserfahren bezüglich Zweirad, weshalb sich alsbald ein nettes Gespräch entspann über das Unterwegs-sein aus eigener Kraft, in dem auch das gemeinsame Bedauern über das geschrumpfte Nachtzug-Angebot für Velocipedisten und zum Ausdruck kam. Ich berichte von unserer Schweden-Tour 2016; der radelnde Schalterbeamte bemerkt, heuer (inzwischen schreiben wir ja 2019) blieben ihm leider nur zehn Tage für eine Tour, Dänemark peile er wohl an, die Schären behalte er sich für ein späteres Jahr aber vor, fasse er überhaupt schon länger ins Auge.

«Ach, das waren Sie?»

Darauf vergehen fünf Minuten, in denen die Schlange hinter mir nicht kürzer wird, für uns aber zwei Plätze im Nachtzug nach Hamburg reserviert werden, ebenso zwei für die Velos sowie die Fortsetzung nach Rostock, was die Reise, oh Wunder, schliesslich bloss um ein Stündchen verlängert.

Ich verabschiede mich sodann mit dem Angebot, ihm den Link zu unserem Schweden-Reisebericht zu schicken; ich hätte damals im «velojournal» darüber geschrieben. Worauf der nette Herr mich fragend anblickt,  «Ach, das waren Sie?», meint und anfügt, den Beitrag habe er durchaus gelesen.

Ich lache zurück und danke. Die schönsten Begegnungen kommen oft unerwartet.

Wer Velo fährt, verhindert Autofahrverbote

Auf der Forum-Seite unserer Tageszeitung schreibt Leser A.B. aus H. *: «Im Strassenverkehr komme ich nach Fussgängern, Radfahrern und ÖV-Nutzern an vierter Stelle. Das ist diskriminierend, aber von der Regierung so gewünscht. Er sei aber Handwerker und auf ein Auto angewiesen.

B. ärgert sich. Das ist verständlich. Nur: Flüssiger wird er erst dann wieder auf vier Rädern vorankommen, wenn ebendiese Regierung weiterhin dem Auto Platz streitig macht, zum Umsteigen zwingt, das Umsteigen aber auch attraktiv macht und so Raum schafft für Verkehrsteilnehmer wie B., der seine Güter und Dienstleistungen nur mit dem Auto zur Kundschaft bringen kann. Jahrzehnte war Verkehrspolitik in der Stadt im Wesentlichen Autopolitik. Autos brauchen aber beinahe 40 Quadratmeter Fahrbahn und 12 Quadratmeter zum Abstellen. Die Flächenanteile des öffentlichen Strassenraums, die dem Auto zur Verfügung stehen, sind 19-mal so gross wie die Flächenanteile für das Velo. Das ist ungerecht.

Es braucht mehr Ausgleich, damit am Ende nicht alle unter die Räder kommen. Wie dies gelingen kann, zeigt das Buch «Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt», der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die im vergangenen Sommer stattfand. Das Buch zeigt Ideen und Projekte auf, die weit über einen reinen Umbau des Verkehrs hinausgehen: Acht kurze, leicht verständliche Beiträge von Expertinnen und Experten gehen städtebaulichen, landschafts- und verkehrsplanerischen Gesichtspunkten des Trends zu mehr Velo in der Stadt nach, Veloverkehrskonzepte von Städten wie Barcelona, Kopenhagen, Münster, New York oder Paris werden vorgestellt und 28 Einzelprojekte beleuchtet.

Angebote machen statt Möglichkeiten beschneiden

Gewiss: Paris oder Kopenhagen sind nicht Luzern; die Kleinstadt, die Leserbriefschreiber A.B. meint. Aber die Ausgangslage ist dort grundsätzlich die gleiche. «Wem gehört der öffentliche Raum?», fasst sie Barbara Lenz zusammen, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung in Berlin. Sie stellt fest: «Die Rückeroberung der Stadt – das klingt nach einem Feldzug, und tatsächlich erfolgen Zunahme und Ausbreitung des Radverkehrs in vielen Städten nicht reibungslos. Die Auseinandersetzung findet vor allem auf den Strassen der Städte statt, da Radfahrer, Fussgänger, Autofahrer und öffentlicher Verkehr sich den begrenzten und kaum erweiterbaren Strassenraum teilen müssen; dabei stossen Forderungen durch neu entstandenen Raumbedarf und das Beharren auf ‹angestammtes› Gewohnheitsrecht aufeinander.»

Der Architekt Steffen de Rudder, Professor für Städtebau an der Bauhaus-Universität Weimar, weiss: «Wenn Planung vor allem als Reduktion von Möglichkeiten, als Beschneiden persönlicher Freiheiten erlebt wird, hat sie keine Chance.» Dies sei auch in der Velostadt Kopenhagen nicht anders. Von «Zwangsmassnahmen» wie Parkplatz-Abbau oder Bussen für Falschparer sei aber «kaum etwas zu hören». Im Vordergrund stehe vielmehr «die faktische Überzeugungskraft der neuen Fahrradinfrastruktur, die auf Wirksamkeit und Sichtbarkeit setzt und aus sich selbst die besten Argumente schafft».» De Rudder sieht den Erfolg der dänischen Planung in deren «radikalem Angebotscharakter», dem «unübersehbaren Gebrauchswert der gebauten Anlagen» und dem «Vergnügen einer flüssigen Fahrt durch die Stadt».

Strassen als Orte statt Verkehrsflächen

Groningen in den Niederlanden, das die Autos schon vor Jahren aus dem Zentrum verbannt hat, macht die Erfahrung, dass dadurch sogar mehr Menschen ins Zentrum gelockt werden: «Die von vielen Seiten befürchtete wirtschaftliche Katastrophe blieb aus. Die meisten Läden überlebten, manche blühten sogar auf.»

