Wie viel Velo braucht der Mensch? Meistens mehr

Die Frage nach dem Wieviel stellt sich der Mensch allerorten. Auch in Bezug auf das Velo. Im «Tages-Anzeiger» hielt Annette Michel einmal fest, «für eine minimale Lebensqualität» benötigte man «mehr als ein Velo», so viel scheine ihr klar. Max Küng, Kolumnist in derselben Verlagsanstalt, fasste diese Aussage drei Jahre später mit der Formel «A+1» zusammen, wobei der Buchstabe «A» für die Anzahl der Velos stehe, die man im Moment besitze, und ‹+1› bedeute nichts anderes, »als dass man sich noch eines anschaffen kann.»

Schöner kann ich besagte Frage nicht beantworten, zumal ich dieser Tage selbst nach dieser Formel gehandelt beziehungsweise gerechnet habe, ohne sie gekannt zu haben. Wobei ich schon immer wusste: Velos sind wie Meerschweinchen. Oder Esel. Man darf sie nicht alleine halten.

Das Pferd Gottes
Zu meinem Velobestand gehört also neuerdings ein Gravel-Bike des Typs Skinfaxi, wiederum aus der Manufaktur 47 Grad Nord von Patrik Widmer in Biel. Skinfaxi ist das Pferd des Gottes Dag (Tag) aus der nordischen Mythologie, das den Sonnenwagen über das Firmament zieht.

Nun, einen Sonnenwagen ziehe ich mit meinem Skinfaxi nicht, jedoch befördere ich mich damit selbst mit einer Leichtigkeit vorwärts, wie es sich für ein göttliches Reittier geziemt. Den Rahmen hat Patrik wiederum auf meine knapp Einsfünfundneunzig massgelötet, und mir eine Ausstattung dafür empfohlen und montiert, die tadellose Funktion verspricht und Langlebigkeit erwarten lässt. Im wesentlichen: Dura-Ace komplett, hydraulische Scheibenbremsen, Chris-King-Steuersatz. Insgesamt sind das elf Kilo Leichtigkeit, was angesichts des Stahlrahmens und der Rahmengrösse ein guter Wert ist. Mit dem neuen Pferdchen galoppiere ich um einiges flinker ins Büro als mit dem Sleipnir-Tourer, der seit vier Jahren zu meinem Pferdestall gehört und mich inzwischen schon 20’000 Kilometer durch die Lande getragen hat. Das Sleipnir bleibt natürlich mein Weggefährte – bei nassem Wetter, auf Touren und dann, wenn ich mit Anhänger unterwegs bin.


Die velocipedistische Chronik
Während meine Velos bis anhin linear in mein Leben rollten, also nacheinander und eins das andere ablösend, besitze und fahre ich mit Sleipnir und Skinfaxi nun erstmals ein doppeltes Räderwerk. Das gibt Anlass für eine velocipedistische Chronik des eigenen Lebens. Ich blättere deshalb durch alte Alben, klicke mich durch digitale Ordner, schaffe diesbezüglich Ordnung – und stelle fest: Die Geschichte lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren. Zu Zeiten der analogen Fotografie wurde mit dem Filmmaterial sparsam umgegangen, bloss eines Velos wegen drückte niemand auf den Auslöser. Von meinem selbstverdienten Halbrenner, wie wir die Zehngänger in meiner Jugendzeit nannten, gibts deshalb kein Bild, ebenso wenig wie vom Fateba-Liegerad, das ich zwei Jahre fuhr. Gleichwohl: es reicht für einen Rückblick.

Unterwegs im Sommer 1987 der Loire entlang mit einem Kuwahara-Citybike mit Suntour-Ausstattung, das ich als junger Journalist zu Testzwecken erhalten hatte. Und später nicht ganz ehrlich erwarb. Dies unscharfe Aufnahme ist ein Standbild aus dem auf dieser Tour entstandenen Super-8-Film..

In Griechenland im Sommer 1989 mit dem mintgrünen Tigra-Tourer mit Shimano-XT-Komplettausstattung. Diese Art Velo und die legendäre XT mit den unverwüstlichen Daumenschaltern waren damals neu auf dem Markt.

Mit diesem Rad fingen die Extravaganzen an. Ich verkaufte das weitgereiste Tigra 1990 zu einem guten Preis und investierte in einen Massrahmen von Verago, einer Rahmenschmiede in Meilen ZH. Leider ist von dieser Firma im Web nichts mehr zu finden (*) – wie zur Strafe dafür, dass ich den schönen Rahmen, in den sogar mein Name graviert war, später in heute unglaublicher Ignoranz ins Alteisen warf… Schande über mich! Aber der Verago-Rahmen taugte nicht für eine wachsende Familie. Mit Kindersitz und Anhänger schwankte ich damit mehr durch die Gegend als zu fahren.

