Algorithmisch Velo fahren oder: wie digital solls denn sein?

Also ich weiss nicht recht… Wie viel Stromgespiesenes habt ihr denn unterwegs so dabei? Der Drahtesel, das österreichische Fahrradmagazin, berichtet in seiner neusten Ausgabe unter dem Titel «Schlaue Stücke» über Digitales fürs Velo, und ich frag mich gerade, wie schlau ich einen Helm finde, der es mir, oh Wunder, erlaubt, unterwegs dieselbe Musik zu hören wie meine Fahrpartnerin (sofern sie denn auch solch einen schlauen Helm hat). Oder der mir die akustischen Google-Maps-Hinweise direkt ins Ohr spricht. Ferner hat der Drahtesel so eine Brille mit Augmented Reality getestet, was auf Deutsch erweiterte Realität heisst,  und die einem Informationen aufs Brillenglas projiziert. Die erweiterte Realität verursacht also gewissermassen eine Bildstörung der wirklichen Realität, aber der Autor findet das Ding «lustig», auch deshalb, weil man «mit dem Raptor fotografieren kann, ohne anhalten und Gerätschaften rauskramen zu müssen». Eine Seite weiter hinten begeistert sich ein anderer Tester für einen Radcomputer, der zwar wunderschön aussieht, aber nur drum, weil er auf analog macht, gegen 600 Franken kostet und viel weniger kann als jedes 40-Franken-Ding aus dem Handel.

Passwort bitte!

Also ich weiss nicht recht… Ein Helm, der Batterie braucht? Eine Brille, die mich zum pedalierenden Hotspot macht? Ein Kilometerzähler, der nur auf 100 zählen kann? Wer stellt all das Zeugs her, womit und unter welchen Bedingungen, und wer entsorgt es wieder? Werden wir dereinst ohne Passwort und Bestätigungscode überhaupt noch lospedalen können?

Wie hast du es so mit den vermeintlichen Unentbehrlichkeiten unterwegs? Diese Frage stellt auch der Drahtesel: «Was ist nützlich und was ist ein Verkaufsschmäh, der den simplen Genuss des Radfahrens bloss verkompliziert?»

Ich habs mit dem Geniessen und fahre Velo gerade deshalb, weils nicht kompliziert ist. Der Autor und Velograf Thomas Bochet spricht vom Akkustress und digitaler Belastung. Ich zitiere aus seinem Buch «Von Menschen und Rädern», das seine Tour zu europäischen Rahmenbauern beschreibt, die er im Auftrag des Zürcher Velo-Feinwerkers Röbi Stolz unternommen hat:

«Ich will mich [unterwegs] auf Interaktionen mit der Umgebung einlassen. Die Elektronik kommt aber auch so nicht zu kurz, die digitale Gesellschaft fordert ihren Tribut: Kamera, Fahrradcomputer, Tablet, Handy, Powerbank. Der Akkustress ist bereits absehbar.»

«All die elektronischen Geräte», die er mitgeführt habe, hätten ihn am meisten belastet, schreibt Pochet, …

«…denn sie fressen enorm Aufmerksamkeit und ganz wörtlich Energie, wollen ständig mit Strom gefüttert werden. Würde ich sie nicht zum Arbeiten brauchen, würde ich versuchen, sie drastisch zu reduzieren.»

Ich selbst fahre auf Touren, deren genaue Führung ich noch nicht kenne, was meistens der Fall ist, ohne GPS, sondern mit Karte. Das Smartphone nutze ich, wenn ich nicht genau weiss, wo ich bin und welchen Abzweiger ich nehmen muss. In Karten kann ich mich unterwegs lange vertiefen… Weiter schätze ich die Möglichkeit, das Smartphone über den Nabendynamo ständig laden zu können. Das mindert den Akkustress. Wichtiges elektronisches Gerät ist die Kamera, für deren Batterie es aber immer irgendwo eine Lademöglichkeit gibt.