Janette Sadik-Khan war von 2007 bis 2013 Verkehrsbeauftragte der Stadt New York und arbeitet derzeit als Direktorin  bei Bloomberg Associates mit Bürgermeistern aus aller Welt bei der Umgestaltung ihrer Städte zusammen. Sie macht die Erfahrung, dass die Verantwortlichen von dicht bevölkerten Städten auf allen Kontinenten zunehmend auf die gleichen Strategien setzten: «Indem sie den Schwerpunkt auf die Menschen setzen, dem öffentlichen Nahverkehr Vorrang geben und Strassen zu Orten statt zu reinen Verkehrsflächen machen, verwandeln sie ihre Städte und schaffen die Voraussetzung für eine neuartige Stadt.»

Menschengerechter Verkehr

«Fahr Rad» ist freilich nicht nur Pflichtlektüre für Menschen in der Politik und Verkehrsplanung, sondern Aufforderung an alle, sich selbst für einen menschengerechten Verkehr einzusetzen. «Weil alle davon profitieren, wenn der Radverkehr sicherer und attraktiver wird», sagt Ludger Koopmann, stellvertretender Bundesvorsitzender des ADFC, des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs. Denn dann nähmen die Belastungen durch zu viel Autoverkehr ab, es gebe mehr Platz, um zu Fuss zu gehen und Rad zu fahren sowie für Parks und Grünanlagen. Koopmanns Schlussfolgerung: «Radfahrende sind die Einzigen, die Autofahrverbote in den Städten verhindern können.»

Diesen Satz muss man natürlich auch als Autofahrer/Autofahrerin verstehen wollen.

«Fahr Rad. Die Rückeroberung der Stadt», im Kontext einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, 280 Seiten. 220 Abbildungen (Farbe), Birkhäuser-Verlag, Basel, 2018, ISBN 978-3-0356-1547-0, ca. Fr. 55.–

*«Luzerner Zeitung» vom 15. Dezember 2018, Seite 16 | Quelle für alle weiteren Angaben und Zitate ist das hier besprochene Buch.

Die folgenden Vorher-Nachher-Bilder zeigen velo- und fussgängerfreundliche Umgestaltungen von Strassen und Plätzen in Amsterdam NL. Fotograf Floris Lok stellt Aufnahmen aus dem Stadtarchiv eigene Bilder von heute gegenüber.

Drei Vorher-Nachher-Beispiele aus der Schweiz aus «Flâneur d’Or», dem «Fussverkehrspreis Infrastruktur». Dieser prämiert Infrastrukturen im öffentlichen Raum, die den Fussverkehr fördern und die Qualität, Attraktivität und Sicherheit des Gehens erhöhen. Der nächste Wettbewerb wird 2020 von Fussverkehr Schweiz durchgeführt und vom Bundesamt für Strassen ASTRA und weiteren Partnern unterstützt.

«Zu viele Autos» oder: Werden wir künstlich intelligenter?

«Lugano wird zum lebenden Labor. Die Stadt will ihr Verkehrschaos mit künstlicher Intelligenz (KI) beheben»: So berichtete die NZZ am Sonntag letzten Sonntag. Wenn das nicht ein Versprechen ist! Computer denken an unserer Stelle, derweil wir weiterhin jederzeit und überall uns hinters Steuer setzen dürfen, aber fürderhin nie mehr im Stau stecken. Gold’ne Zukunft! Stadtpräsident Marco Borradori spricht von «nutzenstiftenden Anwendungen der KI» und will, Zitat, «als Erstes […] das Problem lösen, das den Luganesi besonders unter den Nägeln brennt: den Dauerstau».

Wie das behufs künstlicher Intelligenz bewerkstelligt werden soll, davon steht im Folgenden freilich keine Zeile. Von Verkehrssteuerung ist lediglich die Rede, von der «beispielslosen Dichte an Kameras», die es in Lugano bereits gebe, und von «KI-basierten Technologien», die Optimierungen ermöglichen würden, die «jenseits der Grenzen der heutigen Anwendungen» lägen. Jedenfalls gehe die Stadt, Zitat, «von raschen Resultaten» aus.

Nun, damit ist zweifellos zu rechnen, wenn die künstliche Intelligenz solcherart eingesetzt wird, dass sie im Anwendungsfall der menschlichen vorangestellt wird. Will heissen: Das Auto blockiert, wenn dessen Besitzerin oder Besitzer sich anschickt, aus blosser Bequemlichkeit den Zündschlüssel zu drehen. Denn flüssiger kann der Verkehr nur fliessen, wenn er weniger wird. Wird er dies nicht, verteilt sich die Menge zeitlich bloss – eine Scheinlösung.

«Es muss gar nicht wehtun»

Stimmt uns dieser NZZ-Beitrag also hoffnungsfroh? Mitnichten. Am Montag danach bringt im Deutschlandfunk der Mobiliätsforscher Andreas Knie vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung auf den Punkt, was Sache ist: «Wir haben viel zu viele Autos.» Knie hat weder etwas gegen Autos noch will er sie aus den Städten ganz verbannen. Er plädiert hingegen für den Verzicht auf eigene Autos und dafür, die gemeinsamen intelligent zu nutzen,  «mit anderen Verkehrmitteln wirklich digital zu vernetzen». Dies diene allen Verkehrsteilnehmenden: «Dann ist vor allen Dingen für den Autofahrenden und auch für alle anderen – wir haben ja nicht nur Autofahrer, sondern wir haben auch Fussgänger und Fahrradfahrer – viel mehr Platz da und wir haben alle was davon. Es muss gar nicht den Leuten wehtun; wir müssen nur im Kopf überlegen, was wir fördern wollen.»

