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«Cargobike Boom»: Muntermacher für die Verkehrswende

Lastenvelo zu fahren macht auch Spass: Am Rand des Urban Bike-Festivals in Zürich am 7. April 2018 in Zürich. | © 2018 Dominik Thali

Lastenvelos – Cargobikes unter Fachleuten – könnten in den Städten 25 Prozent aller Güter transportieren, von den leichten Gütern sogar die Hälfte. Die technischen Lösungen dafür gibt es – darüber ist jetzt ein Buch erschienen. Der politische Wille, um sie auch auf die Strasse zu bringen, ist hingegen noch wenig wahrzunehmen.

«Cargobike Boom. Wie Transporträder unsere Mobilität revolutionieren» heisst das Standardwerk von Jürgen Ghebrezgiabiher und Eric Poscher-Mika, und der entscheidende Satz steht fast ganz am Schluss. Es brauche nicht nur «qualitativ hochwertige und den Bedürfnissen der Nutzer gerechte Fahrzeuge», schreibt Poscher, «sondern auch jene Menschen, die die Vision einer lebenswerten Stadt und nachhaltiger Mobilität teilen, ausprobieren oder umsetzen und damit ganz praktisch – auf der Strasse – diese Prozesse in den bestehenden gesellschaftlichen und sozioökonomischen Wandel integrieren».

Für die urbane Mobilitätswende

Will heissen: Es braucht Menschen in der Politik, Städte- und Verkehrsplanung, in Unternehmen und Verwaltungen, die den Stau nicht mit mehr Strassen und Parkplätzen noch verlängern, sondern auf Lösungen setzen, welche die Städte den Menschen zurückgeben und – siehe da! – auch der Wirtschaft nützen. Der Mobilitäts- und Zukunftsforscher Stephan Rammler schreibt im Vorwort von «Cargobike Boom»: «Das Rad ist heute zunehmend ein modernes und sehr leistungsfähiges Hochtechnologieprodukt. Das macht seinen massenhaften Einsatz für den urbanen Warentransport nicht nur kostengünstig, schnell und flexibel möglich, sondern angesichts der Wachstumsprognosen des Warenumschlags auch unbedingt nötig – vorausgesetzt, Effizienz und Nachhaltigkeit sind akzeptierte Ziele der urbanen Mobilitätswende.»

Den Beitrag, den Lastenvelos dazu leisten können, hat das EU-Projekt Cyclelogistics schon vor vier Jahren aufgezeigt (Factsheet). Danach können in den Städten die Hälfte der leichten Güter und ein Viertel aller Güter transportiert werden. Der Beitrag der beiden Autoren von «Cargobike Boom» ist es, «die Entwicklung in diese richtige Richtung zu unterstützen, Pioniere zu zeigen, Vorbilder und Good Practice darzustellen», wie Remmler weiter schreibt. Dies erzeuge Transparenz, Wissenstransfer und vor allem hoffentlich den Wunsch, mitzumachen an dieser zweiten Erfindung des Zweirads».

Zwei Jahre auf Sammelfahrt

Dafür treten Juergen Ghebrezgiabiher und Erik Poscher-Mika seit gemeinsam in die Pedale. Poscher ist Mitbegründer eines der ersten, reinen Transportradläden in Deutschland (www.rad3.de). Die Begegnung mit Ghebrezgiabiher vor vier Jahren war Zufall, die beiden fanden sich, begannen miteinander an Lastenvelos zu schrauben und fassten miteinander den Plan, ihr inzwischen immenses Wissen darüber als Buch herauszugeben. Zwei Jahre schrieben sie daran, sammelten über ein Crowfunding erfolgreich Geld dafür und fanden Ende 2017 in der ebenso fahrradbegeisterten Maxi Kutschera vom Maxime-Verlag die passende Verlegerin.

Herausgekommen ist am Ende ein Buch, in dem alles drin steht, was es über Lastenräder derzeit zu wissen gibt: deren Geschichte und Bauformen, gesetzliche Vorschriften, elektrische Antriebe, besondere Cargobikes wie Rikschas oder Kaffee-Fahrräder und natürlich Transportmöglichkeiten. Gespräche mit Pionieren, Kurieren und Rahmenbauern, Berichte aus Amsterdam und Kopenhagen sowie eine umfassende Marktübersicht runden «Cargobike Boom» ab. «Wir zogen los», erzählt Ghebrezgiabiher, «befragten Menschen, sammelten Geschichten und Informationen und hauten uns Details, Informationen, Erzählansätze und Ausgestaltung um die Ohren, um möglichst nah ranzukommen an unser Thema.» Er und Ghebrezgiabiher wollten Transporträder «nicht nur als technische Produkte vorstellen, sondern als Inspiration für Macher, Veränderer, Hersteller, Designer, Kreative und Nutzer», die sie während ihrer Recherechen immer wieder selbst kennenlernen durften.

Wenig einladend gestaltet

Diese Vielfalt fasziniert, die Füller ist Machern und Verlag freilich auch zum Verhängnis geworden. «Cargobike Boom» ist gestalterisch ein eher trockenes Kompendium, ausserordentlich textlastig und trotz der vielen Bilder eine wenig einladende Lektüre, weil diese fast durchwegs briefmarkenklein sind. Der braune Umschlag wirkt ältlich und der Cartoon auf der Titelseite vermittelt ein Bild, das es aus den Köpfen ja zu verbannen gilt: Wer Lastenvelo fährt, ist eben gerade kein verrückter Kerl. Schliesslich: Die Themen und Kapitel folgen zudem schlüssigen Konzept. Weshalb zum Beispiel ist das hinsichtlich Verkehrspolitik überaus wichtige Kapitel «Wem gehört der öffentliche Raum?» zwischen jenem über Kaffee-Fahrräder und Eric Poschers Fern-Lastentransportfahrten platziert?

Das ist schade. Straffung, Verzicht und ein grosszügigeres Layout hätten dem Werk gut getan; es erreicht bei dieser Aufmachung just jene Personen, die es – siehe oben – lesen müssten, kaum. Eh schon Überzeugte wie mich hingegen – und damit genug gerüffelt – hingegen schon. Eine Leseempfehlung gebe ich deshalb gerne ab.

Juergen Ghebrezgiabiher und Eric Poscher-Mika: «Cargobike Boom. Wie Transporträder unsere Mobilität revolutionieren»; Maxime-Verlag 2018, 224 Seiten, Softcover, Fadenheftung, 17,0 x 24,0cm, durchgehend farbig bebildert, ca. Fr. 30.-; ISBN 978-3-906887-04-3, im Buchhandel oder über fahrradbuch.de

Autor:

...geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

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