Das ists auch schon. WLAN schätze ich; aber schätze es aber auch, offline gezwungen zu werden und alsbald zu merken, wie es meinen Geist befreit, abgekoppelt zu sein. Ich erliege nicht einmal mehr dem früheren Zwang, die Tageszeitung zu kaufen, wo und in welcher Sprache auch immer.

Der VDO-Kilometerzähler von der Gotte

Nachsatz: Ich habe die Kamera als wichtigstes elektronisches Gerät unterwegs bezeichnet. Höchst verzichtete ich natürlich auch auf den Kilometerzähler, für den ich stets Ersatzbatterien mitführe.

Die ersten die es davon gab, die es gab, hiessen Kilometerzähler, weil sie nichts anderes taten und konnten, als eben Kilometer zu zählen. Kleine, mechanische Gerätlein, an der Radnabe vorne befestigt, bei jeder Radumdrehung drückte der an einer Speiche befestigte Nippel das Zählerrädchen ein Viertelrund weiter. Der Raddurchmesser brauchte nicht eingestellt zu werden. Damals war niemand mit einem anderen Umfang als 28 Zoll unterwegs. Das war in den siebziger Jahren, und meine Bruder der erste im Wohnblock, der seinen Dreigänger mit dieser velocipedistischen Weiterentwicklung ausstattete.

Wenig später brachte der deutsche Hersteller VDO auf den Markt, was damals das Mass aller Dinge am Lenkstangen-Cockpit war: ein Kilometerzähler von (aus heutiger Sicht) zeitloser Eleganz, der erstmals auch die Geschwindigkeit anzeigte, mit einer fein vibrierenden, roten Nadel wie bei Vaters Opel Rekord. Der VDO war über eine biegsame Welle, an deren Ende ein Zahnrad sass, mit einer Zahnscheibe auf der Nabe verbunden. Die Drehung des Rads wurde über die Welle in den Zähler übertragen. Solide Mechanik also, batterie- und sorgenfrei. Einziger Nachteil: die beim Wettfräsen bergab erzielte Höchstgeschwindigkeit war, weil nicht zu speichern, gegenüber den Kollegen auch nicht zu beweisen.

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2 Kommentare

  1. Oh, der VDO! Was habe ich meinen besten Freund um das Teil benieden!
    Trotzdem: Meist war ich der Schnellere beim bergab fräsen. Wenigstens so lange, bis mir bei gefühlt Tempo Teufel der Lenker gebrochen ist.

  2. Hallo Dominik,
    schöner Beitrag!! Ich finde auch, dass es mit der Elektronik teilweise mächtig übertrieben wird. Aber gut, jeder soll machen was er will. Ich fahre mit folgenden elektronischen Geräten: mein Funktelefon. Das stelle ich beim Radeln, Wandern und in der Gaststätte auf Flugmodus, so dass ich meine Ruhe habe. Ich brauche das Telefon nur zum Fotografieren. Finde ich besser als immer die große Spiegelreflex mitzunehmen. Als Radcomputer nehme ich einen Garmin Edge 1030. Finde ich gut, weil der Akku sehr lange hält und ich keine weitere Elektronik benötige. Den Edge stelle ich so ein, dass ich nur die Karte sehe. Zu Hause schaue ich mir dann an, wo ich überall gefahren bin. Mich interessiert vor allem: wie weit gefahren, wo gewesen und die Geländetopographie. Erdkunde hat mich schon immer interessiert. Die elektronische Karte von Garmin finde ich super! Es macht richtig Spaß, diese am Computer zu studieren. Diese alten Kilometerzähler kenne ich auch noch. Bei mir war es ein Zähler aus dem VEB Druckguß und Formenbau Berlin. Den wirst Du wahrscheinlich nicht kennen? Na ja, das ich mit diesem Teil unterwegs war, ist auch schon 50 Jahre her.
    Viele Grüße aus Dresden – Pit

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