Darum gehts dann wohl. Vielleicht auch dereinst in Lugano.

Auf dem Velo mag ichs, wenn man zu mir Abstand hält

Vor zwei Wochen hat SP-Nationalrat Matthias Aebischer, Präsident von Pro Velo Schweiz, einige Medienpräsenz für eine blosse Ankündigung. Der «verbindliche parlamentarische Vorstoss», den er am 15. Oktober unter anderem im «Tages-Anzeiger» (TA) versprach, wird eine Motion sein, um damit auch in der Schweiz den 1,5-Meter-Überholabstand gegenüber Velos im Gesetz zu verankern. Aebischer reicht diese in der kommenden Wintersaison ein, die am 26. November beginnt.

Matthias Aebischer brachte das Thema schon vor bald zwei Jahren aufs politische Tapet. In der Antwort auf seine Interpellation wollte sich der Bundesrat aber schon damals nicht auf einen seitlichen Mindestabstand festlegen lassen. Ich vermutete schon damals, im Bundesrat (und wohl auch in der Parlamentsmehrheit) pendle wohl niemand mit dem Velo zur Arbeit. Derweil werde ich mitunter schon auf den drei Meter schmalen Gütersträsschen, über die etwa 8 meiner 18 Kilometer von Hochdorf nach Luzern führen, von der Fahrbahn gehupt, auch in morgendlicher Dunkelheit und dann, wenn ich mit 25 km/h auf die 100 Meter nahe Abzweigung zuhalte, an der das Auto wieder anhalten muss. Ich bleibe bei derlei akustischen Angriffen selbstredend mitten auf der Fahrbahn.

Ich kann mit drängelnden Autofahrern umgehen. Wenig geübte Velofahrerinnen und -fahrer hingegen lassen sich von solchen in die Enge treiben. Im schlimmsten Fall mit bösen Folgen. Dagegen hat vor zwei Jahren Pro Velo Thurgau die Kampagne «Abstand ist Anstand» gestartet, im Herbst 2017 doppelte Pro Velo Schweiz mit einer Resolution nach.

Vernunft und Verantwortung?

Bürgerliche Politikerinnen und Politiker tun Forderungen nach mehr Sicherheit fürs Zweirad gerne mit dem Hinweis ab, sie führen ja selbst Velo und hätten kein Problem damit. Was in etwa heisst: Wenn ich etwas packe, schaffen das auch alle anderen. Ein Beispiel dafür ist der St. Galler SVP-Nationalrat Roland Büchel, den der «Tages-Anzeiger» als «passionierten Velofahrer» bezeichnet. Er halte eine fixe gesetzliche Regelung für unnötig, sagt Büchel und – jetzt kommts! – er zähle auf die Vernunft und die Verantwortung der Autofahrer.

Vernunft und Verantwortung? Darauf kann man natürlich immer verweisen, um sich selbst daraus zu nehmen. Gesetze werden aber unter anderem deshalb gemacht, um die Schwächeren zu schützen, wenn der freie Markt – will in diesem Fall heissen: die freie Fahrt – sich gegen sie richtet. Wenns mit «Vernunft und Verantwortung» nicht funktioniert, brauchts halt verbindliche Regeln.

Die Autos auf Abstand halten – so gehts auch:

Die virtuelle Zuckerschnecke und andere Velogeschichten

Nach Tagen und Wochen im Sattel – was bleibt davon haften? Welche Bilder sehen wir vor uns, Jahre später noch, welche Stimmen haben wir noch in den Ohren?

Ein Blick zurück. Im Sommer 2000 fuhren wir mit unseren drei Kindern, damals 10, 9 und 7, von Meiringen nach Bern. Wovon sie heute noch erzählen: Vom «Schlafen im Stroh» in Zimmerwald, wo der Älteste Traktor fahren durfte und von der Bäuerin uns grosszügig mit Bratwürsten für dem Grillabend versorgte. Zwei Jahre später an der Donau: Da war jene junge Frau, die auf Inline-Skates unseren Weg  kreuzte, uns anhielt und mich anging, ihr wenige Kilometer entferntes Auto zu holen; sie sei am Ende ihrer Kräfte. Ich tat, wie gebeten, kehrte heil wieder, aber die Kinder von damals fürchten noch heute einen Entführ- und Beraubungsversuch. An 2004 an der Nordsee schliesslich erinnert im Album jenes Bild aus der «Brunsbütteler Rundschau», das Liebmütterchen in Grossaufnahme zeigt, in den Augen der Kinder peinlicherweise mitschunkelnd an einem Seemannsliederfestival tags zuvor. Die Fotografin der Zeitung hatte im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt.

Will heissen:

Orte und Landschaften, durch die wir pedaliert sind, verblassen mit den Jahren, die Begegnungen und Erlebnisse hingegen bleiben. Stichworte im Notizbüchlein, das ich jeweils mit mir führe, genügen, um sie wieder lebendig werden zu lassen. Zu Geschichten, die wir uns am Familientisch wieder und wieder erzählen.

Dieses Jahr, längst nur noch zu zweit, waren wir auf dem Alpe-Adria-Radweg von Salzburg nach Grado sowie im Südtirol unterwegs. Was es dabei zu sehen gibt, weiss das Internet. Ausführungen dazu sparen wir uns deshalb. Wer und was hingegen uns auf den 700 Kilometern begegnet und widerfahren ist, sind neue von diesen Geschichten. Einzigartig wohl, aber jeder kann solche erleben, wenn er nur unterwegs die Ohren spitzt und sich auf Plaudereien einlässt.

