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Lob des Velos

Es gibt mancherlei Blütenlesen von literarischen Texten und Reportagen, in denen das Velo eine Rolle – eine wichtige Rolle – spielt. Diese hier, «Fahrradfreunde. Ein Lesebuch», neulich im Diogenes-Verlag erschienen, verdient allein deshalb besondere Erwähnung, weil sie wunderschön aufgemacht ist: Leinengebunden und mit einer Reihe der allerschönsten Sempé-Velo-Cartoons versehen. Diese und jene Geschichte hat unsereins schon andernorts gelesen. Eine aber ist dem Velofahrer noch nie untergekommen, dabei hat sie der Autor, Hansjörg Schneider (ja, der mit dem Kommissar Hunkeler) schon vor 30 Jahren geschrieben. Dass Schneiders «Lob des Velos» an erster Stelle in dem schönen Bändchen an erster Stelle steht, passt, weil darin auf wenige Zeilen verdichtet ist, was das Verkehrs- und Fortbewegungsmittel Velo ausmacht. Die 2300 Anschläge Velomarketing deshalb nachfolgend im Wortlaut:

Hansjörg Schneider, Lob des Velos

Das Velo ist die sinnvollste Erfindung der letzten 100 Jahre. Es frisst kein Heu. Es glänzt. Du kannst auf ihm durch die Stadt und über Land fahren. Du kannst ziemlich viel Bier trinken und dich auf dem Heimweg am Velo anlehnen. Parkplatzprobleme gibt es keine. Du kannst es überall abstellen. Das Velo macht keine Lärm und stinkt nicht. Wenn du auf ihm durch die Stadt fährst, kannst du laut pfeifen oder singen. Das macht nicht nur dich fröhlich, das steckt auch die anderen Menschen an.

Die Vietnamesen haben den Krieg gegen die USA dank dem Velo gewonnen. Jeder chinesische Vater fährt Velo.

Ferdi Kübler, der grösste Schweizer, war Velorennfahrer. Hopp Ferdi!, und Ferdi spult geduckt über den Gotthard.

Du kannst auf dem Velo einen Korb Äpfel transportieren oder auch ein Mädchen. Wenn dir jemand im Weg ist, kannst du klingeln.

Die meisten Autofahrer hupen, wenn ihnen jemand im Weg ist. Wenn derjenige, der im Weg ist, nicht aus dem Weg geht, überfahren sie ihn. Ein Auto fährt über Menschen, ein Velo nicht. Ein Auto tötet, stinkt, lärmt, ein Velo nicht. Vom Velo herunter winkst du und rufst «Salü», aus dem Auto heraus machst du die Faust und rufst «Arschloch». Das Auto ist klein, aber dein, das Velo ist offen und gehört allen. Das Velo ist wie die Indianer am Aussterben. Man muss ihm helfen.

Am Auto verdien der Hersteller 1000 Franken, am Velo Velo nur 50. Am Auto verdienen die Benzinverkäufer ihr Weekendhaus, ihr Motorboot auf dem See und ihre gewichtige Stimme im Gemeinderat. Am Velo verdienen sie nichts.

Im Auto wird jedermann zum Kleinbürger: Hier komm ich, geht weg! Auf dem Velo wirst du zum freien Menschen.

Das Auto hat die letzten vier Wände, die dem Kleinbürger gehören. Die Wohnung gehört ihm nicht, der Arbeitsplatz gehört ihm nicht, der Park, in dem er spaziert, gehört ihm nicht, nichts gehört ihm ausser dem Auto. Deshalb verteidigt er seine Blechkiste bis zum Äussersten.

Auf dem Velo bist du ein Nomade. Da du dich frei bewegen kannst, hast du keine vier Wände nötig.

In den Strassen unserer Wohnquartiere stehen pro Meter für 1000 Franken Auto. Dafür wird schwer gearbeitet. Der Autobesitzer ist ein Sklave.Er muss verdienen, damit er rollen kann. Er glaubt, er sei frei, wenn er sich in die stehenden Kolonnen einreiht. Auf den Asphaltpisten, die das Land unterteilen, fährt er über Igel, Hasen und Füchse. Da kennt er nix.

Ursprünglich aus: Hansjörg Schneider, «Ein anderes Land», Geschichten, Ammann, Zürich 1982

«Fahrradfreunde. Ein Lesebuch», herausgegeben von Daniel Kampa, Diogenes Verlag, April 2013, Hardcover Leinen, 240 Seiten, ISBN 978-3-257-06863-4, Fr 24.90

Sie sind das Tüpfchen aufs i in der Anthologie «Fahrradfreunde»: Sempés Velo-Cartoons.

Sie sind das Tüpfchen aufs i in der Anthologie «Fahrradfreunde»: Sempés Velo-Cartoons.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine weitere unter vielen Sammlungen von Kurzgeschichten zum Thema Velo. Drei, vier darunter haben mir sehr gut gefallen, aber wie Du schreibst: das Besondere an dem Buch sind die federleichten, liebevollen, ironischen, einfach wunderschönen zeichnungen von Grossmeister Sempé. Lohnt sich!

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    • Schöne Ferien wünsch‘ ich Dir, Velopflock, und wenn Du diesmal nicht das Velo dabei hast (dabei haben darfst), so bleibt Dir dafür mehr Zeit, um solch schöne Büchlein wie dieses zu geniessen.

      P.S.: Randbemerkung: Dein Nickname «Paul Tamburin» lässt freilich annehmen, dass Du gar nicht Velo fahren kannst. Das dürfte wohl aber ein Irrtum sein.

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