Ein solches Fateba (Aufnahme von liegerad.ch) gehörte 1990 bis 1992 zu meinem Inventar. Ich verkaufte es, weil ein Liegerad für den Alltag in der Stadt und mit Kindern nicht das geeignetste Gefährt ist und kein Geld für ein solches zusätzliches Velo hatte, welches das oben gezeigte Verago ablösen sollte.

Das Cannondale T1000, erworben 1992, gehört heute noch zu meinem Inventar. Der Alu-Rahmen ist von unerreichter Qualität und stammt noch aus Cannondales Handmade-in-USA-Zeit. Hier sieht man uns auf der ersten längeren Familientour 2002 an der deutschen Donau.

Biken ist nicht meine Passion, ganz ohne Bike bin ich aber nicht. Das Cannondale M600 mit XT-Gruppe gesellte sich 1994 in meine Velogarage, in der es heute noch steht. Ich fahre es aber nur noch selten.

Das T1000 erhielt 2005 eine neue Lackierung in Blau…

…und etwa acht Jahre später eine in Grün. Das dürfte es dann aber gewesen sein. Das T1000 läuft zwar noch einwandfrei, ich fahre es aber kaum mehr, zumal mir das Velo viel zu kurz vorkommt, seit ich einen Massrahmen fahre, der wirklich zu meiner Körpergrösse entspricht.

Das Alltags- und Tourenvelo Sleipnir aus dem Atelier von 47 Grad Nord in Biel ist seit vier Jahren mein meistgefahrenes Rad. Pinion-Schaltung und Riemenantrieb sind unübertroffene Vorteile.

(*) Nachtrag: Remo A. Peter von der Nusshold AG in Zürich (Veloersatzteile) weiss mehr. Verago sei vor x Jahren pleite gegangen. Er erinnere sich noch an den Liquidationsverkauf: «Da waren hunderte MTB-Rahmen mit Starrgabel für 1/4-Zoll-Gewindesteuersatz. Noch und nöcher XT-Kurbeln, aber ohne Kettenblätter, usw. usf.»

Im Netz findet sich auch dieser Text von Christoph Vetter vom Velogeschäft Flamme Rouge in Zürich:

«Fernand Ehlinger hat in Gommiswald Fahrradrahmen gebaut und Anfang der 90er dem Herrn Erne nach Meilen verkauft. Erne hat dann auch Tune importiert und den ganzen Anfangs-MTB-Boom mitgenommen mit Custom -Lackierungen auf Alu und Stahlrahmen. Alu Bikes mit verschliffenen Nähten und wildem Lack mit DX kosteten etwa 2500.- für die Frauen der Velofreaks zum Einkaufen-gehen an der Goldküste. Simon Ruchti hat da auch noch gearbeitet und Rahmenauer gelernt. Die Ritchey-Rohre-Stahlbikes waren so ca, ab 4500.- zu haben und superleicht.
Sie sollen unter anderem Prototypenrahmen für Scott gebaut haben.
Fernand Ehlinger ist aus Luxemburg gewesen und ging mit Charly Gaul in die Schule, durfte aber nicht Rennfahrer werden und hat dann Automech gelernt. Er war mit 25 in die Schweiz gekommen und hat bei Schauff in der Velofabrik angefangen … auch Lackieren und dann glaub ich bis zum Produktionsleiter. Er hat vor allem vor den 90ern viel Rennräder gebaut, auch custom made, und nachdem er Verago verkauft hatte, in Altendorf als Verama Velorahmen Lackiert. Er ist ca. 2015 gestorben.
Er hat auch viel mit Brasilien (Caloi, die jetzt an Cannondale verkauft wurden) gearbeitet, Customrahmen für Nationalmannschaften und Olympiabiker gemacht. […] Er war auch einer, wo man hingehen und stundenlang verhängen konnte, wo man einen Rahmen lackieren lassen oder irgendwas fragen konnte und dann mit 20 neuen Geschichten nach Hause ging.»

 

Teilen

2 Kommentare

  1. Hallo Dominik,

    was die ideale Anzahl an Fahrrädern angeht, ist Dir uneingeschränkt zuzustimmen: x+1. Du bist diesbzgl. mit zwei parallel gefahrenen ja noch sehr bescheiden unterwegs. Deiner Rad-Chronik entnehme ich, dass Du Dich erstmals für einen Rennlenker entschieden hast. Gute Entscheidung. Das wirst Du nicht bereuen, bietet er doch wesentlich mehr Griffpositionen und Ergonomie als jede andere Lenkerform – und auch optisch ist er immer ein Gewinn. Hat Spaß gemacht, hier zu lesen.

    Beste Grüße
    Seb.

    • Rennlenker? Ja, das ist eine Premiere, Seb, und ich muss mich in der Tat erst noch daran gewöhnen. Einmal an die schmalere Bauart, wegen der ich mich im Moment im Stadtverkehr noch nicht gleich sicher fühle wie mit dem gewohnten breiten, anderseits wegen der Haltung von Kopf und Nacken. Aber das wird schon, ich bin mit dem neuen Velo schon gefühlt schneller unterwegs… Gute Fahrt dir!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.