Also:

Auf dem Pass Lueg, am ersten Tag, treffen wir beim Pausieren Jörg und seinen Sohn Henri. Die beiden stammen aus Hannover, haben schon 800 Kilometer in den Beinen und nennen die Insel Kreta als ihr Ziel. Zwei Monate nehmen sie sich Zeit. Henri, ein 21-Jähriger mit Down-Synodrom, steckt uns mit seiner Lebensfreude und Direktheit an und überrascht uns mit seinem Wissen; Jörg, ein freischaffender Berater, beeindruckt mit seinem Mut, eine solche Reise zu unternehmen, und seiner Gelassenheit. Auf dem Zeltplatz in Pfarrwerfen am Abend begegnen wir uns wieder, danach verlieren wir uns aus den Augen, um uns zwei Tage später in Spittal wieder zu treffen – mit grossem Hallo.

Jörg und sein Sohn Henri auf dem Zeltplatz in Spittal; unterwefs auf grosser Tour von Hannover nach Kreta. | © 2018 Dominik Thali

Auf dem gleichen Zeltplatz schenkt uns ein junger Niederländer einen Dusch-Jeton. Er müsse nach Hause und brauche ihn nicht mehr. Das kurze Gespräch ergibt: der Mann stammt aus Arnheim und kennt die Hochschule gut, an der unsere jüngere Tochter ein Jahr weilte.

In Bad Gastein bestellen wir des Abends Brot fürs Frühstück anderntags. Auf der Liste, auf der man sich einzutragen hat, zeichnen wir ein Smiley hinter die gewünschte Anzahl Brötchen. Folge: Auf der Tüte, in der unsere Lieferung steckt, antwortet der Bäcker (oder wer auch immer) mit einem ebensolchen Lachgesicht neben unserem Namen. Herzliche Grüsse an dieser Stelle in die Backstube!

Fröhliche Grüsse aus der Backstube. | © 2018 Dominik Thali

Beim Veloverlad in den Zug durch die Tauernschleuse nach Mallnitz treffen wir Günther und Ida ein erstes Mal. Sie verblüfft, wiewohl ebenfalls aus den Niederlanden stammend, mit ihrem Schweizer Dialekt, den sie sich während ihres Germanistik-Studiums in Bern und Zürich angeeignet hat, er, Deutscher, entpuppt sich als Meteorologe. Die beiden leben seit 16 Jahren Linköping in Schweden und wollen mindestens noch bis Triest pedalen. Wir treffen uns noch in Spittal und Villach, bis sich, welch ein Zufall, am Ende unsere Wege buchstäblich kreuzen: Auf dem Damm nach Grado, das wir verlassen und sie anpeilen. Aus dem gemeinsamen Nachtessen wird leider nichts, das holen wir aber womöglich nächstes Jahr in ihrer Wahlheimat nach.

Ida, Günter und der Autor auf dem Damm, der zur Halbinsel Grado führt. © 2018 Dominik Thali

Auf der alten Bahntrassee unterhalb von Pontebba kommen wir mit einer Gruppe Gümmeler (siehe Beitragsbild oben) ins Gespräch, die eine Runde über die Selle Nevea dreht, den Neveasattel. Ihr Guide Marco ist Gastgeber des Valbruna-Inn in einem Seitental weiter oben, des einzigen Fünf-Herzen-Hotels weltweit, wie er betont. Er lädt uns zu einer Flasche Wein ein, wenn wir bei ihm vorbeikämen. Den Abzweiger mit dem herrlichen Blick auf die Julischen Alpen hatten wir gestern bemerkt. Und lernen, einmal mehr: Manchmal sollte man vom Weg abweichen, um ans Ziel zu kommen.

In Muggio Udinese im unteren Val Canale fragen wir  den freundlichen Herrn, der den Radtouristen dort angesichts der undurchsichtigen Wegführung die Richtung weist («Ein Service unserer Gemeinde») nach einem Zugang zum Wasser. Ma sì!, lautet die Antwort, und wir werden um drei Kurven 200 Meter weiter zu einem Wasserfall mit zwei kleinen Becken geschickt, wo man baden kann. Wir schieben die Velos durchs Geröll und sind platt: Ein– che bello! – Badeplatz wie aus dem Ferienkatalog, 20 Meter unter einer Autobahnbrücke. Wir lernen daraus: Mitunter ist es von Vorteil, untendurch zu müssen.

Der Badeplatz unter der Autobahnbrücke, ein Geheimtipp für den Alpe-Adria-Radweg. | © 2018 Dominik Thali

Ausgangs Spittal bremse ich brüsk: Ein Handy liegt mitten auf dem Radweg. In Funktion, geladen, aber leider gesperrt. Was tun? Wir werweissen und retten das Samsung schliesslich vor dem Überfahren-werden in meinen Hosensack. Eine Viertelstunde später klingelt es darin. Doch das Annehmen des Gesprächs misslingt. Einige Kilometer weiter schreibt die Angetraute «Handy gefunden» auf den Asphalt und meine eigene Nummer hinzu. Was aber nichts bringt. Am Nachmittag klingelt es erneut, diesmal klappts mit dem Abnehmen. Eine Jasmin meldet sich, die den Handy-Eigentümer gesucht hat, von mir überrascht wird und von da weg vermittelt. Wir vereinbaren, dass ich das Samsung am Abend auf dem Camping in Villach hinterlege. Wenig später trifft eine WhatsApp-Nachricht vom Absender «Zuckerschnecke» ein: «Wie lang tuast denn hoit Abend?», will die Unbekannte wissen. Das wissen wir leider nicht. Und rätseln anderntags, als eine SMS von Jasmin eintrifft, die sich «herzlichst» dafür bedankt, «dass Sie mein Handy in sicherer Obhut hinterlegt» haben. Mein Handy? Wer ist diese Jasmin? Wer die süsse Schnecke? Wissen die beiden voneinander? Und gibt es gar keinen Handybesitzer? Da bereits in Italien unterwegs, stellen wir die Ermittlungen jedoch ein.

