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Die Grenzen der Geschwindigkeit oder: das Velo gibt das Tempo vor

Tempo Tempo... aber schneller als mit dem Velo kommen wir heutzutage - eigentlich - auch nicht voran. (Das Bild entstand an der Eurobike 2009). | © 2009 Dominik Thali

Ivan Illich rief 1973 dazu auf, der Geschwindigkeit zu misstrauen. Er nannte sie ein Trugbild, das uns heimatlos macht. Können Illichs Gedanken uns heute noch bewegen?, fragt sich Paul Dominik Hasler in einem Artikel im «Zeitpunkt» Nr. 143. Wir verbreiten den spannenden Beitrag an dieser Stelle gerne weiter – nicht nur für jene, die noch nicht wissen, wie sie am 5. Juni über die Milchkuh-Initiative abstimmen wollen. Danke für die Genehmigung, Paul!

Die Steigerung der Reisegeschwindigkeit hat zu einer Vergrösserung der Distanzen geführt. Fuhr man früher 4 Kilometer zur Arbeit, sind es heute 40. Ging man früher ins Tessin in die Ferien, fliegt man heute auf die Philippinen. Statt sie zu verringern, scheint Geschwindigkeit Distanzen erst zu erschaffen. Ein Widerspruch?

Die Geschwindigkeit bleibt widersprüchlich

Schon in den 1970er Jahren hat der Philosoph und Zivilisationskritiker Ivan Illich die Geschwindigkeit als Trugbild des Fortschritts bezeichnet. Illich zeigte auf, wie ambivalent die Gewinne der Geschwindigkeit sind: Ihre Erzeugung macht einen Grossteil der Lebensqualität wieder zunichte, derentwegen wir sie angestrebt haben.

Allem voran das Auto. Es wurde lange Zeit als Segen für die mobilitätshungrige Gesellschaft gepriesen. Der Einbruch des Autoverkehrs in unsere Städte und Siedlungen hat aber zu einer Explosion des Flächenbedarfs und zu einem Niedergang der Lebensqualität geführt. Es gibt keine autogerechte, lebenswerte Stadt. Und auch die Geschwindigkeit stieg kaum an. Auch heute noch bewegen sich Autos im Siedlungsgebiet kaum schneller als Velos. Das Auto ist weit langsamer als sein Ruf. Um nämlich ein Fahrzeug zu fahren, muss man zuerst den damit verbundenen Wert erarbeiten. Illich zeigte in seinem berühmten Rechenbeispiel von 1973 auf, dass wir alles in allem gerechnet auch mit dem Auto das Geschwindigkeitsniveau des Fahrrades nicht überschreiten. Das ist auch heute noch so.

Die Geschwindigkeit bleibt widersprüchlich und schwer fassbar. Im Kleinen betrachtet, scheint stets ein Gewinn vorzuliegen: Eine neue S-Bahn, eine Umfahrungsstrasse, das E-Bike als Evolution des Velos. Im Gesamten gesehen aber treten wir an Ort. Wir betreiben einen zunehmenden Aufwand, um schneller zu werden und vor allem: um dem Verkehr und seinen Emissionen zu entrinnen. Das Wohnen an den Verkehrsachsen ist eine Belastung – und den sozial Schlechtgestellten vorbehalten.

Schon Illich prangerte den asozialen Effekt der Geschwindigkeit an: Was die einen schnell macht, kostet die anderen Lebensqualität. Das mag in einem liberalen Weltbild verschmerzbarer zu sein. Schaut man aber genau hin, merkt man, dass die menschlichen Kosten immens sind. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jedes Jahr 1,2 Millionen Menschen durch Unfälle im Strassenverkehr. Das ist mehr als in allen heutigen Kriegen zusammen (230’000). Die Mobilität ist zum grössten Feind der Menschheit geworden, ohne dass es jemand zu merken scheint.
Ist es in der Schweiz anders? Oberflächlich haben wir eine passable Situation. Die 240 Toten, die 2014 anfielen, sind im Vergleich zu anderen Ländern gering. Wer genau hinsieht, erkennt aber auch hier die Monstrosität der Verhältnisse: Um halbwegs neben dem Verkehr leben zu können, sind wir bereit, ihm unser ganzes Leben zu unterwerfen. Wir haben unsere Stras­sen zu exterritorialen Gebieten erklärt, deren Betreten jederzeit mit dem Tod enden kann. Wir haben unsere Kinder mit Mahnungen, Verboten und Strafen so lange traumatisiert, bis sie fähig wurden, mit dieser Bedrohung umzugehen. Wir stecken sie in Schutzwesten, damit sie nicht totgefahren werden.

Schon Illich prangerte den asozialen Effekt der Geschwindigkeit an: Was die einen schnell macht, kostet die anderen Lebensqualität.

