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Zu Velofahrern gibts kein Näherfahrrecht

Abstand macht sicher - auch die Autofahrer: Kampagnenplakat der österreichischen Velolobby (radlobby.at).

Wer sein Häuschen näher an des Nachbars Grundstück setzen will, als es das Gesetz zulässt, muss sich das Näherbaurecht erhandeln. Auf der Strasse nehmen sich dieses viele Autofahrer Velofahrern gegenüber selbstredend. Sie halten nicht einmal einen Mindestabstand ein. Pro Velo Thurgau hat deshalb eine Kampagne gestartet, mit der die Organisation «ein Gesetz für einen Mindestabstand von 1,5 m beim Überholen eines Velos» fordert. Denn: «Abstand ist Anstand!»

  • Dazu kann ich aktuell drei Erfahrungen beisteuern. Vergangene Woche, Montag, die für Velofahrer höchstgefährliche Y-Verweigung am Luzernerhof in Luzern. Weil ich nach links halten muss, fahre ich in der Mitte. Einmal mehr werde ich hier aber knapp rechts überholt. Mein wütender Blick durchs Seitenfenster wird meist schulternzuckend quittiert.
  • Am Abend, auf dem Heimweg; Urswil, der Weiler zwei Kilometer vor meinem Daheim. Längst ein Schleichweg für Autopendler, welche die Hauptstrasse meiden. Si überholen in der langgezogenen S-Kurve trotz Gegenverkehr und schlechter Sicht. Ein Lieferwagen muss schon nach halbem Manöver wieder scharf rechts halten drängt mich haarscharf an die Trottoirkante. Ein Kind wäre gestürzt und unter die Räder geraten. Ich kann bestätigen, was das Thurgauer Pro-Velo-Vorstandsmitglied Eddie Kessler feststellt: Je näher man am Rand fährt, desto knapper wird man überholt. Ich pedale seit dem Erlebnis vergangene Woche konsequent beinahe in der Fahrbahnmitte.
  • Zwei Tage später, einen Kilometer vor Urswil, hier fahre ich auf einer schmalen Güterstrasse, die eigentlich dem Landwirtschaftsverkehr vorbehalten sein müsste. Ein schwarzer Golf überholt mich derart knapp, dass mich sein Rückspiegel so gut wie streift. Ich verwerfe die Hände (aber ohne Stinkefinger…), der Fahrer nimmt dies wahr und bremst, ich freu‘ mich schon, im die Sache erklären zu können. Er fährt dann aber weiter. In Klammern: Ich hätt‘ ja auch einen (langsamen) Traktor fahren können.

«Höchste Zeit, dass sich da was tut. Aber zuerst gilt es, das Problem überhaupt mal anzusprechen und ernst zu nehmen», sagt die Thurgauer Pro-Velo-Präsidentin Vera Zahner. Die Kampagne «Abstand ist Anstand» will deshalb vorab sensibilisieren. «Ob mit weniger oder mehr Abstand überholt werden soll, kommt auf Umstände wie Geschwindigkeit oder Nässe an. 1,5 m haben sich als guter Durchschnitts- und deshalb Richtwert erwiesen», gibt Pro Velo Thurgau den Massstab vor. Die Kampagne ist deshalb im Web unter der Adresse www.1m50.ch erreichbar. Wer sie über die Sozialen Medien unterstützen will, gebraucht den Hashtag #abstandistanstand.

Fakten zur Problemlage gibt es genug, sie sind alle auf 1m50.ch gesammelt. Tatsache ist: In der Schweiz beklagen sich zwei Drittel der Velofahrenden darüber, dass sie zu eng überholt werden. Dies hat die «Nationale Befragung zur Sicherheit beim Velofahren» ergeben. An dieser war nicht etwa nur die Velolobby beteiligt, sondern es machte auch BfU, Suva und TCS mit. Hinzu kommt: Die Schweiz sei betreffend Überholabstand eine kleine Insel. (Fast) alle Länder runderum kennten einen gesetzlichen Mindestabstand oder seien daran, einen einzuführen, schreibt Pro Velo Thurgau.

Die Kampagne «Abstand ist Anstand» ist eine Initiative der Pro Velo Thurgau. Als kleiner Verein, der den grössten Teil seiner Mittel in Velofahrkurse für Kinder steckt, ist auf Spenden angewiesen. Wie und wo man sein Scherflein beisteuern kann, steht im Kasten rechts auf der Startseite von www.1m50.ch. Mit dem eingenommenen Geld will sich Pro Velo Thurgau nicht nur für ein verbindliches Gesetz engagieren, sondern auch dafür sorgen, dass die Botschaft «Abstand ist Anstand»  im ganzen Land gehört wird. Dafür braucht es Werbe- und Aktionsmaterial sowie viel Medienaufmerksamkeit. Am 18. November 2017 findet in Solothurn einen Workshop zum Thema statt.content here…

P.S.: Vielleicht lässt sich die SUVA dazu bewegen, sich in diesem Thema ebenfalls zu engagieren. Der Unfallversicherer würde sich damit gewiss mehr Freunde machen als mit diesem unsäglichen Video.

 

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was ich da die letzten Tage in Leipzig überlebt hab… Nach meiner Wahrnehmung haben die Autofahrer das Gefühl die Straße sei für sie gebaut
    und alle die nicht in Blech-Karossen sitzen und mit mindestens 50km/h unterwegs sind hätten da nix zu suchen.

    Ich vermute: mehr Velofahrer auf den Straßen würden das Problem mit dem wenigen Überhol-Abstand minimieren (was übrigens NIX mit Anstand zu tun hat, wie die Kampagne meint).

    Um mehr Zwei-Räder auf die Straßen in Leipzig zu bekommen soll ein Experiment gestartet werden, was noch Unterstützung nötig hat. Zu finden etwa unter visionbakery.com
    Schöner Blog den Du da hast!

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