In Udine – kleiner Werbeeinschub   – ist das Bed-and-Breakfast Trecuori von Fiametta eine unbedingte Empfehlung. Hinter einer unscheinbaren Fassade verbirgt sich eine Herzlichkeit in Gestaltung und Betreuung sondergleichen. Und das zehn Fussminuten vom Zentrum entfernt.

In Spittal hatte ich die lange Wäscheleine von zwei Familien fotografiert, die mit ziemlich viel Sack und Pack unterwegs war. Fünf Tage später in Palmanova, fährt die fröhliche Truppe uns buchstäblich vors Mittagessen, als wir dort schattensuchend rasten. Wir kennen uns doch, entfährt es uns wie ihnen, woraus wir uns zusammensetzen und ins Plaudern kommen. Unsere Gegenüber stammen aus Lyon und dem Elsass; der redseligere der beiden Väter wickelt tatsächlich einen Prosecco aus einem Badetuch und lädt uns zum Mitrinken ein. Den noch erstaunlich kühlem Apéro verkosten wir direkt aus der Flasche. Eine halbe Stunde später revanchieren wir uns mit einer Runde Gelato, wodurch auch die vier Kinder Nutzen aus der Begegnung ziehen.

Prosecco: das ideale Erfrischungsgetränk auf einer 35-Grad-Velotour, hier genossen in Palmanova bei Udine, Italien. | © 2018 Dominik Thali

Bereits auf dem Heimweg, campieren neben uns in Santa Maria im Münstertal Markus und Rebekka aus dem Aargau mit ihren vier Kindern. Das fröhliche Hin-und-Her, das sich schnell ergibt, gipfelt am anderen Morgen in einem beiderseits guten Tausch: zwei bequeme Campingstühle von ihnen gegen einen halben Zopf von uns. Sie haben am Vorabend die Brotbestellung verpasst, wir, wie immer, nichts zum Sitzen dabei.

Unsere Campingstühle auf Zeit auf dem Zeltplatz n Santa Maria: schön bequem. | © 2018 Dominik Thali

Schliesslich, grande Finale, am frühen Sonntag Morgen auf dem Ofenpass: Die zwei Wandersmänner, die wir bitten, uns zu fotografieren, erweisen sich als fröhliche Bündner; wir wünschen uns gegenseitig einen guten Tag, worauf sie bergwärts steigen und wir tal- und heimwärts sausen.

In vielerei Hinsicht bereichert.

Finale und Höhepunkt der Tour: auf dem Ofenpass. | © 2018 Dominik Thali

Nach Venedig auf zwei Rädern: das Veloabenteuer der Schule Eschenbach

Jugendliche fahren nicht mehr Velo? Mag sein. Sie tuns aber doch, wenn sie Vorbilder erleben, motiviert werden, das Abenteuer lockt und ihnen Verantwortung dafür übertragen wird. Im luzernischen Eschenbach unternahm Sekundarlehrer Daniel Blättler (35) mit 20 Oberstufen-Jugendlichen eine Tour nach Venedig – 560 Kilometer in sieben Tagen. Wie es dazu kam und was er dabei erfahren hat, schildert er in diesem Gastbeitrag.

Als begeisterter Radtourenfahrer versuchte ich schon früh in meiner Lehrerlaufbahn, das Velofahren in den Schulalltag einzubeziehen. Ob der Besuch der Badi in Baldegg oder der Berufsbildungsmesse Zebi in Luzern, solche kurzen Distanzen mit dem Velo zurückzulegen schien mir immer wieder sinnvoll – zumal ich meinen Arbeitsweg von Emmen nach Eschenbach meist auch mit dem Velo zurücklege. Auf grosse Begeisterung stiess das bei den Schülerinnen und Schülern aber jeweils nicht. Sie taten das Velofahren eher als Schikane ab mit dem Verweis auf die Parallelklassen, die mit dem Zug anreisen durften.

Die Tour über den Gotthard nach Tenero 2013

Als Klassenlehrer einer 1. Sekundar im Schuljahr 2012/13 wagte ich mich dann an mein erstes zweitägiges Veloprojekt, eine Velotour über den Gotthardpass. Ich setzte auf die Karte Freiwilligkeit und plante, mit den motivierten Schülerinnen und Schülern bereits am Sonntag die Reise ins Tenerolager zu starten, so dass wir am Montagabend dort sein sollten. Als sich anstelle der erwarteten 4 bis 6 Jugendlichen 20 meldeten, hatte ich zwar grosse Freude, der Aufwand für die Organisation wurde aber beträchtlich grösser. Ich entschied mich, die Tour akribisch zu planen, ganz im Wissen, dass ich eine grosse Verantwortung trage und bestmögliche Voraussetzungen schaffen wollte, dass die Tour zu einem sicheren und unvergesslichen Erlebnis wird.

