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Im Legendenquartett trägt jeder mal das Maillot jaune

Die gezeichneten Porträts machen das Legendenquartett besonders. Man beachte die Unterlage, auf der sie liegen: Ein immer noch getragenes Tony-Rominger-Windstopper-Trikot des Autors. Bestimmt 20 Jahre alt...

Spielend die Tour de France gewinnen, mit Faust Coppi den Giro oder Fabian Cancellara die Flandern-Rundfahrt: Das Legendenquartett bringt Grössen der Radsportgeschichte miteinander an den Start, lässt fachsimpeln und in Erinnerungen schwelgen.

Die Tour de France zu gewinnen ist keine Frage des Alters. Ferdy Kübler zum Beispiel, 96 wurde er im Juli, lässt auf dem Galibier oder der Alpe d’Huez den fast 40 Jahre jüngeren Australier Phil Anderson stehen. Tom Simpson fällt am Mont Ventoux aus dem Rennen. Beziehungsweise tot vom Sattel. Mit 30. Doping machte ihn zwar schnell. Bekam ihm aber schlecht.

Im Spiel ist alles möglich. Wobei: Ferdy hat die Tour tatsächlich 1950 gewonnen, Anderson 1982 und 1991 nur Etappen, und Simpson wollte 1967 dem Gesamtsieg, dem er in der Tat nahe stand, auf ungesunde Art nachhelfen.

Im Legendenquartett rollen die drei nun aber miteinander an den Start, und da kann es schon sein, dass ein Spieler den Ferdy zuoberst auf seinem Beiglein hat und seinem Mitspieler gegenüber dessen Tour-Sieg ins Feld führt. Zum Pech seines Gegenübers, der vielleicht gerade Anderson oder Simpson vor sich sieht.

Im Spiel ist alles möglich.

Kübler, Anderson, Simpson: Im Legendenquartett zum internationalen Radsport sind die drei in guter Gesellschaft. Dort messen sie sich mit 37 anderen Helden der Landstrasse aus mehr als einem Jahrhundert Sportgeschichte: Von François Faber (Luxembourg, 1887-1915, Tour-Sieger 1909) bis Cadel Evans (geboren 1977, Tour-Sieger 2011, Rücktritt 2015) oder Fabian Cancellara (Schweiz, geboren 1981, noch aktiv). Natürlich tritt da auch Bernard Hinault nochmals an, Greg Lemond oder Francesco Moser, zusammen mit Roger de Vlaeminck, Rudi Altig und Fausto Coppi. 40 Fahre sind es insgesamt in zehn Mannschaften, nach Ländern geordnet.

Gegen das «schlechte Gedächtnis der Fans»

Die Idee zu diesem Spiel hatte der Luzerner Marcel Michel (siehe Kasten unten), der sich nach dem Legendenquartett zum Schweizer Klubfussball mit einem zum Radsport schon zum zweiten Mal mit einem Kartenspiel «vehement gegen das schlechte Gedächtnis der Fans» stemmt. Damit macht er, und wir zitieren gerne auch diesen Satz von seiner Website, «Sporthistorie auf eine überaus hübsche Art und Weise spiel- und erfahrbar». Die vier Fahrer bilden jeweils auch optisch ein Quartett: Jedes hat eine Illustratorin/ein Illustrator gestaltet. Das hat Stil.

Das Legendenquartett lässt sich spielen wie andere Quartette und so, wie wir in unserer Kindheit Rennauto-, Flugzeug- und Töffquartette gespielt haben: Indem wir unsere Mitspieler nach jenen Karten fragen, die für die Bildung eines Quartetts noch fehlen. Oder aber, und das war auf dem Pausenplatz angesagt, indem wir die Kollegen (Männersache!) mit der Leistung des Fahrers, der auf unserer Kartenbeige zuoberst liegt, ausstechen.

