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Nur mit Ökostrom pedaliert sich guten Gewissens

Elektrovelos sind vielen Grünen nicht grün genug. Wirklich? Ich habe im Mai vom «Zeitpunkt» den Auftrag erhalten, dieser Frage nachzugehen. Im Juni hat mir Hersteller Flyer für die Recherchen während drei Wochen eines seiner Spitzenmodelle zur Verfügung gestellt; diese Woche ist der Artikel erschienen. Ich veröffentliche ihn auch hier und verbinde dies mit einer herzlichen Empfehlung, den «Zeitpunkt», die Zeitschrift «für intelligente Optimistinnen und konstruktive Skeptiker», wie sie sich im Untertitel nennt, zu abonnieren.


Das Elektrovelo ist der Ausweg (die Ausfahrt) aus dem Verkehrschaos. Es schlägt Bahn und Bus locker und ist so sauber unterwegs wie kein anderes Motorfahrzeug. Aber nur, wenn es grün betankt wird.

Im Juni fuhr ich drei Wochen mit einem 500-Watt-Motor im Hinterrad zur Arbeit: Um halb sieben aus dem Haus, 18 Kilometer beschwingtes Pedalen, um viertel nach im Büro. Mit dem Zug und zu Fuss brauche ich sonst eine Stunde. Einmal donnerblitzt und schüttet es abends. Ich packe mich wasserdicht ein, drücke aufs Knöpfchen und flute guter Dinge nach Hause.

Auf meinem Arbeitsweg von Hochdorf nach Luzern schluckt ein Auto mit sechs Litern Treibstoffverbrauch knapp 1,1 Liter. Mit dieser Menge fährt ein Elektrovelo fast 1100 Kilometer weit. Es braucht umgerechnet einen Deziliter Benzin pro 100 Kilometer. Velo und Elektrovelo sind die wirkungsvollsten Transportmittel.

Auch wer duscht, braucht Strom

Einverstanden, heisst es dazu beim VCS. Unter drei Bedingungen: Der Strom muss aus erneuerbaren Quellen stammen; die Rohstoffe für die Batterien müssen sozial- und umweltverträglich gewonnen und verarbeitet werden, und Elektrovelos sollten benzinbetriebene Mobilität ersetzen. «Wenn jemand mit dem E-Bike statt dem Auto zur Arbeit fährt, ist dies zu begrüssen», sagt Mediensprecher Gerhard Tubandt. «Weniger sinnvoll ist hingegen, wenn das E-Bike aber bloss ein zusätzlicher Mobilitätsfaktor ist, wie ein Zweitwagen.»

Genug Ökostrom vorhanden

Dieser Aussage pflichtet Bernhard Schneider von Newride bei, jenem Programm, mit dem Kantone und Gemeinden in Zusammenarbeit mit dem Bund den Einsatz von Fahrzeugen fördern, die wenig Energie verbrauchen. Schneider wendet allerdings ein, es sei «wichtiger, das Velo wirklich einzusetzen, als die Frage, ob es einen Motor hat oder nicht.» Wer mit dem gewöhnlichen Velo pendelt und nachher warm duscht, braucht mehr Energie als jener, der dies mit Hilfsmotor tut, dafür im Anzug ins Büro pedalen kann. Und: Im Vergleich zum gesamten Verkehrsaufkommen und den Problemen rund um den motorisierten Individualverkehr ist der Mehrverkehr, den Elektrovelos verursachen, gering.

Ungeachtet dessen: Der ab und an gehörte Vorwurf, die Elektrifizierung des Velos führe die Forderung nach der Energiewende ad absurdum, sticht nicht.

Der Verkehr macht am gesamten Stromverbrauch in der Schweiz nur rund fünf Prozent aus. Wie viel «Pfuus» die Elektrovelos verbrauchen, hat Regina Bulgheroni von der Arbeitsgruppe Ökostromvignette » ausgerechnet, einer Initiative von Interessenvertretern im Bereich Umweltschutz und Elektro-Mobilität. Seit 2007, als der Verkauf so richtig anzog, wurden in der Schweiz um die 230‘000 Elektrovelos verkauft. Wenn pro Velo rund 5000 Kilometer jährlich zurückgelegt werden (eine hohe Annahme) und eines 1 Kilowattstunde Strom auf 100 Kilometer verbraucht, ergibt dies einen jährlichen Verbrauch für alle Elektrovelos von 11,5 Gigawattstunden. Zum Vergleich: Die Photovoltaik-Anlagen in der Schweiz speisen insgesamt rund 350 Gigawattstunden pro Jahr ins Netz. Das AKW Leibstadt produziert jährlich rund 9000 Gigawattstunden. Für die Elektrovelos reicht also allein der Sonnenstrom bei weiten oder werden nur 0,1 Prozent der gesamten jährlichen Produktion von Leibstadt verbraucht.