Beim Tourstart am Samstag, 26. Mai 2018, in Inwil. | alle Bilder zur Verfügung gestellt

Es folgten zahlreiche Absprachen mit der Stufengruppe und der Schulleitung. Zweifel lagen im Raum, ob die Tour nicht zu lange und zu gefährlich sei und ob die Schule überhaupt solche Aktivitäten anbieten solle. Schliesslich erhielt ich die Unterstützung, und überraschend schnell war ein Leiterteam gefunden, das mich auf der Tour unterstützen wollte. Jemand stellte sogar sein Wohnmobil als Begleitfahrzeug zur Verfügung.

Auch wenn es ziemlich viel Aufwand bedeutete – Routenplanung, Rekognoszierung, Kommunikation mit allen Beteiligten, Vorbereitungstrainings, Velokontrolle usw. – machte es mir Spass und die Gruppe entwickelte bereits im Vorfeld eine gute Dynamik. Sie liess sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als das Wetter bis kurz vor der Tour unsicher war. Als mir eine Mutter kurz vor der Abfahrt unter vier Augen mit dem Anwalt drohte, sollte ihrem Kind etwas zustossen, verwies ich auf meine akribische Planung und Erfahrung als Tourenfahrer und Sekundarlehrer.

Im Anstieg zum Flüelapass.

Die erste Gotthardvelotour wurde schliesslich zu einem Top-Erlebnis für alle Beteiligten. Auch wenn es am ersten Tag nieselte, erlebten wir zwei tolle Tage ohne grössere Zwischenfälle. Die Planung ging fast ausnahmslos auf. Als die Schülerinnen und Schüler dann in Tenero nicht, wie von einigen befürchtet, vier Tage lang k.o. waren, wusste ich, dass es eine Fortsetzung geben würde. Bereits hier erkannten einige, dass man in zwei, drei weiteren Tagen mit dem Velo bereits am Meer wäre…

Die Velotour in den Europapark 2014

Dass es mit der Klassenstufe 2012/15 noch nicht dazu kam, hatte mehrere Gründe: Einerseits war ich selber nach der Tour psychisch ziemlich k.o. und traute mir noch nicht zu, ein grösseres Projekt auf die Beine zu stellen. Andererseits wusste ich, dass die Schulpflege bei Reisen ins Ausland zurückhaltend und dass Meer doch einige 100 Kilometer von der Schweiz entfernt ist. Also ging es in Folge darum, mehr Erfahrungen zu sammeln, wofür sich eine zweitägige Tour in den Europapark anlässlich der WM-Projekttage 2014 eignete.

Mit einem Lehrerkollegen erhielt ich diesmal tatkräftige Unterstützung aus dem Team. So konnte ich mich voll auf die Routenplanung und Rekognoszierung konzentrieren. Während ich die Strecke über den Gotthard schon mehr oder weniger gekannt hatte und es nicht viele Möglichkeiten gab, war der Europapark eine grössere Knacknuss. Durch welches Mittellandtal fahren wir? Welchen Juraübergang nutzen wir? Wie durchqueren wir Basel? Wo übernachten wir? Fahren wir alles entlang des Rheins?
Anlässlich meiner Rekognoszierung im Februar 2014 konnte ich die meisten Fragen klären und definierte eine sinnvolle Route: Beinwil–Wynatal–Aarau–Geissflue, Übernachtung im YMCA-Hostel in Basel, wobei man hier selber kochen musste. In Deutschland sollten sich Flusspassagen mit Überlandpassagen abwechseln, in Rust die Übernachtung im Camp-Resort stattfinden, worauf an Tag 3 der Besuch des Parks anstehen sollte.

Eine Gruppe auf dem Flüelapass, dem ersten Übergang auf der Tour.

Das Leitungsteam erhielt weiteren Zuwachs, auch durch eine PH-Studentin, die mir weitere Teile der Organisation im Rahmen ihres Leistungsnachweises abnehmen konnte. Als anspruchsvoll erwies sich die Auswahl der Schülerinnen und Schüler: Denn auf die 26 Plätze meldeten sich knapp 40 Personen, die wir in Folge nach verschiedenen Kriterien annehmen konnten oder ablehnen mussten. Obwohl die Strecke etwas weniger streng war als über den Gotthard, es waren doch 200 Kilometer sowie ein Pass von 450 Höhenmetern an zwei Tagen zurückzulegen. Dass sich so viele Jugendliche für die Tour motivieren konnten, zeugte doch von einem langsamen Gesinnungswandel.

Dieser war auch an anderen Orten feststellbar, zum Beispiel bei der Herbstwanderung: Während sich 2009 gerade einmal 20 Schülerinnen und Schüler der Sekundar für die strengere Variante (Hergiswil–Pilatus) entschieden hatten, wagten dies 2014 rund 100. Zum Religionshalbtag nach Kappel am Albis reiste im November eine Gruppe mit dem Velo an, und die zweitägige Wanderung/Exkursion mit Übernachtung im Triftgebiet lobten die Jugendlichen in ungewohnten Tönen. Ausdauerleistungen wurden wieder cool. Immer mehr waren es auch durchschnittliche Schülerinnen und Schüler, die sich mehr zutrauten und so letztlich vom Sport profitieren konnten.

Via Gotthard zum Freifach Sport 2017/2018

Nachdem ich im August 2015 wieder mit einer 1. Sek gestartet war, merkte ich sogleich, dass hier eine andere «Generation» am Start war und dass sich viele Schülerinnen und Schüler schon darauf freuten, wie ihre älteren Geschwister oder Vereinskollegen an Velotouren teilzunehmen. Bei der ersten Herbstwanderung auf die Rigi organisierte ich mit zwei Lehrerkollegen neben den Varianten leicht (laufen ab Klösterli) und mittel (laufen ab Küssnacht) eine Variante mit Veloanfahrt, die gut ankam.
Auch mit meiner Klasse legte ich zahlreiche Wege mit dem Velo zurück, doch ich musste immer wieder feststellen, dass auf Freiwilligkeit basierende Veloprojekte viel dankbarer waren als solche, an denen alle teilnehmen mussten. Unter anderem waren in den Folgejahren auch die Sporttag-Velotour ins Alpamare, die Pilatus-Herbswanderung mit Bikeanfahrt sehr beliebt – auch auf den anderen Stufen.