Ist dies das Gesicht einer modernen Gesellschaft? Illich meint: «Das Produkt der Transportindustrie ist der beförderungssüchtige Gewohnheitspassagier. Er ist aus jener Welt vertrieben, in der die Menschen sich noch immer aus eigener Kraft fortbewegen, und er hat das Gefühl verloren, im Mittelpunkt seiner Welt zu stehen.» Die Geschwindigkeit vertreibt uns aus unserer eigenen Umwelt. Sie macht uns quasi flüchtig, auch diejenigen, die sich gar nicht bewegen wollen.

40 Jahre nach Illichs Analysen sind wir nicht viel weiter gekommen – im Gegenteil. Unser Leben ist geprägt vom Glauben an die Geschwindigkeit, deren Steigerung wir immer noch mit einer Zunahme der Lebensqualität gleichsetzen. Dabei könnte es sein, dass die Verlangsamung uns eher zu dem bringt, was wir eigentlich suchen. Ivan Illich hat zu behaupten gewagt, dass es eine Art «Grenzgeschwindigkeit» gebe, oberhalb welcher die Geschwindigkeitsgewinne die Nachteile nicht mehr wettmachen. Diese Grenze setzte er bei 25 km/h: «Unsere beschränkten Informationen zeigen, dass überall auf der Welt, nachdem ein Fahrzeug die Geschwindigkeitsbarriere von 25 km/h überschritt, der verkehrsbedingte Zeitmangel zunahm.» Vielleicht steckt in dieser Behauptung mehr Wahrheit, als wir heute glauben mögen.

Zumindest in Siedlungsgebieten könnte ein Wert von 25 km/h das Maximum darstellen, mit welchem wir noch gemeinsam leben können. Danach beginnt der Prozess der Segregation, der Ausgrenzung und des Blutzolls. Illich weist auf diesen Aspekt der Überschreitung der Grenzgeschwindigkeit hin: «Jenseits einer kritischen Geschwindigkeit kann niemand Zeit ‹sparen›, ohne dass er einen anderen zwingt, Zeit zu ‹verlieren›».
Kann es sein, dass wir einem Phantom aufgesessen sind? Ist unsere Geschwindigkeit gar nicht real, zumindest nicht in unserer eigentlichen Lebenswelt? Haben wir eine physikalische Grösse zum menschlichen Massstab machen wollen und wachen nun langsam auf, um zu erkennen, dass wir unsere Lebenswelt ruiniert haben?

Immer sind wir zu langsam

Ivan Illichs Aussagen sind aktueller denn je. Noch immer geben wir Milliarden aus, um der Geschwindigkeit nachzujagen, uns zu beschleunigen und dabei zu merken, dass wir immer noch nicht genug schnell sind. Mit jeder neuen Verkehrsverbindung erweitert sich unser Lebensradius, erweitern sich unsere Bezüge und Begehrlichkeiten, diese zu unterhalten. Ein «Genug» kann es in dieser Hinsicht nicht geben. Immer sind wir zu langsam, um all das erreichen zu können, was wir gerne in unser Leben gepackt hätten.

In diesem Sinn scheint Geschwindigkeit wirklich ein Phantom zu sein, ein Vexierbild auf dem Weg in ein besseres Leben, das sich mit jedem Schritt, den man darauf zu macht, einen Schritt entfernt. Illich sagt: «Der Verkehr macht den Menschen zu einem Heimatlosen neuen Typus’: einem Geschöpf, das dauernd seinem Bestimmungsort fern ist und ihn aus eigener Kraft nicht erreichen kann, doch täglich erreichen muss.»

Zeitpunkt-Autor Paul Dominik Hasler betreibt das Büro für Utopien in Burgdorf.

Ivan Illich: Selbstbegrenzung – eine politische Kritik der Technik. (Deutsche Erstausgabe Rowohlt, 1975) C.H.Beck, 2014. 174 Seiten, Fr. 23.90

Autor:

…geboren 1963, lebt in Hochdorf im Luzerner Seetal, kommt am liebsten auf zwei Rädern und aus eigener Kraft voran und kriegt schmutzige Hände vorzugsweise im Velokeller.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Dominik

    Toller Beitrag! Hat mir sehr aus dem Herzen gesprochen!!

    VG – Pit

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  2. Hallo Dominik,
    Natürlich gibt das schon sehr zu denken, gerade wenn man die Euphorie über den neuen Gotthardtunnel erlebt. Aber…unsere ganze industrielle Gesellschaft hängt ja von der technischen Entwicklung ab, und leider ist diese auch nicht rückgängig zu machen, oder auch zum Glück, je nachdem man das betrachtet. Tatsache bleibt aber, dass die gewonnene Geschwindigkeit oft nur im Stau stecken bleibt. (Ich war vorgestern in Zürich…)
    LG Peter

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