Das ist zwar wenig, darf aber nicht als Argument fürs Elektrovelo gelten. Denn die Wahl des Stroms, mit dem ein Elektrovelo betrieben wird, ist entscheidend für seine Klimabilanz. Sprich: Kohlestrom, wie er auch aus unseren Steckdosen fliesst, geht. Aber passt nicht.

Ökostromvignette lösen

Wer also mit Motor unterm Sattel pedaliert, kann dies nur dann guten Gewissens tun, wenn er auf grünen Strom setzt. Das geht am einfachsten mit dem Kauf einer Ökostromvignette für 100 Franken im Jahr. Damit ist dafür gesorgt, dass für den entsprechenden Betrag Ökostrom produziert wird.

Doch selbst mit Kohlestrom schneidet ein Elektrovelo viel besser ab als ein Töffli oder herkömmliches Auto. Bernhard Schneider von Newride erklärt: «Die Fahrzeugherstellung fällt beim E-Bike mehr ins Gewicht als die vergleichsweise geringe Belastung durch den Betrieb. Ein Karbonvelo hat deshalb nicht unbedingt die bessere Ökobilanz.» Grund: Es braucht sehr viel Energie in der Herstellung.

Für Schneider sind Elektrovelos zudem sinnvolle «Zweitwagen», weil sie die Luft nicht verdrecken. Denn bei Autos funktioniere der Katalysator erst richtig, wenn der Motor warm sei, was auf den oft wenige hundert Meter kurzen Strecken zum Einkauf nicht erreicht werde. Das bedeute: Mehrmals Kaltstart und ungefilterte Abgase. Sein Fazit: «Wenn das E-Bike ein Motorfahrzeug ersetzt, ist die Ökobilanz in jedem Fall ökologisch besser. Ersetzt es ein Velo, kommt es auf die Ökobilanz der Stromherstellung und die Verpflegung des Fahrers an.»

Der Autor dankt der Firma Biketec in Huttwil für das Testvelo, den Flyer «Vollblut».

Quellen:

  • www.oekostromvignette.ch
  • www.newride.ch
  • www.velosuisse.ch
  • www. swissolar.ch

 

500 Watt im Hinterrad machen Rad und Radler munter: Das Flyer «Vollblut».

500 Watt im Hinterrad machen Rad und Radler munter: Das Flyer «Vollblut».

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Spannender Artikel und Studie über die Auswirkungen von E-Bikes in der Schweiz. Auszug: „Die Fahrleistung der E-Bikes in der Schweiz betrug im Jahr 2013 rund 595 Millionen Kilometer. Davon sind rund 94 Millionen Kilometer Neuverkehr. Die übrigen 501 Millionen Kilometer sind substituiert von anderen Verkehrsmitteln (Auto: 223 Millionen Kilometer, öffentlicher Verkehr 131 Millionen Kilometer, klassisches Fahrrad 94 Millionen Kilometer, motorisierte Zweiräder und Fussverkehr 53 Millionen Kilometer).
    Für die gesamte Schweiz resultieren im Jahr 2013 Einsparungen von rund 681 Terajoule (TJ) und rund 42‘000 Tonnen CO2-Äquivalenten (CO2equ). Dies entspricht rund 0.4 Prozent der Treibhausgasemissionen von Personenwagen ausgedrückt in CO2equ im Jahr 2010. Die Einsparungen stammen primär aus der Verlagerung von Autokilometern zum E-Bike (669 TJ Primärenergie und 40‘000 Tonnen CO2equ). Die zusätzlich mit dem E-Bike zurückgelegten Kilometer (Neuverkehr) wirken sich praktisch nicht aus. Sie verringern die Einsparungen um lediglich 3.5%.“
    https://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=de&msg-id=54695

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