Eine Gruppe auf dem Ofenpass, nach dem Flüela dem zweiten Höhepunkt der Tour.

Die Gotthardvelotour organisierte ich diesmal erst zum Start des zweiten Sekundarjahres. Auf das Leiterteam war erneut Verlass, und die 20 angemeldeten Schülerinnen und Schüler machten ihre Sache wiederum super. Und so startete das Projekt «Freifach Sport 2017/18» mit dessen Krönung, einer wöchigen Velotour ans Meer.
Um uns möglichst gut verkaufen zu können, investierte ich zunächst etwas Zeit in ein Velotourvideo der Gotthardtour, das hier einsehbar ist. Die Schulleitung klärte die Voraussetzungen für das Freifach beim Kanton ab, der Teamkollege und ich sprachen bei der Bildungskommission vor – schliesslich sollten Lektionen für die wöchentlichen Trainings gesprochen werden. Am Schluss erhielten wir das Vertrauen und damit grünes Licht.

Bei der Anmeldung für das Freifach im Januar 2017 wussten weder die Jugendlichen noch wir Lehrpersonen, worauf wir uns genau einlassen würden. Erst nach und nach definierten wir die Inhalte. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern wurde Venedig als Ziel einer möglichen Abschlusstour festgelegt, und wir planten unter anderem wöchentliche Ausdauertrainings.

Die Vorbereitung der Velotour nach Venedig | Herbst 2017 bis Frühling 2018

Zwar kannte ich den Weg bis Bozen in etwa von meiner Kroatienvelotour, doch ich erkannte bald, dass ich mir zehn Tage Zeit reservieren musste, um die Tour zu planen. Der Weg bis Pfäffikon war von der Alpamaretour im Juni 2017 bereits klar, im Anschluss bot die nationale Veloroute Nr. 3 einen guten Anhaltspunkt. Von Landquart bis Glurns war eigentlich alles klar – hier machte mir nur der stark befahrene Wolfgangpass etwas Bauchweh. Im Anschluss sah ich den Etsch-Radweg bis Trient vor, von dort sollte es via Sugantal und Bassano quer durch die Poebene nach Venedig gehen.

Freude über die eigene Leistung: auf dem Etschradweg.

So startete ich zu Beginn der Herbstferien zusammen mit einem Kollegen zur Rekognoszierung. Neben der Strecke sollten gefährliche Stellen, WCs, Zufahrten fürs Wohnmobil, Unterkünfte und die Verpflegung erkundet werden. So hiess auch mal zwei Kilometer zurückfahren, wenn mir etwas zu gefährlich erschien oder ein Halt nicht passte. Wir kamen gut voran, schossen viele Fotos, führten Gespräche mit Restaurants und Jugendherbergen und konnten die sechs Tage auf dem Velo auch geniessen, da die Etappen mit knapp 100 Kilometer nicht allzu lang waren.

Die grössten Knacknüsse:

  • Durch die Poebene von Bassano nach Venedig führt zwar eine ziemlich direkte Hauptstrasse mit meist vorhandenem Veloweg. Da dieser aber viele Schikanen und gefährliche Abzweigungen aufweist, entschied ich mich für eine weniger gefährliche Variante fast ausschliesslich auf Nebenstrassen.
  • Der Weg von Trento hinauf ins Sugantal. Ein Velofahrer, der sich aufs Navi verliess machte beim Aufstieg 1,5 Stunden Umweg.
  • Eine preiswerte Gruppenunterkunft im Sarganserland zu finden. Nach vielen vergebenen Anrufen bei Privaten bot mir die Gemeinde Landquart eine Truppenunterkunft an.
  • Die grösste Herausforderung war es, einen sinnvollen und preiswerten Aufenthalt in Venedig zu planen. Dies bei horrend teuren Unterkünften und Verkehrsmitteln, Vaporetti, die keine Velos transportieren und einer Stadt, die nicht für Velos gemacht ist. Zudem wollten wir ans Meer und brauchten eine Unterkunft, die gut mit dem Wohnmobil erreichbar ist. Die Lösung: Fahrt bis Fährhafen Tronchetto, Einstellen der Velos, Überfahrt mit der Fähre nach Lido, Camping San Niccolo, Baden im Meer und Übernachtung. Am Folgetag alles Gepäck verladen, Fahrt nach Venedig und Besichtigung der Stadt, zurück nach Tronchetto, Abholen Velos, Verlad in den Car, Rückfahrt. (Definitive Routenplanung: https://www.komoot.de/user/524956548691/tours)

Soweit die Planung, die das stetig anwachsende Leiterteam zufriedenstellte. Parallel fanden die wöchentlichen Trainings statt und bereits im November hielt eine Siebnergruppe mit Schülerbeteiligung die erste Sponsoringsitzung ab. Zwei Schülerinnen entwarfen ein Tourlogo, das fortan unsere Dokumente und Videos für die Sponsoren schmückte. (Promotionsvideo für die Sponsoren: hier). Für den Zeitungsbericht fand ich zwei geeignete Jugendliche, die immer mit grosser Begeisterung hinter dem Projekt standen.

Entlang der Etsch nach Trento.

