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Die NZZ kann nicht Velo fahren. Das heisst: sie will nicht

131027_cyclinfoDie Veloförderung bringe nichts: Sie koste viel, aber deswegen werde nicht mehr Velo gefahren – im Gegenteil, behauptete die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer Ausgabe vom 21. Oktober 2013. Eine platte, unbelegte Polemik, für welche die Zeitung nicht einmal bei der Pro Velo eine Stellungnahme einholte. Der Velofahrer veröffentlicht nachfolgend als Gastbeitrag den Bericht und Kommentar von Cyclinfo-Chefredaktor Urs Rosenbaum dazu. Wie Rosenbaum gegenüber dem Velofahrer erklärte, wurden die von Cyclinfo zum Onlineartikel abgegebenen Leserkommentare nicht veröffentlicht, und die direkte Konfrontation der beiden Schreibenden mit der Kritik habe nur zu einer unverbindlichen Rückmeldung geführt.

Cyclinfo ist ein unabhängiger Informationsvermittler für die Schweizer Fahrradbranche, der mit einem wöchentlichen Newsletter und einem gedruckten Magazin die Branche stärken will. Urs Rosenbaums Bericht und Kommentar wurden auf www.cyclinfo.ch am 23. Oktober online geschaltet.

Der Beitrag von Urs Rosenbaum im Wortlaut:

NZZ lädt gegen Veloverkehr nach

Die politische Förderung des Veloverkehrs ist der NZZ weiter ein Dorn im Auge. Erneut kritisiert die Zeitung diese als übertrieben und greift dafür auf abgegriffene Fehlüberlegungen und neue unsinnige Argumente zurück.

Noch bevor Pro Velo Schweiz mit der Sammlung von Unterschriften für die Velo-Initiative beginnt, bringt sich die NZZ dagegen in Stellung. Die darin geforderte politische Aufwertung des Veloverkehrs widerstrebt dem bürgerlichen Zürcher Medienhaus nicht zum ersten Mal. Bereits im Sommer hatte die «NZZ am Sonntag» die Förderung des Veloverkehrs madig zu machen versucht (Cyclinfo berichtete).

Nicht ganz überraschend greift die NZZ in ihrem Artikel von Anfang dieser Woche auf dieselben Argumente zurück, mit denen das Schwesterblatt bereits das Sommerloch zu überbrücken versucht hatte. Der wachsende Wille der Politik, sich für das Velo im Verkehr einzusetzen sei eine übertriebene Förderung einer Randgruppe, behauptet die Tageszeitung. Um dies zu untermauern, interpretiert sie die Zahlen des nationalen Mikrozensus und des Mobilitätsvergleichs zwischen den grössten Schweizer Städten zu ihren Gunsten.

Nicht berücksichtigte Tatsachen

Die beiden NZZ-Journalisten Daniel Gerny und Erich Aschwanden berufen sich darauf, dass die durchschnittliche Velo-Nutzung pro Kopf in zwischen 2000 und 2010 von 900 auf 800 Meter abgenommen hat und folgern daraus, dass weniger Velo gefahren wird. Dabei übersehen sie grosszügig, dass während dieser Zeit die Wohnbevölkerung um rund 9 % zugenommen hat. Ein Grossteil davon stammt aus europäischen Ländern mit einer minimalen Veloverkehrskultur (z.B. Spanien, Portugal, Italien, Balkan-Länder) und entsprechend wenig bis gar nie steigt diese neu hinzugekommene Bevölkerungsgruppe in den Sattel. In die Verkehrsstatistik übertragen bedeutet das, dass die durchschnittliche Veloverkehrsnutzung sinkt, auch wenn die bisherigen Velonutzer ihr Verkehrsverhalten nicht ändern.

Dass nicht mehr Leute neu aufs Velo steigen, hat auch seine Gründe: Der Mikrozensus weist auch nach, dass der Autoverkehr in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Entsprechend enger wird der Platz auf den Strassen, was dem Velofahrer als schächstem Verkehrsteilnehmer auf der Fahrspur am meisten zu schaffen macht. Verschiedene Studien, unter anderem der Baloise Versicherungen, zeigen deutlich auf, dass viele Leute das Velo nicht nutzen, weil sie sich im Verkehr unsicher fühlen. Eine bessere Infrastruktur für den Veloverkehr würde dagegen helfen.

