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Elterntaxi statt Velo: fragt auch jemand nach den Gründen dafür?

Der Schulweg ist ein Ort der Begegnung und Erlebnisse - wenn er sicher ist. (Bild: www.pd-f.de / Kay Tkatzik)

Als ich ein Bub war, durften nur jene Kinder mit dem Velo zur Schule, die weiter als einen Kilometer davon entfernt wohnten. Heute wird schon von Mami gefahren, wer bloss einen Steinwurf weit hat. Früher kontrollierte der Herr Lehrer, ob jemand verbotenerweise das Velo nehme. Heute rufen Schulleitungen, Polizei und VCS Jahr für Jahr im August die Eltern dazu auf, die Kinder zu Fuss zur Schule zu schicken und sie nicht im Auto zu chauffieren. Elterntaxis seien kontraproduktiv und gefährdeten ausserdem andere Kinder vor den Schulhäusern, schreibt der Verkehrsclub in seiner aktuellen Medienmitteilung.

Das trifft zu und die Aufforderung ist angebracht. Aber auch Augenwischerei. Eltern, die ihre Sprösslinge motorisiert ins Klassenzimmer fahren, handeln zwar, von Ausnahmen abgesehen, verantwortungslos. Aber aus ihrer Sicht aus gutem Grund: Weil ihnen der Schulweg für ihr Kind zu gefährlich scheint. Damit machen sie ihre Chauffeurdienste zum kritisierten Symptom, dessen Ursache freilich kein Aufruf, das Auto doch bitte in der Garage zu lassen, beim Namen nennt: Der dichte Verkehr nämlich, der den Schulweg mitunter zur Überlebensübung macht.

Der Schulweg sei wichtig, sagt der Schulleiter einer Luzerner Landgemeinde in der «Neuen Luzerner Zeitung» vom 10. August 2015. Er biete den Kindern «viele Erlebnisse und eine Möglichkeit, selbstständiger zu werden». Zudem lernten die Schüler «nur so mit den Gefahren des Strassenverkehrs umzugehen». Dies trifft ebenfalls zu, aber die Aussage ist eine Zumutung für die Kinder: Die schwächsten Verkehrsteilnehmer haben sich bitte sehr damit abzufinden, was ihnen die starken aufzwingen.

Früher durften wir nicht mit dem Velo zur Schule. Wenn heute Kinder dies nicht einmal mehr zu Fuss tun, sondern von ihren Eltern gefahren werden, ist dies nicht bloss eine Frage der Bequemlichkeit oder Unvernunft, sondern auch Folge des ungebremsten Verkehrswachstums, das viele Schulwege von der Begegnungs- zur Kampfzone gemacht hat.

Der Schulweg als «grosses Erlebnis»?

Denn so, wie es die Journalistin in einem Meinungsbeitrag beschreibt, der am Folgetag in der gleichen Zeitung erschien, verhält es sich eben gerade nicht – oder zumindest häufig nicht mehr: «Der Schulweg bietet (…) weitaus mehr als intellektuelle und soziale Entwicklung. Vor allem für die Kleinsten in unserem Schulsystem ist er ein grosses Erlebnis. Sie entdecken die Umwelt. Beobachten Schnecken. Sammeln Gräser. Riechen an Blumen. Erfahrungen, die sie brauchen, um die Welt um sie herum verstehen zu lernen.» Ende Zitat.

Der Schulweg sollte in der Tat ein «grosses Erlebnis» sein. Dazu muss er allerdings sicher sein. Sonst geht bald kein Kind mehr zu Fuss oder schwingt sich in den Sattel. Aufrufe, das Elterntaxi in der Garage zu lassen, sind zwar verständlich, aber sie greifen zu kurz. Verkehrserziehung fängt im Kindergarten an. Verkehrspolitik aber auch.

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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