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Mein (Elektro-)Velo spricht mit mir

Autos sind fahrende Computer. Schon lange. Elektronik öffnet die Tür, weist den Weg und regelt die Motorleistung. Velos entwickeln sich derzeit ähnlich. Stromgetrieben gibt es sie schon seit Mitte der neunziger Jahre, jetzt wird, zumindest in der oberen Preisklasse, das Smartphone zum Begleiter. Das Stichwort heisst Systemintegration.

Wer ein Elektrofahrrad kaufen und fahren will, muss in dieser Kategorie künftig sein Smartphone dabei haben. Dieses misst – selbstverständlich – die Geschwindigkeit und zählt die Kilometer, ist aber auch Navigationssystem oder, in Verbindung mit einem Brustgurt, Pulsmesser. Gleichzeitig dient das Smartphone als Anlasser und Wegfahrsperre in einem. Beim Smart-E-Bike zum Beispiel (Nachtrag 2016: nicht mehr gültig) aktiviert es nach dem Einsetzen in die Halterung das Antriebssystem. Entnimmt der Fahrer das Smartphone, wird das Bike automatisch abgeschlossen und gegen Diebstahl gesichert. Ausserdem zeigt dieses via GPS-Tracking den Standort des abgestellten E-Bikes an. Wird es gestohlen, schickt es selbstständig eine SMS an den Besitzer.

GPS-Signal hilft bei der Ortung
Ähnliches kann das Top-Modell aus Schweizer Produktion in dieser Hinsicht, der Stromer ST2. Hier heisst das Stichwort Connectivity. Das ST-2 ist ebenfalls mit dem Smartphone oder anderen digitalen Geräten seines Besitzers verbunden. Eine App erlaubt den Zugriff auf die Fahreigenschaften des ST2. Das E-Bike kann ebenfalls per Smartphone mit einer Wegfahrsperre versehen und Bike über den eingebauten GPS-Chip geortet werden. «Das E-Bike hat sogar eine Diebstahlsicherung. Wird es nicht mit dem richtigen Code entsperrt, blockiert der Motor nach 30 Sekunden Fahrt. Gleichzeitig schickt das Bike ein SMS an das Smartphone des Besitzers, dass es gerade gestohlen wird, und über das GPS-Signal kann man feststellen, wo sich das Velo befindet», lobt der Autor eines Online-Artikel im Winterthurer «Landboten». Und: Die Stromer-Macher können über eine Cloud-Funktion sogar System-Updates auf die ST2-Bikes in aller Welt überspielen. In die andere Richtung fliessen Daten zum Hersteller, die es diesem erlauben, das ST2 Velo weiter auf die Bedürfnisse der Kunden zuzuschneiden. Auf Nachfrage von velofahrer.ch betonte der Stromer-Support, die Daten würden nirgends gespeichert: «Erst wenn von Stromer Daten angefragt werden, dann wird auf zugegriffen. Sonst nicht.» Das System diene nur zu einer Ferndiagnose, zu einem Update, zur Ortung eines Diebstahles oder um den Standort zu finden wenn es um ein Problem gehe.

Es kommuniziert mit seinem Fahrer: Das ST2 von Stromer.

Es kommuniziert mit seinem Fahrer: Das ST2 von Stromer.

Das Schloss aktiviert sich automatisch
Eine intelligente Smartphone-Integration kennt beispielsweise auch das GI E-Bike. Diebstahlsicherung und Navigation sind auch hier inbegriffen, weiter aktiviert sich hier das Fahrradschloss sich automatisch, sobald man sich mit dem Smartphone mehr als drei Meter vom GI E-Bike entfernt. Das kommt dem Druck aufs Knöpfchen des Autoschlüssels doch schon sehr nahe. Und das einfache Speichenschloss des «Vollblut»-Flyers, den ich die vergangenen drei Wochen probefahren durfte, scheinen mir für das edle Ding denn doch ein kümmerlicher Schutz zu sein.

Über das Bosch Intuvia-Display und die Panasonic-Displays lässt sich per USB-Kabel ein Smartphone anschliessen und auch aufladen, wobei letztere Funktion vom Nabendynamo her seit längerem existiert. Ein weiteres Beispiel: die Firma Lock8 hat ein Schloss mit GPS Funktion und Smartphone Steuerung entwickelt. Das Ding gibt laute Warntöne von sich, informiert den Halter per App – und ermittelt sogar den Standort des gestohlenen Rades (zitiert aus «Die Welt» online).

Systemintegration kann freilich nicht nur bei E-Bikes neue Funktionen bringen. An der Mailänder Design-Messe 2014 habe ein schlichtes Stadtvelo ohne Schaltung für Aufsehen, meldete der Branchen-Informationsdienst CycleInfo dieser Tage. Das zusammen mit der «Maestro Academy» des Elektronikriesen Samsung entwickelte Fahrrad überrascht mit Kniffen, die vor allem der Sicherheit im Verkehr dienen. Am Hinterbau ist eine Digitalkamera verbaute und ebendort sowie am Steuerrohr sind es je zwei kleine Laser-Pointer. Letztere projizieren einen eigenen Velostreifen auf die Fahrbahn. Die nach hinten gerichtete Kamera zeigt auf dem Smartphone-Display, was hinter dem Fahrer geschieht – quasi als digitaler Rückspiegel. Das Smartphone dient auch als Tacho, hilft bei der Navigation und schlägt bei Velofahrern besonders beliebte Routen vor. Diese soll man auch per simplem Knopfdruck den lokalen Behörden als Velo-Routen vorschlagen können. Auch ein WLAN- und ein Bluetooth-Modul sind an Bord. Die Serienfertigung dieses Fahrrads ist allerdings gemäss CycleInfo noch nicht beschlossen.

Was noch fehlt: Eine App, die meinen Platten behebt…
Welche Nützlichkeiten sind hinsichtlich Computerisierung des Velos sonst noch denkbar? Mein Smartphone könnte auch darauf hinweisen, wenn Ersatzteile E-Bikes fällig sind – etwa der Akku langsam schlapp macht. Gerne-Schräubler wie meine Person schliesslich wünschen sich eine digitalisierte Plattfuss-Behebung: Eine App, die bei Unterschreitung eines gewissen Luftdrucks vorab im Hinterrad automatisch Dichtungsflüssigkeit in dessen Reifen pumpen lässt und die in der linken Strebe eingebaute Druckluftpatrone ihre Arbeit tun lässt.

Denn klar ist: Für jene, die gerne selbst am Velo Hand anlegen, wird dies am Elektrovelo zunehmend schwieriger. Will heissen: Einen Plattfuss am Hinterrad zu beheben, kann bei eingebauten Nabenmotor, Scheibenbremse und all den Verkabelungen zur Herausforderung werden, die man besser dem Fachmann überlässt. Der freilich unterwegs nicht an der nächsten Hausecke wartet. Doch Schräubler dürften auch nicht die angepeilte Zielgruppe von Herstellern wie Stromer sein. Die Marke strebe «nichts weniger als einen Spitzenplatz im E-Bike-Markt an» und wolle zudem «zum Pendant der Elektro-Auto-Marke Tesla werden», kommentiert Pete Mijnssen, Herausgeber und verantwortlicher Redaktor des «Velojournal».

Das Visiobike ist ein weiteres Beispiel für ein E-Bike mit Systemintegration:

 

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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