Bumerang-Argumente

Das zeigen all die Städtebeispiele, in denen oft Velo gefahren wird: Orte wie Kopenhagen, Amsterdam und Münster besitzen ein ausgebautes Veloweg-Netz, das schnelle und sichere Fahrten erlaubt. Dass in der Schweiz ähnliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, bekämpft die NZZ aber. Ihr Argument, dass die Schweizer Städte im Vergleich zu den europäischen Velometropolen abgeschlagen zurückliegen und folglich eine Verbesserung der Veloverkehrsinfrastruktur übertrieben ist, erweist sich daher als Bumerang: Es gibt keine besseren Beweise dafür, dass sich die Förderung des Veloverkehrs mit Infrastrukturmassnahmen lohnt als die deutschen, holländischen und dänischen Musterbeispiele mit hohem Anteil von Velos im Strassenbild.

Vergleiche ohne Wert

Noch haltloser wird die Argumentation, wenn die NZZ-Journalisten sich auf konkrete Preisvergleiche einlassen. Da werden tatsächlich die Kosten für einen Standplatz im geplanten Zürcher Veloparkhaus am Hauptbahnhof mit den Sitzplatzkosten im Fussballstadion verglichen, das vor kurzen aus Kostengründen an der Urne abgelehnt wurde. Angemessen wäre hingegen ein Vergleich mit den Kosten eines Auto-Parkhauses. Dort muss allerdings mit 50’000 bis 80’000 Franken pro Stellplatz gerechnet werden. Im Verhältnis dazu sind die rund 7700 Franken für einen Veloplatz in der geplanten unterirdischen Anlage rund sechs- bis zehnmal günstiger.

Kommentar

Wenn eine Zeitung mit so unausgegorenenen Argumenten Sachlichkeit vorzutäuschen versucht, verstärkt sich der Verdacht, dass sie nicht informieren, sondern Stimmung machen will. Schade ist, dass dies dann von anderen Tagesmedien wie dem Blick übernommen und praktisch vorbehaltslos nacherzählt wird.

Die NZZ reiht sich mit dem aktuellen Bericht in die Stimmen ein, die seit diesem Jahr verstärkt Stimmung gegen den Veloverkehr machen. Dabei gäbe es eigentlich kaum Gründe dafür: Das Velo ist leise und sauber, braucht weniger Platz und kostet den Staat erst noch weniger als der motorisierte Individualverkehr. So gesehen, hat das Velo eigentlich keine Feinde. Ausser, man verdient sein Geld mit dem Auto, und hat daher ein Interesse daran, dass dieses nicht durch unliebsame Konkurrenz auf der Strasse behindert wird. Im weiteren Sinne gehören auch Tageszeitungen dazu, zu deren besten Werbekunden die Hersteller von motorisierten Fahrzeugen gehören.

Wird ein einzelner Bericht verfasst, der gegen das Velo Stimmung macht, spielt dies aber höchstwahrscheinlich eine untergeordnete Rolle. Viel gewichtiger ist, dass die entsprechenden Schreiber im Produktionsdruck nur auf die Argumente zurückgreifen, die ihnen leicht verständlich von Pressestellen und Interessensvertretern zugeschoben werden.

Unter diesen Vorzeichen erscheint es umso wichtiger, dass die Fürsprecher des Velos eine schlagkräftige Kommunikation aufbauen, um mit korrigierenden Fakten diesem aufkommenden Anti-Velo-Trend Gegensteuer zu geben. Das sollte auch im Interesse der Velobranche sein. Denn sie lebt nicht nur von den Radsportlern, sondern wachsend auch von Alltagsfahrern. Denn während Erstere immer lieber und öfter im Internet nach dem tiefsten Preis fragen, können die Zweitgenannten mit zuverlässigen und sicheren Produkten für den täglichen Gebrauch leichter als Kunden gepflegt werden. Für sie ist das Velo ein pragmatisches Mittel zum Zweck, für das sie nicht extra stundenlang durchs Netz klicken und sich die Hände schmutzig machen wollen. Und dieses Kundensegment würde es wohlwollend zur Kenntnis nehmen, wenn sie im Verkehr unterstützt wird von der Branche, die mit ihnen ihr Geld verdient.

Welche Massnahmen sind notwendig, um das Velo wieder in ein besseres Licht zu rücken? Ihre Meinung interessiert uns! Leserkommentare werden auf mail@cyclinfo.ch entgegengenommen. (Ergänzung: Oder können hier auf www.velofahrer.ch platziert werden.)

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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