Nachdem der Einsatz der Schülerinnen und Schüler beim Lauf- und Kraftausdauertraining im ersten Semester noch zu wünschen übrigliess, kehrte im Winter auf den Langlaufskiern, beim Schwimmen und ab März auf dem Velo die Motivation richtig zurück (Video dazu). Vor Ostern entschieden sich 13 Schüler und 7 Schülerinnen definitiv für die Teilnahme. Zum Leiterteam gesellten sich unter anderem der Oberstufen-Schulleiter und eine Journalistin Denise Bucher, die für die Tour einen Blog einrichtete.

Die Velotour nach Venedig: 26. Mai–2. Juni 2018

Am Morgen des 26. Mai ging es los. Was wir an den folgenden sieben Tagen erlebten, ist hier auf dem Blog detailliert beschrieben.

Eine Zusammenfassung formulierte ein Lehrerkollege so:

Ja, alle haben es geschafft! Die Schülerinnen und Schüler lieferten eine eindrückliche Antwort auf diese leisen Zweifel. Am Donnerstagnachmittag, 31. Mai, traf die ganze Schar müde, aber überglücklich auf dem Tronchetto, dem Hafen von Venedig, ein. Es fiel ihnen nicht schwer, sich vom Velo zu trennen. 4500 Höhenmeter und 560 Kilometer: Diese eindrücklichen Zahlen lassen erahnen, was dies von den Jugendlichen abverlangte. Schon der erste Tag bis Landquart mit 120 km war nicht ohne. Dann aber folgten die happigen Herausforderungen: Am zweiten Tag hinauf auf den Flüelapass (2383 Meter), anfänglich bei stechender Sonne und zum Schluss bei Regen und Kälte. Der dritte Tag entpuppte sich als «Königsetappe»: Zuerst die rassige Abfahrt von der Flüela, dann hoch zum Ofenpass (2149 Meter) und weiter zum Etappenort Meran. Von jetzt an gings im landschaftlich reizvollen Südtirol etwas gemütlicher zu und her, aber die vielen Stunden im Sattel machten sich an einer gewissen Körperstelle schmerzhaft bemerkbar. Nach den weiteren Etappenzielen Trento (Trient) und Bassano del Grappa verdrängte das nahende Venedig die Müdigkeit etwas. Eine strahlende Sonne beflügelte alle auf den letzten Kilometern bis zum Hafen von Venedig. Der siebte Tag war dann dem Sightseeing gewidmet. Die Rückreise durften die glücklichen Radlerinnen und Radler im Car, chauffiert von Velomech, Dani Waldispühl, über die Nacht auf Samstag entspannt geniessen.

Meine eigene Zusammenfassung:

Ich bin happy, dass sich der Mut und der Aufwand gelohnt haben und die Schülerinnen und Schüler am Ende der sieben Tage glücklich und stolz nach Hause zurückkehren durften. Ich bin dankbar, dass sich keine schlimmen Unfälle ereignet haben, das Wetter sich meist positiv zeigte und ich auf ein engagiertes Leiterteam zählen konnte, das sich super ergänzt hat. Danke allen Beteiligten für das Vertrauen.

Rückblick auf die Velotour

Nach der Tour stellte ich einen Videorückblick zusammen und schloss die Buchhaltung (knapp 100 Positionen) ab. Am Abend des Rückblicks beschenkte uns die Elternschaft mit T-Shirts sowie einem Nachtessen für die Leiterinnen und Leiter. Die Schülerinnen und Schüler erhielten ihre persönliche Urkunde mit einer Muschel vom Lido, und mit dem Film konnten sich alle nochmals in die sieben tollen Tage zurückversetzten.

Ich bin sehr zufrieden, wie viel geklappt hat. Die Routenplanung ging fast zu 100 Prozent auf, die Unterkünfte waren gut ausgewählt, wir reagierten bei Umleitungen und Schlechtwetter richtig und mit dem Sponsoring konnten wir rund 40 Prozent der Auslagen von 15’000 Franken decken. Die Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern war ausgezeichnet, sie gaben gemeinsam Gas, um das grosse Ziel zu erreichen. Auch wenn die Nachtruhe am dritten Abend nicht klappte, dürften wir doch auf mehrheitlich zuverlässige und folgsame Teenager zurückblicken, die mir positiv in Erinnerung bleiben werden.

Die nächste Projektwoche im Auge

Während mein Lehrerkollege den Spielteil des Freifachs Sport auch im nächsten Jahrgang anbieten wird, hatte ich im Dezember 2017 entschieden, zuerst das Projekt ganz durchzuführen, bevor ich mich für eine Neuauflage verpflichte. Jetzt, nach der erfolgreichen Tour, hat der Kollege die Initiative ergriffen und bei der Schulleitung einen Antrag für eine Projektwoche deponiert, über den das Team in rund einem Monat abstimmen wird. Ebenfalls freut es mich, dass im Herbst voraussichtlich das erste Mal ein anderer Lehrer die Gotthardvelotour auf seiner Stufe durchführen wird.

Ich bin dankbar zu sehen, dass die Ideen inzwischen durch viele andere Lehrpersonen im Team getragen werden und sich im Ausdauerbereich viel mehr Schülerinnen und Schüler als früher etwas zutrauen. Dass die Erfahrungen nachhaltig sind, zeigt sich immer wieder, wenn ehemalige Schülerinnen und Schüler an die Schule zurückkehren und von den Reisen über den Gotthard, in den Europapark oder zum Triftgletscher schwärmen.

Ich hoffe, wir bleiben auf unseren Touren weiterhin von Unfällen verschont, so dass auch die nächsten Schülergenerationen in Eschenbach diese tollen Erfahrungen machen können.