Natürlich sind noch weitere Spielvarianten denkbar:

  • Die Mannschaften nach den Buchstaben zusammenstellen, nicht Zahlen: Alle a ergeben ein Quartett, alle b – undsoweiter. Welche interessanten Teams ergäben sich daraus? Wen sähen wir als Captain, wen als Domestiken?
  • Das Legendenquartett auf einer Ausfahrt spielen. Eine beliebige Anzahl Teams schwingt sich in den Sattel; der Captain schickt seine Domestiken, wenn er dran ist, zu einem anderen schickt und lässt dort um die gesuchte Karte bitten. Wer gewinnt, heimst Ruhm und Ehre ein und darf die Karten neu mischen, während seine Wasserträger nicht erwähnt werden. Wie im richtigen Radsport eben.
  • Das Quartett um eine elfte Gruppe seiner eigenen Stars ergänzen: Lance Armstrong zum Beispiel, Floyd Landis, Alex Zülle und Marco Pantani. Wer mit dieser Gruppe gewinnt, putscht die Kollegen in der Pause mit einem Red Bull auf und wird später aus der Clubmeisterschaft ausgeschlossen.
  • Eine Patience legen und in Erinnerungen schwelgen. Dabei die Stimme der ebenso legendären Radsportkommentatoren Sepp Renggli und Hans Jucker sel. im Ohr haben. Wie sie zwischen 1972 und 1977 vier Mal Roger de Vlaeminck vier Mal als Sieger der Classique Paris-Roubaix interviewten. Der Belgier schaffte es im Gegensatz zu seinem Landsmann und Widersacher Eddy Merckx nie zuoberst aufs Treppchen von Giro oder Tour. Doch im Spiel sind die beiden gute Kollegen und nehmen bei jeder Ausfahrt aufeinander Rücksicht.

Wobei: Wem das Kartenglück Merckx zulost, der hat gute Aussichten auf den Gesamtsieg: 5 Gesamt- und 34 Etappensiege in der Tour, 5 Gesamt- und 24 Etappensiege im Giro, 28 Classiques. Das ist schwer zu toppen. In unserer ersten Runde war unser Ferdy zwar auf meinem Beiglein, Eddy aber auf jenem meiner Frau. Zehn Minuten später stemmte sie, die kaum je einen Pass hochfährt, den Siegerpokal in die Höhe.

Das Legendequartett hat in jeder Trikottasche und im Tourengepäck Platz, es braucht keinen Strom und ist in jedem Fall gesprächsfördernder, als in der Pause auf sein Smartphone zu starren. Es ist für 15 Franken über www.legendenquartett.ch erhältlich.

Quartettspieler und Sportgeschichtler

Schöpfer des Legendenquartetts zum Radsport ist Marcel Michel. Der 45-jährige Luzerner Jurist, Texter, Verleger und Familienmann hat schon sechs Alpinquartette zu Gipfeln, Seen und Hütten der Schweizer Alpen herausgegeben. Das Legendenquartett zum Radsport ist nach einem zum Schweizer Klubfussball das zweite dieser Art zu Legenden der Sportgeschichte.

Das Quartettspielen sei «klar eine Vorliebe» in seiner Jugend gewesen, sagt Michel, heute spiele er gerne mit seinen Kindern. Den Radsport hat er immer schon als interessierter Beobachter verfolgt; selbst ist er seit 15 Jahren auf dem Rennrad unterwegs.

Auf die Idee habe ihn sein Interesse an Sportgeschichte gebracht, erklärt Michel, «gepaart mit Listen und Vergleichen». Die Auswahl der 40 Fahrer stellte er selbst und im Gespräch mit Gleichgesinnten zusammen. Jeder Nation teilte er vier Plätze zu. Das Palmares entschied über die Aufnahme, zudem sollten die Fahrer möglichst gleichmässig über alle wichtigen Dekaden verteilt werden. So erhielt zum Beispiel Tony Rominger den Vorzug vor Alex Zülle. «Weil sein Palmares eben einen Tick eindrücklicher ist als jenes von Zülle», erklärt Michel. Lance Armstrong wiederum lässt da Legendenquartett aussen vor. Michel will die Diskussionen zum Thema Doping nicht auch noch ins Spiel tragen.

Die meisten Zeichnerinnen und Zeichner schliesslich stammen aus der Luzerner Comics- und Illustratoren-Szene.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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